Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 rechtisren würde. Oesterreich antizionistischer Tendenzen zu beschuldigen. Die prozj'onistisch e Erklärunz. welche Graf C z e r n i n im Namen der österreichisch-ungarischen Regierung abgegeben hat. ist zwanglos erflossen und war frei von einschränkenden oder gar hinterhältigen Beisätzen! Die Vertreter der österreichischen Zionisten haben wiederholt mit berufenen Organen der Regierung über die Ziele der zionistischen Arbeit verhandelt. Sie sind nie auf feindselige Verschlossenheit gestoßen, man war immer zur Verständigung bereit. Dr. Pinkus. aber bucht Oesterreich endgültig als einen Passivposten des Zionismus. Nach ihm müßte der Zionismus auf iede Auseinandersetzung mit dieser Großmacht verzichten. Oesterreich ist schlechthin der Feind und weder die zionistische Arbeit noch auch das künftige jüdische Gemeinwesen haben von dieser Stelle irgendwelche Förderung. irgendwelchen Nutzen zu erwarten. Die zionistische Partei, wird diese« Standpunkt nie akzeptieren. Sie wird nicht auf die Verständigung mit einer Großmacht verzichten, welche schon zufolge der geographischen Lage und alter traditioneller Beziehungen berufen ist bei der Neuordnung im Orient mitzureden. mit einer Großmacht, welche frei von räuberischen, anexionistischen Aspirationen ist und niemals der Träger einer egoistischen Gewaltspolitik war. Das alte Oesterreich und das junge Palästina werden einander viel zu bieten haben. Die Ausführungen des Dr. Pinkus sind nicht geeignet. die zionistische Weltorganisation zum Verzicht aut die Verständigung mit Oesterreich zu bewegen und die österreichischen Zionisten werden unbeirrt dahin arbeiten, alle Vorbedingungen für ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und der nationalen Heimstätte der Juden zu schaffen.“ * Die Worte Strickers sind geeignet, die Aufmerksamkeit österreichischer politischer Kreise in weit höherem Maße auf den Zionismus zu lenken als es bisher der Fall war. Die Erkenntnis, daß die Entente aus den ihr durch ihre kluge Judennolitik gewonnenen Sympathien Waffen schmiedet, sollte die Zentralmächte veranlassen, das Gewicht der Juden als politischer Faktor richtiger einzuschätzen als1, dies bisher geschah. Tatsächlich läßt sich in Deutschland heute schon ein ganz gewaltiges Interesse am Zionismus konstatieren. Die führenden Politiker befassen sich mit der Frage und suchen einsclilägige Information, alle großen Zeitungen schreiben darüber, jüngst hat sich aus einflußreichen Kreisen das Komitee ..Pro Palästina“ gebildet, über das wir berichtet haben. Nur in Oesterreich hält man es noch immer für richtig, dem Zionismus gegenüber völlige Indolenz an den Tag zu legen. Wir bedauern diese Schwerfälligkeit des politischen Denkens in Oesterreich, weil dadurch wichtige österreichische Interessen verschlafen werden. Wenn Stricker betont daß eine gewisse Interessenharmonie zwischen Oesterreich und dem Zionismus besteht so wäre es für beide Teile von Wichtigkeit, deren Grundlage zu prüfen und sachlich zu vertiefen. Bei uns begnügt sich aber die Oeffentlichkeit mit der alten Totschweigetaktik der liberalen und der hämischen Glossierung der antisemitischen Presse. Diese Art ist nicht geeignet das Vertrauen in den Ernst und die Regsamkeit der österreichischen Politik zu stärken. Wir hoffen, daß sich auch hier die richtige Erkenntnis Bahn brechen wird und daß die zionistische Arbeit bald mit dem erwachenden Verständnis der österreichischen Oeffentlichkeit für ihre Probleme wird rechnen können. Zeichnet achte Kriegsanleihe! „Möglichkeiten und Wirklichkeiten“? Der Aufsatz des Herrn Meir H e n i s c h in der vorigen.Nummer der Jüd. Ztg. hat bei vielen Zionisten Befremden ausgelöst. Er darf in seiner Formulierung nicht unwidersprochen bleiben. Es ist leider bei uns üblich geworden, daß man sich in der Polemik nicht immer an die Grenzen des Tatsächlichen hält, vielmehr selbst gegnerische Anschauungen konstruiert, um dann gegen sie kämpfen zu können. Dieser Art ist die Polemik des Herrn Henisch gegen Thon, Böhm und Buber, welche die „Konzentration der Kräfte auf Palästina“ als alles andere überragende zionistische Aufgaben hinsteilen. Um nun im positiven Teil ein Körnchen Richtiges Vorbringen zu können, malt Herr Henisch in völliger Verkennung der Anschauung der genannten Gesinnungsgenossen das Schreckgespenst eines modernen Charterismus an die Wand und kommt bei dessen Ablehnung zu extremen Folgerungen, die bei einem zionistischen Autor beinahe verblüffen. Die Polemik Henischs richtet sich nicht gegen Thon und Böhm, die selbst stets gegen den Charterismus gekämpft und die sogen, praktische Palästinaarbeit propagiert haben, sondern gegen die Methode Theodor Herzls. Dabei ist bedauerlich, daß Henisch die Größe der Herzischen Politik nicht sieht. Wenn er es einfach „nicht gutheißen“ zu können meint, daß man die Taten und Anstrengungen des Volkes durch „das Entfachen seiner Hoffnungen“ hervorrufen will, sö möge er bedenken, daß nur dadurch'Zionismus überhaupt möglich geworden ist. Denn Zionismus ist die Erhebung des jüdischen Volkes zu einer endgültigen Entscheidung. Es will nicht weiter hin- und herschwanken, es will nicht vorsichtig ausprobieren und allerhand Wege und „Möglichkeiten“ offen lassen; es will tatsächlich, buchstäblich „alles auf eine Karte setze n“, was Herr Henisch für so bedenklich hält. Wer das nicht versteht, der hat nie begriffen, daß Zionismus nicht eine Fortsetzung des jüdischen Galuthlebens in anderen Formen, mit anderen Bezeichnungen und anderen politischen Mitteln ist, sondern daß er etwas ganz Neues, etwas radikal Neues ist, eine völlige Revolutionierung des jüdischen Lebens, ein Abbruch und Neubeginn. Das ist eben das Unsterbliche an Herzls Tat, daß er das Volk zu diesem Entsebeidungswillen erweckt hat. Wo es um die höchsten Güter des Volkes geht, gibt es aus dem Kampf nur eine Rückkehr mit dem Schild oder auf ihm. Es gibt keine Hintertüren und keine Rückzugswege mehr. Diese Entschlossenheit des jüdischen Volkes zum Letzten ist Zionismus. Vom zionistischen Standpunkt ist also unbedingt eine Politik' abzulehnen, die zwar Palästina gerade noch gelten läßt, bei der aber immer deutlicher die Tendenz zum Vorschein kommt, falls es mit Palästina nicht gehen sollte, es sich eben im Galuth wohnlich einzurichten. Hier wird eine der ersten, tiefsten und grundlegendsten Einsichten der zionistischen Ideologie nreisgegeben, nämlich die Einsicht, daß ein menschlich und jüdisch, einwandfreies Leben des jüdischen Volkes im Galuth nicht möglich ist. Wie soll man es auffassen, wenn Henisch davor warnt, „ob des künftigen Erez Israel das Galuth zu verneinen“? „Verneinen“ kann zweierlei bedeuten; einmal: die Feststellung, daß etwas nicht ist; in diesem Sinne wird kein vernünftiger Mensch die Existenz des Galuth leugnen. Zweitens aber bedeutet „verneinen“ die Aussage, daß etwas nicht sein soll. In diesem Sinne verneinen wir, verneint der Zionismus das Galuth. Braucht das erst noch gesagt zu sein? Aller Schmerz, alles Grauen, alle Not des jüdischen Volkes geht auf diese eine Ursache zurück, auf das Galuth mit seinen Folgen für das materielle, kulturelle, geistige Leben, für die ganze unfreie menschliche Existenz des Juden, mit seiner immerwährenden Nötigung zum verzweifelten Kampf um eine wenigstens rudimentäre Erhaltung des Judentums. Dieses Wort „Verbannung“ hat seit jeher in den Öhren unseres Volkes den grausamsten entsetzenerregenden Klang gehabt; aber erst der moderne Zionismus hat dieses Gefühl zu einem klaren Bewußtsein erhoben, hat die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen dieser Situation und der Beschaffenheit des Volkes zum Ausganspunkt seines W o 11 e n s gemacht. H e r z 1 hat diesen Willen geweckt und hatdadurch die. Seele des Volkes von tausendjähriger Last befreit; er hat dem modernen .Juden den Ausweg aus der verzweifelten Situation gewiesen, indem er ihm zeigte, das alle Qualen und alle Schande des Judeseips nur eine Folge der tausendfältige» Abhängigkeiten und Bedingtheiten des Galuthlebens ist und daß ein Urteil über das jüdische Volk erst dann zulässig sein wird, wenn es ei» souveränes Leben im eigenen Lande führt. Souveränität ist nicht der Freibrief für allerhand Machtgelüste, sondern die Verpflichtung zur Verantwo.rtung für die eigene. Existenz. . Die heillose Konfusion, die in unserem Lager entstanden ist, ist auf die Nervosität zurückzuführen, daß die Einstellung auf Palästina zu romantischer Träumerei und zu Vernachlässigung des lebendigen Volkes führen könnte. Diese Besorgnis scheint aber ganz unbegründet. Wen» auch der Zionismus die einzige Rettung des jüdischen Volkes in der Wiederaufrichtung Zions sieht, so ist es doch ohneweiters klar, daß er nicht die tatsächliche heutige Lage des Volkes vergessen darf; vielmehr muß er als die eigentliche umfassende Volksbewegung, die das Volk zu neuem, besseren Leben führen will, ganz und gar den Wirklichkeiten und Erfordernissen des Lebens sich zuwenden. Henisch weist mit Recht darauf hin, daß weder das Volk, noch das Land für die Erfüllung reif ist; darum hat der Zionismus stets als seine Hauptaufgabe die V o rbereitung des Volkes und des Landes aufgefaßt. Nicht aus äußeren Gründen, sondern aus inneren Gründen mußte die Charter-Politik preisgegeben werden. Nicht weil der Charter nicht zu haben war, sondern weil nicht durch! einen Zauberstab ein solches Werk des Umsturzes wie der Zionismus bewirkt werden kann, sondern nur durch Arbeit von innen. Heute scheint es manchmal (obwohl wir darauf nicht bauen), als ob der Chartergedanke in irgend einer Form wieder auftauchte und in den Bereich der Möglichkeiten träte. Wie verhängnisvoll aber könnte es werden, wenn dem jüdischen Volk sein Land angeboten würde, das Volk aber, nicht reif und nicht vorbereitet wäre, es zu empfangen? Darum ist Konzentration der Kräfte auf Palästina tatsächlich das Gebot der Stunde. Diese Forderung bedeutet doch keineswegs, lee_re Hoffnungen im Volke erwecken, auf die dann eine ernüchternde Enttäuschung folgen könnte; es bedeutet vielmehr den Appell an alle Zionisten, mit gesteigerter Energie zu arbeiten, um für Palästina gerüstet zu sein. Daher scheint es mir sehr unangebracht, jetzt vor dieser Arbeit zu warnen. Vielmehr kann sie gar nicht eindringlich genug gepredigt werden. Wir hatte» im Zionismus immer Not an sachlich und fachlich gebildeten Menschen; selbst eine oberflächliche Vertrautheit mit palästinensischen Kolonisations- Problemen, Verständnis fü.r die Erfordernisse einer Verwirklichung zionistischer Pläne ist leider noch heute ziemlich selten. Angesichts dieses Umstandes geht es nicht an, das palästinische „Ideal“ in eine ferne .Zukunft zu rücken und sich dadurch der Verpflichtung zu ernsthafter Auseinandersetzung mit ihm zu entledigen. Vielmehr muß heute mehr denn je jeder einzelne Zionist die Verpflichtung fühlen, sieb selbst für Palästina vorzubereiten und das Bewußtsein haben, daß von seiner Teilnahme der Aufbau des neuen jüdischen Gemeinwesens abhängt. Haman: Siebst du, wie erbärmlich er ist, wie er sich krümmt, wie er zappelt... Esther: Wenn du ihn sonst gekannt hättest, Haman, seine Würde, seinen Stolz, wie er den Bart strich, wie er seine weißen schmalen Hände bewegte. Mordechai: Esther, Esther, rette uns! Esther: Wie sprichst du Mordechai! Ich bitte dich, sprich nicht so fassungslos. Wie könnte ich euch retten, ich, eine schwache Frau, ihr habt doch eure Weisen, eure Gelehrten. Ich weiß ja, deine Lage ist arg. Aber willst du, daß ich mich deiner schämen muß? — Man sieht auf dich, beobachtet dich. Nimm dich zusammen! Mordechai; Wir sind tief gedemütigt, aber Gott hat uns erhoben. Gott hat durch den Mund seines Propheten gesprochen: die schöne Esther, Esthers Schönheit wird euch retten. Und nun haben wir vernommen, daß Gott dich zur Königin über das ganze Reich gemacht hat Da haben wir uns aufgemacht, ich mit neun von unseren Brüdern — wir zehn, damit wir genügen für die Zahl des Gebetes, und sind zu dir gekommen: du möchtest dich doch erbarmen über die Not deines Volkes, du möchtest uns dein Angesicht zuwenden und ■uns nicht ganz verschmähen — obwohl wir Uebles an dir getan haben und dein Zorn über uns entbrannt ist," als du das Haus deiner Eltern verließest (Er kniet) Esther (hebt ihn auf): Armer Mordechai. Aber wie soll ich dir helfen? — Ach, wärst du nie zu mir gekommen! Du weißt ja nicht, wie schwach ich bin, wie machtlos. Mordechai: , Und mögest deiner Jugend gedenken und des Schulzimmers, in dem du die ersten Buchstaben gelernt hast. Dort, wo du gesessen bist dort sitzen und spielen jetzt andere Judenkinder und blühen zu unserer Lust und zur Ehre Gottes. Und wie in dieser einen Stadt, ist es in allen Städten. Ueberall wachsen kluge, gute, gesunde Kinder auf — und allen droht das Verhängnis zugleich mit ihren Eltern, allen an einem Tage. Esther: So hast du diese weite Reise unternommen, Mordechai, hast deine Bücher gelassen, von denen du dich sonst nie getrennt hast Wer hat dir die Wege gezeigt? Wer hat dich gepflegt, du schwächlicher Mann, wenn deine Füße matt wurden? — Haman, rührt er dich nicht? Rührt dich auch das nicht? Haman: Jedes Wort das er spricht, bestärkt mich in meinem Entschluß. Mordechai: Da mir der Herrrdiese Mühe auferlegt hat, mußte ich gehorchen. Ach und wehe, es war ein arger Weg. Ueberall Leiden, nirgends waren wir des Lebens sicher, nirgends gesetzliches' Essen für einen Juden, nirgends ein Arzt, ja nicht einmal ein Schneider, der unsere von Dornen zerfetzten Kleider nach dem Gesetze ausgebessert hätte. Acht Tage und acht Nächte wandern wir schon. Die Genossen liegen am Waldrand, sind so erschöpft, nur ich bin vorangeeilt Ach das Volk der Gerechten ist verlassen unter den Myriaden der Fremden. Wir verschmachten. Du wirst uns Essen geben, das wir essen dürfen? Esther, du wirst uns nicht verschmachten lassen? — Ach, da ist schon ein Stern. Man versäumt die Gebetzeichen, man versäumt alles, man stirbt .... (Er stellt sich abseits und beginnt sofort das Abendgebet, indem er. sich mit einer Hand am Felsen festhält und den Oberkörper über die Bank wie ein Pult hin- und zurückneigt.) Haman: Gesetz, alles Gesetz-Und für diese Brut willst dii etwas wagen. Du bist doch selbst vo» ihnen weggelauien, von ihrem Geleier, vor ihrem Geplärr, und du fühlst jetzt, wie recht du daran getan hast. Esther: Es ist schrecklich — etwas zieht mich zu ihm und etwas stößt mich ab. Mordechai (sagt einzelne Bruchstücke des Gebetes mit lauter Stimme, immer singend): Darum hoffen wir auf dich, Ewiger, unser Gott, darum hoffen wir, recht bald deine Herrlichkeit zu schauen . . . daß, die Welt vervollkommnet werde durch das Reich Gottes und alle Kinder des Fleisches deinen Namen anrufen und sich zu dir wenden alle Frevler der Erde . . . Haman: Geschmeiß!