Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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National-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion. Wien II/2, Zirkusgasse 33 Sprechstunden Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch I zurückgesandl Redaictionsschluß I ienstag um 7 Uhr Fernsprech-st uir me}* 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 12. April 1918 □ 30. Nissan 5678 Elnxelnummer 30 Meller Verwaltung: Wien II/2, Zirkusg. 3ß Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— At ze gen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Keato133.40% Itl Hst ft* ®er Fogrum i.ri'-ht los. — Czernina Erklärung über die rumänischen Juden. — Die „Reichapost“ über unsere Forderungen.— Julius LSwy, Leillllcl.il. pojd Hilsncrs Begnadigung. — Mair-Heniscb, Zur galizischen Vertrauensmännertagang. — Der Grazer Jüdische Nationalerem an den Statthalter der Steiermark. — Der Pogrom in Galizien. — H. H., Imperialismus und Ass milation. — Hermann Cohen. — Zeitschriftenschan. — Ans der jüd. Welt usw» “Der Pogrom bridit los! Das Zionistische Büro in Wien erhält vom zionistischen Büro in Kopenhagen, folgende Depesche unterm 3. April: „Beim zionistischen Zentralkomitee Petro- . grad sind Nachrichten über furchtbare Judenpogrome in Turkestan eingetroifen. , In Kokanda wurden 300 Juden getötet, tausende '. geplündert, Fälle von Raub und Totschlag wer- . den. atis allen kleinen Orten gemeldet. In Sajnarkand wird stündlich der Ausbruch > Von Pogroms auf die Juden erwartet. Der . Finanzminister der turkestanischen Regierung .. Herzfeld, Vorsitzender des Zionistischen .■Rayonskomitees, ist in bestialischer Weise er-; mordet worden. Die Lage ist verzweifelt, Hilfskomitees werden überall gebildet. Furchtbare „ Pogrome werden auch aus der Ukraine ge-!. meldet, in Gluchow wurde fast die ganze .. jüdische Bevölkerung getötet.“ Wir sind noch nicht abgestumpft, noch nicht, trotz allem, was wir erlebten und erleben. Schrecken und Grauen faßt uns beim Hören dieser Nachricht. Es scheint, als seien der Leiden noch nicht genug, die dieser Krieg über die Juden gebracht hat, und als stünden wir erst am Anfang drohender Ereignisse. Das Zion. Büro hat die Meldung an die Tagespresse weitergegeben und das Exc-kutiv- Kamitee hat äii das k. u. k. Ministerium» des- Aeußem eine Eingabe' gerichtet, in welcher angefragt wird, ob. dem Ministerium über diese Vorfälle etwasbekannt ist lind das Ministerium gebeten wird, zum Schutze der Juden in den obigen Gegenden Vorkehrungen zu treffen und insbes. bei . der Regierung der ukrainischen Volksrepublik zu intervenieren. Wir erwarten mit Spannung und Sorgen die weiteren Meldungen über die Ereignisse. •?‘ . tt V . Eine Lehre aber können wir jetzt schon aus den Tatsachen ziehen: daß keinerlei „Befreiung“, keinerlei Rechte-Erteilung seitens der Regierungen und Staaten eine endgiltige Sicherung des jüdischen Volkes bieten kann. Wir können nur uns selbst helfen; das ist nicht nur im buchstäblichen Sinne der „Seibstwelir“ zu verstehen ,wie sie z. B. bei den jüngsten Ausschreitungen in Galizien mit Erfolg organisiert wurde, sondern insbesonders so, daß das ganze Judentum der Welt‘'organisiert sein muß und eine territoriale Gruppe für die andere einsteht. Nur so können wir unseren Förderungen Geltung verschaffen. Jede nationale Minderheit in den verschiedenen Staaten hat einen Rückhalt an einem organisierten Ganzen; nur uns Juden fehlt dieser Rückhalt, für unsere Rechte' tritt niemand ein, wenn wir nicht selbst dafür eintreten.- ' Wir müssen hier auch die bedauerliche Tatsache konstatieren, daß sich in der Judenpolitik der Ukraine seit den letzten Ereignissen eine Wandlung zu vollziehen scheint und wir glauben Grund zu der Befürchtung zu haben, daß dieser Umschwung auf Einflüsse gewisser gewalthabender Faktoren zurückgeht, deren Wirken von allen Völkern der Ukraine als unerträglicher Druck empfunden wird. Schon in kleinen Anzeichen zeigt sich dieser neue Kurs. Die offiziellen Aufschriften und Verlautbarungen, die ebenso wie die Textierung der Banknoten bisher in allen vier Landessprachen (ukrainisch, russisch, jüdisch, polnisch) erfolgten, sollen vo'n nun an nur ukrainisch sein. Ueber Interpellation des Vertreters der Poale-Zion wurde diese Frage, insbesondere anläßlich der neuen Banknoten-Emission, in der .Kiewer Rada diskutiert. Den Juden wurde hiebei der Vorwurf der „Bolschewiki-Freundlichkeit“ gemacht und von einer ..feindseligen“ Haltung der Juden gesprochen. Wahrheit dürfte nur. sein, daß weite Kreise des jüdischen Volkes ebenso wie aller anderen Völker der Ukraine die Zukunft der Ukraine nur in einer Anlehnung an Groß-Rußland sahen, eine Forderung der Vernunft, welcher auch maßgebende Politiker und Publizisten der Zentralmächte wiederholt großes Verständnis entgegengebracht haben. Daß man eine solche, nur vom Interesse der Ukraine diktierte Stellungnahme als antipatriotisch stempelt, dürfte wohl das Resultat der gegenwärtigen Machtverhältnisse sein. Ein noch deutlicheres Licht wirft auf die Vorgänge nachstehender Bericht des Stockholmer Jüd. Korr.-Bureaus: Nach Kiew’ wurde der erste Deputiertenkongreß der jüdischen Heeresangehörigen Rußlands einberufen, der unter anderem zur Aufgabe hatte, eine Soldatenorganisation für den jüdischen Volksschutz zu schaffen. Zur Ab- haltung des Kongresses in der Hauptstadt der Ukraine war die formelle : Zustimmung der ukrainischen Zentralraila eingeholt. Der Kongreß war kaum eröffnet, als er durch einen Befehl des Militärkommandanten,der Stadt Kiew aufgelöst wurde. Eine Abordnung des Kongresses unter Führung seines Vorsitzenden Vogel begab sich hieraui zu dem Militärkommandanten, um ihn über den Charakter des Kongresses aufzuklären und' Ihn zu bewegen, den Auflösungsbefehl; zurückzuziehen. Allein der Kommandant ließ die Abordnung nicht zu Worte kommen und schimpfie auf die Juden los. Vogel wurde hierauf verhaftet und abgeführt. Am folgenden Tag erfuhr man, daß der Führer der jüdischen Soldaten auf Befehl des Kommandanten erschossen wurde. Die jüdischen Mitglieder der Rada, über diese Mordtat entsetzt, forderten in einer dringenden Anfrage an das Generalsekretariat Aufklärung über das Geschehene. Das üciieralsekretariat begnügte sicii mit der Erwiderung, daß momentan die ganze Macht in Händen des .'vtiliiiirkoir.niandanten ruhe. Als Protest verließen die jüdischen Mitglieder die Sitzuug und der Sekretär für -jüdische Angelegenheiten Silber färb legte sein Amt nieder. Es wäre wohl verfehlt angesichts der ungeklärten Verhältnisse im Osten jetzt schon düstere Schlüsse für die jüdische Zukunft zu ziehen. Das eine aber zeigt sich jetzt schon, daß übertriebene Hoffnungen nicht am Platze waren. Die bürgerliche und nationale Emanzipation der Ostjuden wird nicht mehr rückgängig gemacht werden können; was die Juden aber faktisch erreichen werden, wird von ihnen selbst, von ihrer Kraft und Besinnung abhängen. Die Widersacher werden immer wieder gegen uns aufstehen, solange der Golus dauert. Wirkliche Freiheit und neues Leben werden wir erst finden, wenn wir als Volk freigeworden sind. Czernins Erklärung über die rumänischen Juden Graf Czernin hat In seiner großen Rede an die Abordnung des Wiener Gemeinderates mit einer jeden Zweifel ausschließenden Bestimmtheit erklärt: „Wir werden die Judenfrage lösen; die Juden werden fortan gleichberechtigte Staatsbürger in Rumänien s e i n.“ Diese ungewöhnlich dezidierte Mitteilung des obersten Staatsmannes unserer Monarchie weist darauf hin. daß es der Intervention des Grafen Czernin trotz allen Widerständen und einflußreichen Gegenströmungen gelungen ist, die Anwendung der Grundsätze der Menschlichkeit und Gerechtigkeit auch auf die Juden Rumäniens, deren Menschenwürde so lange geschändet war. durchzusetzen. Die gesamte Judenheit der Welt wird dem Grafen Czernin für diese Tat dankbar sein; wir hoffen, daß in dem — bisher nicht publizierten — Friedensvertrag Garantien für die Durchführung dieser Bestimmung geschaffen sind und daß der freien, bürgerlichen, wirtschaftlichen und nationalen Entwicklung des rumänischen Judentums nichts mehr im Wege stehen wird. — Wie uns aus Berlin gemeldet wird, soll auch Staatssekretär von K ü h l m a n n sich mit Nachdruck für die Gleichberechtigung der rumänischen Juden eingesetzt haben. Der „Jüdische Nationalverein“ hat folgendes Schreiben an den Grafen Czernin gerichtet: Sr. Exzellenz Herrn k. u. k. Minister des Auswärtigen Graf Ottokar Czernin. Hochgeehrter Herr Minister! Die gefertigten Vertreter der im Jüdischen Nationalvereine organisierten volksbewußten österreichischen Juden erlauben sich, Ihnen den tiefgefühlten Dank für die Befreiung der rumäni- OBOIOIOSOBOIOIOIOIOIO Die von unseren Gesinnungsgenosse» 2m ersten Vierteljahr entfaltete Propaganda für die „Jüdische Zeitung“ hat. wie das Leben in unseren Ortsgruppen zeigt, gute Wirkung getan. Dem ist noch nicht genug. Die organisierten Zionisten werden, sjch ihrer Pilicht als Träger der politischen An; unter den Juden Oesterreichs bewußt, ihre Bemühungen für das Parteiorgan im zweiten Vierteljahr verdoppeln. Unsere Abonencten- und Leserzahl muß sich heuer vervielfachen. Probenummeru und Bestelikarten stehen zur Verfügung. OIOBOIOBOIOBOiiOBOBOIO. sehen Juden aus schmachvoller Knechtschaft zu übermitteln. Unter Schwierigkeiten, deren Größe die Gefertigten richtig einzuschätzen wissen, haben Sic ein Werk vollbracht, dessen Andenken nicht nur in der Geschichte des jüdischen Volkes, sondern auch in der Geschichte Oesterreichs unvergänglich bleiben wird. Ihrer von hoher staatsmännischer Einsicht und wahrer Menschenliebe geleiteten Arbeit ist es zu danken, daß Hunderttausende die verlorene Menschenwürde wieder erlangt haben und Oesterreichs Name mit diesem Befreiungswerk ewig verbunden bleibt. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung und dankbarer Ergebenheit zeichnen für den „Jüdischen. Nacionalverein in Oesterreich“ Ingenieur Robert Stricker, Obmann. Dr. S. Kassner, Obmann-Stellvertreter. Wien, ain >\ April HMH. Die „Reichspost’* über unsere Forderungen Unter dem Titel „J udcnwfinschc, die wir billigen“ bespricht die „R e i c h s p o s t“ vom 5. April das Memorandum der Jüdischnationalen an die Regierung. Die ausnahmsweise in sachlicherem Tone, als wir es sonst von dieser Seite gewohnt sind, gehaltene Betnerknng bestätigt die Behauptung, die das nationale Judentum stets aufgestellt hat: daß der Antisemitismus im Wesentlichen eine Abwehrbewegung gegen die versuchte Assimilation ist. Der Vorwurf, der von jüdisch-liberaler' Seite den ' Zionisten gemacht wurde, daß sie durch Betonung ihres Judentums dem Antisemitismus neue Nahrung geben, fällt aui jene selbst zurück, die durch Verbergen und Verschleiern ihres Volkstums sich dem Odium entziehen zu können meinen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Eingeständnis der „Reichspost“, daß die Juden dadurch, daß man ihnen ihre nationalen Rechte vorenthielt, von Staat und Gesellschaft selbst „künstlich zu Parasiten gestempelt“ wurden. Vielleicht beginnt die Welt zu verstehen, daß die Judenpolitik Europas seit Napoleon, die von den Juden Assimilation als Preis der Gleichberechtigung forderte, verhängnisvoll fehlgegangen ist; nur durch unsere Konstituierung als Nation können wir selbst zu menschenwürdigem Leben gelangen und auch die Welt wird, wie h'erzl schon im Judenstaat sagte, von einem Albdruck befreit. Wenn man der Ehrlichkeit des antisemitischen Klüngels trauen dürfte und nicht argwöhnen müßte, daß der hämische Nachdruck auf die Separation, nicht auf die Möglichkeit gedeihlichen und reibungslosen Zusammenlebens gelegt wird, könnten wir dieses Verständnis mit Genugtuung feststellen. Es ist jedenfalls charakteristisch, daß die „liberale“ Presse noch immer die Methode des Totschweigens vorzieht und das jüdische Volk mit seiner Forderung nach Leben aus der Welt sehatfen will, indem sic es aus ihren Akten verbannt; sie scheint nicht einmal für einen ablehnenden Standpunkt Gründe bereit zu haben, 'die das Licht der Ocffentlichkeit vertragen kennten. So bleibt die immerhin sachliche Aeußerung des Aniisemitenblattes die einzige Stimme, die gelegentlich der Audienz unserer Führer rm Wiener Blätterwald ertönt . . . I Laßt Euch Fropagandamaterial das* J. Z. kommen!