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Jüdische Zeitung · 1918-06-07 · 23 (7.6.1918) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
23 (7.6.1918)
Date
1918-06-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 vollzog. Nun, da wir eine solche Institution, die auf uns noch von der vorexilischen Epoche gekommen ist, verschwinden sehen, eine Institution, für diewir noch keinen Ersatz haben, müßte Wehmut jedes jüdische Gemüt beschleichen, dem unsere Vergangenheit noch etwas bedeutet. Es ist darum wunderlich, wie ein Mann, der in den Spalten dieses Blattes zu dieser Frage Stellung nimmt, dem Cheder auf seinen ewigen Weg folgendes Urteil mitgibt: ..Nicht nur, daß uns die Cliedarim die schönste Zeit unseres Lebens rauben. lassen sie uns (als Gegenleistung) physisch wie geistig verkümmern. Sie verwandeln die schönsten Bilder unserer nationalen Literatur zu Wüsteneien, die süßesten Früchte zu Dornen, um so dem Kinde jede Regung von Liebe zu seinem Volke und seinen Kulturschätzen mit Gewalt zu nehmen“. So kann einer, der dort seine Jugendjahre verbracht, nicht gesprochen haben. Uns verwandelte der Cheder unsere Literatur nicht in eine Wüstenei, uns teilte er vielmehr die Schätze jüdischen Wissens mit vollen Händen und in poetischer Verklärung aus. Für uns war er eine Lehrstätte, für uns war er aber noch mehr: Eine Pflanzstätte jüdischen Geistes, echtjüdischer Liebe und Begeisterung für unser Volk, und seine glorreiche Vergangenheit. Nicht wurde dort wie in unseren modernen hebräischen Lehrbüchern so geschmacklos von Zionsliebe, von Liebe zur Sprache und dergleichen mehr gefaselt, unbewußt verstanden sie es. in unseren jungen Gemütern unendliche Liebe und Treue zu unserem Volke zu wecken, und all unsere Begeisterung für die nationale Sache, sie ist nur der Abglanz jenes nationalen Patriotismus, der uns dort vermittelt wurde. Und nun wollen wir es versuchen, die Frage der jüdischen Schule des näheren zu erörtern: Wenn wir von der nationalen Schule sprechen, denken wir in erster Reihe nicht an den Kindergarten, der auch bei den Nichtjuden den Kindern der unteren Stände verschlossen bleibt und auch für uns erst in zweiter Reihe in Betracht kommt. sondern an die jüdische Volksschule. Ebensowenig denken wir an die „Hebräische Schule", wo das Kind neben der nichtjüdischen Volksschule einige Stunden wöchentlich hebräisch lernt, sondern an die hebräische Volksschule. Der Kindergarten, wie man sich' ihn quasi als Vorbereitung für die nichtjüdische Schule denkt, ist nicht dazu angetan, den alten Cheder zu ersetzen oder unseren Kindern jüdisches Wissen zu vermitteln. Die hebräische Schule neben der allgemeinen Volkschule wird ebenfalls kaum diesen Zweck erfüllen können. Die Früchte dieser hebräischen Schule — die in Galiziep in den letzten zwei Jahrzehnten erstand, aber bis auf geringe Ausnahmen nicht prosperierte — sind sehr dürftig. Von den vielen Schülern der hebräischen Schulen in Galizienbringen es nur wenige dazu, hebräisch richtig zu sprechen, noch weniger richtig zu schreiben und diese vergessen es auch sehr bald, nachdem sie die Schule verlassen. Die Bibel und die Welt der Bibel bleibt den meisten dauernd fremd, die Liebe zur Literatur des nichtjüdischen Volkes übersteigt die zur hebräischen Literatur, die ihnen meist verschlossen bleibt. Wie gesagt, ist den Lehrern daraus gar kein Vorwurf zu machen, die mitunter im Verhältnisse zur knapp; zugemessenen Zeit Hervorragendes leisten. Die fremde Schule, wo das Kind die halben Tage verbringt, hat es eben leichter sich durchzusetzen, als die hebräische Schule mit den 4 bis 5 Unterrichtstunden wöchentlich. Soll nun das .jüdische Kind wirklich jüdisch erzogen werden, . soll das junge Gemüt von jener inneren Zerrissenheit bewahrt werden, dann muß auch seine Erziehung eine einheitliche sein. Und dies kann nur in der Volksschule mit hebräischer Unterrichtssprache geschehen Wie wir sehen, kann uns nur eine radikale Lösung unserer Erziehungsfrage zum gewünschten Vorbereitung. Und da bekommen die Fragen der komplizierter und verworrener. Ein neues Schulwerk läßt sich nicht aus dem Boden stampfen und bedarf einer gründlichen, fachmännischen Voi bereitung. Und da bekommen die Frage der Lehrer und der Geldmittel eine ganz andere Bedeutung. Auch der Laie wird einsehen, daß uns da die galizischen Mädchen, die in Kinderhorten für Flüchtlinge angestellt waren, nicht viel nützen werden. Die Zahl der hebräischen Lehrer, die sich zurzeit in Oesterreich befinden, ist eine so geringe, daß sie für ein großzügiges Schulwerk ganz unzureichend ist. Außerdem verfügen nicht viele über jene Qualifikation, die man bei einem Volksschullehrer vorauszusetzen berechtigt ist. Bis auf geringe Ausnahmen verfügen sie auch nicht über jenes Maß jüdischen Wissens, um würdige Nachfolger der als ungebildet verschrienen Melamdim zu sein. Allerdings darf nicht außerachi gelassen werden, daß manche die an sie gestellten Forderungen um ein vielfaches übertreffen, ihre Zahl ist aber verschwindend klein. Soll nun eine jüdische Volksschule erstehen, muß zu allererst der jüdische Volksschullehrer ausgebildet werden. Und da können wir mit Bedauern feststellcn. daß bei uns ein ganz geringes Interesse für das Lehrfach an Volksschulen besteht und während die Juden in allen Intelligenzberufen unverhältnismäßig stark vertreten sind, die Lehrerbildungsanstalten fast durchwegs judenrein sind. Nun gibt es aber zu unserem Glücke keine geringe Zahl jüdischer Bachurim, Eleven des alten jüdischen Cheders. Beth-Hamidrasch oder gar einer Jeschiwali. die zwar nicht Intelligenzler kraft ihres Reifezeugnisses sind. darum aber über eine nicht geringere Intelligenz verfügen, die ein gutes Schülermaterial für ein hebräisches Lehrerseminar abgeben würden. Ein hebräisches Lehrerseminar hat es schon vor dem Kriege in Lemberg gegeben, das wahrscheinlich infolge der unzureichenden materiellen Mittel sehr rasch einging. Diese Anstalt hatte wie das soeben in Lemberg gegründete Pädagogium den Fehler, daß sie nur für jüdische Unterrichtsfächer eingerichtet war und darum für die Erziehung eines allgemeinen Volksschullehrers ganz unzulänglich war. Es ist überflüssig, zu erwähnen, daß eiu Pädagogium mit deutscher Unterrichtssprache — wie Wien eines hat — für unseren Zweck schon gar unzureichend ist. Was wir brauchen, ist 'eine Anstalt, au der alle Wissenszweige wie in einer öffentlichen Lehrerbildungsanstalt doziert w'erden. allerdings in hebräischer Unterrichtssprache und mit besonderer Berücksichtigung aber Gebiete jüdischen Wissens. Und die Geldfrage? Wir meinen da nicht den Fonds für das Schuhverk. Das Schuhverk eines Volkes, und sei es auch des jüdischen, kann nicht wie der eingangs erwähnte Artikelschreiber cs meinte, durch öffentliche Mildtätigkeit gespeist, geschweige denn gegründet werden. Der Hinweis auf den deutschen Scliulverein ist ganz verfehlt. Erhält doch der „Deutsche Scliulverein“ nicht das deutsche Schuhverk, für das die Regierung doch hinreichend sorgt, sondern einzelne Schulen in verstreuten Sprachinseln. Und es ist auch nicht ausgemacht, daß, w'enn es den Deutschen, der größten und wohlhabendsten Nation in Oesterreich, gelungen ist, 2 Millionen zu sammeln, es .auch uns gelingen müßte. Aber um die Geld-: frage braucht uns gar nicht bange zu sein. Die unverhältnismäßig großen Ausgaben der Juden für ihre Kindererziehung ist notorisch, und wird unsere Schule nur jüdisch sein, dawird sie durch die jüdische Masse selbst. erhalten werden können. Werden darum die öffentlichen Spenden für das S c h u 1 w e r k unzureichend und wie wir hoffen wollen, auch nicht notwendig sein, so werden sie doch ein Lehrerseminar erhalten können. Soll diese Institution erfolgreich arbeiten können, muß sie über einen namhaften Fonds verfügen und diesen zu verschaffen, wäre Aufgabe der jüdischen Oeffentlichkeit. Wir wenden uns darum nicht wie der Autor des ersten Aufsatzes an den jüdischen Jugendtag, das Schuhverk zu fördern, sondern an unsere Führer, namentlich an die zionistischen Führer in Galizien, die so blutwenig für diese Sache getan haben. Sie sollen es wissen, daß wichtiger als die Heilung der materiellen Kriegsschäden die der moralischen ist. Sie sollen es wissen, daß mit der jüdischen Schule das Judentum steht undfällt. Daß es auch keine jüdische Politik ohne eine jüdische Schule gibt. Wir sprechen so viel von nationaler Autonomie. Gesetzt den Fall, wir bekommen heute die erwünschte nationale Autonomie, die doch in erster Linie das Recht auf eine eigene Schule bedeutet. Wir stünden da und wüßten nicht was anzufangen, woher jüdische Lehrer nehmen, wie sie ausbilden, und müßten schließlich auf unser Recht verzichten und unsere Kinder in die nichtjüdische Schule stecken. Das Recht auf eine jüdische Schule verlangen, heißt darum die Grundlage für sie schaffen^ Und noch eines. Wenn jüdische Schulen gegründet werden sollen, da dürfen sie nicht nach' dem Muster der vor dem Kriege in Galizien geplanten hebräisch-polnischen Kindergärten sein, w’o das hebräische als, die fremde Sprache vermittels der „polnischen Muttersprache“ unterrichtet werden sollte. Unsere Schule muß eine jüdische sein. Wenn es aus pädagogischen Gründen unmöglich sein sollte, das Hebräische „iwrith b'iwrith“ zu vermitteln, müssen wir zum Auskunftsmittel des alten Cheder greifen und — um es offen herauszusagen — das Hebräische vermittels der jüdischen Muttersprache unterrichten. Keinesfalls darf aber die hebräische Schule sich an das Kind des zionistischen Intelligenzlers anpassen, dessen Muttersprache bereitspolnisch oder deutsch ist. Um eventuellen Mißverständnissen vorzubeugen, sei nochmals betont, daß wir nicht gegen den Unterricht der fremden Landessprache sind, sondern gegen die fremde Unterrichtssprache. Diese ist gar nicht dazu angetan, das Volk für unsere Sache zu gewinnen und hat uns nur den. gerechten Zorn der Jiddischisten zugezogen. Werden wir nun einmal unsere jüdische Schule haben, eine moderne jüdische Schule im alten jüdischen Geiste, so wird sie auf die Unterstützung der jüdischen Masse sicherlich nicht zu warten brauchen, und da wird sich kaum noch eine Regierung weigern können, unsere Rechte auf eine jüdische Schule aus staatlichen Mitteln anzuerkennen. Dann werden wir um nationale Auto'nomie nicht betteln müssen, dann werden wir sie erzwingen! An unsere zionistischen Führer sei nochmals der Mahnruf gerichtet, nicht nur für die hebräische Schule in Palästina einzutreten, sondern auch hier, nicht nur von der Hebräisierung des Galuth zu reden, sondern mit ihr auch Ernst zu machen! RUNDSCHAU mußte wegen Raummangel zurückgestellt ‘ werden. Der böhmische Gemeindetag (Von-unserem Berichterstatter.) Donnerstag, den 30. Mai, fand in den Räumen des jüdischen Rathauses in Prag der vom Präsidenten des israelitischen Gemeindebundes für Böhmen, Dr. Koserak, einberufene. Gemeindetag-statt. Dr. Koserak legte die. Ziele und Aufgaben der Tagung dar, die Schaffung der lang7 entbehrten Landesorganisation der Kultusgemeinden Böhmens. Nach einem ausführlichen, sachlichen Referate Dr. Schanzers (Pilsen), das die Entwicklung des Organisationsgedankens in Böhmen schilderte, wurde dann mit allen gegen eine einzige Stimme beschlossen, den beantragten „Landesverband der israel. Kultusgemeinden Böhmen s“ zu begründen. Die Einmütigkeit dieses Beschlusses ist umso bedeutungsvoller, als an der Tagung Vertreter aller nur halbwegs bedeutenden Kultusgemeinden (es waren zirka 100 Kultusgemeinden vertreten) teilnahmen und nur jene Gemeinden nicht vertreten waren, die zwar laut Verordnung, in Wirklichkeit aber nicht mehr bestehen. Nach Annahme des vorgelegten Statutenentwurfes, der sich an den seinerzeitigen von der Regierung vorbereiteten Gesetzentwurf anlehnt, wurde der Vo.rstand gewählt, dem von der Prager Kultusgemeinde Dr. K o s e r a k, R. v. F u c h s und Dr. Rosenbaum angehören. Die würdig verlaufene, von Dr. Koserak mustergültig geleitete Versammlung hat gezeigt, daß die Juden Böhmens bei gutem Willen imstande sind, über alles Trennende hinweg den Weg zur gemeinsamen, einheitlichen und einigenden, jüdischen Arbeit zu finden. Mit der einmütigen Kundgebung der Tagung ist ein einmütiger Wille der böhmischen Juden in Erscheinung getreten; der Anfang ist gemacht,' hoffen wir für die Zukunft das Beste. Dr. E. G. Zu diesem Berichte bemerken wir: Es ist gewiß erfreulich, daß die böhmischen Gemeinden sich endlich zu aktiver jüdischer Arbeit zusammenschließen. Allerdings können wir vom jüdischdemokratischen Gesichtspunkt aus ein solches System der Zusammensetzung einer jüdischen Landes-Repräsentanz nicht billigen. Auch ist die Erfahrung, die wir bisher mit derartigen Gemeindebünden und Organisationen machten, Grund genug, um für die Zukunft etwas skeptisch zu sein. Sollte der böhmische Gemeindebund in seiner gegenwärtigen Form seinen Aufgaben gewachsen und von dem richtigen Geist der Verantwortung geleitet sein, so wird dieser Institution große Bedeutung ztikommen können. Mein Programm Von Heinrich Margulies. Da wir in dem Bericht über den Jugendtag uns nur auf ganz fragmentarische Wiedergabe beschränken mußten und auf das Meritorische derDiskussion nicht eingehen konnten, ergreifen wir gern die Gelegenheit, das uns von Herrn Heinrich Marguiies, einem der Generalredner. . zugesandte Programm zu veröffentlichen, zumal es sich hier um einen für die zionistische Ideologie sehr wichtigen Meinungskonflikt handelt. Selbstverständlich mußten wir auch der gegnerischen Anschauung das Recht der Äußerung einräumen. „ Die Red. Die Wiedergabe der Diskussion vom Jugendtage und insbesondere der angefügte Kommentar zu meinen Ausführungen machen es mir — schon im Interesse derjenigen, die meine Wahl zum Generalredner wünschten — zur Pflicht, kurz und programmatisch das an sachlichen Dingen klarzustellen, was meine Stellungnahme bestimmte. 1. Für den Verband. Es ist selbstverständlich, daß ich rückhaltlos für die Gründung des Verbandes eintrat und auch das an Bernfelds projektierten Maßnahmen, was positiv und konkret formuliert wurde, ohne weiteres anerkannte. 2. Gegen Dr. Weltsch. Dr. Weltsch. mein Gegner als Generalredner, entwickelte eine Theorie der rein idealistischen Weltanschauung, deren Berechtigung und vorzügliche Durchdachtheit ich anerkannte, ohne mich ihr anschließen zu können. Ich stellte dieser Theorie eine andere, nicht minder begründete, gegenüber, und zwar nicht die der materialistischen, sondern die einer synthetischen Geschichtsauffasung. Hatte Weltsch die unbedingte Suprematie des Geistes vertreten und nur in diesem das allein Gestaltende anerkannt, so habe ich die absolute Koordiniertheit von Materie und Geist behauptet. Das noch Ungewohnte dieser sinngemäßen Anwendung der spinozistischen Synthesis von der reinen Philosophie auf die Geschichtsphilosophie, die bisher fast nur vom Turiner Sozialphilosophen Michels, und auch dort recht embryonal, vertreten wird, hätte eine weitergreifende wissenschaftliche Fundierung nötig gemacht, zu welcher die Diskussion keinenzulänglichen Raum bot. Ich kann daher zu diesem Punkte nur auf eine bevorstehende Veröffentlichung verweisen. Jedenfalls mußte ich aus dieser Einstellung heraus zu einer Ablehnung der „Diktatur des Geistes“ gelangen, wie ich nicht minder eine Diktatur der Materie bekämpfen w’ürde. 3. Gegen Dr. Bernfeld. Ich bin gegen Dr. Bernfelds Erziehungs- Programm, sow'eit dieses auf der Ideologie W ynekens aufgebaut ist. In welch weitgehendem Maße dies der Fall ist, beweist schon der Umstand, daß in seinem Referat der jüdischen Mutter so gut wie gar keine Erwähnung getan wurde.. Es wurde vielmehr, ganz im Geiste Wynekens,

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