Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2ö JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Um Unklarheiten vorzubeugen, muß ich noch hinzufügen, daß selbstverständlich die heutige Lage des Volkes im Hinblick auf das zionistische Endziel Maßnahmen und Arbeiten erheischt, die der gegenwärtigen Konstellation Rechnung tragen .Dazu gehört z. B. alle aut wirtschaftliche, kulturelle, politische Hebung des Volkes gerichtete Tätigkeit, die z. B. in Oesterreich durch die innerpolitischen Bestrebungen, die sozialen Fürsorgeaktionen, die pädagogischen und erzieherischen Veranstaltungen geleistet wird. Diese Tätigkeit muß mit aller Intensität betrieben werden. Aber wir müssen uns immer bewußt bleiben, daß dieser ganze Komplex von Aufgaben nur zur Vorbereitung des Volkes dient. Die Erfüllung des zionistischen Zieles bringt er nicht. Leider besteht wirklich die Gefahr, daß Zionisten in dieser „Gegenwartsarbeit“ ihr Genügen finden und an das Wesen des Zionismus vergessen. Das Wesen des Zionismus ist, daß er einen völligen Bruch mit der bisherigen Art jüdischen Lebens und jüdischer Politik bedeutet, daß er eben N egation des Galuth ist; er darf nicht ein Deckmantel für ein Auswirken des politischen Betätigungsdranges sein, der sich mit der „Wirklichkeit“ abfindet und sich in einer von der bisherigen nur methodisch verschiedenen Art mit ihr auseinandersetzt. Der Anspruch des Zionismus, von Grund auf neu zu schaffen, darf nicht preisgegeben werden. Zionismus ist eine Sache des schöpferischen Geistes; lassen wir uns von aller notwendigen Kleinarbeit des Tages, von aller Gegenwartsarbeit und aller Zukunftshoffnung die Reinheit der Idee nicht trüben! Robert Weltsch. Zu demselben Gegenstand erhalten wir noch eine Zuschrift des Herrn Böhm, der wir als persönlicher Bemerkung und Richtigstellung Raum geben, obwohl in sachlicher Hinsicht seine Ausführungen sich zum Teil mit dem Inhalt des obenatehenden Aufsatzes decken: Wien. 3. Juni 1918. . Sehr geehrte Redaktion! Gg. Meir Henisch hat in einem Artikel in Nummer 21 dieses Blattes einige Stellen aus meinem Aufsatz in Nummer 12 des ..Juden“. „Zur Galuth theorie des Zionismus“, aus dem Zusammenhang gerissen, zitiert und dagegen polemisiert. Da nicht alle Leser der „Jüdischen Zeitung“ auch Leser des „Juden“ sind, bitte ich. um einem totalen Mißverstehen meines Artikels zu begegnen, folgende Feststellung abdrucken zu wollen: 1. Ich habe in jenem Artikel die Galutharbeit ucht abgelehnt, sondern im Gegenteil gesagt, daß sie nötig ist und ausschließlich von Zionisten gemacht werden wird. 2. Ich habe nicht gesagt, daß jetzt ein Wunder geschehen und wir mit einem Schlag Palästina haben werden, sondern ich habe nur ausgeführt, daß wir „die wichtigsten Voraussetzungen für unsere Pläne“ erlangen dürften, zu deren Ausnutzung wir aber gänzlich u ngenügend vorbereitet sind. ■ 3. Ich habe mich angesichts dieser Sachlage — ebenso wie ich es immer getan habe — ganz energisch gegen die Versuche gewehrt, ein neues zionistisches Programm aufzustellen, in dem Palästina neben der Galutharbeit ein Programmpunkt sein soll. Ich habe, wie immer, betont, daß Zionismus Palästinazentrismus ist. 4. In Konsequenz dieser Auffassung habe ich gesagt, daß „gerade jetzt“ nicht der Zeitpunkt sei. den Blick der Zionisten „von Zion weg und nach Warschau oder Wilna zu lenken“, daß „gerade jetzt“ vielmehr unsere Kräfte auf Palästina konzentriert werden müssen. Ich begnüge mich mit dieser Feststellung und unterlasse jede Polemik. Mit Zionsgruß Adolf Böhm. Mordechai (lauter): Mögen alle Weltbewohner zur Erkenntnis dieser Heiligkeit gelangen und vereint das Joch deiner Herrschaft freudig annehmen . . . Haman: Alle Weltbewohner! — Der Brei! — Der Brei des Wohlwollens! (Er nähert sich ihm und zieht ihn an den Schläfenlocken): He, Jude, noch nicht genug gelallt .... Esther (von fern, zitternd): Laß, ihn! Wenn er betet, ruht der Geist Gottes auf ihm. — Höre nur, wie der Bach mit dem Ton seiner Worte zusammenstimmt. Ist es picht, als schrien beide um den Messias . . . Haman: Ja, zur bestimmten Gebetzeit — nach dem gesetzlichen Essen. Mordechai ' (sehr stark): An jenem Tage wird der Ewige der Gott aller Menschen sein, da wird er einig und sein Namen einig sein ... Haman: Aller Menschen! (Zerrt ihn.) Sollen alle in •nrem Versöhnungsbrei ersticken? Esther (tritt entschlossen dazwischen): Nein, wenn er betet, ruht der Geist Gottes auf ihm! Die jüdischen Parteien in Warschau (Anläßlich der Gemeindewahlen.) (Von unserem Korrespondenten:) Die Ankündigung der Durchführung der Wahlen zu den jüdischen Gemeinden in Warschau und Lodz hat eine außerordentlich lebhafte Bewegung im jüdischen Leben der beiden Städte hervorgerufen. Sämtliche Parteien und Richtungen haben eine sehr energische Wahlagitation eingeleitet. Bisher war in beiden Gemeinden nur wahlberechtigt gewesen, wer mindestens 15 Rubel jährliche Gemeindesteuer zahlte. Nach der neuen Wahlordnung genügt jedoch schon die. Entrichtung einer Mindeststeuer von 1 Mark, sodaß den weitesten jüdischen Kreisen die Möglichkeit zur Wahlbeteiligung gegeben ist. Jede Partei versuchte nun ihre Anhänger zur Eintragung in die Wahlliste zu veranlassen und eine sehr große Zahl von öffentlichen Versammlungen und Meetings dienten diesem Zwecke. In diesen Versammlungen entwickelten die verschiedenen Parteien ihre Wahlprogramme. Im ganzen ist das Bild der einzelnen Parteien etwa dieses: Die Assimilanten haben sich in ein „Wahlkomitee der polnischen Juden“ zusammengeschlossen, das aber lediglich innerhalb der ersten Kurie agitiert, da es innerhalb der zweiten Kurie keinerlei Aussicht besitzt. Ueberhaupt ist die Tätigkeit dieses Komitees ziemlich unbeachtet. Es zeigt sich wieder einmal sehr deutlich, wie klein die Anhängerschaft der bisher allmächtigen assimilatorischen Partei in Warschau und Lodz ist. Eifriger agitieren die sogenannten „Neoassim i 1 a n t e n“, die prinzipiell assimilatorische Grundsätze vertreten, jedoch gewisse Zugeständnisse an die demokratischen und nationalen Forderungen zu machen vorgeben. Ihr Komitee nennt sich „unabhängiges Wahlkomitee polnischer Juden“; es stellt die Forderung nach allgemeinem proportionalem .^Wahlrecht für alle Gemeindemitglieder auf und erkennt auch an, daß die Gemeindeverwaltung neben den religiösen Bedürfnissen sich auch kulturellen Aufgaben widmen müsse. Sehr lebhaft ist die Agitation des Wahlkomitees des „AgudasHaorthodoxi m“, das vor allem die orthodoxen Forderungen energisch betont und verlangt, daß die strenge Beobachtung der jüdischen Gesetze den neuen Gemeindeverwaltungen ihren Charakter geben müsse. Neben diesem orthodoxen Wahlkomitee hat sich eine Gruppe der parteilosen Orthodoxie sowie des Mittelstandes zu einem bürgerlichen Wahlkomitee der „Agudas-Jeschurun“ zusammengeschlossen. Neben religiösen Forderungen gilt das Interesse dieses Komitees in erster Reihe kulturellen Fragen; * vor allem wird die Reform der Cheder- und Talmudschulen durch die Aufnahme weltlicher Unterrichtsfächer gefordert, ebenso die Gründung von Elementar- und höheren Schulen sowie Rabbiner- und Lehrerseminaren durch die Gemeindeverwaltung. In der Frage der Unterrichtssprache nehmen die Parteilosen den Standpunkt ein, daß als Unterrichtssprache die Muttersprache der Kinder gelten solle. Hand in Hand arbeiten das „Zentrale Zionistische Wahlkomitee“ und das „Wahlkomitee des Misrachi“. Ihr Programm ist streng national. Es fordert die D e m o - kratisierung des Gemeindelebens durch Abschaffung der Kurien, allgemeines, geheimes, direktes Wahlrecht und die Oeifentlichkeit der Sitzungen. Alle Einrichtungen des religiösen Lebens sollen von der Gemeinde unterhalten werden und unentgeltlich sein. Wohltätigkeit und Gesundheitsfürsorge (Krankenhäuser, Kinder-, Waisen- und Altersheime) müssen der Gemeindeverwaltung ebenso unterstehen wie die Führung der Standesamtsregister und das gesamte niedere und höhere Schulwesen. Die Pflege nationaler Literatur, Kirnst und Wissenschaft wird gefordert. Im Verkehr zwischen Verwaltung und Gemeinde soll Hebräisch und Jiddisch angewendet werden. Die Unterrichtssprache soll Hebräisch oder Jiddisch sein. Zur Hebung des wirtschaftlichen Lebens werden Spar- und Kreditkassen, landwirtschaftliche und Handwerkerschulen gefordert, Regelung der Arbeitsvermittlung, des Frauenschutzes und der Ein- und Auswanderung verlangt. Die Kolonisationsarbeit in Palästina soll von der Gemeinde unterstützt und gefördert werden. Zur Deckung aller Ausgaben soll neben Stiftungen eine progressive Steuer auf Vermögen und Einnahmen dienen; daneben sollen Staat und Stadt die' Kosten für diejenigen Einrichtungen beisteuern, deren Unterhalt eigentlich ihnen obläge. In den praktischen Forderungen unterscheidet sich das Programm des „Wahlkomitees der Volkspartei“ nicht wesentlich von dem der Zionisten, die Betonung des „Nationalen“ ist um einige Grade schärfer, die Forderungen der Fürsorge für die unteren Volksschichten sind noch etwas weiter ausgeführt. Als Verkehrssprache der Verwaltung und als Unterrichtssprache wird Jiddisch gefordert, Hebräisch und die Landessprache sollen Lehrfächer sein. In der theoretischen Begründung der Einzelforderungen wird scharf betont, daß die Volkspartei das polnische Judentum nicht als „Religionsgesellscbaft“, sondern als nationale Einheit ansehe. Die auf Grund der Verordnung vom 1. November 1916 gewählte Gemeindeverwaltung sei ein unbefriedigendes Surrogat der notwendigen nationalen Organisationen. Die neue Verwaltung müsse demokratische und nationaljüdische Grundsätze vertreten und für die Ausgestaltung der Organisation der Religionsgesellschaft zu einer nationalen Autonomie kämpfen. Seitens der Sozialisten, „Jüdisch-sozialistisches Wahlkomitee“ (Zionisten-Soo : Drei Bände neuer jüdischer Lyrik Max Brod, Das gelobte Land Preis K 6.60 Josef Kastein, Logos unö Pan . Preis K 4.95 Ludwig Strauß, Wanölung unö Verkündung Preis 6.60 Diese drei Bände seelisch und geistig tiefer, formvollendeter (Jedichte sind wie eine Verheißung, daß die reichen Begabungen innerhalb des Judentums nun immer bewußter zum Au«druck drängen. Der Lyrik der drei obgenannten Dichter ist an Schönheit und innerem Wert wenig Gleiches unter der Gegenwartsdichtung an die Seite zu setzen! Zu beziehen durch: Buchhandlnng R, Löwit, Wien tM Rotenturmstraße 22. I zialisten), „Jüdisch - sozialdemokratisches Wahikomitee" (Poale-Zion) und „Wahlkomitee des Bund“ sind keine Wahlprogramme veröffentlicht worden. An den religiösen Aufgaben der Kultusgemeinde haben sie kein Interesse, bezüglich des Wahlrechtes, der kulturellen und wirtschaftlichen Aufgaben stimmen sie im wesentlichen mit den Forderungen der Volkspartei überein, auf dem Gebiete der Schule treten sie für die weltliche Volksschule mit jiddischer Sprache ein. Im ganzen wollen sie die allgemeinen Grundsätze des sozialdemokratischen Proletariats in der Gemeindeverwaltung zur Geltung bringen. Die Wahlagitation war außerordentlich lebhaft. Jeden Tag fanden Wahlversammlungen statt und an den me.isten Tagen sogar eine Anzahl von Meetings. Das erste Stadium der Wahlvorbereitung ist nunmehr beendet, nachdem die Eintragung in die Wählerliste geschlossen wurde. Die Wahlen dürften im Juni stattfinden. Unterdessen bemühen sich die Parteien, gewisse demokratische Aenderungen des Wahlstatuts durch den deutschen Wahlkommissär herbeizuführen; vor allem soll die erste, sogenannte Intelligenz-Kurie, durch die Zulassung von Lehrern, Schriftstellern und Journalisten erweitert werden. * * Der „Hajnt“ meldet: „Obwohl die Herten Dickstein und Natanson auch weiter die Möglichkeit haben, in der Kurie die bisher innegehabten Plätze in der Verwaltung einzunehmen, haben sie, wie man mitteilt, doch beschlossen, sich bei den neuen Wahlen nicht als Kandidaten aufstellen zu lassen. So wird die neue jüdische Gemeindeverwaltung Warschaus endlich von der Dynastie befreit werden, die jahrzehntelang die unbestrittene Herrschaft innehatte.“ Zu unserer Erziehungsfrage Von Chajlm Kollier. Aus der Reihe von Zuschriften, die uns zur Präge des jüdischen Erziehungswesens anläßlich der Anregung des Herrn Dr. Kimme! zugegangen sind, veröffentlichen wir hier einen Aufsap, der einen ganz extremen Standpunkt vertritt. Da die Diskussion in der Zeitung nicht endlos geführt werden kann, bitten wir, alle Probleme des Schul- und Erziehungswesens betreffenden Anregungen und Vorschläge an dieSludiengruppe des Zion.Z.K. Wien II. Zirkusgasse 39. zu richten, welche sich mit diesen Gegenständen eingehend befasst und das gesammte Material verarbeiten wird. Die Red. Vor kurzer Zeit wurde in der „Jüd. Zeitung“ die Frage der jüdischen Schule wieder angeschnitten. Aber sosehr wir jenem Artikelschreiber für die in seinem Aufsatze „In den Kindergarten oder zurück in den Cheder?“ gegebene Anregung zu Dank verpflichtet sind, müssen wir über die Naivität staunen, mit der er diese Frage zu „lösen“ sich anschickt. Er meint, die Frage werde bei der Rückkehr der Flüchtlinge wieder aktuell, die vor die Alternative gestellt werden, ihre Kinder in den modernen Kindergarten oder zurück in den Cheder zu schicken. Er versucht die Unzulänglichkeit des Cheders als moderne Erziehungsstätte nachzuweisen und kommt zum Schlüsse: Lassen wir nicht mehr den Cheder auferstehen, schaffen wir an seiner Stelle moderne jüdische Kindergärten. Ueber die Frage der Lehrer und der Geldmittel, die solche Institutionen brauchen, macht er sich auch nicht viel Kopfzerbrechen. Die Lehrer, meint er, könnten unsere jungen Mädchen aus dem Osten abgeben, die während ihrer Flüchtlingszeit im Westen in Kinderhorten, Kindergärten und ähnlichen Anstalten beschäftigt waren. Auch die Geldfrage ist bald gelöst Von Schewuoth bis Chanukah könnte der nötige Fond aufgebracht werden, zumal es sogar den Deutschen gelungen ist, für den „Deutschen Schulverein" in kurzer Zeit 2 Millionen Kronen aufzubringen. Es ist nicht hier der Platz, die Gründe iür den Verfall des Cheders des näheren zu erörtern, es ist aber bezeichnend, daß gerade die Jahre der sogenannten nationalen Wiedergeburt auch die des Verfalles aller jüdischen Institutionen, die sich in der langen Zeit der Diaspora ausgezeichnet bewährt haben, bedeuten. Wir wollen da'nicht die Skepsis des oberwähnten Artikelschreibers teilen und umsoweniger uns die Macht zuschreiben, den Cheder auf unseren Wink ganz untergehen zu lassen, aber Tatsache ist, daß sich sein Verfall in der allerletzten Zeit, fast unter unseren Augen,