Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 RUNDSCHAU Die rumänische Judenfrage. Wie in politischen Kreisen gerüchtweise verlautet. soll die für den Friedensvcrtrac in Aussicht genommene Formel über die Behandlung der Juden keineswegs den Ansprüchen auf völlig unzweideutige und unbestreitbare Gleichberechtigung als Staatsbürger genügen. Begreiflicherweise hat dieses Gerücht in jüdischen Kreisen einiges Befremden und gewisse Befürchtungen hervorgerufen. Wir hoffen, daß diese Beunruhigung sich als grundlos erweisen wird. Allerdings erwarten wir. daß die kompetenten Stellen bald authentische Mitteilungen machen werden. Die Versicherung in der Rede des Grafen G z e r n i n ist allenthalben als feste. Zusage der Mittelmächte aufgefaßt und von der Judenschaft der ganzen Welt, insbesondere der neutralen Länder, begrüßt worden. Die gesamte Judenschaft blickt jetzt mit Spannung nach Bukarest und wir hoffen, daß das Resultat der Bemühungen der Mittelmächte die Erwartungen rechtfertigen und die-jüdischen Forderungen befriedigen wird. Christliche Religion Bedingung. Die „Neue Lemberger Zeitung“ vom 21. d. M. bringt ein Inserat mit nachstehendem Text: „Beim Landwehr- Ergänzungsbezirkskommando Lemberg, Ochronek 4. wird eine männliche Hilfskraft ausgenommen unter folgenden Bedingungen: 1. Bei deti Musterungen zu jedem Landsturmdienste ungeeignet befundene oder invalide Personen: 2. vollkommene Kenntnis der deutschen Sprache in Wort und Schrift: 3. vollkommene Leistungsfähigkeit für Kanzleiarbeiten und nur bis max. 50 Jahren; 4. christliche Religion. Zivilstaatsbedienstete des Ruhestandes sind ausgenommen. Beweisdokumeute ad 1. gestellten Bedingungen sind mitzubringen, ebenso das Wohlverhaltungszeugnis.“ — Das Lemberger zionistische Zentralkomitee ist bei dem zuständigen Militärkommando eingeschritten. Die Juden bei den Wahlen zum polnischen Staatsrat. Bei den soeben erfolgten Wahlen zum polnischen Staatsrat wurden vom Warschauer Stadtrat zwei Juden, ein Assimilant und in der sechsten Kurie der Führer der Volksgruppe Noah Prilutzky gewählt; in Lodz wurde ein Jude, der zionistische Führer Dr. Rosenblatt gewählt. Wieviel Juden außerdem noch dem Staatsrat angehören werden, steht noch nicht fest. Der Staatsrat wird bekanntlich das Wahlgesetz erlassen, auf Grund dessen der erste polnische Landtag einberufen werden soll. Es ist von Bedeutung, daß in ihm wenigstens zwei national-jüdische Politiker (Dr. Rosenblatt und N. Prilutzky) sitzen werden, besonders da anzunehmen ist, daß im übrigen die Vertretung der jüdischen Bevölkerung im Staatsrat keinesfalls 'ihrer Zahl und Bedeutung entsprechen wird. Fälschlich des Judentums beschuldigt. Unlängst starb in New York der Vorsitzende des Senatsausschus4es für auswärtige Angelegenheiten William Joel S t o n e. der für die Erhaltung des Friedens sich große Verdienste erworben hat. Als kürzlich die Nachricht durch die deutschen Blätter ging, er habe sich an der Gründung einer Gesellschaft zur Entfachung der Revolution in Deutschland beteiligt, tauchte auch die Behauptung auf. Senator Stone sei Jude. Zu solcher Annahme hatte wohl sein in angelsächsischen Ländern nicht ungewöhnlicher alttestamentarischer Vorname verleitet. meint die „Frankfurter Zeitung“. Stone war aber weder persönlich noch der Abstammung nach Jude. Wieder ein Fall, daß ein Unschuldiger fälschlich des Judentums beschuldigt wurde. Das Schicksal eines Getauften. Wie aus Prag gemeldet wird, wurde der Dirigent des Orchesters der böhmischen Philharmonie Dr. Wilhelm Zemanek. ein getaufter Jude, zum Rücktritt gezwungen. Der Anlaß soll in einem Konflikt wegen Honorars der Orchestermitglieder gelegen sein: gleichzeitig wird aber angemerkt, daß die Nationalität Zemaneks nicht einwandfrei geschienen habe. Schon vor einigen Wochen würde in mehreren Zeitschriften geltend gemacht, daß an der Spitze der böhmischen Philharino’nie ein e c hier Tscheche stehen müsse. Zur Hechaluz-Bewegung Wir sind uns der Tragweite des historischen Momentes, den wir jetzt durchleben, kaum bewußt. Der zweitausendjährige Traum der Galuthnacht beginnt vor unseren Augen Gestalt anzunehmen. Wir erleben, was unseren Ahnen nicht gegönnt war: Palästina ist im Begriffe, wieder Erez -Israel zu werden. Allein mit dem Herannahen der Verwirklichung unserer Hoffnungen wachsen auch ins Ungeheure unsere Aufgaben. Wir haben geglaubt, mit der inneren Konsolidierung fertig werden zu können, bevor der historische Moment gekommen sein wird. Wir , würden dann, dachten wir, die ganze Kraft des geeinigten jüdischen Volkes in den Dienst unserer Sache stellen können. Es ist aber anders gekommen. Noch bevor das ganze Volk für unsere Sache gewonnen werden konnte, noch bevor die Zeit der Vorbereitungen zu Ende war, ist die Zeit des Bauens gekommen. Es erwachsen uns daher gleichzeitig zwei Aufgaben: die Urbarmachung und Vereinigung der inneren Kräfte in der Diaspora und die Inangriffnahme der praktischen vorbereitenden Arbeiten für den Wiederaufbau Palästinas. Und anders ist es auch nicht möglich. Das Volk, seiner nationalen Selbständigkeit und überhaupt der Menschenwürde seit 2000 Jahren beraubt, kann nur durch außergewöhnliche Ereignisse aus seiner Trägheit herausgebracht werden. Es rafft sich erst auf, nachdem es sich durch äußere Faktoren der Verwirklichung seiner Ideale nahegerückt sieht. Während aber in allen Ländern riesige Fortschritte in beiden Beziehungen, der Einigung der Judenheit und der Palästinavorbereitung, zu verzeichnen sind, sind wir in Oesterreich nur sehr wenig vorwärts gekommen. Wenn die Bewegung zur Einigung der Judenheit ernste; Ansätze, die hoffentlich zum erwünschten Erfolg führen werden, aufzuweisen hat, ist die Rüstarbeit für Palästina bis nun ganz vernachlässigt worden. Unsere Brüder im Auslande haben richtig eingesehen, daß Regierungserklärungen nur günstige Vor bedingungen für die zukünftige Tätigkeit schaffen können, aber die große und schwierige Arbeit selbst nur in Palästina gemacht werden könne. Was man aber schon jetzt für diese Arbeit tun muß, ist die Heranbildung und Organisierung des Menschenmaterials. Und da sind wir bei einer der wichtigsten, wenn nicht bei der wichtigsten, Aufgabe der zionistischen Organisation angelangt. Diese Aufgabe wird unseres Erachtens die Existenzberechtigung der zionistischen Organisation auch dann rechtfertigen, wenn die zionistische Ideologie zum Gemeingut des jüdischen Volkes geworden ist. Wollen doch manche die Existenzberechtigung der zionistischen Organisation schon für die nächste Zukunft in Abrede stellen. Die zionistische Idee, behaupten sie, habe ja große Erfolge auch außerhalb der Partei aufzuweisen. Die Sehnsucht nach Zion habe die Herzen aller mächtig ergriffen. Stehe doch die Palästinafrage heute im Gesichtskreise aller Richtungen und Parteischattierungen. gleichviel, ob man damit eine radikale Lösung der Judenfrage oder lediglich ein kulturelles oder gar ein religiöses Zentrum anstrebe. Der Begeisterungsstrom: für die nationale Bewegung habe alles, was lebendig und lebensfähig im 'Judentum war. mit sich gerissen. Gruppen, die wie die Orthodoxie bis in die letzte Zeit den Zionismus offen bekämpft hatten, nahmen diq Forderungen der Juden auf Palästina und seine Kolonisierung in ihr Programm auf. Bei weiterer, fortschreitender Nationalisierung der jüdischen Parteien und dem Emporheben der zionistischen Sache zu der des gesamten jüdischen Volkes wäre nach ihrer Ansicht die zionistische Organisation als solche überflüssig. Aber nichts ist trügerischer, als sich solchen Hoffnungen hinzugeben. Im Gegenteil. Je mehr sich die anderen Parteien mit Palästina befassen, desto mehr wächst auch unsere Aufgabe, für die Heranbildung der Pioniere in unserem Sinne Sorge zu tragen. Mit Palästina allein ist das zionistische Programm, wie wir es auifassen. noch nicht erschöpft. Unser Streben ist nicht nur das Aufleben des Landes, sondern zugleich auch das Erblühen eines echt jüdischen Lebens durch die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Kultur im Lande der Väter. Ein nichthebräisches Palästina ist für uns undenkbar. Charakteristisch ist eine Anekdote, die eine jüdische Zeitung von der letzten zionistischen Konferenz in Warschau zu erzählen weiß. Als einer tler Hebraisten befragt wurde, was er tun würde, wenn die Juden, die nach dem Kriege nach Palästina übersiedeln werden, ihren Jargon auch dort beibehalten würden, antwortete er schiicht und einfach, daß ihm dann nichts übrig, bliebe, als vor Scham und Schmerz Selbstmord zu begehen. Einen nationalen Selbstmord würde das für uns alle bedeuten. Es ist klar, daß mit der Möglichkeit einer großen Masseneinwanderung nach Palästina eine Bedrohung des Hebräischen auftaucht. Wenn das hebräische Element noch in der Lage war, bei einer kleinen Einwanderung die Neuhinzukommenden mit der Zeit zu hebräfsieren, so scheint das bei einer M a s s e n einwanderung recht fraglich. Und diese Gefahr wird sich noch beträchtlich steigern, wenn auch nichtzionistische Parteien an der Kolonisation teilnehmen werden. Denn wenn auch die Pälästinaarbeit in diesen Kreisen richtig eingeschätzt wird, sind sie der hebräischen Sprache doch noch ganz abhold. Zumindest haben sie ihr bis jetzt‘noch kein Verständnis entgegengebracht. Dieser Gefahr mit Erfolg entgegenzutreten, ist die Aufgabe der Zionisten. Allerdings muß die zionistische Organisation mehr heb rasiert werden, will sie ihr gewachsen sein. Am geeignetsten schiene uns hicfiir die Organisierung und der Ausbau der Hechaluz-Bewegung. Nebst der beruflichen Ausbildung muß dem „Hechaluz" das Erlernen des Hebräischen als wichtigste Aufgabe gelten. In Rußland, Amerika und Polen bestehen schon Hechaiuz-Organisationen. Ob in diesen auf das hebräische Moment das entsprechende Gewicht gelegt wird, ist uns unbekannt. Unsere Aufgabe, in Oesterreich muß es sein, eine hebräische Hechaluz-Bewegung ins Leben zu rufen. Die .Chatuzim müssen einst die Ava n tgarde de's Hebräischen in Palästina bilden Durch sie soll dem hebräischen Element ein fortwährender Zuzug geschaffen werden, damit den n i c h t hebräischen Massen die Möglichkeit versagt werde, die Herrschaft des Hebräischen in Palästina zu schädigen. Die Arbeit für die Hechaluz-Bewegung muß unverzüglich m Angriff genommen und auf breiter Basis durchgefiihrt werden. Simon Federbusch. IMIIIIIIIIIMHIIII—IIMHHI I. Wiener iOd. Turnverein, IX., Lichtenateinstr. 20 : s : : Vorlesung Otto Abeies (Aus eigenen Schriften) Mitwirkend: Regisseur E. Brecher, Opernsänger S. Rner, Komponist R. Alexander, Dienstag, 30. April im Festsaal des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachg. 9 Sitzplätze: K2.50 bis 5.50. Stehplätze K 1.50 Karten in der Buchhandlung R. Löwit, I., RotenturmstraBe 22, im Turn lokal an den Tumabenden, im Zion. Zen traibUro, II., Zirkusgasse33 und an der Abendkassa. * Einiges über Achusahgesellschaften Von Hugo .1. K o h n. In der letzten Zeit macht stell in Wien Interesse an der Achusah bemerkbar. Es sei mir daher gestattet, einiges darüber zu sagen, um zu verhüten, daß voreilige Gründungen, ohne genügende Kenntnis der Sache und ohne Rechenschaft darüber, welche Kapitalien von den einzelnen Interessenten in gewissen Zeitabständen eingezahlt werden müssen, vorgenommen werden. Die Achusahgesellschaften wurden zuerst in Amerika gebildet, wc sie die meiste Verbreitung gewannen. Der ihnen zugrunde liegende Gedanke ist der, Leuten, die sich in Palästina der Landwirtschaft. vorwiegend der Baumkultur, widmen wollen, die aber momentan nicht nach Palästina übersiedeln können, sei es. daß sie über das zur Einrichtung eines landwirtschaftlichen Betriebes nötige Kapital noch nicht verfügen, oder aber zu einer Zeit zu übersiedeln gedenken, bis die für sie angelegten Pflanzungen Frucht tragen, was bei manchen palästinensischen Kulturen (Oliven und Mandeln) 8 bis 9 Jahre dauert, die Möglichkeit zu bieten, itn Vereine mit Gleichgesinnten das für die Ansiedlung nötige Kapital nach und nach einzuzahlen. Itn Sinne der Achusahgruppe wird dann das passende Terrain in Palästina angekauit und so lange für deren Rechnung bewirtschaftet, bis die Eigentümer in der Lage sind, ihren Besitz selbst zu bearbeiten. Ein Beispiel einer Aclmsahgründung haben wir in der am Tiberiassee gelegenen Kolonie Poriah. Die Kolonie hat während der Kriegszeit mit materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, welche meiner Ansicht nach nicht allein mit den abnormen Zuständen während des Krieges, sondern mit der nicht genügenden finanziellen Fundierung im Zusammenhänge stehen dürften, weshalb mau nicht oft genug auf diese Dinge hinweisen kann. Aber lernen müssen wir aus diesen Fehlern. Welches Kapital hat' nun der einzelne Interessent einzuzahlen und in welchen Abschnitten soll das erfolgen? Ich greife der Einfachheit und besseren Uebersichtiichkeit halber einen einheitlichen Typus eines landwirtschaftlichen Betriebes heraus, der für die' in Frage kommenden Teilnehmer (wohl zumeist Städter) am meisten entspricht, nehme ferner an, daß sich die Mitglieder in etwa gleichen materiellen Verhältnissen befinden und in der Lage sind, die vorgeschriebenen Einzahlungen pünktlich zu leisten. Der besonders geeignete Betrieb ist die Baumpilanzung als Hauptkultur, also Mandel-, Aprikosen-, Orangen- und sonstige Obstarten. Weinreben und Olivenbäume. Selbstverständlich muß ein Teil des Bodens mit Gemüse bepflanzt werden und ein genügend großer Teil für den Futterbau reserviert bleiben, um die Viehhaltung zu ermöglichen. Die tiir einen solchen Betrieb erforderliche Fläche berechnet Agronom Oet'tinger, dessen Berechnungen die Basis der nachfolgenden Zusammenstellungen bilden, auf 75 Dunam (15 Joch). Ich darf wohl annehmen, daß zur Zeit der Inangriffnahme der landwirtschaftlichen Arbeiten durch die Achusoth der Nationalfonds in der Lage sein wird. Grund und Boden gegen einen angemessenen Zinsfuß in Form der Erbpacht zur Verfügung zu stellen, so daß das für den Bodenkatif nötige Kapital für anderweitige Zwecke reserviert bleibt', ferner aber auch ein Hypothekarinstitut zur Stelle sein wird, welches auf die aufgeiührten Bauten (Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude), wenn nötig, eine Hypothek gewährt. Nebenbei möchte ich noch bemerken, daß die Pflanzungen als solche gleichfalls eine Kreditbasis abgeben können, doch soll das vorläufig außeracht gelassen werden. Das iür den Anfang notwendige Kapital stellt sich wie folgt': Jährliche Erbpacht.K 120.— Erste Meliorationen und Wasserversorgung .. 2000.— Bepflanzung der Fläche. 3500.— Saatgut und Dünger.• . _380.— Insgesamt. . K 6000.— Bevor an eine Arbeit überhaupt herangetreten werden kann, muß also ein Kapital von etwa 6000 Kronen eingezahlt sein. Die Einzahlungen für die folgenden 7 Jahre bis zur vollständigen Fruchttragung sind folgendermaßen einzustellen: Erbpacht für 7 Jahre ä K 120.— . . . K 840.— Pflege der Pflanzungen. 6000.— Lebendes Inventar (Nutzvieh) . . . „ 1400.— Gemüsegarten. Geflügelhof. Geräte . . ., 760.— Gebäude K 4000.— (ab 75% Hypothek) ., 1000.— Insgesamt. . K 10.000.— Die Einzahlungen wären nun so vorzunehmen, daß für die folgenden 4 Jahre je K 1600.— Verlanget regelmäßig unser Blatt in den Kaffeehäusern!