Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 Zionismus und Galutharbeit (Zu der Polemik über „Möglichkeiten und Wirklichkeiten".) M I diesem Aufsat* bringen wir die Diskussion für dieses Mai zum Abschlüsse. Die Ued. Mein Auisatz „Möglichkeiten und Wirklichkeiten" in Nr. 21 dieses Blattes hat dem Herrn Robert W e 11 s c h zu einer längeren Polemik (siehe Nr. 23 der Jüd. Ztg.) Anlaß gegeben, in der er mir zum Vorwurf macht, ich hätte „selbst gegnerische Anschauungen konstruiert, um gegen sie kämpfen zu können", wobei er cs bedauerlich findet. daß ich „die Größe der Herzischen Politik nicht sehe" und mit Belehrungen über den Zionismus, dessen Wesen und Wollen nicht spart. Wer die Polemik des H. Weltsch und die aus meinem Aufsatze angezogenen halben Sätze liest, kann sich des Eindruckes nicht erwehren, ich sei für „eine Fortsetzung des jüdischen Galutlilebens in anderen Formen“ eingetreten und hätte sogar vor der Arbeit für Palästina gewarnt. Ich muß einer derartigen willkürlichen Auslegung meiner Worte mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Was ist es anders, als das von ihm bedauerte Hinausgehen über die Grenzen des Tatsächlichen, wenn H. Weltsch meine geäußerten Bedenken in Bezug auf die Versuche „alles auf eine Karte zu setzen, dem Volke die Ueberzeugung' einzuflößen, daß der so lange und so heiß ersehnte Augenblick der Erfüllung jetzt gekommen sei“, als ein „‘Hin- und Herschwanken und vorsichtiges Ausprobieren und Offenlassen allerhand Wege und Möglichkeiten“ deutet? Die Bedenklichkeit des Setzens aller Hoffnungen auf eine. KaTte soll sich keineswegs auf den Zionismus im Hinblick auf sein Endziel beziehen, sondern vielmehr, was übrigens aus dem Zusammenhänge unzweideutig hervorgeht, auf den jetzigen Augenblick, der nach Dr. Thon „die Phase der Erfüllung“ und nach Böhm „die große, vielleicht nie wieder kehrende Gelegenheit“ ist. „Zionismus ist die Erhebung des. jüdischen Volkes zu einer cndgiltigen Entscheidung“ bemerkt richtig H. Weltsch. Allein hat das jüdische Volk sich zu dieser Entscheidung bereits erhoben? Will es — was H. Weltsch behauptet — „tatsächlich, buchstäblich alles auf eine Karte setzen?“ Wäre dies der Fall, dann wäre auch gegen das „Entfachen seiner Hoffnungen“ nichts einzuwenden, da in dem Falle auch die notwendigen Voraussetzungen für die Verwirklichung des Zionismus gegeben wären, auf deren Fehlen eben ich in meinem Aufsatze nachdrücklichst hingewiesen habe. Gerade weil die heutige günstige Gelegenheit — deren Bedeutung ich in jenem Aufsatze wiederholt betont habe — auf äußere Vorgänge, zu denen das jüdische Volk keine unmittelbare und innere Beziehung hat, sich stützt bezeichnetc ich es für einen Fehler, „die Hoffnungen des Volkes auf die restlose und nahe Erlösung zu entfachen und auf Palästina als die nahe Rettung des jüdischen Volkes hinzuweisen und daher eine Konzentrierung der Kräfte auf dieses zu fordern.“ „Daher“ — das soll heißen: nicht im Hinblick auf Palästina an und für sich, auf den zentralen Platz, den dieses im Zionismus einnimmt und auf dessen Bedeutung für die Neugestaltung des jüdischen Lebens und für die schöpferische Entfaltung des jüdischen Genius, sondern in Ausnützung der gegenwärtigen Konjunktur und angesichts der nahe bevorstehenden Erfüllung. Der Weltsch‘schen Präzisierung des Zionismus als „eine völlige Revolutionierung des jüdischen Lebens“, als „Abbruch und Neubeginn“ möchte ich folgende Stelle aus dem Aufsatze des H. Adolf Böhm „Zur Galuththeorie des Zionismus“ („Der Jude“ Heft 12) entgegenhalten. Dort heißt es: „Das Wesen einer revolutionären Ideologie besteht doch nicht darin, daß sie das Gewordene „negiert“, sondern, daß sie es in einem bestimmten Sinne umändern will. Aber auch die revolutionären Ideen sind Kinder ihrer Zeit, der Zionismus ein Kind des Galuth, aas er nicht „negieren“, sondern überwinden will.“ Also nicht Negierung sondern Ueberwindung des Galuth! Kann aber diese Ueberwindung im Handumdrehen, wie durch einen Zauberstab, vollbracht werden? Setzt nicht vielmehr gerade, die Forderung nach Ueberwindung des Galuth die von mir so betonte Notwendigkeit einer ..angestrengten und langwährenden Wirksamkeit auf den mannigfachsten Gebieten, hauotsächlicli auf dem erzieherischen Gebiet'.“ voraus? Als umfassende Volksbewegung und in dem Vorsatze, auch nach Erreichung seines eigentlichen Zieles das gesamte jüdische Volk zu beeinflussen und auch auf die im Galuth verbleibenden Volksteile erhaltend einzuwirken, kann es unmöglich das Bestreben des Zionismus sein, sein Augenmerk ausschließlich — wohlgemerkt: nicht vornehmlich, sondern ausschließlich — auf Palästina zu konzentrieren, die vielen Millionen Juden in den Galuthländern aber, die zu Palästina stets im Verhältnis des Umkreises zum Zentrum bleiben und das notwendige Kräftereservoir bilden werden. als „quantite negligcable“ zu betrachten. Nur in dem Sinne ist meine Warnung zu verstehen, „ob des künftigen Erez Israel das Galuth zu verneinen“. Den Ansichten des H. Weltsch hinsichtlich der Notwendigkeit, den Wirklichkeiten und Erfordernissen des Lebens sich zuzuwenden und — das Haupt- und Endziel stets im Auge behaltend — alle auf wirtschaftliche, kulturelle, politische Hebung des Volkes gerichtete Tätigkeit mit aller Intensität zu betreiben, stimme ich natürlich vollkommen zu. Es mag ja auch zutreffen, daß die Besorgnis in Bezug auf die Vernachlässigung dieser Tätigkeit „ganz unbegründet“ ist. aber nicht deswegen, weil diese Notwendigkeit für jeden, ebenso wie für H. Weltsch, „ohneweiters klar“ und „selbstverständlich' ‘ist. So z. B. spricht H. Doktor Thon sich unzweideutig gegen sie aus (siehe: „Die Phase der Erfüllung' im „Almanach Zydowski“) und auch H. Böhm, der die gegenwärtige Sachlage ziemlich ruhig beurteilt und gegen welchen meine Polemik nur zum geringsten Teil sich gewendet hat, auch er charakterisiert die Arbeit im Galuth nur als „Notstands- und Hilfsarbeit“ und lehnt es ab, diese in das Programm des Zionismus, aufzunehmen. Wenn die Erkenntnis von der Notwendigkeit dieser Arbeit trotzdem durchdringen wird, so nur dank dem Umstande, daß es sich um Erfordernisse des realen Lebens handelt, die wir dadurch, daß wir sie nicht beachten wollen, keineswegs zum Verschwinden bringen. Zum Schlüsse noch ein Wort über die angebliche Warnung vor der Arbeit in Palästina meinerseits. Weder meine langjährige Wirksamkeit gerade auf diesem Gebiete, noch meine Ausführungen im erwähnten Aufsatze lassen einen derartigen Schluß, der mir in Bezug auf einen Zionisten geradezu ungeheuerlich scheint, zu, und ich muß über H. Weltsch staunen, wie er dies von mir behaupten konnte. Dies um so mehr, als ich, vielleicht mit weniger Ueberschwenglichkeit, als es in unseren Reihen üblich ist, dafür aber mit umso größerer Deutlichkeit die Bedeutung der für die Palästinaarbeit neugeschaffenen Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer gründlichen Ausnützung derselben wiederholt betont habe. Darunter habe ich wirkliche, hingebungsvolle und andauernde Arbeit verstanden, die von allen, zuvörderst aber von den Zionisten g etan werden muß, nicht nur gepredigt. Meir Henisch. Ein zionistischer Arbeitskreis für jüdische Erziehung Immer wird das Verlangen gerade der interessiertesten Gesinnungsgenossen laut. nach intensiver, wirklicher Mitarbeit an den Aufgaben der zionistischen Bewegung. Es hat sich heute die Anschauung völlig durchgesetzt, daß der Zionismus von seinen Bekennern mehr verlangt als ein bloßes Bekenntnis und gewisse finanzielle Leistung. Was die Bewegung und das Volk braucht, ist der volle Einsatz der Person, die Leistung konkreter, unermüdlicher Arbeit im Dienste der Sache. Freilich hat nicht jeder Eignung oder Neigung, an den eigentlichen Parteiangelegenheiten aktiv sich zu beteiligen. Diese selbst vertragen vielfach auch keine zahlreiche Mitarbeiterschaft. Darum muß es Aufgabe der Parteileitung sein, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, die Arbeitswilligen Tätigkeiten zuzuführen, die in 'deh—Rahmeh' der' Gesamtorganisation eingefügt sind und, ohne im engsten Sinne des Wortes Parteiarbeit zu sein, doch überaus wichtige Funktionen in ihrem Sinn erfüllen. Solche Erwägungen haben das Z. K. vor einiger Zeit veranlaßt, die Gründung von eigenen z i onistischen Arbeitskreisen für die verschiedenen in Betracht kommenden Gebiete vorzubereiten. Insbesondere das weite Arbeitsfeld der jüdischen Erziehung verlangt die Bebauung in diesem Sinne. Wir. Zionisten haben zwar in den Programmen für unsere Gegenwartsarbeit, im Programme des jüdischen Nationalvereines, und in Reden, Festen, Vorträgen der Frage der jüdischen Erziehung den gebührenden Raum gegeben. Wir sagen und schreiben es immer wieder, daß der Zionismus zum großen Teil einfach ein Erziehungsproblem ist, wir wissen, daß der lebendigste und wichtigste Bestandteil unserer künitigen nationalen Autonomie die Schule und das Erziehungswesen überhaupt sein wird: aber die Arbeit haben wir bisher den anderen überlassen. Wir haben uns weder hinlänglich mit der Theorie dieses großen Fragenkomplexes beschäftigt, darum sind wir gar. nicht genügend vorbereitet, um die nationale Schulautonomie, die wir anstreben, auch wirklich, fruchtbar zu verwenden, wenn wir sie früher oder später erreichen werden; noch haben wir bisher Institutionen auf .dem Gebiete des Erziehungswesens geschaffen, darum haben die anderen völlig freie Hand, zu errichten, einzurichten, zu erziehen, wie sie es wollen, wie sie es verstehen. Sie stecken die jüdischen Kinder in interkonfessionelle Kindergärten, Horte, Schulen, sie jedem Antisemitismus aussetzend, sie völliger Entjudung preisgebend und erhalten dafür Orden und Titel; oder sie gründen jüdische Kriegswaisenheime und überlassen es Damen aus der polnischen Gesellschaft — aus diesen Judenkindern Antisemiten zu machen. Es ist höchste Zeit auch für uns: wir müssen ans Werk gehen; ein wesentlicher Bestandteil unserer zionistischen Arbeit muß dem jüdischen Erziehungswesen gelten. Aus diesem Grund hat das Z. K. in seinen letzten Sitzungen beschlossen, als ersten der geplanten Arbeitskreise den für jüdische Erziehung ins Leben zu rufen. Seine Aufgabe ist es, alle jene zu sammeln, die für die Förderung des jüdischen Erziehungsweseris irgendwelche konkrete Arbeiten zu leisten willens sind. Die nötigen und möglichen Arbeiten sind mannigfaltig: die Einen werden sich der Geldsammlung und der technischen Arbeit widmen; die Anderen werden als Leiter, Lehrer, Erzieher, Helfer in. den .Institutionen aller Art'des Arbeitskreises berufsmäßig oder freiwillig wirken; die Dritten werden ihre Kraft und ihre Erfahrungen zur wissenschaftlichen'Vorbereitung, zur theoretischen und praktischen Fundierung, zur.Ueberwachung und geistigen Leitung des ganzen Werkes leihen. Ob die genügende Zahl von Gesinnungsgenossen sich dieser Arbeit widmen wird, davon hängt allein ab, was der Arbeitskreis leisten wird, ob er nur ein oder das andere Kinderheim, diesen oder jenen Kurs wird schaffen können, oder ob ihm etwas Ganzes, etwas Großes gelingt: die Aufrichtung eines großzügigen, um fassenden jüdischnation a 1 e n Jugendfürsorge- und Schulwerkes in Oesterreich. Es muß uns als Ziel vorschweben, auch wenn wir wissen, daß es nie wird völlig erreicht werden, daß wir ein lückenloses System von Einrichtungen schaffen, die der Jugend dienen, sie dem Judentum körperlich und geistig gesund, erhalten, sie zur neuen Zukunft des Volkes erziehen. Jüdische Heime für kleine Kinder, .Horte für 'größere, allgemeine jüdische Volksschulen, Ergänzungskurse für Mittelschüler, eine und die andere jüdische Mittelschule; Kurse für die schulentwachsene Jugend, Fachausbildungsanstaiten, Volksheime, Fürsorgeanstalten müssen erstehen; als Voraussetzung für dies alles ein Pädagogium, Lehrmittel und Bibliotheken. Alles von einem Geist, dem nationalen jüdischen, belebt. Es ist ein ungeheures Werk, dessen Möglichkeit hier gezeigt ist. Aber es ist unsere Aufgabe. Wir müssen es beginnen. Und wir müssen unermüdlich es fortsetzen. Denn in dieser Sache genügt es nicht, das Große bloß gewollt zu haben, aber wir werden der jüdischen Sache gedient haben, wenn wir es' beginnen. Darum wenden wir uns an alle Zionisten, die Interesse nehmen am jüdischen Erziehungswesen und fordern sie auf, dem zionistischen Arbeitskreis für jüdische Erziehung beizutreten, indem sie an das „.Jugendamt“ des Z. K„ Wien, II. Zirkusgasse 33, eine Zuschrift senden, aus der ihr Name, Adresse, Beruf, Alter zu ersehen ist und die Angabe, für welche Spezialarbeit etwa ihr Interesse besonders konzentriert sei Die Tragödie der rumänischen Juden Aus dem Buche „Die Judenpolitik der Rumänischen Regierung“ von Dr. S. B e r n s t e i n.*) 1. Die Behandlung, die die Juden in der Moldau zu ertragen hatten, mußte bei der Bevölkerung den Gedanken aufkommen lassen, daß die Juden vogelfrei seien. Unzählige Denunziationen laufen bei den Behörden gegen Juden ein. Hauptsächlich werden sie der Spionage beschuldigt. Das Fürchterliche dabei ist, daß bloß auf eine solche Denunziation' hin das Opfer zunächst ohne Untersuchung ins Gefängnis gebracht wird. Um den Juden jeden Schutz zu nehmen, erklärten die Behörden, jede Intervention zu Gunsten eines der Spirnage verdächtigten Fremden werde als eine ui-pstriotische Handlung betrachtet werden. Die unglücklichen Betroffenen wenden sich um Hilfe an die hilflosen Rabbiner und Gemeindevorsteher, die ja selbst von den Militärbehörden beleidigt und mißhandelt werden. Beim Rabbiner der Stadt .... sind allein am heutigen Tage eine Reihe solcher Hilferufe eingelaufen: im Dorfe: Grim e s t i hat der Dorflehrer, der zugleich Ladenbesilzer ist, seinen jüdischen Konkurrenten, den Laienbesitzer Moses Schwarz bei der Gendarmerie in Mihalene angezeigt. Schwarz- und seine Frau wurden hierauf als Spione verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder entlassen. Der Lehrer beschwerte sich hierauf bei der Sigurantza in Botosani gegen die nachlässige und „Spionageduldende“ Landgendarmerie. Das Ehepaar Schwarz wurde hierauf nochmals verhaftet, gefesselt und nach einem unbekannten Ort abtransportiert. Ein anderer Jude, namens Adler, in Botosani. ist verhaftet worden, weil sein Geschäftskonkurrent bei der Militärbehörde angezeigt hatte, Adler trage in seinen Taschen stets mehrere gedruckte Verzeichnisse der Eisenbahnstationen. Vergebens wies Adler darauf hin, daß er Angestellter des Senators Ivanescu sei, der große Speditionsgeschäfte führe, was übrigens den Behörde.i gut bekannt ist. Seit mehreren Wochen suchen nun die Angehörigen Adlers vergebens, seinen Verbleib festzustellen ... In Tirgu-Frumosi, Botosani und Harlau wurden alle jüdischen Synagogen und Bethäuser für Lazarette requiriert. Keine einzige Kirche wurde requiriert. Als einige Juden dem Kommandanten von Dorohoi gegenüber, der ebenfalls alle jüdischen Gotteshäuser requiriert hatte, bemerkten, die jüdische Bevölkerung wundere sich darüber, daß die großen Villen und Schlösser der Bojaren in der ganzen Umgegend völlig unberührt und unbenützt stehen, wurden sie verhaftet und schwer mißhandelt ... ... Der Chef des Generalstabes, General Pr es an, gilt als der schlimmste Feind der Juden. Alle paar läge versendet er Tagesbefehle, in denen von Juden die Rede ist. Im Dezember 1916 soll er einen russischen Oberst aus seinem Stabe entfernt haben, weil dieser in einer Gesellschaft erklärt haben soll, es wäre besser, die Soldaten über die Deutschen und Bulgaren, als über die Juden aufzuklären. Anfang Oktober 1916 erließ er einen Tagesbefehl, der in allen Regi- *) Herausgegeben vom Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation. Kopenhagen 1918. Wir bringen einige Abschnitte aus dem hochinteressanten Buche, das zur rechten Zeit erscheint, um das europäische Gewissen aus seinem Halbschlaf aufzurütteln.