Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-04-12 · 15 (12.4.1918) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438689--5716-2445721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions (1 not found in this text)

Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 erläßlich es gerade letzt ist, aut der Wacht zu sein. Hand in Hand mit dieser Abwehrarbeit muß die Sammlung und Organisierung der Kräfte für die nach Kriegsende einzusetzende positive zionistische Tätigkeit gehen. Auf diesem Gebiete harren unserer große Aufgaben. Nun gilt es, mit den . Vorbereitüngsarbeiten zu beginnen. Je früher, je intensiver — desto besser. Da es sich in Galizien um solche Aufgaben handelt, ist es auch selbstverständlich, daß für die Ueberganggieitung nur soiche'Personen in Betracht kommen, die die ihnen zu übertragende Leitung auch tatsächlich ausüben können, d. h. solche, die gegenwärtig in Galizien leben und die Möglichkeit haben, die Arbeit durchzuführen. In einem Punkte jedoch müßte diese Tagung auch in sachlicher Beziehung den Uebergangscharakter tragen: Sie soll nämlich den Uebergang von der autonomen, völlig abgesonderten galizischen Partei zur wiedervereinigten gesamtösterreichischen zionistischen Partei bilden. Es ist hoch an der Zelt, die vor mehreren Jahren aus gewissen Ursachen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, herbeigeführte Spaltung der österreichischen Organisation wieder gut zu machen. Dies sei ernstlich ein heiliges Gebot des Zionismus, dessen. Wesen Einigkeit und Zusammenschluß ist. Wenn unsere Organisationssatzungen aus technisch-praktischen Rücksichten die Teilung in Landesorganisationen vorsehen, so muß man sich davor hüten, diese in einen Partikularismus ausarten zu lassen, der ' eine .ernste Gefahr für die Organisation in sich birgt. Um so weniger ist eine Teilung zulässig, wenn sie einzelne Teile ein- und desselben Landes auseinanderreißt und obendrein sich nicht auf die Ar beitsteil u.ng beschränkt, sondern eine vollständige und gründliche Lostrennung anstrebt. Aber nicht allein im Namen des Zionismus, vielmehr auch im eminentesten Lebensinteresse beider Teile und anf Grund der gesunden politischen Uebörlegung muß die Wiedervereinigung der galizischen mit der westösterreichischen Partei verlangt werden. Die paaf Jahre galizisch-zioaistischef Autonomie habenuns wiederholt die Gelegenheit geboten, die- Nachteile dieser Absonderung wahrzunehmen; Sollen jedoch die üblen Wirkungen dieses abnormalen Zustandes nicht für lange Jahre hinausFortbestehen, so muß jetzt Remedur geschaffen werden. Oesterreich steht .vor einer Verfassungsreförm. Da müssen auch die Juden ihre Forderungen anmelden und durchzusetzeri trachten. Der Anfang wurde bereits gemacht durch die jüngsten Konferenzen der zionistischen Vertreter mit der Regierung, die den ihr unterbreiteten; und entsprechend motivierten Forderungen f wohlwollendes Interesse entgegenbrachte und ihnen Rechnung zu tragen versprach. Nun muß. diesen Forderungen durch eine straffe Zusammenschließung der gesamten Judenheit und .durch.eine einmütige Willenskundgebung seitens der Juden aber Landesteile Nachdruck verliehen werden. DabeLsoll nicht übersehen werden, daß Wien als die Haupt- und Residenzstadt derjenige Ort.ist, wo alle Strebungen und Gegeustrebungen «usammenlaufen, sich hier auseinandersetzen, um : sich zu Beschlüssen der maßgebenden Faktoren; darchzuringen. Hier also müssen auch die Juden ihr Organ besitzen, durch das sie ihre Stimme vernehmen lassen können und das ihren Wünschen und Forderungen Im geeigneten Moment bei den maßgebenden Stellen autoritativ Geltung verschaffen soll. Zum Glück handelt es sich hiebei nicht mehr im ein Experiment. Der Krieg und seine Begleiterscheinungen haben Hunderttausende östlicher Juden in die westlichen Provinzen der Monarchie verschlagen und dadurch einen gewissen inneren Konnex zwischen den Ost- und Westjudeu bewirkt. Naturgemäß zeigte sich dieser Zusammenhang vorerst und in besonders ausgeprägter Form im zionistischen Lager. Die zionistischen Flüchtlinge suchten und fanden gleich zu Beginn ihres hiesigen Aufenthaltes den Weg zu ihren westlichen Gesinnungsgenossen, die ihnen bereitwilligst die. Möglichkeit boten, sich verschiedentlich zionistisch zu betätigen, an. den Kriegshilfsinstitutionen des J. N. F., an der Presse ust mitzuarbeiten. Damals entstand auch das „Exekutiv- Komitee der Zionisten. Oesterreichs“, in dem Vertreter aus Galizien, Westösterreich und der Bukowina sitzen und das während der ganzen Kriegszeit die Leitung der gesamtösterreichischen .zionistischen Partei inne hat und diese Agenden mit verhältnismäßig befriedigendem Erfolg besorgt, Und es war sicherlich mehr als eine Hörlichkeitsphrase, wenn die zionistische Vertrauensmännerversammlung, die am 5. Dezember 1915 unter Beteiligung zahlreicher Vertreter sowohl der östlichen als auch der westlichen Zionisten ln Wien stattfand, spontan und einmütig den Wunsch äußerte, den restlosen Zusammenschluß der gesamten österreichischen Partei ohne Verzug in die Wege zu leiten. Auf diesen Standpunkt mußten sich nun auch die Vertrauensmänner der galizischen Zionisten steilen. Diese Tagung soll nicht nur der inzwischen zustande gekommenen provisorischen Zusanunenschlicßung" der Oestexreichischen Partei ihre Sanktion erteilen, sondern auch über Wege und Mittel beraten, diese Wiedervereinigung so eng als nur möglich durchzuführen. Die Wohltaten eines solchen Schrittes würden den galizischen Juden in erster Reihe zugute kommen, aber auch unseren westlichen Brüdern, die dieser wohltuenden gegenseitigen Beeinflussung nicht minder bedürfen. Werden unsere galizischen Freunde und Gesinnungsgenossen von diesen Gedanken und Wünschen beseelt sein, so steht zu erwarten, daß der Zusammenschluß auch tatsächlich erfolgen und die österreichische, national gesinnte Judenheit fortan geeinigt dastehen wird, um gemeinsam zu kämpfen und gemeinsam zu siegen. Me>ir Heniseb. Der Grazer Jüdische Natiohalvereln an den Statthalter der Steiermark Der Jüdische Nationalverein hat seine Konstituierung dem Statthalter mit einem Memorandum mitgeteilt. das wir. der charakteristischen gegenwartsgeschlchtiichen Schilderung halber, mit Weglassung, kurzer, unwesentlicher Stelle'h hier wiedergeben. Obwohl die Bedeutung der Juden für das wirtschaftliche Leben der Aipenländer, insbesondere in Steiermark, eine Immer größere wurde, obwohl ein beträchtlicher Teil des Handels und der Industrie von Juden beirieben wird und obwohl die Juden ihre geistigen und wirtschaftlichen Kräfte immer in die Dienste einer staatstreuen österreichischen Politik gestellt haben, sehen wir seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts ein unerhörtes Anwachsen des Antisemitismus, der die Juden der Steiermark schon damals das Aersste für die Zukunft befürchten ließ. Als der Weltkrieg ausbrach, waren die Juden eine von den wenigen Nationen Oesterreichs, welche ihren Willen zum Staate Oesterreich offen zum Ausdruck brachten, welche dem Rufe Sr. MamwmimMWMHuiMiwim f. Wiener Jürf. Turnverein, iX., Uchtensteinstr. 2fr S Vorlesung Otto Aböles j[ s (Aus eigenen Schriften) < > 5 Mitwirkend: Regisseur EGON BRECHER!! 9 Dienstag, den 23. April \ [ Festssal des Ingenieur- und Architekten- < ► 9 vereine», L, Eschenhacbgasse 9 j | Sitzplätze: K 2.— bis 5. Stehplätze K 1,— < ► 5 Karten ln der Buchhandlung 9. Löwtr, I., Rotenturm- * * 9 strafte a. Im T u rnlolia 1 an den Turnabenden, lm ] [ 9 Zion. ZeutcalbUro. II., Zirkusgasse33 und an der j [ X Abendkasaa. ] j jestät zi> den Fahneu freudig zu Tausenden und Abertausenden gefoigt sind und weiche auf den Schlachtfeldern ihre Heimaisliebe und Staatstreue mit dem Tode besiegelt haben. Als die Russen in die östlichen Qrenzländer der Monarchie einbrachen, waren es wieder die Juden, welche beinahe als einzige Grenznation für ihr großes Vaterland Oesterreich unerhörte "Opfer an Gut und Blut gebracht haben, da sie gerade wesen ihrer Vaterlandsliebe von den Feinden unzählige Drangsale zu erdulden hatten, Haus und Hör .verlassen mußten und nach Westen .zogen. Sie vertrauten auf das patriotische Mitgefühl der anderen Nationen Oesterreichs, welches Vertrauen leider vielfach übel und mit Undank belohnt wurde. Auch nach Steiermark hat das Schicksal unsere unglücklichen Brüder ans Galizien und der Bukowina geführt Nicht freiwillig sind sie hierher gekommen, sondern sie wurden von den Behörden hierher transportiert. Aber statt der liebevollen Aufnahme, die sie als österreichische Patrioten verdient hätten, sperrt man sie in meist unwürdige Löcher. Baracken und Gefängnisse, wo Epidemien und Hunger zahllose Opfer forderten und mit scheelen Augen sah man sie überall an, wo sie ln ihrer Landestracht ankamen. In allen Zeitungen konnte man damals Beschimpfungen unserer Brüder in den rohesten Tonarten lesen und offen wurde zur Hetze gegen sie aufgefordert. Wenn diese Juden, meist Kauflente. die größtenteils nicht gewohnt waren. Almosen zu nehmen, sondern vielmehr zu geben, es auch nur wagten, irgendeinen Erwerb zu suchen, da sie von der kargen Flüchtlingsunterstützung nicht leben konnten, ging man yi eifach mit Verhaftungen und Ausweisungen gegen sie vor. wenn sich auch nachher meist herausstellte, daß man ihnen Unrecht getan. Judenhaß und JudemraterdTückung feierten damals in Steiermark Orgien. Kein Wort des Tadels seitens der Behörden wnrde hierfür gefunden. Der meist so strenge Bleistift des Zensors, der ängstlich bestrebt war. den .Burgfrieden zu wahren und gegen keine Nation, möge sie sich auch noch so unzuverlässig erwiesen haben. Angriffe zuließ. rührte sich für uns Juden nicht Die Zeitungen durften uns schmähen so viel sic wollten, ungerechte Beschimpfungen und Beschuldigungen unter diu verhetzte Bevölkerung bringen so viel sie wollten, der jüdische Flüchtling war vogelfrei. Schwere Anklagen könnten wir noch erheben und aktenmäßig beweisen. Doch genug davon. Wie schmerzlich uns auch die Erinnerung an diese Zeit ist, es bedrücken uns Sorgen der Gegenwart, welche wir uns verpflichtet fühlen. Eurer Exzellenz mitzuteilen. Wie alle anderen Juden sind auch die steierischen Juden freudig zu den Fahnen geeilt und groß im Verhältnis zur Zahl der steierischen Juden ist die Zahl derjenigen Juden, welche auf Wieder zeigt sich, wie konservativer Chauvinismus, äunexionistisoher Imperialismus und jüdische Assimilation sich decken. Und nun halte inan gegen diese assimilierten, entjudeten Juden den Juden Ferdinand L a s s a 11 e, den rassestolzen und schlechthin nationaljüdisch empfindenden Benjamin D i s r a e 1 i (Lord Beaconsfteld), der zwar auch ein Neuschöpfer des Konservatismus, aber nicht in Deutschland, sondern in England war und einer der wenigen wirklich sozial gesinnten Staatsmänner, den Sozialisten und Zionisten Moses Hess, in neuerer Zeit Josef Popper- Lynkeus, der nach den Judenpogromen in den Ächtzigeriahren des vorigen Jahrhunderts wieder zum Judentum, das er verlassen hatte, zurückkehrte und sich stolz zu ihm bekennt, Gustav Landauer, den wahrhaften Sozialisten und Juden u. v. a., wobei nur die soziale Sphäre, als <Se dem menschlichen Fortschritt am unmittelbarsten dienende, berücksichtigt sein soU. Geben diese verschiedenen Männer nicht die klarste Antwort auf die (merkwürdiger- und bezeichnenderweise nur an uns Juden und nur von Juden gestellte) Frage, was der Menschheit und ihrem Fortschritt förderlicher sei: Entäuße-. Tung des eigenen Wesens oder seine Erhaltung? H. H. Hermann Cohen Eine der eigenartigsten Persönlichkeiten der Gegenwart, als Wissenschaftler und als Jude . gleichermaßen hervorragend, ist mit dem Geh. , Regierungsrat Prof. Hermann Cohen dahingegangen. Geboren im Jahre 1842 in Coswig im Anhaitischen, besuchte er das jüdisch-theologische Seminar in Breslau, studierte an den Universitäten . Breslau, Berlin und Halle und promovierte 1865. Er. habilitierte sich als Privatdozent für Philosophie 1873 in Marburg, wurde bald Extraordinarius und 1876 einer der wenigen ordentlichen jüdischen Professoren im Deutschen Reiche. Cohen wurde zum Begründer des Neukantianismus; als seine erste bedeutende Arbeit erschien das Werk „Kants Theorie der Erfahrungen“. Es folgten dann: „Kants Begründung der Ethik“, „Kants Begründung der Aesthetik“, „Platons - Ideenlehre“, „Kants Einfluß auf die deutsche Kultur“. 1902 erschien der erste Band seines „System der Philosophie“, die „Logik der reinen Erkenntnis“, 1904 als 2. Band „Dfe Ethik des reinen Willens", in den letzten Jahren: „Religion und Sittlichkeit“ und der Kommentar zu ..Kants Kritik der reinen Vernunft“. Jüdische Probleme behandelte er u, a. im „Bekenntnis zur Judenfrage“ „Die Nächstenliebe im Talmud“. Nach seinem Rücktritt vom akademischen Lehramt wandte sich Cohen mit verstärkter Liebe dem Judentum zu. Er hielt regelmäßige Vorlesungen an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und gab mit anderen die bekannten .dienen jüdischen Monatshefte“ heraus, wo er zuletzt den Plan zu einer jüdischen Akademie entwickelte. Cohen galt als der Führer des liberalreligiösen Judentums Deutschlands, dessen bedeutendste Persönlichkeit er zweifellos war. Er ragte gewissermaßen aus einer versunkenen Epoche in unsere Zeit Seine von philosophischem Idealismus getragene Auffassung des Judentums weicht prinzipiell von der unseren ab. Die überlieferten Traditionen des jüdischen Liberalismus aufnehmend, sah er den Kern und die Bedeutung des Judentums in seiner Ethik und stand dem nationalen Gedanken ablehnend gegenüber. Seine im'Krieg erschienene Broschüre „Deutschtum und Judentum“ war Gegenstand einer heftigen Diskussion, in die auch Martin Bu be r im „Juden“ eingegriffen hat. („Völker, Staaten und Zion“, R. Löwit, Wien.) Zeitschriftenachau Elno jüdische Zeitung ln böhmischer Sprache. Ab 1. April erscheint in Prag eine neue jüdische Zeitschrift in böhmischer Sprache unter dem Namen „Zidovske sprävy“. Damit ist einem dringenden Bedürfnis der Juden im tschechischen Sprachgebiet abgeholfen, die bisher keine direkte Beziehung zur jüdischen Publizistik hatten und auch für die tschechische Oeffentlichkeit wird die Zeitschrift aufklärend wirken. Wir wünschen dem neuen Blatt, das alle 14 Tage erscheint, den besten Erfolg (Adr.: Prag, TuchmacheTgasse 34). Das Doppelheit 9/10 der „Neuen j a d. Monatshefte“ ist dem Thema Galizien gewidmet Leo Rosenberg und Dr. Max Rosenfeld nehmen zur Autonomie Galiziens Stellung und verlangen das Selbstbestimmungsrecht der Juden. Heinrich Margulies macht praktische Vorschläge zur wirtschaftlichen Regenerierung der galizischen Juden, Otto A b e l e s zeigt in einer Parallele den Ejnjluß der Polenpolitik auf die wirtschaftliche Lage der Juden und erwartet Besserung, nur von den Forderungen eines jüdisch-demokratischen Kongresses, ignaz Schipper beleuchtet die Verhältnisse dpr Juden in den Jahren 1772—1848 mit statistischem Material. Dieses Sonderheit gibt ein scharfes Bild von dem gegenwärtigen Stande der galizischen Jndenfrage. Die Wiener illustrierte Zeitschrift „Volk und Heer" enthält in ihrer „Orienr-Osterauiumer“ eine Schilderung de» Kampfe» um das heilige Land von einem Teilnehmer des Feldzuges, Gblt. Karl lg. ff off er. Dem Aufsatz sind zahlreiche sehr schöne Illustrationen, Ansichten palästinensischer Städte und Landschaften, beigegeben. (Verlag Karl Harbauer, Wien.) Verlanget regelmäßig unser Blatt in den Kaffeehäusern!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.