Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 Oer „Gemeinsame jüdische Hocbschulausschuß“ in Wien hat an die jüdischen Studentenvereine Krakaus das folgende Telegramm gerichtet: „Die. traurigen Vorfälle der letzten Tage haben unsere tiefste Entrüstung hervorgerufen. Euere wackere Haltung erfüllt uns mit Stolz. Wir stehen Euch treu zur Seite. Hcchschulausschuß der jüdischen Studentenschaft Wiens." Die „Arbeitsgruppe der jüdischen Studentenschaft Oesterreich“ hat an die zionistische Studentenschaft Krakaus folgendes Telegramm gerichtet: „Erschüttert über die traurigen Vorfälle in Kr.akau nehmen wir schmerzlichen Anteil an Eurem Leid. Wir sind stolz auf Euere mutige Haltung und senden Euch die besten Zionsgrüße." In der Sitzung des Wiener Kultusvorstandes am 24. d. M. stellte K. V. Stricker den Antrag, die Gemeinde möge wegen der Krakauer Vorfälle intervenieren. Zur österreichischen Parteikonferenz Nach langer Pause werden am Sonntag die Vertrauensmänner der zionistischen Organisation Westösterreichs wieder zu einer Beratung zusammentreten. Ist es auch nicht der ordentliche Parteitag, der infolge des Krieges und der damit zusammenhängenden schwierigen Verhältnisse nun schon einige Jahre aufgeschoben werden mußte, so ist doch zu hoffen, daß unsere bewährten aktiven Arbeiter sich cinfinden werden und daß der Anstoß zu einer neuen, gedeihlichen Entwicklung von dieser Konferenz ausgehen möge. Alle Parteien haben jetzt begonnen, ihr Organisationssystem nieder aüfzubauen. Unsere zionistische Partei, die heute in jüdischen Dingen die Führerschaft beansprucht, darf nicht untätig bleiben. Das Zentralkomitee hat gerade in letzter Zeit mit Einverständnis und Unterstützung des E. A. C. die Voraussetzungen für eine . großangelegte, umfangreiche Tätigkeit geschaffen. Es wird Sache der Ortsgruppen, Vereine und der einzelnen Gg. sein, die Arbeit zu stützen und der Leitung die nötige Resonanz zu schaffen. Es ist eine Tatsache, daß die Wahrheit unserer Idee sich durchzusetzen beginnt. Die allgemeine Stimmung ist unserer Arbeit günstig wie noch nie. Wir bedürfen einer starken, gefestigten und einigen Organisation, um die Propaganda systematisch und mit Erfolg durchzüführen. Es wird eine Fülle von organisatorischer, aber auch von sachlicher Arbeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens vori uns zu leisten sein. Das Zion. Zentralbiireau in Wien wird die Initiative zu ergreifen haben und in engstem Kontakt mit allen Gliedern der Partei stehen müssen. Zu einer befriedigenden Arbeit ist aber notwendig, daß die Partei der Leitung die erforderlichen materiellen Mittel zur Verfügung stellt. Es ist Pflicht eines jeden Gesinnungsgenossen, einen möglicht hohen Kriegsbeitrag zu leisten; die Kosten des Bureaubetriebes sind unverhältnismäßig gestiegen und die Einnahmen müssen entsprechend steigen, damit der Apparat klaglos funktionieren kann. Das Zentralkomitee erwartet auch in dieser Hinsicht weitgehende Unterstützung. Wir erwarten, daß die Parteikonferenz mit Ernst und Sachlichkeit die ihr vorliegenden schwierigen Fragen behandeln und daß ein neuer Aufschwung unserer Bewegung mit ihr beginnen wird. Die weltpolitische Bedeutung der jüdischen Internationalität Von AlbrechtHcllmann, Wien. Einem im nächsten Heft der Monatschrift „Der J ude“ erscheinenden Artikel „Die Juden in der Welt Politik“ entnehmen wir das iolgende letzte Kapitel. Reale Politik ist Machtpolitik, sie ist letzten Endes immer auf Schaffung. Aufhebung und Aenderung von Machtverhältnissen gerichtet. Soweit sie die Mittel ihres Handelns nicht nach ihrem quantitativen .machtschaffenden Wert beurteilt. ist sie unpolitisch. Sowohl der Gewalt- und der Tatsachen (Real)-, wie der Kulturpolitik ist diese Bewertung nach dem Machterfolg ihrer Mittel gemeinsam. Sie alle „rechnen“ mit ihren verschiedenen Mitteln nur als „Faktoren“ zur Vervielfältigung der Macht Bisher war nur der einzelne Jude ein seit langem hocheingeschätzter politischer Faktor. Als Unterhändler, politische und wirtschaftliche Beziehungen herstellender, Informationen vermittelnder, ruhelos wacher und tätiger „Faktor“ war er unerreicht In diesem Kriege ist aber auch das jüdische Volk als solches ein Faktor geworden, ein Faktor zunächst im rein politischen Sinne, „mit dem man rechnen muß“. Jedes, auch das kleinste Volk ist eine Potenz von einer politisch sich auswirkenden Kraft, die oft genug trotz ihrer Kleinheit den Ausschlag geben kann. Man kann seine Wünsche in die Richtung der eigenen Politik einschalten und ihre lebendige Energie in den eigenen Kraftstrom aufnehmen. Denkt man beispielsweise an die Wirkung der englischen Regierungserklärung für den Zionismus, dann begreift man, welchen politischen Wert (ganz abgesehen von der zu erwartenden unmittelbaren Föderung englischer Interessen durch die Errichtung einer 'jüdischen nationalen Heimstätte in der Nähe des Suez-Kanals mit englischer Mithilfe) schon die Schaffung einer Atmosphäre der Sympathie bei Juden und sogar Nichtiuderi dieses auf den ersten Blick so gar nicht realpplitisch tind' höchst uneigennützig anmutende Meisterstück kluger Volksrsychologie und feinsten Verständnisses für politische Wirkungen hat. Wer sich bloß die ganz ungewöhnlichen, eben nur aus der internationalen Stellung des jüdischen Volkes erklärlichen mittelbaren Folgen der englischen Deklaration vor Augen hält, etwa die jüdischen Massendemonstrationen in Rußland und Amerika, die Sympathiekundgebungen der neutralen Presse, der ukrainischen Zentral-Räda, des amerikanischen Repräsentantenhauses, ja sogar des brasilianischen Parlaments, der wird, 'wenn er noch obendrein diese außerordentliche Wirkung mit den Folgen von Regierungserklärungen zugunsten anderer Völker vergleicht, verstehen, wie ungemein geschickt die englische Regierung handelte, als sic, als erste die Wichtigkeit der jüdischen Internationalität erkennend, jene Erklärung abgab. — Jede größere Menschengruppe ist ein gewichtiger Faktor schon in ihrer Isolierung. Man ermesse aber einmal dieweltpolitische Bedeutung eines Volkes, das nicht in seiner räumlichen Wirkungsmöglichkeit begrenzt ist, sondern dessen politisches Betätigungsgebiet die ganze Welt ist und das im Gegensatz zu allen anderen Völkern kein Zentrum mit ein paar abgesplitterten, peripherischen Bruchteilen seiner territorial geschlossen wohnenden Majorität, sondern das überall in der Welt Zentren von annähernd derselben politischen Kapazität besitzt. Man vergegenwärtige sich anderseits, daß heute eine Hauptaufgabe der Kunst der Politik in der Herstellung und Verwertung weltpolitischer Beziehungen besteht. Wenn’ man bedenkt, daß gerade auf Gebieten mit einer unmittelbaren politischen Resonnanz sich überaus viele Juden betätigen, dann wird inan die ungeheure Tragweite einer systematisch und taktisch klug durchgeführten Nutzbarmachung der jüdischen Internationälität erkennen. Auf dem Gebiete der Presse, der Wirtschaft, der Finanz und der unmittelbaren Politik sind Juden zahlreich und in führender Stellung tätig. Es gehört zu den beliebtesten antisemitischen Märchen, die Juden der geheimen Verschwörung gegen die gesamte nichtjüdische Welt durch die internationale „jüdische“ Presse, das „jüdische“ Großkapital mit seiner ungeheuren wirtschaftlichen Macht und die heimlich miteinander verbundenen „jüdischen“ Politiker zu beschuldigen. Leider waren aber die meisten dieser Juden alles andere als jüdisch, und die Dummheit dieser antisemitischen Beschuldigung ergibt sich schon daraus, daß in jedem Land die Antisemiten erklären, das internationale Judentum hätte sich gerade gegen ihr Land verschworen. Wären aber alle Juden wirklich jüdisch und national, gäbe es also wirklich eine umfassende jüdische Internationalität, sp wäre für alle Völker, in deren Mitte Juden leben und die ihnen die von allen Gegenleistungen ganz unabhängige individuelle oder, wenn die Notwendigkeit vorliegt, auch nationale Gleichberechtigung gewähren, eine Möglichkeit weltpolitischen Verkehrs geboten, wie sie einst die Blüte des spanischen, holländischen und vieler anderer Völker bewirkt haben soll. Eine wichtige Voraussetzung für die restlose unc uneingeschränkte Nutzbarmachung der jüdischen Internationalität, durch welche die bedrohte politische und wirtschaftliche Position der Juden in den verschiedenen Ländern eine heute noch gar nicht absehbare große Stärkung erfahren würde, während auch gleichzeitig die anderen Völker dadurch gewännen, ist die Ausarbeitung eines großzügigen und genauen Systems einer solchen Verwertungsarbeit. Das wäre eine der hauptsächlichsten Aufgaben der durch die Kongreßbewegungen zu schaffenden Vertretungen der Juden in den einzelnen Ländern und der aus diesen hervorgehenden Körperschaft als repräsentatives Organ der jüdischen Gesamtheit der Weit, als die internationale Exekutive des jüdischen Volkes. Man braucht sich z. B. nur die Bedeutung einer solchen systematischen Arbeit für die Beschaffung der Rohstoffe, dieser Lebensfrage der Volkswirtschaft in der Zeit nach dem Kriege, vergegenwärtigen, um ihre beispiellose Tragweite zu erkennen. Welche große Förderung auch der Weltfriede durch die jüdische internationälität, die sich nicht wie andere Internationalen bei Ausbruch eines Krieges nationalisieren, also zusammenbrechen muß, sondern seit jeher national ist, erfahren kann, ist leicht vorstellbar. Der Einwand, daß der weltpolitischen Betätigung des jüdischen Volkes durch die eigenen Bestrebungen der jüdischen Volkspolitik eine Grenze gesteckt ist und daß da Abhängigkeitsverhältnisse entstehen können, welche die bedingungslose Teilnahme national gesinnter Juden an den Geschicken ihrer Heimatländer in schwere Gefahr bringen würde, wird durch' den Hinweis darauf hinfällig, daß die wesentlichen Ziele der jüdischen Nationalpolitik mit den Bestrebungen keines anderen Volkes im Widerspruch stehen. Weim die Politik irgendeines Volkes auf nicht anderes gerichtet ist, als nur. darauf, daß das Rech.t die Macht erlange, so die des jüdischen. Und schließlich bleiben nur den wenigsten Menschen Konflikte erspart, die sich aus dem Widerstreit innerer Ueberzeugungen und Gefühle gegen von außenher an sie herantretende Forderungen ergeben. Die gleichen Konflikte ergeben sich etwa auch aus der Zugehörigkeit zur katholischen, d. h. weltumspannenden Kirche, deren Oberhaupt oft genug in politischen Gegensatz zu Ländern geriet, deren Bürger seiner geistlichen Leitung anvertraut waren. Trotzdem die religiöse Bindung zumeist dem einfallen, ihre Aufgabe zwecks Vermeidung möglicher Konflikte zu verlangen. Man sollte doch endlich einmal aufhören, die in den Kämpfen und Widersprüchen des schöpferischen Lebens, unaufhörlich sich erneuende Welt durch das doktrinäre Mittel einer gewaltsamen Uniformierung in die öde Gleichförmigkeit vorgefaßter Systeme pressen zu wollen. Die Rumänen in Bessarabien Die „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlicht eine von österreichischen Offizieren bestätigte Schilderung der Rumänenherrschaft in Jedintzv. aus der hervorgeht, wie die bcssarabisehen Juden von den Rumänen gepeinigt werden. Es heißt darin: „Außer der Todesstrafe, die vom Hauptmann Dimitriu für seiner Meinung nach richtige Vergehen eihgeführt wurde, setzte er für alle ■ übrigen Uebcrschrcitimgen eine. Bestrafung fest: die Züchtigung mit Ruten. Man prügelt, ohne auf Alter und Geschlecht Rücksicht zu nehmen. Zehn Rutenstreiche wurden einem fünfundsiebzigjährigen Greise gegeben, weil er angeblich nicht genug sauber vor dem Hause gekehrt hatte: für dasselbe Vergehen wurde ein vierzehnjähriger Knabe gezüchtigt, ebenso wurde dafür eine im Alter vorgerückte Frau — die Gattin des Simon Byk — mit Ruten geschlagen, die unter den Rutenstreichen dreimal ohnmächtig zusammengebrochen ist. Sie wurde zum Bewußtsein gebracht und weiter geschlagen. Für dasselbe Vergehen wurde der Greis David Klügmann geschlagen. und als sich dessen Tochter Ljuba für ihren Vater eingesetzt hatte, ließ der Kommandant auch sie in unverschämter Weise durchprügeln. Für eben dasselbe erhielt die siebzehnjährige Rachel F e i n b a um zehn Rutenstreiche. Chaim Schichtmann wurde dafür gezüchtigt weil vor der Synagoge, an der er züfällig vorbeigegangen war. Kehricht vorgefunden wurde. Alles das geschah am 12. März alten Stils, an einem Tage, an dem ein starker Sturmwind Mist und Staiib vom Felde hcreinbrachte. Aaron W e i t zmann wurde mit zwanzig Rutenstreichen bestraft und ist gegenwärtig gefährlich krank. Der angesehene Bürger Weinschänker wurde mit Rufen geprügelt, weil er einen vorübergehenden Offizier nicht bemerkt hat. Der Einwohner aus Bryczany Jos Pesi grüßte die Kommandantenkappe nicht. Er wurde zur Richtstätte geführt und rettete sich mir durch Bestechung der Soldaten. Am 13. März wurde vom Kommandanten ein Fest zur Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien angekündigt. Er ließ die Bevölkerung zusammentreiben und hieß die Einwohner auf dem Platze tanzen. Auf Befehl des Kommandanten erschienen die Vertreter der jüdischen Bevölkerung mit einer Begrüßungstorte. Sie wurden mit Peitschen durch geprügelt, hierauf wurden drei Männer vorgefiihrt und gezwungen. Wein zu trinken und vor den Offizieren zu tanzen, ' worauf ihnen die Bärte gezupit wurden. Unter den Repräsentanten befand sich auch der angesehene Bürger der Stadt Abraham M ii h 1 g r o m. Der Kommandant verbot das Erscheinen auf der Straße nach 9 Uhr abends. Die tatsächliche oder angebliche Ueberschreitung dieser Ordnung wurde mit Ruten geahndet. Unter anderen wurden für dieses Vergehen gezüchtigt: Michael Riemer, Diamand und andere. Der besagte Riemer stand auf dem Balkon des eigenen Hauses. Am 17. März ließ der Kommandant zwei junge Leute. Saul Rosenberg und Chune S a 11 e r, zu sich kommen und gab ihnen unter Androhung der Rutenstreicheden Befehl, am Abend desselben Tages eine Vorstellung zu vßranstalten. Am 21. März wurden elf Männer festgenommen, drei von ihnen, unter denen sich Berko Srulowicz-Rabinowicz ' befand. wurden erschossen, das Schicksal der übrigen ist noch nicht aufgeklärt. Vorläufig sind sie mit Ruten gezüchtigt worden. Von diesen sind uns drei bekannt: Manie Tokhaus. Josef Fi sch mann und Salomon Lctvig. Obiges wird bestätigt: Auf der russischen Urschrift ist zu Ende deutsch geschrieben: Gesehen 5. April 1918. Siegel des k. u. k. Sturmbätaillons Nr. 36. Unterschrift unleserlich. Ich bestätige hiemit, die oben angeführte Ucbersetzung von dem mir vorgelegten Schriftstück in russischer Sprache wortgetreu verfertigt zu haben. Czeraowitz, 12. April 1918, Ludwig Winter, k. k. Professor an der griechich-orientalischen Oberrealschule in Czcrnowitz. Eine Deputation, die sich beschwerte, ist zur Hälfte erschossen worden. Jedintzy liegt, im Chotiner Kreise, knapp an der österreichischen Einflußsphäre, da wird noch Rücksicht geübt. Weit ärger ist es im Innern des Landes, am ärgsten ergeht es den Juden. Kein Wunder, daß die große Mehrheit der Bevölkerung den Anschluß an Rußland wünscht, wie denn auch in der Ukraine die Strömung wächst, in ein Bundesverhältnis mit Rußland zu treten. In das Ministerium sind bereits drei Föderalisten eingetreten. Der' neüernannte Gouverneur Bessarabiens. Stere, hat wohl einen guten Ruf. Ob er ihn rechtfertigen wird, bleibt abzuwarten.“ Anläßlich der Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien werden in der jüdischen Oeffcntlichkeit Befürchtungen laut, daß dieses System der Judendrangsalierungen ein. Vorspiel für die Rumänenherrschaft bilde. Auch m dieser Hinsicht fordert das allweltliche Judentum, daß Kautelen geschaffen werden, daß die Juden nicht dauernd der Willkür preisgegeben sind. Die Erfahrungen mit Rumänien mahnen jedenfalls zur äußersten Vorsicht^ und Vorsorge. viel stärker ist als die nationale, kann es nieman- Ohne Presse keine Bewegung!