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Jüdische Zeitung · 1918-04-12 · 15 (12.4.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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:: Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG __ __ Nr. 15 : Leopold Hilsners Begnadigung Von Julius L'öwy. Am 1. April 1899 wurde im Brezina-Wald bei Polna die Leiche der Agnes liriiza aufge- : fanden. Die Gerichtskcmmission, an ihrer Spitze Bezirksrichter Dr. Reichenbach aus Polna und Untersuchungsrichter Dr. B a u d i s c h aus •.Kuttenberg nahm an, daß der Mord zwei Tage vorher geschehen war. Es hatte in der Zwischenzeit stark geregnet, viele Neugierige hatten den Tatort besucht und so viele wichtige Spuren vernichtet, die bei der Suche nach dem Täter von großer Bedeutung gewesen wären. Der Verdacht des Mordes lenkte sich aber sofort auf einen üahen Verwandten des Opfers, der mit ihr ln Streit gelebt hatte. Unter den Personen, die das Mädchen kurz vor ihrem Verschwinden gesehen hatten, beiand sich auch der 21jährige Leopold H i I s n e r, ein ziemlich arbeitsscheues, sonst aber vollkommen harmloses Individuum. Er wurde denn auch einvernommen und durch den Gendarmen Klenövek vor die Leiche geführt. Dieser Coup verfing nicht. Hilsner verlor seine Ruhe sicht und die Kommission entließ ihn sofort. Die Regierung entsandte den Prager Polizeirat Olic nach Polna, um die Kommission mit seiner reichen kriminalistischen Erfahrung zu unterstützen. Nun erhielt die Angelegenheit das sensationelle, politisch-konfessionelle Gepräge. Der antisemitische Journalist Jaromir H u s e k schrieb an den Wiener christlichsozialen’ Gemeinderat Hans Arnold Sch w e r. die Juden hätten die Hruza zu rituellen Zwecken geschachtet und der Bezirksrichter Reicheribach sei den Juden gefällig. Schwer schlug im ..Deutschen Volksblatt“ Lärm, sein Parteigenosse Abgeordneter Schneider trug die Sache in den niederösterreichischen Landtag, wo er den Justizminister Ruber beschuldigte, et wolle den Polnaer Rittialmord für Geld verloschen; der Bischof von Königgrätz Dr. Brynych ließ in der ,.Obnova“ einen Vortrag veröffentlichen, in dem er den Ritualmord ausführlich besprach. Nun folgte Schlag auf Schlag. Olic wurde nach Prag zurückgesandt, Dr. Reichenbach die Untersuchung abgenommen, Dr. Baudisch nach Kuttenberg ad audiendum verbum zitiert. Sieger blieb Klenovec, der Hüsner nach einer Hausdurchsuchung verhaftete und in Ketten, von heulendem Pöbel gefolgt, dem Bezirksgericht einlieferte. Dann folgten antisemitische Exzesse in Polna, in Holtscb-Jenikau, in Groß-Meseritsch und an anderen Orten. Das Kuttenberger Kreisgericht forderte die Polnaer Gerichtsärzte auf, sich über die Frage des Blutes zu äußern. Diese verstanden den Wink und äußerten sich im verlangten Sinne. Am 16. September sprachen die Kuttenberger Geschworenen Hilsner einstimmig des Mordes schuldig. Der Kassatioushof forderte der Prager tschechischen medizinischen Falkultät ein Gutachten über die Blutfrage ab. Als dieses für die Ritualmordanhänger vernichtend lautete, wurde ' das erste Urteil aufgehoben, die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet und zu Ihrer Durchführung das Kreisgericht Pi sek bestimmt. Im Laufe der neuerlichen Untersuchung imputierte man dem Hilsner nocli einen anderen Mord, den an der Maria Klima, die seit 17. Juli 1898 verschollen war und die man mit einem im Oktober 1898 amgefundenen. weiblichen Skelett identifizieren wollte. Zudem batte Hilsner, von Todesangst gefoltert, von einem Gefängniswärter und seinen Mithärtlingen verschüchtert und verprügelt, ein Geständnis abgelegt, er habe mit zwei Juden namens Erb mann und Wassermann die Hruza umgebracht Dieses Geständnis wiederrief er sofort, Erbmann und Wassermann konnten einwandfrei ihr Alibi nachweisen. Er kam also wegen der zwei Morde und wegen Verläumdung der zwei Bezichteten vor die Piseker Geschworenen, die . ihn nach einer 17tägigen Verhandlung am 14. November 1900 in allen Punkten schuldig sprachen. Weder wurde die Todesstrafe verhängt dann aber in lebenslänglichen Kerker umgewändelt * _ * *»t Eine ganze Literatur Ist über den Fall Hilsner erstanden und es ist heute wohl kein ruhig Denkender mehr zu finden, der von der Schuld Hilsners überzeugt wäre. Aber die Geschworenen, die Prozeßleitung, die Staatsanwaltschaft — alles stand unter der Hypnose des Ritualmordwahnsinns. Man schob deshalb resolut alle Zeugenaussagen beiseite. Der Präger tschechischradikale Abgeordnete Dr. Baxa hielt Brandreden über den Ritualmord, der Staatsanwalt unterlag der Suggestion, und die Geschworenen, einfache kleine Krämer, Gevatter Schuster und Handschuhmacher gingen auf keine juristischen Spitzfindigkeiten ein und blieben bei Ritualmord. Hilsner ging in den Kerker, den ihm nun nach 19 Jahre länger Haft die Gnade des Kaisers geöffnet hat. * * * Der Fall Hilsner hat sicherlich auch eine politische Seite. Hilsners Affaire fiel in eine Zeit, da das tschechische Flachland durch die Vorfälle im Wiener Reichsrat, durch die deutsche* Obstruktion gegen Badeni, durch die vom Grafen Clary verfügte Aufhebung der Sprachenverordn u n g e n äußerst unruhig war. Ende 1897 war der Reichsrat aufgelöst worden, man stand also 1898 Inmitten .heftiger Wahlkämpfe und Böhmen war in kochender Erregung. Die Juden galten als deutsch: Hilsner war ein Jude. Also war der Prozeß gegen ihn eine eminent nationale Angelegenheit, an der das gesamte tschechische Volk in Böhmen. Mähren. Schlesien, sogar in der Slowakei heftigsten Anteil nahm. (Nur Professor Masaryk blieb von der allgemeinen Epidemie verschont, und trat tapfer und miitig für Hilsner ein. Ihm schloß sich später ein Prager Arzt, Dr- Bulowa, an,;der dadurch brotlos wurde und Hungers starb.) Dfc Tausende von Menschen, die am Abend des 14, November 1900 das Todesurteil mit brausendem Jubel äufnahmen. Geschworene und Herrn Baxa mit. Blumen schmückten und im Triumph durch die Straßen der Bergstadt Pisek trugen, dieselben Tausende schlugen dann Juden und Deutschen die Scheiben ein. * * Man wird aber der Sache ' nicht gerecht, wenn man sie nur unter dem politischen Gesichtspunkt betrachtet. In der bigotten, fanatisch erregten, stets zur religiösen Exaltiertheit geneigten kleinbürgerlichen Schicht hatte die Lüge des jüdischen Ritualmbrde.s: stets, gläubige Bekenner gefunden. " -; Geselit sich zu dieser psychischen Epidemie noch. die Schwäche und lächelnde Duldung der staatlichen Behörden, die in Oesterreich vor jedem Demagogen zurückweichen, dann kommt es zu der Verwüstung des Rechtslebens, die sich in Pisek und in Kuttenberg gezeigt bat. Als die Geschworenen in Pisek ihr. „Schuldig“ sprachen, rief der Präsident Dr. Winter aus: „Hier ist ein Unschuldiger verurteilt worden!“ Und als eine hochgestellte Persönlichkeit, die seither verstorben ist,, im Juni 1899 auf dem Balmhof in Kuttenberg den Staatsanwalt nach dem Stande der Untersuchung gegen Hilsner fragte, da erhielt sie die Antwort: „Sie können sich darauf verlassen, der Mann wird verurteilt!“ Der Geist der Hexenprozesse, der Inquisition, der Iiostienschändiing, siegte Über Recht und Gerechtigkeit. * •* Hilsner ist begnadigt worden; aber das Urteil gegen ihn, gegen das Judentum, steht weitet aufrecht und brennt wie ein ewiges Schandmal auf der Stirne der Justiz unseres Vaterlandes, das das einzige Land ist und blieb, in dem eine solche Verurteilung Rechtskräft erhielt. Die Rehabilitierung des armen Märtyrers aus der Polnaer Judengasse Ist eine Forderung, die nicht das Judentum, sondern die geschändete österreichische Justiz stellen und mit aller Kraft betreiben sollte. W i r wissen, daß die Lüge des Ritualmordes niemals schwinden wird, solange wir nicht eigenen' Boden unter den Füßen haben, solange wir nicht in der Heimat unseres Volkes leben. Hilsner, der Zielpunkt römisch-katholischen tschechischen Hasses, ist ein~Symbol und Kennzeichen des Galüth. * Anm. d. Red. Bereits am 30. März be- . richtet unser Kremser Korrespondent K. S. über eine Unterredung mit Hilsner. Der J. M. E. datiert vom 28., am 30. war Hilsner bereits in Freiheit; so rasch hat diesmal die Justizbehörde gearbeitet. Hilsner soll sehr herabgekommen aussehen; er will zu seiner einzigen Verwandten in Gr.-Meseritsch fahren und dann nach Wien zurückkehren und durch Arbeit sein Leben fristen. Zur galizischen Vertrauenstnännertagung Demnächst sollen die Vertrauensmänner der galizischen Zionisten zum ersten Male in den ereignisreichen vier Jahren zu einer Beratung in Lemberg zusammentreten. Wenn auch Unseren dortigen Gesinnungsgenossen der Vorwurf nicht erspart werden kann,'daß sie spät daran gehen, die durch den Krieg gründlich zerstörte Organisation zu restaurieren und die zionistische Tätigkeit, die bislang fast überall den so rührige» Jugendorganisationen „Schonirim“ und „Z’irö Zion“ überlassen ist, wieder aufzunehmen, so soll andererseits nicht übersehen werden, daß die Grenzen der neu aufzunehmenden Arbeit eng gezogen sind. Weder die trostlose wirtschaftliche Lage, in der sich das vom Krieg am furchtbarsten betroffene Land befindet, noch die höchst unkonsolidierten politischen Verhältnisse dortselbst gestatten es, schon, heute ein umfassendes Arbeitsprogramm aufzusteilen. Dazu mangelt es auch noch an Arbeitskräften für die verschiedenen Gebiete, da der größte Teil unserer arbeitsfähige^ und opferwilligen Gesinnungsgenossen, darunter fast die ganze reifere Jugend im Dienste des Vaterlandes steht. Entsprechend der augenblicklichen Lage also, sowie im Hinblick darauf, daß es dieser Tagung, weil nicht auf den Bestimmungen unserer. Ot< ganisationssatzurigen fußend; an der nötigen Kom* petenz fehlen wird, soll nun diese von weitgesteckten Zielen absehen und sich lediglich darauf beschränken, die Richtlinien für die zionistische Arbeit in der Üebergangszeit festzusetzen und eine provisorische Parteileitung, für die ein Kollegium die passendste Form wäre, zu wählen. Dieser neuen Leitung würde es obliegen, die Vertretung der jüdischen Interessen in Galizien zu übernehmen und den Wiederaufbau der zionistischen Organisation ohne Verzug in die Wege zu leiten. Diese beiden Aufgaben sind sowohl dringend als auch schwierig. Die, jüngsten Vorkommnisse in Galizien haben es deutlich gezeigt, in welcher ungeheueren Gefahr die jüdische Bevölkerung dieses Landes schwebt und wie un- Imperalisttius und Assimilation Dient das Aufgehen des jüdischen Volkes dem Fortschritt der Menschheit? Oder bedeutet seine Erhaltung und Neuschöpfung nicht für den Menschheitsgedanken, dessen leidenschaftlichste, tatbegeistertste und hingebungsvollste Vorkämpfer die Juden sind, einen schweren Schaden oder zumindest durch Aufrichtung einer neuen nationalen Schranke ein neues Hemmnis? Vielleicht lassen sich diese beiden Fragen, in denen uns einer der ernstesten Entwände gegen den jüdischen Nationalismus und Zionismus entgegentritt durch Aktualitäten besser*-beantworten als durch theoretische Auseinandersetzungen. Friedjung und Lammasch. Die sogenannte Lammasch-Affaire ist wohl noch in aller Erinnerung. Professor Heinrich Lammasch, Oesterreichs hervorragendster Völkerrechtsiehrer und Mitglied des Haager Schiedsgerichthofes, hatte sieb in einer Denkschrift für die Wilsonschc Idee eines allgemeinen Staatenhundes. dessen Hauptziel die Vermeidung künftiger Kriege sein soll, eingesetzt und gegen den •Han Friedrich Naumanns von einem über das heutige Bündnis noch hinausgehenden Zusammenschluß „Mitteleuropas“, dessen Konsequenz die Penieluierung der heutigen, fast die ganze Welt umfassenden Koalition der Entente wäre', Stellung genommen. Diese Anschauungen, die Lammasch auch in vollster Oeffentlichkeii, insbesondere in seinen mutigen Herrenhausreden vertreten hat, nimmt nun Professor Heinrich Friedjung zum Anlaß sensationeller „Enthüllungen“ über angeblichen Verrat an dem deutschen Bundesgenossen usw. Der getaufte Jude nimmt den deutschen Imperialismus gegen den katholischen Deutschen und seine auf nationale Gerechtigkeit und das internationale Recht gestützte Friedensliebe in Schutz. Nur angemerkt mag werden, daß in dieser Affaire._ auch ein anderer Judenstämmling, der sozialistische Dozent Ludö Hartmann, der Sohn des jüdischen Achtundvierziger r Revolutionärs Moritz Härtmanri, eine pikante Rolle spielte. — Man sieht: die Assimilation fördert die Menschheit ganz erstaunlich. Laband und Stahl. Ende März dieses Jahres starb in hohem Alter Deutschlands, berühmtester Lehrer des Staatsrechtes, der Straßburger Professor Paul Laband. Von.Laband rührt die juristische Auslegung. der deutschen Reichsverfassung her, die in Theorie und Praxis geradezu dogmatische Bedeutung erlangt hat und von keiner anderen Darstellung erreicht wurde. Selbst. Bismarck, der Schöpfer der deutschen Verfassung, hat Labands „Staatsrecht des Deutschen Reiches“ studiert und seine Oedanken auch wiederholt verwertet. ’Ueber die politische Bedeutung von Labands Wirken schreibt der bekannte Pazifist Professor Walther S c h ü c k i n g, den man den deutschen Lammasch nennen kann. Ln einem Artikel in der „Frankfurter Zeitung“ folgendes: „Kein Zweifel, daß Laband und seine Schule durch ihre Methode viel zu dem konservativen Grundzuge beigetragen haben, der bis zu dem Weltkrieg durch unser Staatsleben ging. Aber Laband hat nicht w,ie einst der gleich ihm aus jüdischen Kreisen stammende Stahl dem Konservativismus irgendwelche politische'Ideen geliefert. Das könnte und woilto er nicht, denn ihm fehlte scheinbar, wie Vielen seiner Generationen, jene tiefere Weltanschauung, von der Simmel einmal sagte, daß sie in die sonst geltende Alternative exakter Wissenschaftlichkeit und subjektiver Willkür nicht einzuspannen ist und daß nacli ihr seit geraumer Zeit wieder eine starke Sehnsucht in der deutschen Jugend erwacht ist Auch was einer für ein Jurist ist, kommt in letzter Linie darauf an, was er für ein Mensch Ist. Der_Mensch Laband aber hatte auch seine Schwächen. Begreiflicherweise ständig bestrahlt Von der Griadensonne der. höchsten Autoritäten, brauchte er für seine Ueberzeugungen niemals Opfer zu bringen, wer ihn kannte, mußte aber auch bezweifeln, ob ihm das gerade leicht geworden wäre. Bei Gelegenheit ließ er sich willig als Höfjurist verwenden, wie es deren leider immer unter den berühmten Staatsrechtslehrern gegeben hat. Wie ein Mann von seinem Scharfsinn und Wissen in der Form des wissenschaftlichen Gutachtens für die Ansprüche des Hauses Schaumburg auf den Lippischen Fürstenthron eintrat, das war unerfreulich für die ganze Gelehrtenwelt. Nur mit einem gewissen inneren Erschrecken konnte man als Fachmann in einer Studie, die während des Krieges als Festgabe für Otto Mayer aus seiner Feder über die Rechtsverhältnisse in Belgien erschien, lesen, wie er die Verbindlichkeit völkerrechtlicher Normen über das' Landkriegsrecht für uns damit hinwegzudisputieren versuchte, daß es sich' ja hier nur um Gebräuche handle, wie sie auch die Haager Akte nenne, daß es aber das Wesen des Gebrauches sei, daß er verschieden sei, wobei dann von ihm auf die Kriegsführung der Russen in Ostpreußen Bezug genommen, wurde. Offenbar bestrebt, eine Annexion Belgiens unter möglichst günstigen Bedingungen vorzubereiten, erklärte er in dieser Studie auch, daß die während des Krieges von der belgischen Regierung des Königs Albert völlig legitimer Weise aufgenommenen Darlehen für . den betgisch&fSfe'üfiät nicht verpflichtend seien, weil die Fortsetzung des Krieges nicht! im wahren Interesse Belgiens läge, über das also nicht die hoch zu Recht bestehende belgische Regierung, sondern, der Professor Laband in Straßburg zu entscheiden hätte. So urteilte der angeblich unpolitische Laband über völkerrechtliche Fragen in einer Schrift, (Hfe ihn sonst geistig noch ganz auf der Höhe zeigte.“ Ohne Presse keine JSetaregiing!

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