Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 20 (17.5.1918)
- Date
- 1918-05-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-cjeite A JÜDISCHE ZEITUNG '«‘v ' Nr. 20 die Verpflichtung in hohem Maß empfinden sollte, bei der zionistischen. Man sah bei der Jugendkoniereiiz — außer den Ehrengästen. Zuschauern etc. — als aktive Teilnehmer eigentlich nur jene Gruppe, die ohnedies schon hcbräisiert ist. Wir hoiien. daß die Bewegung bald auch aut jene Gruppen übergeht, .die jnit dem Postulat des hebräischen Sprachstudiums spielen, ohne damit Ernst zu machen. Die Tagung hatte in ihrem Verlaute mit Schwierigkeiten des Materiales und der Auflassung zu kämpfe«. Die Vormittagssitzung bot in den Referaten des Herr« Dr, -Baron über die hebräische Sprachbewegung und des Herrn Kesten ba um über Methode und Kritik unserer Arbeit und in de« Berichten über hebräische Jugendarbeit in Oesterreich zunächst einen Uebertolick über, die hebräische Spraclibewegung. Die Referate des Herrn Dr. Abraham Soinie^.Die jüdische Jugend und die hebräische Sprache“ und des Herrn Dr. Heinrich G1 a n z „Wege zur hebräischen Sprache in, Schule und Jugendbewegung“ gaben einen klaren und eindringlichen Einblick in die Probleme der hebräischen Spracherl.ernung, der Stellung der jüd. Jugend von heute zur hebräischen Sprache. Die lebhafte Diskussion beschäftigte sich mit den vorgelegten Resolutionen. 'Eine konkrete Beratung über die zukünftige Arbeit wird demnächst jn kleinerem Kreise erfolgen. Die Richtlinien für diese Arbeit beschloß die anwesende Jugend einstimmig wie iolgt: „1. Die jüdische Jugend ist gewillt, der Verlebendigung der hebräischen Sprache ihre Kraft zu widmen. Die innerhalb' des zu begründenden Verbandes der jüdischen Jugciidgruppen Oesterreichs vereinigten Organisationen werden sich zu einem Arbeitskreise für hebräische Spracherlerjiung und Spraciiverbreitinii; zusammenschließen. Sie beauftragen in diesem Sinne die auf 4eat kommenden Jugendtage zu wählende Leitung des Verbandes, ein hebräisches Arbeitsamt mit einem Referate in'der Vcrbandsleiiung zu begründen. Die einzelnen Gruppen werden zu ihrer Aufgabe machen: I. Die rege Pflege der hebräischen Sprache in eigenen Lern-. Sprech-'und Lesezirkeln. 2. Die Ausbildung Hebräisch beherrschender Jugendführer. 3. Den Beitritt zu hebräischen Jugendorganisationen. II. Forderungen an die Schule. Die jüdische Jugend fordert die Pflege der hebräischen Sprache als Grundlage der jüdischen Erziehung. Sie lehnt denhebräischen Scheinunterricht in seinen erstarrten Formen im Rahmen des gegenwärtigen Religionsunterriclites, der nur noch einen kärglichen Rest des einstigen jüdischen Schulwesens bildet, ab. Sie fühlt sich durch die -Vernachlässigung der hebräischen Sprache zutiefst beschämt. Die Jugend fordert einen hebräischen Minimallehrplau der Schule, durch deir die Möglichkeit der Vertiefung in -die jüdische Kultur, der Pflege echten Nationalbewußtseins . und wahrer Religiosität vorgezeichnet erscheint. — Sie muß mindestens hebräischen Sprach- und Literaturunterricht schon in den bestehenden Schuleinrichtungen in jenem Ausmaße fordern, der dem Hebräischen als der Sprache ihrer Kultur zukommt. . ' In der Erkenntnis jedoch, daß eine jüdische Erziehung nur in der eigenen j ii d i s c h e n Schule restlos verwirklicht werden kann, erstrebt und fordert sie diese nationale jüdische Schule, die allein "die Möglichkeit einer künftigen Hebräisierung von Schule und Leben gewährleistet. 111. Die jüdische Jugend weist auf die Wichtigkeit der hebräischen Lehrerausbildung auf sprachpädagogischer und jüdisch-kultureller Grundlage hin, die nur von einein jüdischen Pädagogium geleistet werden kann. Ebenso bedarf es der Schaffung jugendgemäßer, geeigneter Lehrmittel und Lehrmethoden. IV. An die jüdische Oeffeutliciikeit spricht die jüdische Jugend die Erwartung aus, daß die durch tatkräftige Förderung der hebräischen Sprachpflege die Bestrebungen der jüdischen Jugend ermögliche.“ # Wir sind überzeugt, daß die Bestrebungen der Jugend, wenn sic mit Ernst und Nachdruck vertreten werden, sich durchsetzen werden. Die Notwendigkeit einer gänzlichen Neugestaltung des Erzichungs- und Unterrichtswesens dürfte nirgends mehr bestritten werden. „Attentat auf den guten Namen 4 Die Wiener Zeitschrift „Polen“ beschäftigt sich in ihremletzten Heft unter dem-Titel: „Brotfrage und. Juden frage“ mit den Krakauer Ereignissen und bezeichnet die jüdischnationalen Meldungen über den antisemitischen Charakter der Exzesse als systematisch betriebenes „Attentat auf den guten Namen der polnischen Nation“, das nur geeignet ist, das Verhältnis zwischen Polen und Juden zu vergiften. Die durchaus unklaren Ausführungen, mit denen das Vorhandensein einer großen antisemitischen Bewegung in Polen beschönigt werden soll, bedürfen der Erwiderung und sachlichen Berichtigung. Denn während zunächst Verwahrung dagegen eingelegt wird, daß von jüdischer Seite ein Zusammenhang zwischen Brotfrage und Judenfragc konstruiert wird, ist dann die Rede von der Chohner Demonstration und von der Abwehr der Einmischung rcichsdeutscher juden. richten sich die antisemitischen. Vorfälle gegen den deutsch-jüdischen Einfluß, so existieren sie doch allenfalls. Es muß nochmals festgestellt Werden, daß die Meldung von antisemitischer Hetze in Galizien keine böswillige Verleumdung ist. “V völlig zuverlässige Augenzeugen berichten, daß in Kra- - kau die Judengeschlagen, wurden, während wenige Schritte daneben vor einer großen christlichen Kolonialwarenhandlung in aller' Ruhe mehrere Wageii Zucker abgeladqp wurden. Es stellt so, daß tatsächlich die Demonstration für Cholm im ganzen Lande den Anlaß zu antisemitischer Agitation gab; wenn damals vom Krakauer und Lemberger Kultusvorstand die Pogromnachricht bereitwillig . auf Bestellung dementiert wurde, beweist das nichts für S i r y.j, und Nen-Sandez und unzählige kleinere Orte. Die Tatsachen wurden damals vom Abg. S t r a ucher in einer Interpellation der Regierung vorgelegt: ein Bericht, der sich mit den Vorgängen in Stryj beiaßte, wurde in Nr. 14 unserer Zeitung konfisziert. Daß auch der Artikelschreiber des „Polen“ diese Tatsache trotz anfänglichen Widerstrebens - zi’gibt, wird durch den Umstand bewiesen, daß er die antisemitische Stimmung in 'Polen zu e r- ' klären sucht. Aber auch dabei leistet er sich grobe Entstellungen. Erstens stellt er die Sache so dar, als oh die nationaljüdischen und zionistischen Kreise das polnische Judentum zu einem . Bolhverk des deutschen Imperialismus machen wollten, wogegen sich die Polen wahren. Bei einiger Vertrautheit mit den Verhältnissen, die man doch bei' dem anonymen Advokatus diaboli voräussetzen sollte, müßte er wissen, daß die nationaljüdischen Kreise diesen— Tendenzen völlig fernstehen und immer betont haben, daß das jüdische Volk mündig ist und sich selbst mit dem Volk, mit dem cs zusammenlebt, auseinandersetzen muß, wobei. nur die eigenen menschlichen, bürgerlichen und nationalen Lebensbedürfnisse der Juden bestimmend sind. Die Juden Polens können sich ja auch nicht gerade über eine besondere Verhätschelung seitens der deutschen Okkiipationsverwaltung beklagen. Zweitens aber weiß jedermann, daß die antisemitische Hetze in Polen schon vordem Krieg einsetzte, als von 'deutschem Einfluß keine Rede wuir. Die große Boykottbewegung, die anläßlich der unerhörten Zuir.uti ngc-ji bei der Warschauer Dumawahl, w'o von den Juden die Wahl eines Antisemiten gefordert wurde, ihren Höhepunkt erreichte und eine systematische Expropriation der Juden zum Ziel hatte, ist Beweis genug. Wir Nationaljuden können sagen, daß wir ehrlich und offen eine Verständigung mit der polnischen Nation angestrebt und gesucht haben. Die Antwort war aber die Boykotthetzerei, die wüsten Hetzreden des Antisemiten Ilski im Warschauer Stadtrat, die judenfeindlichen Warschauer Verordnungen, die Vorfälle in Stryj und Krakau, die Ausgabe von antisemitischen Flugblätter«, die schroffe Ablehnung der jüdischen Forderungen nach Freiheit des national-kulturellen Lebens. Wir werden uns durch keinerlei „Drohung“ - einsehiidiiern lassen, diese Wahrheit vor aller Welt zu erklären, und wenn der Eindruck im Ausland ein für das polnische Volk ungünstiger ist, so ist dps nicht unsere Schuld. Unser Los ist wahrhaftig hart genug; zu einer Beschönigung haben wir keinen Anlaß. VVir anerkennen, daß es auch in Polen Kreise gibt, die die antisemitische Wühlarbeit verurteilen; der , Hirtenbrief des Fürstbischofs von Krakau, der sich gegen die Judenhetze wendet und — zum Schutze der Ehre der polnischen Nation! — * von der Zensur unterdrückt wurde, ist aber ein Beweis für die traurigen Ereignisse, nicht gegen sie. Und das weitere Ergebnis der Unruhen, aui das „Polen“ anspielt, ist doch eben nur eine Folge der aus dem antisemitischen Agitationsherd losgebrochenen Bewegung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden loyale und friedfertige Mitbürger der Polen zu sein gewillt sind. Aber herumtrampeln lassen sie nicht auf sich. Wenn „Polen“ unter Loyalität versieht, daß man sich prügeln läßt und dann die Hand küßt, die einen schlug, daß mail sich als vogelfrei behandeln läßt und dann nur um die Ehre des „Herrn" besorgt ist, so muß er darauf aufmerksam gemacht werden, daß eine solche Sklavcngesiimuiig dem jüdischen .Volk nicht mehr zugemutet werden darf. Vielleicht war das einmal so; die Zeiten aber sind vorüber. Wir sehen leider artf Seite der Polen sehr wenig ..verständnisvolles Entgegenkommen, niemand Avürde cs freudiger begrüßen, niemand freudiger aller Welt kundtun, wenn die Ansätze zu einer Verständigung sich böten. Das jüdische Volk ist wahrhaftig nicht streitsüchtig und sucht keine-Händel. Es verleumdet niemand zu Unrecht, es ist gewillt, sich in das Staatsganze klaglos einznfiigen. Aber es verlangt auch Respekt vor seiner Ehre und seiner Würde, 'und Gewährleistung seiner Integrität und freien Entwicklung. Das polnische Volk, ist auf falschem Weg, wenn es, während es sich aus Unterdrückung zur Selbständigkeit zu erheben anschickt, andere Völker als passive, Werkzeuge mißbrauchen-uiid ihren Lebensnerv knicken will. Nur aus der Vereinigung selbstbewußter, lebendiger Völker kann ein harmonisches Aufblühen der Volksgemeinschaft entstehen. i der sicli vollziehenden Verwirklichung. B u b e r selbst bat durch die Schöpfung der Zeitschrift ..Der Jude“ eine der bedeutungsvollsten zionistischen Taten der letzten Zeit vollbracht, die als politische Leistung ersten Ranges einziiscliätzen äst. Vor allem aber soll Martin B u b e r ein Führer der Jugend sein. Er wird in Wien zur Jüdischen Jugend sprechen. Von ihm hat die Jugend den iür ihr Leben entscheidendsten Einiluß erfahren. Aus seinem Wort schöpft sie die Lehre .für ihr neues, im Judentum sich bewährendes. Menschentum. Er gibt ihr die Sicherheit eines beglückenden. jugendlichen, auigabenreiclien Lebeais. Die jüdische Jugend Wiens sieht mit dankbarer Erwartung dem Besuche B u b e r s entgegen. Zu Schewuoth. dem Feste der Gesetzgebung, kommt Martin B u b e r nacli Wien. Wir warten aui ihn, wie. Wächter aui den Morgen warten. .Michael Walter. _ Martin Buber Von Gustav L a u d a u e r.*) Marthi Buber ist in seinen Büchern vom Baalscliem, vom Rabbi Nachman und vor allem in seinen Drei Reden über das Judentum, um seine eigenen, leicht variierten Worte aui ihn selbst anzuwenden, der Apostel des Judentums vor der Menschheit. Er hat keinen Appell losgelassen, hat nicht zur Scham und zur Einsicht oder zur Duldung und Menschlichkeit aufgerufen; er hat nur öeiientlich zu deu Juden gesprochen und ihnen an einem groß zusammengeiaßten, verklärten, fast zum Mythus gestalteten Bild der Vergangenheit und aus den Tiefen seiner eigenen *) Aus dem Buber-Heit der „Neuen Blätter“ (Hellerau 1913): Seele heraus gesagt, was sie damit sind, daß sie Juden sind. Er ist kein Streitlustiger und hat nicht geeifert; er hat Seiendes, Verschüttetes, Unterirdisches heraufbeschworen und hat dürstenden Schattenden Trank des Lebens, der Schönheit und der Verwirklichung gereicht, der ihnen wieder zu einem Leibe verholfen hat. Und für Juden und Nichtiuden ist das Bild jüdischen Wesens anders geworden. Das Verstandesmäßige, das Scharfe, Spitze, Stechende, das Wit'zige, Kritische, Zersetzende, das Gewandte und in alle Formen sich Schmiegende hatte man für jüdisch gehalten, sodaß, da das alles nur Reaktion und Negation war, wie sie jedes Volk und. jeder Teil eines Volkes annimmt, wenn sie in Unterdrückung und Empörung gedrängt werden, das jüdische Volk das einzige zu sein schien, das Züge des Positiven nicht aufwies. Und so sehr und so laut viele drängten, dem Judentum eine äußere Volks- oder gar Staatsgewalt zu schaffen, es schien außer dein physiologisch-physiognomischen und dem geschichtlichen Band keine Einheit da zu sein, die aus dem östlichen orthodoxen Wiederholer unverstandener und sinnlos gewordener Religions- Übungen, dem Berliner Bankier, dem süddeutschen Viehhändler und solchen aus Schwermut, Aufruhr, Zersetzung und Imitation gemischten Gestalten wie Börne oder Heine ein Volk gemacht hätte. Da ist nun vielleicht noch wichtiger als der Inhalt von Bubers Eröffnungen, wesentlicher als all das Erweckende, Mitteilende, Offenbarende und die Gewissen und das tiefste Wissen Erschütternde der bezwingende, unvergeßliche, nicht umznstossende Eindruck der Wahrheit, den Martin Bubers Rede auf alle macht, die sie hören. Daß. was er jüdisches Wesen nennt, im Laufe von Jahrtausenden immer nur an wenigen in Fülle hervorgetreten ist und durch sie auf Volk und Menschheit gewirkt hat, ist gewiß kein Einwand gegen den Blick, den er in die Zeiten tut, und gegen die Erneuerung, die er kündet: denn so stellen*alle Völker in der Geschichte, da und schreiten ihren neuen Geschicken zu. Aber möchten selbst, was schwer zu glauben ist', die Züge wieder ausgelöscht werden, in denen Buber jüdisches Wesen gezeichnet hat, möchte gar ein völlig anderes Judentum 'für Vergangenheit und Zukunft, festgestellt werden, eines wird bleiben, eines, das Buber nicht geschaffen, das er geschaut und in sich gefunden und mit dem Zwange und der Stärke der Wirklichkeit gestaltet hat: daß dieses Volk vor sich selbst und den andern in Reinheit steht, und daß die Menschheit in diesenr^vic in jedem echten und lebendigen Volke sich selbst lind ein Abbild ihres Wesens gespiegelt findet. ' / Der Baalschem über den Krieg Der Maggid von Meseritsch fragte einst den Baalschem: „Meister! Du hast uns gelehrt, es gebe nichts unbedingt .Böses in der Welt, denn ein Korn des Guten sei in allen Dingen. Was ist denn am Kriege Gutes zu finden?“ Der Baalschem antwortete: „Aus dem unendlichen Lctd wird unendliche Klage, aus der unendlichen Klage wird eine Melodie, die zwingt die Herzen der Menschen und zieht sie zu Gott.“ .(Mitgeteilt im soeben erscheinenden 1. Heft' des 3. lalirg des „Juden“ von S. A. Ilorodetzky.) Literarische Nachrichten Germania Judaica. Herausgegcbcu im Aufträge der, Gesellschaft zur Föderung der Wissenschaft des Judentums von M. Brann und A. Freimann, Bd. 1. 1, Frankfurt a. M„ 1917. (J. Kauifmann.) — Das Werk bietet in alphabetischer Reihenfolge quellenmäßige Darstellungen der Ge-