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Jüdische Zeitung · 1918-05-17 · 20 (17.5.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
20 (17.5.1918)
Date
1918-05-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 1. Die allgemeine jüdische Schule, die in ihren inneren und äußeren Einrichtungen schöpferisch vereinigt die kulturellen und nationalen Anforderungen des Volkes mit den physischen, psychischen und kulturellen Notwendigkeiten der Jugend. 2. Die Mittel zu ihrer "kulturellen Bildung: vor allem Schaffung von Bibliotheken, Herausgabe von Büchern, Heranbildung von Lehrern, Organisierung von Reisen. 3. Eine Umgestaltung des Religionsunterrichtes an den Schulen, in der Weise, daß er die Jugend befriedigt, sie mit wichtigen Sach- -und Sprachkenntnissen versieht, ihr die richtigen religiösen, nationalen, kulturellen und sozialen Richtungen weist 4. Ein umfassendes, einheitliches nationales Jugendfürsorgewerk,, das in einem reichausgebauten Fonds gipfelt, durch den es möglich würde, allmählich die ganze jüdische Jugend bis in ihr 18. Lebensjahr von aller wirtschaftlichen Zwangsarbeit zu befreien. 5. Ein allgemeines Berufsberatungsamt, das die nötige Berufsunischichtung der'''jüdischen Jugend anregen, leiten und durch Schaffung der wichtigen Fachausbildungsstätten ermöglichen könnte. III. Die Organisierung der jüdischen Jugend. 1. Die Organisation umfaßt jene Gemeinschaften, deren Aufgabe cs ist, der Jugend das oben angedeutete Leben zu ermöglichen und die oben gestellten Forderungen zu erheben, zu vertreten und durchzusetzen. 2. "Solange und soweit diese Forderungen an die Gesamtheit von dieser nicht erfüllt werden oder werden können, schafft die Organisation durch Selbsthilfe die nötigen Einrichtungen. 3. Dies gilt insbesondere für alle Aufgaben. -Avelche die Arbeit für das Volk betreffen. Die Organisation verpflichtet demnach alle ihre Mitglieder zu einer näher zu bestimmenden Dienstpflicht und sozialen Arbeit. Die Aufgaben der zionistischen Jugend Von Adolf Böhm. Wir geben hier einen Auszug, aus ,der Ansprache an die Studentenschaft, die Adolf Böhm im Jahre 1910 beim Wiener zionistischen Distriksiag gehalten hat. Die Worte haben seither nichts an Gewicht und Aktualität veroien. Der Zionismus ist zuerst eine Forderung an uns selbst, dann erst eine solche an die anderen. Das wird über der ewigen Agitationsarbeit, die ja gewiß immer nötig ist, immer wieder vergessen. Deshalb muß von Zeit zu Zeit daran erinnert werden. Le Sionisme oblige! Der Zionismus verpflichtet, das shi unsere erste Erkenntnis. Das neue Judentum, das wir verlangen, müssen wir zuerst in uns seIbst aufrichten, bevor wir andere dazu bekehren wollen. Wären alle Zionisten schon neue Juden, dann wären wir dem - Ziele unendlich näher. Denn erstens hätten wir dann ein Stück Ideal verwirklicht und in uns verkörpert, zweitens würden wir die anderen nicht bloß überreden, sondern überzeugen können. Denn hundert .Reden wirken nicht so überzeugend als eine- Tatsache. Und dies: daß wir durch unser Sein wirken müssen, nicht durch unser Reden, gilt nicht nur für die Aufgaben der "Zionisten gegenüber den anderen Juden, sondern für alle Juden gegenüber den Nichtjuden. Wenn diese in theoretischen Werken wie im Alltagsleben den Juden diese oder jene Eigenschaft andichten, resp. absprechen, so müssen wir durch unser Anderssein, nicht aber durch Vereine zur Abwehr des Antisemitismus diese Tendenzlügen widerlegen. Das ist gar keine zionistische, sondern eine jüdische Forderung. Natürlich muß sie vor allem an die Zionisten,. als jene Juden, welchen allein das Schicksal des Judentums am Herzen .liegt, gestellt werden und unter ihnen zuerst an die Jugend. Denn diese ist noch bildungsfähig und kann durch Ideale in ihrer seelischen Entwicklung beeinflußt werden. Uebermenschliches kann man Krön ihr nicht fordern. Bei allen Völkern werden nur Wenige den höchsten Anforderungen entsprechen. Was aber von jedem verlangt werden kann, das ist ein ernstes Streben in dieser Richtung. Zu der Bildung von Charakter und Willen tritt jene des Geistes. Auch hier könnte man unterscheiden zwischen Forderungen, die allgemein jüdisch sind und den' speziell zionistischen. Man könnte sagen, daß bei den immer ungünstiger .werdenden Konkurrenzverhältnissen für Juden, der Angehörige unseres Volkes nicht genug Wissen und Bildung Ijaben könne. Von Zionisten aber muß jedesfalls verlangt werden,,daß sie sich ein hohes Maß von Bildung aneignen, weil sie sonst nicht in der Lage sind, die Probleme und Aufgaben einer jüdischen Volkspolitik zu verstehen und wirklich die Führer des Volkes zu werden. Die jüdischen Probleme sind zudem bedeutend komplizierter, als jene irgend eines anderen Volkes. Nehmen sie z. B. die Frage des Nationalismus bei konsolidierten Völkern, wie Deutschen oder Tschechen, und sehen Sie, wie unendlich verwickelter sie bei uns Juden ist. Das gleiche gilt von allen anderen Fragen des Volkslebens. Die Bildungselemente, die Sie zum Verständnis dieser Fragen in sich aufnehmen müssen, sind zuerst allgemeiner Natur. Sie müssen die soziale, nationale, kulturelle usw. Frage erst in der Weise studieren, wie sie in der moderhen Wissenschaft üblich ist und sich dann der speziellen jüdischen Form dieser Fragen zuwenden. Sie haben aber noch mehr zu tun. Sie müssen mit Ihrem ganzen Innenleben dem zionistischen Ideal zustreben. Dies ist gegenüber den im Golus und namentlich hier im Westen wirkenden entjudenden Tendenzen furchtbar schwer. Es gibt eigentlich, wenn wir von der Religion absehen, -welche bei der Jugend von beute eine geringe Rolle spielt, nur zwei positive Mächte, die tatsächlich eine Wirkung im Sinne einer Judaisierung Ihres Fühlens- .ausüben können: Palästinaliebe und hebräische Sprache. Die Palästinaliebe muß immer mehr in den Mittelpunkt Ihres Empfindens gerückt werden. Wie der Moslem beim Gebet das Antlitz nach Mekka kehrt, so soll, figürlich gesprochen, Ihre Seele immer mehr nach Palästina orientiert sein. Sie müssen die Kraft aufbringen, all die Dinge hier nicht so wichtig zu nehmen,. wenn sie auch Ihr äußeres Lehen bestimmen, sondern als die Heimat Ihres Herzens Palästina ansehen. - Für uns . Zionisten,-?'diewirklär erkennen, daß im Golus keine Möglichkeiten sind, gilt es jenes Gefühl, daß unsere seelische Heimat Palästina ist, wieder tiePin die Herzen einzugraben. Nicht nur etwa deshalb, um die Lust an der Palästinaarbeit zu fördern, sondern um dem Herzen des Gclusjuden wieder ein jüdisches Zentrum zu geben. Dieser Seelenzustand ist bei vielen Zionisten vorhanden und er führt früher oder später auch eine ganze Anzahl von ihnen hinüber. Anders diehebräischeSprache. Diese zu erlernen, erfordert den Aufwand einer, allerdings nicht allzu großen, Mühe. Es ist aber völlig unerläßlich, daß Sie diese verhältnismäßig geringe Mühe aufwenden, jetzt, wo Sie Poch im Alter sind, in welchem» Ihnen das Lernen nicht schwer fällt. -Nur durch die hebräische Sprache werden Sie in den Geist unseres Volkes eingeführt, nur durch sie erlangen Sie die Möglichkeit, in Fühlungmit der neujüdischen Entwicklung in Palästina zu bleiben. Wenn Sie mich fragen würden, was ich für Ihre wichtigste Aufgabe halte, so würde ich Ihnen sagen: L'ernen Sie hebräisch! ' Die von mir in allgemeinen Umrissen skizzierte zionistische Ausbildung soll .Ihnen vor allem in Ihren Vereinigungen zuteil werden. Je mehr diese bestrebt sein werden, das Hauptgewicht auf die Erziehung ihrer Mitglieder zu wahren, Zionisten zu legen .desto mehr werden sie für den Zionismus geleistet haben. Die Kraft eines Volkes liegt in dem Wert der Individuen, die es bilden, der bestimmt wird von der sittlichen Energie, welche diese besitzen. Die größten und reichsten Kulturen sind zugrunde gegangen, weil ihre Träger innerlich haltlos wurden und die kleinsten Volkssplitter haben sich unter unsäglichem Druck erhalten, wenn sie, wie die Juden, sittliche Widerstandskraft gehabt haben. Der Zionismus ist die ideelle Macht, welche den Zerfall des Judentums aufhalten soll. Selbst wenn die Erfolge in Palästina nur langsam zu erzielen sein würden, so wäre die Zukunft des Judentums doch nicht in Frage gestellt, solange eine Gruppe von Juden noch am Zionismus festhält. Lassen Sie daher keinerlei Pessimismus aufkommen, sondern wollen Sie und glauben Sie an sich selbst, dann braucht Ihnen um die Zukunft nicht bange zu sein! Drängen Sie nicht allzu sehr nach äußeren Erfolgen. Vergessen Sie nicht, daß eine Umwälzung der Geister eine Sache ist, die nicht von heute auf morgen bewirkt werden kann. Bedenken Sie auch, daß sie nur dadurch überhaupt möglich ist, daß — wie in der englischen Revolution die Puritaner, in der französischen die Jakobiner, in der türkischen die Jungtürken — eine kleine Gruppe in der Sache radikaler, energischer und zielbewußter Männer das treibende und führende Element! ist, dem sich früher oder später mangels einer genügenden Widerstandskraft der große Haufen anschließen muß. Bleiben Sie puritanische Zionisten! Paktieren Sie nicht mit dem Ghetto in den Herzen und mit dem Golus unter den Füßen. Und noch eines: Seien Sie jung! Lassen Sie nicht zu sehr die Reflexion überwiegend sondern lassen Sie sich von Ihrem Idealismus führen! Für das Judentum ist eine große, eine heroische Zeit angebrochen; preisen Sie sich glücklich,'.daß Sie in diese hineingeboren wurden, und inmitten einer materialistischen, ideallosen Umwelt werden Sie den alten Spruch Huttens nachempfinden können : „Die Geister sind wach und es ist. eine Lust zu leben.“ Es scheint mir, daß man die ganze Aufgabe des jungen Juden ln ein ungeheuer einfaches Wort einschließen kann: Mensch werden, und es jüdisch werden. ' Martin Buber, „Was ist zu tun?“ (in „Die jüd. - •’ - ■ / - - Bewegung“.) Worte an die neue Jugend Von Max B r o d. - In meinem neuen unveröffentlichten Roman „Das große Wagnis“ lasse ich meinen Helden Seine GrundUberze’igung in folgenden Worten' aussprechen. „— Und doch-ist das, was ich Jehre, so einfach. Es ist nichts anderes" als die Hoffnung auf eine neue Jugend. Ich sage immer wieder: Nichts ist verloren, so lange noch Aussicht besteht, daß irgendeine zukünftige Generation in einer Erziehung heran- ' wächst', die ihr richtige Entscheidungen ermöglicht; , > Martin Buber In Wien In der kommenden Woche wird Martin Buber in Wien sein und wird zu den Wiener Juden sprechen. Uns obliegt es, daß wir uns bereiten, sein Wort zu empfangen. Wie der Jude, der sich des Werktages Woche in aufreibender Arbeit gemüht hat. das Festkleid anlegt, um sich für den Sabbathtag zu rüsten, der seine Seele in göttlichem Aufschwung von den Schlacken der Unheiligkeit befreit und sie in der Sammlung des Höchsten mit neuer Kraft ausstattet, die Sendung auf Erden zu vollbringen, so tut es not daß wir unseren Geist befreien von all den drängenden und verwirrenden ZWeckgedanken, die unser Leben erfüllen, und ihn mit einem Festkleid umhüllen. ihn bereiten, die Worte der sammelnden und befreienden Kraft zu vernehmen. Wir müssen innehalten im rastlosen Getriebe unseres lärmenden Alltags und uns besinnen: auf unser eigenstes, tiefstes, menschlichstes, jüdischstes Wesen. Laßt uns gerüstet sein, auf daß die rechte Weihe über uns komme, auf daß wir fähig sind, das Große dieser Feierstunde zu erleben und sorgsam zu ernten, was die kommenden Tage uns bringen! Martin Buber ist weit über die Kreise der jüdischen und zionistischen Welt als Führer zur Erneuerung des Lebens aus dem Geiste bekannt und geschätzt Aber nur wir wissen, nur wir können mitlebend ganz verstehen, welchen Sinn und welchen Grund sein geistiges Wirken hat. Uns ist er nicht der Verkünder überzeitlicher Werte, nicht der Entdecker neuer Erkenntnisse oder Denkmethoden, nicht der Weiser verborgener und verschollener Güter und Werke des Menschengeistes. Uns ist er dertürlöser. der als erster das Wori gefunden hat. das uns aus der verzweifelten. unerträglichen, ohnmächtig gebundenen Situation unseres persönlichen, und das ist unseres jüdischen Lebens, befreit, uns den Glauben an unser eigenstes Sein wiedergegeben hat; der unsere Wiedergeburt im Geiste bewirkt hat und aus den Nöten unseres Herzens, unserer bedrängten Seele den Weg wies, der zu unserer Verstimmung, zu unserem Ich, zu unserem Gott führt. Martin Buher ist für die jüdische Jugend unserer -Zeit, er ist für die zionistische Jugend, die menschlich und ganz und jüdisch sein will, der Führer im Denken, der Führer zum Leben, er ist für sie der Retter vor dem Untergang im Schlamme des. Galuth geworden. - Das Leben der Gegenwart hat für die -jüdische Jugend eine "besondere geistige Krisis gebracht Wie die ganze Welt sich an die technischmechanische Lebensführung verloren hat und den Weg zum Sinn des Lebens, zur geistigen Herrschaft nicht zurückfand, so ist vor allem der Jude, der völlig entwurzelt dieser Entwicklung preisgegeben war. in der Hast des Getriebes versunken. Die Wogen schlugen über ihm zusammen, er konnte die Richtung nicht finden. ■ wurde vom Strome getrieben, von den-auf ihn eindringenden •Mächten zerrieben, er war ein Knecht und willenloses Objekt des reißenden Geschehens. Die nationale Bewegung, die durch Herzls Zionismus die Judenheit ergriff," war ein Halt und der erste Anstoß zur Besinnung. Aber nach dem Schwung und Enthusiasmus der ersten Zeit zeigte sich, daß dieser Nationalismus: keine geistige Verankerung in der Realität hatte. Das oft zitierte Wort von der Rückkehr zum “Judentum vor der Rückkehr ins Judenland brachte, sofern man -ernst damit machen wollte, eine neue Verlegenheit: Das Judentum. zu dem die Sehnsucht trieb, war nicht da oder erschien in einer Verzerrung, in dem abstoßenden Bild der offiziellen Gegenwart oder in ’ dem Traum -einer unklaren, mechanisch erdachten Zukunft Der ganze Zwiespalt der feiner empfindenden Juden brach schmerzlich hervor, sie konnten keine Versöhnung zwischen ihrem Ideal und der Wirklichkeit finden. Der Wille des schöpferischen Geistes zerbrach an der Verknöcherung, an der -Enge, an der Müdigkeit und Lebensunfähigkeit, an der Entartung der jüdischen Gemeinschaft, Das Bekenntnis zumr Judentum vermochte wohl ein politischer Schlachtruf zu werden, die Basis für ein erneuertes Leben schuf es nicht. Martin.'Bub er hat uns gelehrt, daß die Rückkehr zum Judentum nicht in einem politischen Bekenntnis, daß sie in der tätigen, aus dem zentralen Sinne des Judentums erfaßten Umgestaltung des Lebens liegt. Und nicht nur - das Leben der Gemeinschaft bedarf solchen Neubaues. das Leben jedes" einzelnen jüdischen Menschen muß durch die Idee des Zionismus in seinen Wurzeln erneuert werden. Die Aufrichtung des wahrhaften Lebens der Juden gegenüber dem' lügnerischen und gleißnerischen Zweckgetriebe der Welt, diesallein kann der Sinn der neuen' jüdischen Bewegung sein, die wir Zionismus nennen. Buber lehrte uns die Kontinuität verstehen, das Geschehen der jüdischen Urzeit mit dem unserer Tage verbinden, er zeigte /uns den ewigen Prozeß, der das Wesen des Judentums ausmacht, den Kampf des Willens zur reinen, hohen Erfüllung der Sendung des Gottesvolkes mit den von niederen Trieben beherrschten Tendenzen der immer wieder abfallenden Gemeinde. Er . zeigte uns die Geschichte des Judentums als , den Kampf des schöpferischen Geistes gegen die ^widerstrebende Materie, des Gestaltenden gegen “das Gestaltlose, des tätig Eingreifenden gegen die Geschehenlassenden, des vom Gesetze, vom Gotteswort Erfüllten gegen den Sklaven der Trägheit und Beharrung, des Unbedingten gegen den in Zwecke Verstrickten. Gegenüber dem hoffnungslosen Bild der heutigen jüdischen Gemeinschaft. deren Seele die Fesseln der Knechtschaft nicht abzustreifen vermochte, hat er riesengroß die Idee des ,-Judentums" vor uns aufgerichtet, die an uns die kategorische.Forderung stellt, durch unser Leben sie zur Wirklichkeit zu machen. Denn nicht darum kann es sich handeln, bei dieser Erkenntnis zu verweilen..sondern alles kommt .darauf -an, unser Schicksal, das Schicksal des Judentums, ja das Schicksal der Welt hängt davon ab. daß V

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