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Jüdische Zeitung · 1918-06-07 · 23 (7.6.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
23 (7.6.1918)
Date
1918-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Administration.: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien) Freitag( den 7. Juni 1918 — 4. Thamus 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 k Postsparkassenkonto 133.404 Oesterreich und der Zionismus Der schweizerische Zionist Dr. P i n k u s hat eine Broschüre. ..Vor der Gründung des Judenstaates“. veröffentlicht, die ein •/utes Beispiel politischer Hysterie darstellt. Pinkus stellt ganz im Banne der eutentistischen Erklärungen für den Zionismus und fordert einen bedingungslosen Anschluß der zionistischen Weltorganisation an die Entente. Er kritisiert leidenschaftlich die gegenwärtige zionistische Leitung wegen ihrer reservierten und neutralen Haltung. Wie vereinzelt Pinkus mit seiner Anschauung steht, beweist z. B. die in der letzten Nummer unseres Blattes veröffentlichte Resolution der englischen Poale- Zion. die dagegen Protest erheben, daß Palästina eine englische Kronkolonie werden könnte. Pinkus' Broschüre ist von Erbitterung und Haß gegen die Zentralmächte erfüllt und er beweist damit nur. wie sehr er sich von der Ententeorooaganda beeinflussen ließ, wie sehr er sich assimiliert und das selbständige zionistische Denken verlernt hat. Das Bekanntwerden des Buches von Pinkus hat Anlaß zu einem bedeutsamen Artikel gegeben, den Ing. Robert Stricker Ln der jidischen „Wiener Morgenzeitung“ unter dem Titel „Oesterreich und der Zionismus“ veröffentlichte. Der Artikel gewinnt an Bedeutung dadurch, daß hier ein führender Zionist und Obmann des Jüdischen Nationalvereines in Oesterreich es unternimmt die Interessenbeziehungen zwischen dem Zionismus und dem österreichischen Staat aufzuzeigen. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um Stellungnahme zu irgendeiner österreichischen Regierung oder Politik, sondern um die Entwicklung von Gesichtspunkten aus der Idee des österreichischen Staates. Stricker charakterisiert zunächst die Haltung des Dr. Pinkus als eine „isolierte, von der politischen Tageskoniunktur diktierte, aber mit zionistischer Denkart unverträgliche“, und fährt dann fort: . „In der Sache selbst-muß dem Dr. Pinkus tendenziöse Verteilung von Licht und Schatten zum Vorwurfe gemacht werden. Hie Judenfreundlichkeit und Philozionismus. dort Antisemitismus und Antizionismus. Wie wars denn um die Judenfreundlichkeit der Entente bestellt, als sie noch mit dem zaristischen Rußland und mit Rumänien gemeinsam kämpfte? Ist sie den zaristischen Judenmördern und 'der rumänischen Soldateska in den Arm gefallen, hat sie sich iür die endliche Erlösung der russischen und rumänischen Juden damals auch nur iin geringsten engagiert? Die Argumente des Dr. Pinkus fordern diese Fragen direkt heraus. Noch mehr: hätten die Umstände ein Zusammengehen mit der Türkei herbeigefülirt. wäre dann die Stellungnahme der Entente so unzweifelhaft zionistisch gewesen, wäre die Anerkennung des Rechtes der Juden auf Palästina in so unbedingter Form ausgesprochen worden? Es gibt keinen Zionisten, welcher sich nicht ehrlich darüber freut, daß Amerika. England. Frankreich lind Italien die zionistischen Ansprüche anerkennen und fördern wollen. Es wäre kriecherisch, unmännlich und dumm, wenn die Zionisten der mitteleuropäischen Staaten auf diese Anerkennung mit Weigerung und Schmähung antworten wür- Aus „Eine Königin Esther“ Von Max Brod. Ma* Brod's Drama „Eine Königin Esther“ wurde kürzlich in Königsberg (Preußen) mit großem Erfolg aufgeführt. Das Stück ist die Tragödie des Galuth, der jüdischen Entartung, es zeigt im Bilde einer Esthergeschichte die Irrgänge der verbannten, zu ihrem Ursprung zurücksuchenden Gottesglorie. Esther, Mordechai, Haman sind typische Gestalten, deren Charakter in tragischem Kontrast zu allen Purimscherzen und Purimspielen steht. Der Autor sagt in seiner Vorbemerkung: „Zeit und Landschaft nicht genau umschrieben, keinesfalls persisch-biblisch, am ehesten etwa: litauisches Volksmärchen der neueren Zeit.“ Der Konflikt des Dramas ist ein zeitloser, immer wiederkehrender; er wird am deutlichsten in iier Gestalt des Haman, der hier als jüdischer Renegat auf tritt: er hat den ganzen tiefen Widerspruch des Galuthjuden in sich, er hat sein Volk aus Abscheu vor der Niedrigkeit und Gottlosigkeit des jüdischen Lebens verlassen. „Sie wollen alles versöhnen, ausgleichen, einschläfern. Sie lügen ununterbrochen und fühlen sich so sicher in ihrer Lüge, daß sie schon ganz unbewußt zu lügen verstehen. Sie haben ein Gesetz, daß man ■ sich sicher fühlen muß ... Die Sünde wird aus der,Welt verschwinden, an dem Tage, an dem der letzte Jude stirbt. Denn es gibt nur eine Sünde: Selbstgerechtigkeit.“ Aus diesem eigenen Erleben heraus wird erst der tiefe Haß des Haman verständlich, der Haß des ringenden ::Menschen gegen den eigenen Widersacher, gegen die ewige Anfechtung. Auch Fsther hat ihrem Volk den Rücken gewandt und die Art ihrer Rettungsden. weil sie vom Gegner kommt. Es wäre heuchlerisch. sie abzulehnen, weil nicht reiner Herzenstrieb die Entente bewegt, sondern praktische Erwägungen die Hauptrolle spielen. Aber es liegt auch nicht der geringste Anlaß vor. alle zionistischen Prinzipien über den Haufen zu werfen und die zionistische Organisation, ja sogar Palästina einer nichtiüdischen Macht endgültig zu verschreiben. Wenn Dr. Pinkus die Menschheit in Idealisten und Gewaltmenschen, in Engel und Teufel teilt, so werden ihm eben die Zionisten auf diesem Wege nicht folgen. Ihr Ideal ist und bleibt ein jüdisches Palästina, das jüdischer Arbeit und gütlicher Auseinandersetzung mit allen Völkern sein Entstehen dankt. Dr. Pinkus hält es für notwendig, daß die Zionisten in Verfolgung ihres Zieles gegen einzelne Mächte, insbesondere gegen die Türkei, feindselig Stellung nehmen. Er meint, daß die Zionisten der Mittelmächte in einen Gewissenskonflikt geraten und gewissermaßen zwischen ihrem Vaterlande und Palästina die Wahl treffen müssen. Diese Notwendigkeit lebt aber nur in seiner Einbildung.' für den prinzipientreuen Zionisten besteht sie nicht. Dr. Pinkus stellt Deutschland und Oesterreich als Hüter des antisemitischen und antizionistischen Gedankens hin. Ich fühle mich nicht berufen. hier über Deutschland zu sprechen. Aber als österreichischer Zionist fühle ich mich dazu gedrängt, gegen diese oberflächliche und falsche Beurteilung Oesterreichs anzukämpfen. Sie ist nicht nur angetan, das Ansehen Oesterreichs zu schädigen, sie verstößt gleicherweise gegen die Interessen des Judentums und vor allem der zionistischen Bewegung. Die Beherrschung Wiens durch die christlichsozialen Antisemiten, die iudenfeindUche Tendenz der nationalen Presse, insbesondere aber antisemitische Ausschreitungen in Galizien und Mähren während des Krieges und andere ähnliche Begebenheiten haben dahin geführt, in Oesterreich ein antisemitisch es'Musterland zu erblicken und den Antisemitismus als einen wesentlichen Bestandteil des österreichischen Reichsgedankens zu bezeichnen. Diese Anschauung ist aber das Resultat einer rein äußerlichen Betrachtung und grundfalsch. Die österreichische Reichsidee hat mit dem Antisemitismus nichts gemein, im Gegenteil, sie schließt ihn aus. Im Nationalitätenstaate Oesterreich kann nicht auf die Dauer gegen das eine oder das andere Volk regiert werden. Früher oder später muß jedes österreichische Volk zu seinem Rechte kommen. Der nationale Aufstieg der Tschechen. Ruthenen und Slowenen, welche vor wenigen Jahrzehnten noch vernachlässigte und völkisch entrechtete Gruppen bildeten, liefert den besten Beweis. Den Juden, die an fünfter Stelle unter den neun Nationen stehen, ist dieselbe Chance geboten. Und wenn das jüdische Volk in Oesterreich bisher nicht zu seinem vollen Rechte gekommen ist. so trägt nicht Oesterreich die Schuld. Die Juden selbst sind daiiir verantwortlich, sie haben ihr Recht als österreichisches Volk nie angestrebt, sie haben es nie verlangt, sie haben nie dafür gekämpft. Sie haben ihr Volkstum verleugnet, haben tat ist ebenso eine Schmach iür das Volk, wie die Feier des Purimiestes. Darum spricht sie selbst beim Anblick des ob seiner Errettung jubelnden Volkes in tiefer Scham: „Ich muß sie lehren, dieses Fest nicht zu feiern. Gerade das ist meine Aufgabe. Denn ich weiß jetzt: solange sie dieses Fest feiern, kann der Messias nicht in die Welt kommen. Du siehst, sie brauchen mich dringender als irgendwer sonst.“ Das eigentliche Werk der Rettung, das größer ist als die Bewahrung vor dem leiblichen Tod, ist noch zu vollbringen. Darum geht die Königin aus dem Palast zu ihrem Volk zurück. ln diesen Bemerkungen sei ungefähr angedeutet, wie die Deutung des Esther-Symboles bei Brod zu verstehen ist. Wir geben im folgenden eine der stärksten Szenen des Dramas, dessen Buchausgabe im Verlag Kurt Wolff (Leipzig 1918) vor kurzem erschienen ist. mit Bewilligung des Dichters wieder. 9' Mordechai (ist von links eingetreten. Er trägt einen langen Kaftan und Schläfenlocken. Er ist nicht älter als die anderen Hauptpersonen des Stückes). Mordechai: Kann ein armer, kranker, abgehetzter Mann hier erfahren, ob er auf dem rechten Weg zum Schloß des Königs ist? Esther: Mordechai! Mordechai: Du bist es selbst, Esther! II. Kreis (Westösterr.) der Jüdischen Turnersebaft Wanderbund Blau-Weiß * Schomrim HOifdies turn: u. Sportwelt Per Damen:, Zöglings: und Rinöe^Bbteilungan Sonntag, den 23. Juni 1918 zu Gunsten der .Notstandsaktion für Palästina“ Nachm. V^SUhr: Sportveranstaltung auf dem Sport» platz Hohe Warte Abends 7 Uhr: Schauturnen im großen Kouzerthaussaale. Näheres in den Wiener Tageablättarn tutd jüdischen Zeitungen. Kartenvorverkauf: BUro der JUd. Turnerschaft, II. Zirkusg. 33, )Udische3 Jugendheim, 11. Obere Donaustra e 91, Buchandl. ß. Löwlt, 1. Rotenturmstraöe 23. unter allen möglichen fremden Fahnen gestritten, nie unter der jüdischen. Als die nationale Bewegung unter den Juden Österreichs begann, da waren cs Juden, hochgestellte und einflußreiche Juden, welche diese Bestrebungen des erwachenden jüdischen Volkes brutal bekämpft haben. Die Zentralregierung hat sich nie feindlich verhaken. Vor wenigen Wochen erst hat die österreichische Regierung den Vertretern der national organisierten Judenschaft ihre Bereitwilligkeit erklärt, bei der Neuordnung der Verfassung iür die Anerkennung des Jüdischen Volkes und volle Gewährleistung seiner Rechte durch die Verfassung einzutreten. Und diese Anerkennung wird gewiß erfolgen. wen'.i es nicht wiederum einer Gruppe er.tjudeter Juden gelingt, die ehrliche Absicht der Regierung zu vereiteln. Daß Oesterreich ein Land ist. welches den Minoritätsvölkern alle Möglichkeiten der t'reieu Entwicklung bietet, das empfinden die Juden instinktiv und. man kann das ruhig behaupten, es gibt keinen österreichischen .luden, der nicht den Bestand Oesterreichs voll und ganz bejaht und die freie Entwicklung Oesterreichs im Interesse des jüdischen Volkes lebhaft wünscht. Das Unternehmen des Dr. Pinkus. Oesterreich als die Verkörperung des iudenfeindlichen Prinzips und ein Hindernis für die jüdischnationale Bewegung hinzustellen, muß gerade von den Verfechtern des jüdischen Nationalgedankens in Oesterreich energisch abgelehnt werden. Aehnlich ist es um das Verhältnis Oesterreichs zur zionistischen Bewegung bestellt. Oesterreich ist die Wiege der modernen zionistischen Idee. Hier hat Herzl sein Werk begonnen, den Grundstein zur Weltorganisation gelegt und an ihrer Ausgestaltung gearbeitet. Nie ist ihm von österreichischer Seite ein Hindernis bereitet worden. Dieser Umstand mag an sich geringfügig sein. Wenn mau aber bedenkt, mit welch niedrigen Mitteln, mit welch unerhörtem Aufwande von Verdächtigungen. Anklagen und niederträchtigen Intrigugn damals das allmächtige Assimilationsiudentnm daran gearbeitet hat. die Oeiientlichkeit und vor allem die Regierungen gegen die Zionisten zu hetzen, so ist das Verhalten Oesterreichs gewiß nicht zu unterschätzen. Auch im Verlaufe des Krieges hat sich -nichts ereignet, was dazu be- Esther: Kommst du aus der Heimat, Vetter Mordechai? Kommst du zu mir? Mordechai: Ach, Esther, neue Leiden zu den alten Leiden. Das Maß des göttlichen Zornes ist noch nicht voll. Es war also nicht genug, daß wir aus der heiligen Stadt hinweggeiührt worden sind, wir •sollen hier in der Fremde in der Verbannung auch noch geplündert, gemartert, hingeschlachtet werden. Unsere Feinde höhnen uns und sagen: gekommen, gekommen ist der Tag . Wir indessen bücken uns vor dem Herrn und iasten, aber unsere Gebete gelangen nicht vor seinen Thron. — Briefe sind gekommen. Briefe an alle Statthalter der Provinzen. Wir sollen zusammenget.rieben werden und hingemordet. alle an einem Tage, ach und wehe, unseren Feinden und nicht uns möge solch ein Tag erscheinen. Esther: Haman, hörst du, was er sagt? Haman: Scheußliches, unerträgliches Gewinsel höre ich, nichts anderes. Mordechai: Ja, Haman heißt der Böse, Haman trachtet uns nach dem Leben, Haman wird uns vom Erdboden vertilgen, uns und unsere Kinder. Esther: Fasse dich doch. Mordechai. sprich nicht so verzagt, so kläglich . . .

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