Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG Darum keine Sonderungen. „Keine Wunden einschneiden!" Unsere Welsen In ihrem scharfen Ausblick kommentieren diesen Thoravers dahin: „Ihr sollt keine Agudas, Agudas machen." Genug der Wunden und des Verblutens! Das zionistische Programm soll und muß Gemeingut aller Juden werden. Wir stehen hier in Oesterreich vor der Revision der Verfassung. In manch anderen Ländern ist sie erst im Werden. Einigkeit und Entschloßenheit tut not. Schon sehen wir auch unsere Träume und Hoffnungen Form und Gestalt annehmen. Fast von allen berufenen Seiten haben wir wertvolle Zusicherungen und Versicherungen erhalten. Aber den Erfolg kann uns nur die eigene Kraft geben. Zeigen wir uns des aufgehenden gesunden und frischen Morgens würdig; eines Herzens, eines Willens stark und konsequent für Israel, für Zion und Jerusalem, auf daß „wie Lichtstrahl ihr Recht aufgeht und ihr Heil wie eine Fackel aufflammt!" Wien, April 1918. E. Torczyner. „Pro Palästina“ Das deutsche Komitee zur Förderung des Zionismus. Das Komitee „Pro Palästina“ hielt seine erste Versammlung am 25. April 1918 in Berlin ab. Am Vorstandtisch hatten die Herren Exzellenz Raschdau, Prof. Dr. Hans Delbrück, Bergrat a. D. G o t h e i n, M. d. R. und die beiden Referenten Prof. Dr. B a 1! o d und Cohen- Reuß, M. d. R. Platz genommen. Exzellenz Raschdau eröfincte die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache. Er wies darauf hin, daß die Kolonisierung Palästinas eine Frage von höchster Bedeutung sei, für die auch die deutsche Politik sich interessieren müsse. Das Auswärtige Amt habe, wie man wisse, die zionistischen Bestrebungen stets mit Aufmerksamkeit und mit wohlwollender Antcilnalrme verfolgt Men dürfe freilich nicht vergessen, daß sich Deutschland gegenüber dem Zionismus in einer schwierigeren Lage befinde als England. Wenn England es leicht habe, über eroberte Gebiete zu verfügen, so müsse sich Deutschland stets von der Rücksicht auf die politischen Empfindungen seines Verbündeten, des türkischen Reiches, leiten lassen. In neuerer Zeit habe die Türkei ihre Stellung zum Zionismus geändert, man könne sagen, daß sie dem Zionismus mit aufrichtigen Sympathien gegenüberstehe, wie auch aus den bekannten Erklärungen des Großwesirs hervorgent. Hierauf ergriff als erster Referent des Abends Prof, B a 11 o d das Wort zu seinem Vortrage über das Thema „Der Zionismus in der Bedeutung für die deutsche Politik“. Die Anschauungen dieses Gelehrten hat jüngst die „Jüd. Ztg.“ durch Veröffentlichung seines Wiener Vortrages weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Nach Prof. Ballod sprach als zweiter Hauptredner des Abends der Reichstagabgeordnete Cohen- Reuß. Aus den überaus interessanten Ausführungen heben wir hervor: Die Formulierung nationaljüdischer Forderungen konnte nur deshalb die Zustimmung der jüdischen Volksmassen finden, weil mit ihnen Dinge ausgesprochen wurden, die ihrem tiefsten Fühlen und dem eigenen Wollen entsprachen. Der Zionismus knüpft an die ruhmreiche Vergangenheit des Judentums an, ohne aber etwa aus ihr einen historischen Anspruch herleiten zu wollen. Vielmehr ist der starke Wille, im Lande der Väter zu arbeiten und liier eine produktive Aufgabe zu erfüllen, die wie die Erfüllung jeder produktiven Aufgabe der Menschheit im ganzen zu gute kommt, die wahre Legitimation. des Rechtes des jüdischen Volkes auf Palästina. Ich selbst gehöre der Zionistischen Organisation nicht an, sondern bin beim Studium östlicher Fragen ganz von selbst auf das Ostjudentum und den Zionismus gestoßen. Redner bespricht dann die Eignung der heutigen Juden für die Landwirtschaft und beleuchtet im Zusammenhänge damit die Aufwärtsentwicklung der jüdischen Kolonien in Palästina, die für die landwirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden Zeugnis ablegen. Der Nutzen, den die türkische Steuerwirtschaft aus der jüdischen Ansiedlung Palästinas zu erzielen vermag, erhellt aus der Tatsache, daß z. B. die Erträge der Zehntensteuer in 12 Kolonien innerhalb von 10 Jahren auf das Siebenfache gestiegen sind. Redner bedauert es. daß die Mittelmächte, besonders Deutschland, nicht bereits vor England eine Erklärung für den Zionismus abgegeben haben. Der Zionismus sei loyal, er verlange nicht die Loslösung Palästinas aus der Türkei. Seine national-kulturellen Wünsche könne das jüdische Volk als kleine Nation im Rahmen eines größeren Staatenverbandes besser verwirklichen, als unter englischer Oberherrschaft, wo die ständige Gefahr einer Anglisierung vorläge. Bei der strategischen Bedeutung, die-Palästina für England hätte, würde es gerade dieses Gebiet durchaus zu beherrschen und mehr als andere Protektorate dem englischen Einfluß zu unterwerfen suchen. Aus diesen Gründen müßte ein jüdisches Palästina, auch wenn es im englischen Besitz bliebe, je länget jelmehr aus Selbsterhaltungstrieb von England-Amerika abrücken und einen engeren. Zusammenhang mit der Türkei und Rußland suchen. Daher wäre die jüdische Besiedlung Palästinas vom deutschen Standpunkt aus zu begrüßen, selbst wenn es bei der englischen Eroberung Palästinas bliebe..' Die Türkei hat es in der liand, : Palästina ohne die. Zionisten in seiner bisherigen Wertlosigkeit'für den türkischen Staat zu belassen, oder es mit den Zionisten zu einjun der wertvollsten und ergiebigsten Teile des Reiches zu entwickeln. Wenn wir mithelfen, den Zionismus seiner Verwirklichung entgegenzuführen, so dienen wir sowohl dem nach seiner Wiedergeburt hungernden jüdischen Volke, den türkischen Bundesgenossen, wie auch den Interessen des eigenen deutschen Landes.- In der Diskussion ergriff zunächst der Reichstagabgcordnetc Bergrat a. D. G o t h c i n das Wort: Wir haben uns entschlossen, die Bestrebungen der jüdischen Kolonisation in Palästina zu iördern, yyeil wir an die Möglichkeit glauben, daß in Palästina ein Kulturzentrum in wirtschaftlicher und religiöser Bezieliung geschaffen werden kann und daß damit eine starke politische Bedeutung verbunden ist. Es ist nicht zu verkennen, welchen Einfluß die Juden in allen Ländern auf die öffentliche Meinung haben. Politische Gesichtspunkte lassen es wünschenswert erscheinen, daß in Palästina jüdische Ansiedlungen entstehen. Hierauf sprach Geh. Regierungsrat C1 e i n o w. Er führte aus, daß die Förderung der auf die Arbeit in Palästina gerichteten national-jüdischen Bestrebungen schon vom Standpuukt der reinen Menschlichkeit geboten ist. Geh. Regierungsrat Cleinow erklärte .sich trotz verschiedener Bedenken, die er gegen eine allzuhohe Einschätzung der politischen Bedeutung des Zionismus habe, zur Mitarbeit an den Zielen des neugegründeten Komitees bereit. Reichstagabgeordneter Cohen-' Reuß besprach in einem Schlußwort einzelne von früheren Rednern vorgebrachtc Einwändc und begründete das optimistische Urteil, das er über die / Bedeutung und die Aussichten der zionistischen Bestrebungen habe. Zum Schlüsse forderte der Vorsitzende Exzellenz Raschdau die Anwesenden auf, sich dem neugegründeten Komitee als Mitglieder anzuschließen. Unter ihnen befanden sich Vertreter der politischen und militärischen Behörden, der Presse und Literatur, sowie vor allem Mitglieder der verschiedenen politischen Parteien und der Wissenschaft. Die militärische Lage in Palästina Es Ist nicht leicht, aus den Kriegsberichten die militärische Situation in Palästina genau zu entnehmen, denn es handelt sich immer nur um Detäilmeldungen, bei welchen vielfach ganz kleine Dörfchen genannt werden, die auch auf den genauesten Karten nicht zu finden sind, ferner fehlen Meldungen über wichtige Punkte, so z. B. über die Situation bei Akaba usw. Soweit man aus den Kriegsberichten und veröffentlichten Karten die Lage übersehen kann, ist sie wie folgt: Der Vorstoß der Engländer ging nicht auf der ganzen Breite der Grenzlinie Sinaihalbinsel—Palästina (vom Mittelmeer—Akaba über 200 km) vor sich, sondern nur ungefähr auf der halben, zirka 100 km, vom Mittelmeer bis Djcbei ei Machra. Von liier aus wäre die Frontlinie bis zur Nordwestecke des Toten Meeres zu ziehen. Sie geht dann ein Stückchen über den Jordan nach Osten hinaus, biegt dann' um und geht in gerader Linie nördlich von Jaffa zum Mitteimccr zurück. Diese nördliche Frontlinie dürfte ungefähr parallel der Grenzlinie Judäa— Samaria und zwar etwas südlicher verlaufen. Die Punkte Siiwad, Atara, El-Nebi-Saich, der Berg Tel Asur usw. waren in den letzten Kriegsberichten genannt. Diese Punkte liegen im judäischen Bergland, halbwegs der Straße Jerusalem— Nablus. w V/as die militärische Lage vor allem bestimmt, ist, daß die Türken noch immer im Besitz der Hedjasbahn, die von Damaskus durch das Ostjordanland nach Süden läuft, sind. Dies bedeutet eine ständige Bedrohung der Flanke der Engländer und aus diesem Grunde wagen sie keinen Vorstoß nach Samaria (in nördlicher Richtung), bevor sie nicht die Bahn unterbrochen haben. Deshalb spielten sich die heftigsten Kämpfe der letzten Wochen auf dem am weitesten nach Osten vorgeschobenen Frontstück der Engländer, das nördlich des Toten Meeres über den Jordan zieht, ab. Anfangs gelang cs den Engländern Es Salt zu nehmen— wo sich die berühmten Phosphatlager befinden — und sie planten, von dort aus gegen die wichtige Station Amman der Hedjasbahn vorzustoßen. Den Türken und Deutschen gelang es, sie von Es Salt wieder zurückzutreiben und auch ein neuerlicher Vorstoß anfangs Mai scheiterte‘ unter großen Verlusten der Engländer, die sich hach dem türkischen Bericht 'auf das westliche Jordanufer zurückziehen mußten. Da in diesem Kampfabschnitt die Türken durch den Besitz der Hedjasbahn bezüglich des Nachschubs usw. in viel günstigerer Lage sind, als die Engländer, außerdem jetzt die heiße Zeit eingetreten ist — die sich namentlich im Jordantal stark fühlbar machen wird — so ist vielleicht mit einer Kampfpause bis Herbst zu rechnen. Die Engländer haben die Zeit der Besetzung Judäas eifrig dazu benützt, Straßen auszubessern und neue anzulegen. Sie haben auch die Trinkwasserleituhg von Kairo aus durch die Sinaihalbinsel bis nach Judäa gelegt, was sicher eine große technische Leistung ist. Ueber die Situation in Nordarabien fehlt jede Nachricht. Von den Engländern würde, gemeldet, daß sie im Verein mit den Truppen des „Königs von Hedjaz“ die Hedjazbahn südlich Maän zerstört und die betreffende Gegend besetzt hätten. Damit wäre die Verbindung der .Türken mit Arabien und den dort befindlichen heiligen Stätten, Medina und Mekka, unterbrochen. ■ . Wie schon erwähnt, ist anzünehmen, daß die Operationen während.des Sommers ruhen werden. Inzwischen werden wohl beide Teile große ‘ Vorbereitungen treffen und im Spätherbst dürften große Kämpfe stattfinden. a. b. Zionistische Bewegung VertrauensroSnner-Konferenz der galizischen Zionisten Angenommene Resolutionen: ’ L In Bezug auf die Palästina-Tätigkeit: Die- V. M. K. der galizischen Zionisten betrachtet eine großzügige und planmäßige Xolonisationsarbeit in Palästina für die Haupiauigabe der zionistischen Organisation nach dem Kriege. Im Rahmen dieser allgemeinen Aufgaben wird beschlossen: _ 1. In der nächsten Zeit einen rond zur Gründung einer galizischen Kolonie i.n Palästina zu schaffen, wovon im ersten Jahre zumindest eine Million Kronen, geteilt in zweitausend Beiträge von je 500 Kronen, aufzubrLngen sein wird. Die V. M. K. fordert die Parteileitung auf," mit den lokalen Organisationen sofort in Verbindung zu treten, um den Koloniefond auf die einzelnen Ortschaften zu repartieren und zugleich mit der N. F. Sammelstelle in Wien zwecks Erleichterung der technischen Durchführung in Verbindung zu ireten. 2. Die Vorbereitung des menschlichen Kolon,:sation.smateriaies aus den Reihen der iiUIischgalizischen Ackerbaufamilien und der zum Ackerbau geeigneten bezw. tauglichen Arbeiter bei entsprechender Berücksichtigung der Hechaluzbcwegung. ’’ 3. Die Propagierung des Achusa-Gcdankens unter den bemittelten Kreisen und Organisierung von Achusagruppen. (Nach erfolgter einstimmiger Annahme dieser ‘ Resolution wurden' sofort 6000 Kronen subskribiert.) II. Bezüglich der Tätigkeit auf kulturellem Seöiet: Es wird eine Organisation für die hebräische Kultur mit dem Sitze in Lemberg und Krakau gegründet init je einem Vizepräsidenten und einem gemeinsamen Präsidenten an der Spitze. 2. Als Volksschultypus wird die eigene hebräische Volksschule erachtet, die auch den allgemeinen Unterricht in der Landessprache umfaßt. 3. Die Organisation trifft Vorbereitungen zur Gründung von Bürger- und Mittelschulen nach demselben System. 4. Die Gründung von Kindergärten wird in Angriff genommen. 5. Die Gründung von Lehrerbildungsanstalten und Kursen für Kindergärtnerinnen wird zur vornehmsten Aufgabe der Partei gemacht. 6. Hebräische Anfangs- und Fortbildungskurse für Erwachsene. 7. Der Organisation wird die Pflicht auferlegt, das ganze hebräische Schulwesen unter eine einheitliche Leitung zu bringen. 8. Die Organisation erachtet es als ihre Pflicht, die Volksbildung in allen.Zweigen.auf nationaler'Basis einheitlich aufzubauen. 9. Das Präsidium der Kulturorganisation hat Sitz und Stimme in der zentralen zionistischen Parteileitung Galiziens. Hinsichtlich der Jugenderziehung und Jagendbewegung. 1. Die V. M. K. erachtet die Jugendbewegung als Grundpfeiler der Volksentwicklung und fordert von den Gesinnungsgenossen die besondere Unterstützung und Förderung derselben. 2. Die V. M. K. betont die Wichtigkeit der Errichtung eines jüdischen Jugendamtes aus _ Fachmännern und erfahrenen Laien und fordert die Parteileitung auf, ein solches Jugendamt.in der jüdischen Ocffcntlichkeit baldigstanzuregen und dessen rasches Inslebentretejj durch finanzielle Förderung zu ermöglichen. 3. Ein in der Jugendbewegung stehender Repräsentant des zu bildenden Jugendamtes hat Sitz und Stimme in der Leitung der Kulturorganisation (sub II.). III. Resolutionen der a) Wirtschafts-, b) Organisations- und c) politischen Kommissionen: a) Wirtschaftliche Tätigkeit Zur Wahrung der jüdischen Interessen beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Galiziens wird vom Z. K. eine „Wirtschaftskommission der zionistischen Landesorganisation für den Wiederaufbau“ eingerichtet, welche in einzelnen Städteu Ortsgruppen oder Vertrauensmänner zu bestellen hat. Die Wirtschaftskommission hat im wesentlichen folgende Aufgaben: 1. Die Beschaffung der für den Wiederaufbau notwendigen statistischen Daten und Grundlagen. 2. Berechnung und Verschaffung der nötigen Geldmittel und die Verfassung von Vorschlägen für die wirtschaftliche Hilfsaktion. 3. Durchführung der wirtschaftlichen Hilfsaktion,. und zwar für den Kleinhandel und das Kleingewerbe, sowie der Mittelstandsaktion zur Kredit-, Waren-» Rohstoff-Beschaffung etc. Die Wirtschaftskommission wird vorzugsweise ihr Augenmerk auf die Kleinstädte in Sachen des baulichen Wiederaufbaues zu lenken haben. Zu diesem Behufe wird, sie sich mit „der Schaffung einer jüdischen Organisation für den baulichen Wiederaufbau der Städte und Städtcheu zu beschäftigen haben. b) Wiederaufbau der galizischen Organisation. Indem die V. M. K. die. bisherige Organisätionsbasis der zionistischen Part den Gähnens und zwar den Schekelzahler und die Schekelzahlergruppe in den einzelnen Städten als Organisationseinheiten weiterhin gelten läßt, beschließt bie: 1. Zwecks Reorganisierung des zionistischen Lebens in Galizien und bis zur definitiven Re-