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Jüdische Zeitung · 1918-03-15 · 11 (15.3.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
11 (15.3.1918)
Date
1918-03-15
Page
Seite 2 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Juden. „Es gibt kgine Nation,* die wie die jüdische den Anspruch aut Sclbstbestimraungsrecht erheben darf. Trotz 20 Jahrhunderten unerhörter Unterdrückung sind die Juden ihrer Nation treu gebliehen/' Der.Redner schildert dann, wie lang es in den verschiedenen Ländern dauerte, bis die Juden emanzipiert wurden. „1696 erlangten sie das Bürgerrecht in Holland, 1849 in England und erst 1869 in Deutschland,-allerdings mehr auf dem Papiere als iti Wirklichkeit. In Rumänien werden die Juden noch immer wie Fremde behandelt, in Oalizien werden sie wie-Hunde gejagt und getreten. Unerträgliche Leiden brachte der Krieg den Juden in Polen, Galizien und Rußland. Die Türken mißhandelten die Juden in Palästina, vertrieben die jüdische Bevölkerung und entwafmeten die friedlichen Jüdischen Kolonisten. Grausam und mitleidslos handelten die Türken. Sie vernichteten blühende Gemeinwesen. Ihr Schreckensregime in Palästina wird nur durch die barbarischen Greueln in Armenien übertroffen. So werden die Juden überall unterdrückt Die Legende des Ahasver ist noch heute Wirklichkeit.“ Der Redner bespricht dann die Haltung der verschiedenen Länder zur Judenfrage. „In Deutschland ist der Antisemitismus noch stark. Vor dem Kriege durften die Juden keine Oifiziere werden, - n deti Universitäten wurden sie verächtlich behandelt. Ais Deutschland Polen einen Schein von Unabhängigkeit gab, machte die deutsche Regierung der Unterdrückung der Juden kein Ende, wiewohl sie nur ein Wort hätte sprechen müssen. Polen, das unsere Sympathie hatte, dessen Unabhängigkeit wir wünschen, Polen verdient seihe Unabhängigkeit nicht, wenn es den Juden nicht völlige Gleichheit und Freiheit gibt. Wenn in Rußland eine sozialdemokratische Partei die Herrschaft ausüben wird, dann wird die jüdische Rechtlosigkeit ihr Ende gefunden haben. Es ist unverzeihlich, daß Trotzki kein Wort für seine Sbmmgenossen in Brest-Litovsk sprach. Die Ukraine hat die nationalen Rechte der Juden vollkommen anerkannt. England ging viel weiter. Die Erklärung Baifours sichert den Juden eine freie Heimstätte in Palästina zu. England entsendet eine zionistische Kommissäon nach Palästina, um alle notwendigen Maßregeln zu treffen. Schon vor dem KhSag reichte England den Juden seine Hand und bot' time u Uganda an. Lord Cecil wiederholte das Versprechen Baifours in Worten, die noch deutlicher waren. Armenien den Armeniern, Arabien den’Arabern und Judäa den Jaden. Die Judenfrage * ist-am internationales Problem, dessen’Lösung ein Interesse der ganzen Menschheit ist. Die internationale wird ihre ganze Macht In die Wagschäle werfen, um der jüdischen Rechtlosigkeit ein Ende ztr. bereiten. Tritt die internationale Soziaüstenkonferenz endlich zusammen; dann können die Juden sicher sein, daß ihnen Recht widerfahren VüriL-Eine Reihe sozialistischer Parteien hat sich bsreets ra diesem Siimfe ausgesprochen. Wenn die Polen sich dem Beschluß der Konferenz nicht unterwerfen werden, wenn sie ihre antisemitischen Empfindungen nicht ‘überwinden werden, dann ist für die polnischen Sozialisten kein Platz in der In ternationale. (Stürmischer Applaus der Versammlung.) Wenn die Konferenz Zusammentritt, dann ist Zion gerettet. Die Rede des Senators, der Mitglied des Exekutivkomitees des internationalen sozialistischen Bureaus ist, machte tiefen Eindruck atrf die Versammlung. Nach ihm ergriff K a p 1 an s k y nüt lautem Applaus begrüßt das Wort. Diese Versammlung von holländischen Arbeitern, sagt Kaplansky, in Amsterdam um Über die Hoffnungen und Forderungen der jüdischen Volksnrassen zu beraten, ist einer der schönsten Ausdrücke der Solidarität der Völker.“' In herzlicher Weise dankt der Redner „(fern ewig jungen Kämpfer“ van Kol und beaprioht dio Bedeutung des Stockholmer Manifestes für das jüdische Volk. Er setzt die nationalen Forderungen auseinander und behandelt insbesondere die Judenrnage in Polen. „Die ^Regierungen verschanzen sich gewöhnlich, wenn man -die Forderungen der Völker vor ,säe bringt, härter der Formel: innere Angelegenheiten. Wenn Rußland Hunderte von Juden abschlachtet, dann sind es seine Juden, wenn die Türkei die Hälfte der Armenier buchstäblich ausrüttot. dann sind es ihre Armenier. Die Internationale hat die’nationalen Fragen der Staaten zu inneren Angelegenheiten der Mens chtoeit erklärt. Die internationale muß uns Juden vor Entrechtung sctiützeh. . . . Dia polnischen Sozialisten sagen, dpß wir Polen/werden müssen. Sie verlangen im voraus,, daß wir untergehen und darum behandeln sie uns so. als wären wir nicht auf der Welt Eriflnert man die Polen, was man ihnen selbst ange- , hte'bat dann erklären sie: Wir unterdrücken Euch nicht Wir geben Euch Menschenrechte. Die Polen hatten zaristischen Rußlands Menschenrechte. Aber wenn sie in russische Schulen gehen mußten, dann haben sie erklärt dhß es Unterdrückung ihrer nationalen Eigenart sei. Wenn sie gegen die Enteignung polnischen Bodens in Posen protestierten — so hatten sie Recht. Diese Beispiele zeigen, daß bürgerliche Gleichberechtigung optionale Unterdrückung nicht ausschüeßt. Wenn die Juden in Galizien erklären, daß sie jiddisch sprechen, dann worden sie bestraft In Warschau 'tragen dis jüdischen Steuergelder zur Erbauung der polnischen Schulen bei, aber wenn die Juden eigene Schulen haben wollen, dann müssen sie sie selbst bezahlen.“ Der Redner begründet dann die PaläsUiiaforderung. In der Diskussion nahm (der frühere Zionist Adib. d. Red.) Abgeordneter Kleerekooer gegen die jüdische KoBgreßdemonstration Stellung. JÜDISCHE ZEITUNG Er woilrc an ihr irichi ieifnelnnen, da er nicht mit Menschen Zusammenarbeiten könne, die während der größten Judenverfolgungen kein Wort des Protestes gefunden hatten. Nur durch die rote See des SozteEsmus ist der Auszug aus Aegypten möglich. Mit dem Absingen öer Hatikwah 'and der Internationale schloß die erste Versammlung sozialdemokratischer Partei in Europa, die nur der Erönerang der Judenfrage gewidmet war. Meldungen zur Palästinafrage Die letzte Kundgebung Tschleaows. Von seinem'Sterbebett richtete Tschlenaur an den Parteitag der englischen Zionisten , der zwei Tage nach seinem Tode statm'and, ein Schreiben. „Es Ist von großer geschichtlicher Bedeutung“, erklärte Tschlenow. „daß Großbritannien.’ dertraditionelle Freund der kleinen Nationen, seihe Hilfe für die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk versprach. Das verändert dett Stand der zionistischen Bewegung. Die Geschichte wird diese Tat in goldenen Lettern verzeichnen.“ (J. K. H.) Ein 1Ö3 AlilHoueaionds für die Kolonisation Palästinas. Die Zionistische Organisation Amerikas beabsichtigt die Gründung eines Fonds von 100 Millionen Dollar für die Kolonisation Palästinas nach dem Kriege. Es wurde eine nationale Finanzkomntission eingesetzt, die sogleich die Vorbereitungen für die Sammlung dieses Fonds in Angriff nehmen soll. Arbeiter und Studenten nach Palästina. Eine Gruppe jüdischer Arbeiter in London hat sich zu einer Chalazgruppe zusammengeschlossen und die zionistische Leitung aufgefordert, bei der englischen Regierung Schritte zu unternehmen, um die Erlaubnis für die Gruppe zu erwirken, sofort nach Palästina gehen zu dürfen. Dasselbe Ansuchen erfolgte durch eine Gruppe jüdischer Studenten in Paris. (J. K. H;) Eiu Repatriicrungsfonds wurde' von den englischen Zionisten ins Leben gerufen, um die palästinensischen Flüchtlinge nach Palästina zurückznbringen. die Not zu lindern, die Niederlassungen wieder aufzurichten usw. Aus allen Teilen der Welt fließen große Summen zusammen. In England sind 47 Komitees schön am Werk und noch mehr in Gründung begriffen. Zu der Erklärung der französische» Regierung für den Zionismus schreibt das J. K. im Haag: Diese Nachricht w ird in allen zionistischen Kreisen besonders Genugtuung auslösen. Es ist bekannt, daß Frankreich zu den Mächten gehörte, die seiner Zeit die Bemühungen Herzls in Konstantinopel zu durchkreuzen versuchten. Die vorbehaltlose Zustimmung Frankreichs zu der Erklärung BalfouTS bedeutet darum einen bedeutsamen Schritt a-jf dein Wege zur Verwirklichung dies Baseler Programms. Die Sinnesänderung der französischen Regierung ist nicht bloß auf das entschiedene' Eintreten Englands für den Zionismus zurückzufßhren. In Baron Edmund Rothschild fanden dis Zionisten während des Krieges einen Bundesgenossen. Seiner Intervention ist es za.danken, daß die jüdischen Assimiianten sich neutral verhielten: Sein Sohn James de Rothschild gehört heute zu den aktivsten Mitgliedern der zionistischen Organisation. Max Nordau and die Erklärung Baifours. Ais Nordau die Erklärung Baifours, die ihm Sokolow und Weitzmann telegraphisch mitgeteilt hatten, empfing, brach der greise Ziomstenführer in Tränen aus. „Die Kundgebung der englischen Regierung,“ erklärte Max Nordau, „ist kein leeres Wort, denn sie fällt mit dem Aufmarsch der englischen Armee in Palästina zusammen. Nie schritt eine Armee so schnell vorwärts. Diese Schnelligkeit wird die jüdischen Kolonien vor der Vernichtung retten. Wie glücklich wären wir, wenn wir alle» die wir an der Repatriierung des jüdischen Volkes in' Palästina arbeiteten, auf dem Schauplatz dieser wundervollen Ereignisse wären. Es ist schrecklich, daß unser Blut wie Wasser auf allen Fronten vergossen wird, während wir auf dem Schlachtfeld fehlen, wo unsere Zukunft entschieden wird. Ward je eine größere nationale Tragödie von einem Volke erlebt? Ich hege die feste Zuversicht, daß numnelr das Ende unserer Leiden anbricht und wir in Bälde eine würdige Existenz in unserem Lande führen werden. Ich bin. bereit, sofort nach Palästina zu gehen“ (J. K. H.) Presseschau Die „Vossische Zeitung“, Morgenausgabe vom 6. März, fordert anläßlich der Friedensverhandlungen in Bukarest die Regierungen der Mittelmächte auf, die Durchführung der Bestimmungen des Berliner Vertrages über die Recbtstellung der Juden zu verwirklichen und schreibt u. a.: Es ist klar, daß die Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden in Rumänien in offenem Widerspruch zu dem Berliner Friedensvertrag steht, zu. dessen Garanten auch Deutschland gehört. Vielleicht hat bisher die Rücksicht auf die allmächtigen Bojaren davon abgehalten, die rumänische Regierung an die von ihr übernommene Verpflichtung zu erinnern. Diese Rücksicht ist jetzt wohl wcggefallen. In Zukunft ist ohne Zweifel nüt einer starken Demokratisierung Rumäniens zu rechnen. Diese Entwicklung läßt erwarten, daß die bisherigen Widerstände gegen die Erfüllung der Vertragspflicht vom Jahre 1878 auf die Dauer nicht aufrecht erhalten bleiben. Trotzdem ist es die Aufgabe» unserer Unterhändler, auch ihrerseits dafür zu sorgen, daß der Gedanke des Rechts, des formalen wie “des natürlichen, zum Durchbruch kommt. Es handelt sich dabei nicht etwa um eine Einmischung in rumänische Angelegenheiten, sondern um: eine internationale Vertragspflicht, als deren Hüter das Deutsche Reich eine ebenso würdige wie in. jeder Beziehung dankbare Rolle zu spielen berufen ist. Die hi Wien erscheinende Zeitschrift „Polen“ (7. März) schreibt: Eine nichtswürdige Provokation. Lanberger Blätter berichten, daß seit einiger Zeit in. der Stadt eine unbekannte Hand Schriften und Broschüren unter dem Titel: die „Entiudung Galiziens“ massenhaft ausstreut. Am Tage der großen Manifestation wegen des Brester Friedens konnte man einen in tausend Exemplaren verstreuten reiben Zettel sehen, der den charakteristischen Titel ..Schurkerei“ trug und gegen die Juden hetzte. Eine anonyme Organisation fordert darin die polnische Gesellschaft zu Juden pro gromen auf. Diese Aktion hat alle charakteristischen Merkmale einer verbrecherischen Provokation. Anonym, wie Stil und- Sprache bezeugen, von einem Nichtpolen verfaßt, tragen die Zettel den Stempel: ,JDrirckarnia Berit n a“ (Durckerei des Berlin: ein Druckereibesitzer dieses Namens existiert in Lemberg nicht. Anm. der Red. „Pole n“). Der Augenblick zur Provokation war geschickt ausgesucht — Es wird dann der „Xuryer Lwowski“ zitiert der mit Befriedigung die Solidarität der Juden mit den Polen konstatiert: Diese würdige Haltung der Lemberger Juden, die von den jetzt in bedrängter Lage sich befindenden Polen richtig gewürdigt und anerkannt werden sollte, ist ein Dorn im Auge unserer Feinde.“ „Polen“ schließt danu: Alle Lemberger, Blätter, auch jene, die sonst von aller iudenircundlichen Färbung frei sind, haben sich zu. einer energischen Abwehr jener Provokation zusmomengeschlosr.en. „Viele" and „sie“. Das jüdische Volk ist während seines vieltausendjährigen Bestandes mit den mannigfachsten Namen benannt worden. In der neueren Zeit, als die Assimilation in die Halme za schießen begann, legten sich die Juden, die sicti anschickten, das Judentum abzustreifen, den Namen „Israeliten“ bei. Sie hielten dies für viel vornehmer, als den verpotteten „Juden“. Es ist auch noch in aller Erinnerung, als der iüdisefrnationale Abgeordnete Doktor Heinrich Gabel nach den bekannten Vorgängen an der Lemberger Universität» im Lanfe deren jüdische Doktoranden „ohne Nation“ promoviert wurden, ön österreichischen Äbgeordnetenhause ausrief; „Hohes Haus! Es gibt ein Volk in Oesterreich, das „sine natione“ heißt!“ An all diese Namen haben wir uns mit der Zeit gewöhnt, aber „viele“ und „sie“ wurden wir noch nie genannt. Der „Neuen Freien Presse“, unserer alten Freundin, blieb es Vorbehalten, uns mit diesen Namen belegt zu haben, Namen, die tatsächlich weniger anilallend .sind, als Jude, ja selbst als Israelit Wir lesen in der „N. Fr. Pr.“ vom 8. d. M. in dem Aufsatze „Die Frage der religiösen Gleichberechtigung in Rumänien“: „Dadurch, daß sie in den staatsbürgerlieben Verband nicht aufgenommen wurden, waren sie von der Erwerbung von Grundeigentum ausgeschlossen. Sie konnten schwer oder gar rächt in den Auisicbtsrat uad ln die Direktion von Aktiengesellschaften eintreteo. Sie waren bei staatlichen Lieferungen benachteiligt and auch die Aufnahme von Arbeitern bei industriellen Unternehmungen unterlag großen Beschränkungen. Ja 'selbst Soldaten, die die Feldzüge mitgemacht batten und verwundet heimgekebrt waren, entbehrten diese Rechte.“ Selbst der geübteste Leser muß dies noch einmal lesen. Er versteht es einfach nicht Ja, zum Kuckuck, wer sind diese verschämten „si e“? Den Aufschluß erteilt der vorangehende Satz» der da lautet: „Man hat vielen wegen ihres religiösen Bekenntnisses die Naturalisation verweigert“ Aha, also „viele“!- Du lieber Gott, man darf und kann auch nicht namentlich seitdem der Chefredakteur Mitglied des Herrenhauses geworden ist offen heraussagen, daß es eben Juden oder Israeliten sind. Das ist doch viel z« vulgär. Und so wählt man halt einen weniger verfänglichen Ausdruck und läßt überhaupt Vorsicht walte#, wie dies der heikle Gegenstiuid erfordert. Und man muß sagen,;| Herrn Benedikt ist eine Höchstleistung gelungea: er brachte es zuwege, über die Gleichberechtigung der rumänischen Juden zu schreiben, ohne auch nur mit einem Worte der Juden Erwähnung zu tun. Von der Ueberschrift des Aufsatzes: „Die Frage der religiösen Gleichberechtigung in Rumänien“, die grundfalsch ist da unsere Brüder in Rumänien ihre Religion stets frei ausüben durften, nnd wie die „N. Fr. Pr.“ in den oben angeführten Sätzen selbst bekennt es sich hauptsächlich um bürgerliche und wirtschaftliche Unterdrückung handelt bis' zum letzten Satz wird auch nur die leisest* Andeutung auf die Juden, ängstlich vermieden. Dieser Aufsatz bleibt ein Denkmal assimilatorischer Selbstverleugnung. Mit Stolz ruft die „Neue Freie Presse“: „E3 gibt ein Volk, das „viele“ und „s i e“ heißt. L. B. upgaisissert die Propaganda fdr die Jiidiscii® Zoi&uiig!

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