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Jüdische Zeitung · 1918-04-26 · 17 (26.4.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
17 (26.4.1918)
Date
1918-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang. — Nr. 17 Naiional'jüdifches Organ Redaktion und Administration: 'Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Xr. 45-325 Mit der Beilage: ,*Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 26. April 1918 — 14. Ijjar 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 4 K Einzelnummer 3o A Postsparkassenkonto 133.404 Blutige Exzesse in Krakau Die Dinge, die sich in der vergangenen Woche in Krakau abgespielt haben, werden wohl auch die leichtmiiligsten Juden zur Nachdenkl chkeit zwingen. Die Ereignisse spieen sich immer mehrzu und der tragische Ausgang der letzten Exzesse, die ein Menschenleben kosteten, ist nicht nur eine Erweckung aus Lethargie und Indolenz, sondern auch eine Mahnung für die Zukunft. Wir wollen kein leichtfertiges Spiel spielen; Ein Menschenleben, das heute gering geschäht wird — uns gilt es noch etwas; und wehe dem Volke, in dem die Verrohung und Bestialilät schon so weit gediehen sind, daß alle Schranken der Menschlichkeit zerbrochen werden. Die Nachrichten Uber polnische Ausschreitungen gegen Juden mehren sich. Die befreiten Polen haben den Ehrgeiz, die Rolle des versunkenen zaristischen Rußland zu übernehmen. Hier muß die öffentliche Meinung der ganzen Welt ihr Orteil sprechen. Wir appellieren zum Schuß der Juden an die ganze Welt, insbesondere aber an die österreichische Regierung, die die Gerechtigkeit, welche sie dem Polen bei ihren Wünschen nach Befreiung hat angedeihen lassen, auch den bedrohten Juden zuteil werden lassen muß. Wir fordern Schuß für die österreichischen Juden gegen die Uebergriffe des Pöbels irgend einer Nation, Schuß gegen unverfrorene Verheßung, gegen die physische Becrohung. Der Jüdische Nationalverein hat sofort nach Entgegennahme des telephonischen Berichtes Uber die Exzesse nachstehendes Telegramm an den Minister des Innern Grafen Toggenburg gerichtet: Exzellenz Minister Graf Toggenburg, Wien, Ministerium des Innern. Seit Monaten wird in Galizien eine Judenhetze betrieben. An vielen Orten wurden die Juden mißhandelt und ausgeraubt. In den letzten Tagen ist es zu schweren Ausschreitungen in Krakau gekommen. Viele Juden wurden verwundet, einer getötet. Jüdische Geschäfte wurden ausgeraubt und zerstört. Nachdem die lokalen Behörden keine wirksamen Maßregeln treffen, fordern wir von der Zentralregierung ausreichenden Schutz vor diesen schändlichen Gewalttaten, durch welche staatstreue Bürger an Leben und Eigentum bedroht werden und das Ansehen der Monarchie vor der zivilisierten Welt schwer geschädigt wird. Für den jüdischen Nationalverein: Ing. Robert Stricker. Trauerandacht Auf Initiative des „Gemeinsamen jüdischen Hochschulausschusses1' findet Donnerstag, den 25. April um 7 Uhr abends eine Trauerandacht für das Opfer der blutigen Ereignisse in Krakau im Tempel II., Pazmanitengasse 6 statt. Die Trauerrede hält H. Rabbiner Dr. Grunwald. Als Kantor fungiert H. Oberkantor Morgenstern. sehen Häuser zur Zeit des Sabbatmahles, schlugen die Scheiben aller Fenster ein und schleuderten Steine in die Wohnungen. Juden, die auf der Straße vorbeigingen, schlugen sie bis aufs Blut. Weder die Gendarmerie, noch die Stadtpolizei schritt gegen den Judenpogrom ein. Sonntag, am 14. d. M.. überfielen die Bauern Juden, welche durch die Dorfstraße in die Stadt kamen und schlugen sie, bis einige verkrüppelt wurden. Ob dies den Juden eine genügende Lehre sein wird und sie sich zum Schutze gegen einen neuerlichen Ueberfall organisieren werden, scheint fraglich. Fraglich ist auch, wie die jüdischen Antisemitenverteidiger diesen Pogrom rechtfertigen werden. (Original-Bericht der „Jüdischen Zeitung.“) Krakau, 19. April. Dienstag, am 16. April 1918 brachen neuerlich in Krakau Unruhen aus, die, wenn auch ihre Urquelle in der durch Mangel an Brot und Mehl hervorgerufenen Erbitterung entspringt, einen direkt antisemitischen Charakter trugen. Fast durch alle Viertel der Stadt zogen große Massen der polnischen Bevölkerung und überfielen jüdische Geschäfte. H a b und Gut wurde geplündert, geraubt, die Juden selbst mit Stöcken, Stangen und Steinen geschlagen und verwundet. Ein 51 jähriger Jude aus Stryj, der nach Krakau kam, um seinen ins Feld abziehenden Sohn zu besuchen, wurde aus der E.lektrisch en heraus gezerrt un<T so bestialisch mißhandelt, daß er nach einer Stunde starb. Die Unruhen wiederholten sich am 17. April 1918 und wieder wurden viele Juden verwundet. Das Aufgebot der Polizei wie auch die Militärassistenz fand nicht die nötige Energie, rechtzeitig gehörig einzugreifen. Interessant ist es, daß zwischen den Plünderern — die unter ständigen Ausrufen „Hurra na Zydöw“ zogen — auch Intelligenzler und Legionisten in nicht geringer Zahl zu finden waren. Die Empörung ist selbstverständlich bei den Juden groß. Wenn auch die „berufenen“ Vertreter der Juden aus Angst um ihre eigene Würde nicht immer das Ihrige taten, hat sich doch unter der tatkräftigen Führung der nationaljüdischen Elemente das ganze Judentum solidarisch zur Gegenwehr organisiert. Eine Deputation jüdischer Kaufleute ist nach Wien abgefahren, um bei den Zentralbehörden Schuß und Genugtuung zu verlangen. Die Trauerkundgebungen für den verstorbenen Psachie Meller, gestalteten sich zu einer Riesendemonslration. Vor einer Uber 12.000köpfigen Menge sprachen in einer improvisierten Versammlung unter freiem Himmel der Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft Herr Friedberg, im Namen der nationalen Juden Herr Dr. F e 1 d b 1 u m und für die unabhängige Partei Herr Dr. Lauer. Alle Redner brandmarkten in scharfen Worten das Vorgehen der Polen, die die Morgenröte ihrer Selbständigkeit mit derartig schandhaften Taten beflecken, und fordern die Juden zur Organisierung auf. An demselben Tage Nachmittag'begleitete eine Uber 30.000,köpfige Menge die Leiche des Unglücklichen vom Collegium Novum zum Friedhof. Vor der alten Synagoge blieb der Zug stehen, wonach Herr Dr. Feldblum und der orthodoxe Rabbiner Da m e sz e k Trauerreden hielten. Selbst die Trauerfeier am Friedhof blieb nicht ungestört. Vom vorüberfahrenden Lastzüge warfen Eisenbahner Steine auf die versammelte Menge. Wieder wurden einige Juden verwundet. Die Leichenbestattung fand unter Anteilnahme aller Schichten der jüdischen Bevölkerung am 18. April um 4 Uhr nachmittags statt. Eine liefergreifende Trauerrede hielt in hebräischer Sprache Rabbiner Dr. O. Thon und der orthodoxe Rabbiner D e m b i 1 z e r. Die hiesige Presse hat selbstverständlich die ganze Sache totgeschwiegen. Erst gestern erschien in der „Nowa Reforma* eine Notiz, wonach Herr Psachie Meller an — „Herzschlag“ starb. Die Haltung des Kultusvorstandes. Eine besondere Erwähnung verdient die u nwürdige Haltung des Krakauer Kultusvorstehers. Der Kultusvorstand gab den Befehl, die Leiche des Opfers in aller Stille wegzuführen und heimlich zu begraben. Die jüdische Jugend stellte aber eine Wache vor dem Hotel Rappaport und verhinderte die Wegschaffung der Leiche. Die Wache blieb die ganze Nacht. Um 3 Uhr früh kam aber eine starke Polizei-Abteilung und führte die Leiche mit Gewalt weg; bald darauf wurde der Obduktionsbefund verbreitet, wonach der zu Tode'geprügelte 51jährige Mann an Herzschlag gestorben war. Das Begräbnis wurde offiziell für Mittwoch, .12 Uhr, angesagt, die Menge wartete aber vergeblich; später verlautete gerüchtweise, daß der Kultusvorstand beabsichtigt, den Toten um VA heimlich zum Friedhof führen zu lassen. Die jüdische Bevölkerung erwartete aber den Totenwagen, der um 4 Uhr auf dem Wege zum Friedhof bemerkt wurde, hielt ihn auf und inszenierte eine große Trauerkundgebung, die überaus eindrucksvoll und würdig war. Herr Dr. Tilles hütet die polnische Ehre und wird bereit sein, zu beschwichtigen und zu dementieren. Die OeffentUchkeit aber weiß die Wahrheit und die Judenheit weiß, was sie von solchen Repräsentanten zu halten hat. Sie wird sich solche Kultusvorsteher nicht mehr gefallen lassen. Die Zensur. Von den Krakauer Ereignissen, die bereits am 16. d. M. stattfanden, durfte eine ganze Woche nicht berichtet werden. Die Zensur unterdrückte jede Nachricht. Schließlich ließ sich die Sache nicht länger verschweigen und in den letzten Tagen brachten die meisten Zeitungen mehr oder minder ausführliche Berichte. Die „Wiener Mittagszeitung“ vom 24. weist in einem Aufsatz „Rache für Cholm“ darauf hin, daß die Leiden der jüdischen Bevölkerung der Lohn für ihre loyal-vaterländische Gesinnung sind. — Die jüdische OeffentUchkeit hat jedenfalls ein Recht darauf, zu erfahren, was vorgeht und vor aller Welt Schutz und Rechenschaft zu fordern. Er macht nur einen höchst ungünstigen Eindruck, wenn solche Nachrichten von der Zensur erdrosselt werden. Judenpogrom ln Narol. Aus Lubaczow erhalten wir nachstehenden Bericht: Freitag, am 12. d. M. abends, versammelten sich — wie ich von Augenzeugen informiert bin — in der Stadt Narol die Bauern der Stadt und ihrer Umgebung in einer großen Anzahl, bewaffnet mit Stöcken und anderen Schlagwaffen. Unter dem Vorwände eines Protestes gegen die Behörden, welche sie zur Feldarbeit zwingen, begannen sie einen Pogrom auf Juden. Sie überfielen die jüdi- In den letzten Zeiten mehren sich von Tag zu Tag Hiobsnachrichten über antisemitische Ausschreitungen in Galizien. ' Am 7. d. M. wallfahrten infolge der Jahrzeit des Wunderrabbis Halberstamm ein paar tausend Juden aus der nahen Gegend nach Neu-Sandez. Gegen Abend, als sich die Juden der nahen Stadt Alt-Sandez zum Bahnhof begaben, wurden sie von Militärsleuten angefallen, ohne irgend welchen Grund tätlich mißhandelt und in den Zug verfolgt. Die Waggons wurden mit Steinen beworfen, dann drangen die Soldaten in diese ein und mißhandelten die hilferufenden Juden. Manche wurden aufs Bahngeleise geschleppt, dort zu Boden geworien und Schuhe, Hüte, Wertpapiere und Gelder geraubt. Die Mißhandelten waren greise Juden, darunter auch mehrere Frauen. Die Luft durchdrang ein jämmerliches Geschrei, an dem sich viele Zuschauer ergötzten. Merkwürdiger Weise war n i emand von dem Bahppersonal zugegen. Erst als sich der Zug in Bewegung setzte, fanden die Ausschreitungen ein Ende. | Intervention der Zionistischen Organisation und des Jüdischen Nationalvereines. In Vertretung der Zionistischen Partei und des Jüdischen Nationalvereines sind am 24. April die Herren Stand, Ing. Stricker, Dr. Kassner und B a t ö beim Minister des Innern Grafen Toggenburg erschienen, um gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Galizien Stellung zu nehmen. Die Herren schilderten die seit Monaten andauernde antisemitische Lage im Lande. In vielen Städten wurden Juden mißhandelt und beraubt. In Krakau begannen die Unruhen am 16. d. M. und dauerten mehrere Tage. Jüdische Läden wurden am hellichten Tage zerstört und beraubt, jüdische Bürger schwer mißhandelt Der Jude Psachie Meller ist infolge der erlitten Mißhandlungen gestorben. Die national organisierte Judenschaft ersucht die Regierung um energisches Einschreiten, da sich die Maßnahmen der lokalen Behörden als völlig unzureichend erwiesen haben. Die Herren protestierten auch gegen das Verhalten. der Zensurbehörde, insbesondere in Galizien, welche alle Nachrichten über die tatsächlichen Vorfälle unterdrückt und lediglieh solche Berichte zuläßt, welche alles rundweg ableugnen. Dieses ungerechte Verfahren trägt nicht zur Beruhigung bei. Es erbittert die Juden, ermutigt die Exzedenten und gibt zur Verbreitung wilder Gerüchte Anlaß. Der Minister erklärte, daß die Regierung diese Ausschreitungen bedauert und verurteilt. Wenn die getroffenen Maßregeln nicht ganz ausgereicht haben, so ist das darauf zurückzuiühren, daß zufolge der Verhältnisse im Kriege nicht überall erprobte Sicherheitsorgane zur Verrügung stehen. Das Ministerium hat sofort nach Erhalt der Meldungen umfassende Maßregeln getrorien und strenge Weisungen hinausgegeben, und das mit gutem Erfolge, da nunmehr Ruhe herrscht. Was das Verhalten der Zensurbehörde betnfrt, erklärte der Minister, daß er das Verlangen nach Zulassung der den Tatsachen entsprechenden Berichte in der Presse gerechtfertigt halte und seinerseits umgehend die nötiger sungen erlassen werde. ' Jeder Zionist muß die Jüdische Zeitung halten!

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