Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. — Nr. 24 V > I- Nalional-jüdifdies Organ > Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 14. Juni 1918 — 4. Thainus 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 4o h Postsparkassenkonto 133.404 Politische Offensive In den letzten Tagen war viel von den Beschlüssen des Kriegsrates von Versailles die Rede, der seinen Sympathien für die „unterdrückten" slavischen Völker Oesterreichs Ausdruck gegeben und ihnen Befreiung und Selbständigkeit zugesichert hat. Die Entente hört genau auf die feinen Töne der Unzufriedenheit einiger österreichischer Völker, die in Oesterreich jahrelang auf Erfüllung nationaler Wünsche gewartet aber kein Verständnis gefunden haben und die jetzt, offen oder halboffen, kundgeben, daß sie mit der Monarchie überhaupt nichts zu tun haben wollen, die Entente schätzt genau die Stimmwg dieser Völker und sucht sie fiir sich zu gewinnen, indem sie ihren Ehrgeiz schürt und ihr „Recht“ freigebig anerkennt. Während die Heere der Entente in der Feldschlacht unterliegen, schlägt sie aus nichts, aus Imponderabilien, für sich Kapital, führt durch geschickt gesetzte Worte einen Streich. Für diese Aufstellung eines Zertrümmerungsprogrammes und Mobilisierung anderer als militärischer Mittel hat man das schöne Wort „Politische Offensive“ geprägt, das würdig neben ähnliche Kriegsprägungen tritt. Es lohnt sich nun, einen Blick darauf zu wer-, fcn, wie gerüstet Oesterreich einer politischen Offensive entgegentritt. Da ist zunächst der Einwand von der Unzulässigkeit der „Einmischung" in die inner-en Verhältnisse. Mit dieser Formel werden die Imponderabilien nicht aus der Welt geschafft. Man muß sich erinnern, mit welchem Enthusiasmus einst, vor langer Zeit, die Schlagworte der russischen Revolution vom annektionslosen Frieden und vom Selbstbestimmungsrecht der Völker auch von den Mittelmächten aufgegriffen wurden, wie sie damals zur Basis einer „politischen Offensive“ wurden, die schließlich nach" Brest Litowsk führte. Und als es Ernst wurde, haben die Mittelmächte erklärt, daß der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechtes der. Völker vor jenem anderen, , geheiligten, von : der Unzulässigkeit der fremden Einmischung, zurückstehen müsse — wenigstens sofern die Mittelmächte in Betracht kamen, für Rußland galt es anders. Damals haben sich die Zentralmächte, die zur Zeit der Stockholmer Konferenz, der ersten Bolschewiki-Tage. der Reichstagsresolution in der politischen Offensive waren, in die Defensive begeben müssen, die Entente entwand ihnen mit geschicktem Griff die Waffe und schwingt sie jetzt mit Erfolg. Ihr letzter Stoß war der jetzige Beschluß von Versailles. Es" geht heute nicht mehr, zu übersehen, daß die nationalen Fragen Weltprobleme sind und nicht mit der einfachen Geste des Hausherrn, der die Vorhänge vor sein Fenster zieht, als innere Angelegenheiten des Staates reklamiert werden können. Formell besteht wohl die Berechtigung dazu: aber tatsächlich muß eingesehen werden, daß durch diese Methode nichts gewonnen ist. Oesterreich kann nur bestehen, wenn es von seinen Völkern restlos bejaht wird. Oesterreich hat die oft besprochene Sendung, eine friedliche Vereinigung von Nationen zu sein, die gewissermaßen das Vorbild des künftigen Weltbundes ist. Oesterreich kann nicht auf die Dauer durch ein ewiges Jonglieren mit Völkern, wobei nach Bedarf eines gegen das andere ausgespielt wird, regiert werden. Die Fehler alter Politik sind jetzt nicht mehr gut zu machen. Aber für die Zukunft sollte die österreichische Politik eine Lehre ziehen, die der Krieg, unmittelbar aufdrängt. Es ist bedauerlich, wenn unsere Regierung sich immer wieder nur von den kleinen und kleinsten Tagesinteressen bestimmen läßt statt in großzügiger Weise an die Lösung des staatlichen und nationalen Problems heranzugehen und die Lebenskraft Oesterreichs, an die wir glauben, zu dokumentieren. Denn die Idee des österreichischen Staates ist eine unbezweifelbare Notwendigkeit: aber, die Oesmer halsen es gut, wenn ihnen durch die Unfähigkeit irgend einer momentanen Regierung die Sache erleichtert wird und sie als Insolvenz Oesterreichs hinstellen können, was nur eine Krise seiner Politik ist. Die österreichische Politik sollte endlich einsehen, daß man mit diesem Svs,tem nicht weit kommt und daß militärische Siege wertlos sind, sofern nicht narallel mit ihnen eine Entspannung der inneren Krise und die Entfachung einer günstigen Stimmung geht. Bei uns hat man die Methode. der politischen Offensive nie verstanden, in der die Entente Meister ist. Man rechnet nicht mit Imponderabilien. Eines der Nichtigsten Imponderabilien ist heute die Stellung zur Judenfrage. Die Entente hat es auch in diesem Punkt verstanden, die Sympathien insbesondere der Judenschaft der neutralen Länder zu gewinnen. Die vornehm gehaltenen, rückhaltlosen Erklärungen der Entente- Staaten für den Zionismus haben dazu am meisten beigetragen. Die Mittelmächte haben in diesen Fragen nie inehr als eine reservierte Zauderpolitik entwickelt. Man erinnert sich an den bekannten Satz bei Livius: Dum Romani Consultant et deliberant, iam Saguntum omni vi oppugnabatur. Während die Römer berieten und überlegten, wurde Sagunt schon mit aller Macht belagert. Bei uns wird auch, hin und her erwogen, und inzwischen tritt die Entente entschlossen handelnd auf den Plan. Die Unentschlossenheit ist der Kardinalfehler der österreichischen Politik. Das entspricht aber nicht dem Sinne, dem Wesen und der Aufgabe des österreichischen Staates. Die Stimmung der Juden der ganzen Welt ist heute von größter Bedeutung. In Amerika und England haben sie einflußreiche Stimmen, in Rußland und der Ukraine sind sic ein Faktor von entscheidendem Gewicht in den neutralen Ländern sind sie gerade jetzt als verbindendes Glied äußerst wichtig. Die Juden der ganzen Weit beobachten die Judenpolitik der Staaten und ihre Sympathien werden von jüdischen Gesichtspunkten bestimmt. Diese Sympathien sind freilich auch mir ein Imponderabile, aber wer weiß ob sie nicht mindestens so wichtig sind wie eine gewonnene Schlacht. Die Mittelmächte waren nahe daran, die jüdischen Sympathien zu gewinnen. Der rum änische Friede bot eine Gelegenheit das Jahrzehnte alte unerhörte Unrecht an den Juden Rumäniens gut zu machen, diesen Schandfleck Europas zu tilgen. Die Staatsmänner der Mittelmächte gaben diesbezügliche Versicherungen, die Judenschaft der ganzen Welt blickte mit Aufmerksamkeit und Hoffnung nach Bukarest, wo sich das Schicksal der unglückseligen Brüder entscheiden sollte. Die Lösung »aber war leider nicht zufriedenstellend und die Enttäuschung war groß. Die Mittelmächte haben es versäumt, sich die Dankbarkeit der Juden zu sichern. Diese ist eine politische Realität ersten Ranges; bei uns aber erkennt man leider nur die Realität von Petroleumquellen und ähnlicher greifbarer Dinge an. ln ähnlicher Weise ist die interterritoriale Judenschaft-heute - a:f der Lösung der polnischen Judenfrage interessiert. Es darf nicht geduldet werden, daß die Juden von den Polen national geknechtet, politisch und wirtschaftlich unterdrückt und ausgenützt werden, wozu noch die ausgesprochen antisemitische Hetze der letzten Zeit kommt. Welchen Eindruck muß es in der - Welt machen, wenn in Oesterreich die jüdische Nationalität und Sprache nicht anerkannt, wenn das Bekenntnis zu ihr mit Strafe belegt wird, wie es wieder jüngst in Lemberg bei der Volkszählung geschah! Hier ist wieder ein Punkt gegeben, an dem die politische Offensive der Entente einsetzen kann. Die Juden wünschen gerade aus Anhänglichkeit an Oesterreich, daß sich die österreichische Politik solche Blößen nicht gebe. Alle Juden, die wahrhafte Patrioten sind, müssen wünschen, daß Oesterreich auch in der Judenfrage gerecht in der Welt dastehe. Dazu aber hilft nicht, daß Pogrome nachträglich dementiert werden"— die Welt erfährt doch die Wahrheit — sondern daß man aufrichtig Wege der Lösung sucht und sich aufrichtig zu der Lösung bekennt, welche einzig im Interesse des Staates und gleichzeitig im Interesse seiner Völker liegt. Das wohlverstandene Interesse muß an die Stelle des scheinbaren Interesses treten. Man darf sich über Imponderabilien nicht hinwegsetzen wollen. Sonst geben wir der Entente die stärkste Waffe in die Hand und sie wird immer wieder „politische Offensiven“ machen. Oesterreich muß schon im eigenen Interesse sein Nationalitätenproblem lösen, aus eigener Kraft, mit Selbstsicherheit und im Bewußtsein seiner Daseinsberechtigung, aber ohne Gewalt und ohne Verkennung der wahrhaften Grundlagen des österreichischen Nationalitätenstaates. Eine Volkszählung in Lemberg (Von unserem Korrespondenten.) Vor zirka zwei Wochen erschien in der lokalen Tagespresse eine Notiz vom Regierungskommissariate der Stadt Lemberg des Inhaltes, daß zu Approvisionierungszwecken eine Zählung der Lemberger Stadtbevölkerung werde vorgenommen werden. Als Stichtag wurde der 5. Juni I. J„ 12 Uhr nachts, und als Endtermin zur Abführung der ausgefüllten Meldebogen durch die Hauseigentümer der 7. Juni I. J. bestimmt. Scheinbar eine harmlose Zählung der in der Stadt sich zu ständigem Aufenthalte befindenden Seelen, um einen Behelf zur künftigen gerechten Verteilung der Nahrungsmittel unter die großen Städte des Landes und der Monarchie zu schaffen. Dem wäre so. wenn der Frage-, bezw. Meldebogen Zeichnet achte Kriegsanleihe! II. Kreis (Westasterr.) der Jüdischen Turnerschaft JüOiidies turn: u. Sportwelt Per Damen:, Zöglings: und Hinöehflbteilnngen Sonntag, den 23. Juni 1918 zu Gunsten der .Notstandsaktion fiir Palästina* —— Nachm. VaSUhr: Sportveranstaltnnganfdemllakoah- Sportplatz (Floridsdorf) Abends 7 Uhr: Schauturnen im großen Konzerthaussaale. K&heres ln den Wiener Tagesttättem und Jüdischen Zeitungen. Karten Vorverkauf: Büro der jUd. Turnerschaft, II. Zirkusg. 33* Jüdisches Jugendheim, II. Obere Donaustra e 91, Buchend!' R. Läwit, 1. Rolenturmslraße 23. auch dementsprechend einfach stilisiert worden wäre. Denn wozu hat cs der Ernährungsminister, der Minister für soziale Fürsorge, der Leiter des Ernahrunssamtes, und wie alle die großen und kleinen Ernähruiigswürden heißen, nötig, zu wissen, welcher Religion die Millionen Konsumenten sind oder welche Umgangssprache sie sprechen?! Der Meldebogen enthält aber — wie bei den üblichen politischen Volkszählungen — unter anderen Rubriken auch eine über Religion und Umgangssprache, und in der Belehrung, wie diese Bogen auszufüllen sind, finden wir diese Worte: „In der Rubrik 8 ist die Umgangssprache (Gesellschaftssprache) nur für österreichische Bürger und nur eine der in den im 'Reichsrate vertretenen Ländern anerkannten Sprachen anzugeben.“ Am Schlüsse befindet sich die Strafandrohung gemäß der Verordnung des Ministeriums des Innern vom 30. September 1857. R.-G.-Bl. Nr. 198. für Unterlassung der Durchführung obiger Anordnungen und fiir Angabe „falsche r“‘ Daten. Und da lugt hinter der harmlosen Maske einer Volkskonskription zu Approvisioniernngszwecken die politische Tendenz hervor, welche sich auch dadurch entpuppte, daß ein Artikel im hiesigen jüdischen „Tagblatt“, welche die Judenheit an ihre Pflicht erinnerte, in der Rubrik Umgangssprache „Jiddisch“ anzugeben, in seinem vollen Inhalt inhibiert wurde. Trotzdem hat ein großer Teil der iitdischen Bevölkerung aus. eigenem Antriebe „Jiddisch“ als seine Umgangssprache angegeben. Weiche Folgen das nach sich ziehen wird, ob das Regierungskommissarjat den Strafparagraphen dafür in Anwendung bringen wird, kann heute noch nicht beurteilt werden. Ben Mordechai. 8 ** i» Audienz beim Minister des Innern. Wien. 11. Juni. Die Vertreter des „Jüdischen Nationalvereines“ und der zionistischen Organisation Robert Stricker und Adolf S t a u d haben beim Minister des Innern Grafen T o g g eitburg vorgesprochen und gegen die Art der neuesten Bevölkeriingszählung in Galizien. insbesondere in Lemberg, und die Behandlung der in jüdischer Sprache erscheinenden Organe in Galizien Protest erhoben. In der Ausschteibung der Konskription in Lemberg wurde die Angabe der jüdischen Umgangssprache mit Geldand Arreststrafe bedroht. Die Jüdischnationalen verwahren sich gegen diesen unsittlichen Zwang und protestieren schon jetzt dagegen. daß auf Grund so erzielter falscher Ziffern irgendwelche politische Maßnahmen getroffen werden. Sie verlangten weiters Abhilfe gegen die Lemberger Zensur, welche von den in jüdischer Sprache erscheinenden Zeitungen deutsche Uebersetzungen für die Vorzensur verlangt und dadurch, daß sie dieses Verlangen auch auf Inserate und Sammellisten ausdehnt, das Erscheinen dieser Zeitungen in Frage stellt. Wenn man bedenkt, daß die Wiener und Krakauer Zensur anstandslos jüdische Manuskripte behandelt, muß das Vorgehen in Lemberg als schikanös zurückgewiesen >verden. Graf .Toggenburg erwiderte den Herren, daß ihm von einer, durchgeführten oder geplanten Volkszählung nichts bekannt sei. Es könne sich im vorliegenden Falle lediglich um Aufnahmen zum Zwecke der Aufteilung der Lebensmittel oder anderer administrativer Maßnahmen handeln. Es ist ausgeschlossen, daß aus diesen Zählungen irgendwelche politische Konsequenzen gezogen werden, ebenso erscheint es ausgeschlossen, daß jemand, der als Umgangssprache die jüdische angibt. hierfür bestraft-werden kann. Uebrigens gehe der Wunsch vieler großer Parteien des Parlaments dahin, die Rubrik „Umgangssprache“ durch die Aufnahme der Rubrik „Nationalität" in den Volkszählungsbogen zu ergänzen, wodurch herrschende Unklarheiten gewiß beseitigt werden. Die Lemberger Zensur sei formell im Rechte, wenn sie Uebersetzungen in einer staatlich anerkannten Sprache fordert, doch werde er sein möglichstes tun. um die geübte Praxis zu mildern. I