Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 3 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit? 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. .11 Aas dem Abgeordnetenhause In der Debatte über die zweite Lesung des Budgetprovisoriums äußerte der Ministerpräsident Dr. v. S ei dl er in der Besprechung der ,Verfassungsreform Oedanken, die auch für die Juden wichtig sind: „Die Regierung hat schon vor längerer Zeit den Grundsatz aufgestellt, daß in der nationalen Autonomie der uns so dringend nottuende Modus vivendi zu erblicken sei. Die Regierung stellt sich hiermit auf den Boden des Prinzips der nationalen Selbstbestimmung, nämlich des Prinzips, daß keine Nationalität die andere zu vergewaltigen, daß viehnelir jed£ auf den ihr eigenen Gebieten sichauszuleben berechtigt sei.“ (Hört! Hört! links.) Wiener Blätter meldeten unter der Spitzniarke „Ein numerus clausus an der Wiener Universität?“, daß am 5. März unser Freund Dr. Jerzabek an den Unterrichtsminister eine Anfrage geräcljtet habe, „was er veranlassen wolle, um einer Ueberüutung der Wiener Hochschulen — insbesondere der Wiener Universität — mit jüdischen Hörern entgegenzu-- treten und ob er geneigt sei, für die semitische Hörerschaft der Wiener Universität einen numerus clausus einzuführen, in der Weise, daß künftighin jüdische Studenten nur in einem der Anzahl ihrer in Niederöslerreich seßhaften Glaubensgenossen entsprechenden Prozentzahl zur Inskription zugelassen und analoge Maßnahmen zur Wahrung der Rechte der arischen Studentenschaft und Hintanhaltung ihrer Verdrängung durch semitische Eindringlinge auch bei den übrigen Universitäten . Oesterreichs getroffen werden?“ Es scheint, daß der von der Feindesliebe des Christentums tief durchdrungene Christlichsoziale Oesterdeich in der Welt den Ruhm verschaffen wolle, das Erbe Rußlands anzutreten. Preßhetze in Komotau In letzter Zeit hat in den deutsch-böhmischen antisemitischen Blättern ein in der rohesten Weise betriebenes' systematisches Kesseltreiben" gegen die jüdische Bevölkerung eingesetzt ohne daß von der .sonst so rührigen Zensur auch nur das geringste gegen dieses, die öfientliche Sicherheit gefährdende, widerliche Treiben geschieht. •Das in Komotau erscheinende deutschnationale „Deutsche Volksblatt“, welches seit Monaten die antisemitische Verhetzung_ der Bevölkerung betreibt brachte in letzter Zeit Artikel. In welchen den Juden Vaterlandsverrat Wucher itsw. zum Vorwurf gemacht4 und die Bevölkerung zu Haß und Verachtung, ia sogar zu Gewalttätigkeiten gegen dieselben direkt auigereizt wurde. Da die Behörden dieses gesetzwidrige Treiben stillschweigend duldeten, wurde die Schreibweise dieses "Blattes immer herausfordernder, so daß sich der Kultusvorstand endlich veranlaßt sah. durch eine Deputation beim Bezirkshauptmann Graien H u y n und dem Bürgermeister gegen dieses schamlose Treiben Beschwerde zu führen, die betreffenden Ministerien auf dasselbe aufmerksam zu machen, Abhilfe zu verlangen, und an die"*Bevölkerunc der Stadt und Umgebung einen Aufruf zu versenden, der auch in. mehreren Bjättern veröffentlicht wurde, in'welchem zu 'diesem gesetzwidrigen, direkt verbrecherischen Treiber, energisch Stellung genommen wurde. - Rumänien ' Ungarische Politiker über die rumänische Judenfrage. Graf Stephan T i s z a äußerte sich einem Berichterstatter des „Pester Lloyd“ gegenüber über' die rumänische Judenfrage in folgender Weise: Die rumänischen Gesetze weisen bedeutende Lücken auf. Es ist selbstverständlich erforderlich, daß die rumänischen Gesetze eine Ergänzung erfahren, die es dem rumänischen Staate .ermöglicht, den Weg zu den Kulturidealen der fortgeschrittenen Völker zu finden und auch den Pflichten der Nachbarschaft in zulänglicher Weise zu entsprechen. Die Regelung der im Berliner Vertrag bereits berührten rumänischen Judenfrage im Sinne der Dispositionen des Berliner Vertrages -escheine naturgemäß als durchaus wünschenswert. — Der Präsident des Abgeordnetenhauses Geheimer .Rat v. Szasz sagte: Ich gehörte zu den 'Liberalen alten Schlages. Wer da weiß, wie glückliche Erfahrungen wir in Ungarn mit der Gleich- "berechtigung der Juden gemacht haben,"der würde es auch im Interesse des rumänischen Volkes wünschen müssen, daß der im Berliner Vertrag .niedergelegte Punkt der Gleichberechtigung der rumänischen Juden ehestens zur Wirklichkeit "werde.. , Um das Schicksal der Juden Rumäniens und Bessarabiens. Dem Jüdischen Preßbureau in 'Stockholm wird berichtet: Anläßlich der Friedensverhandlungen zwischen den Zentralmächten und Rumänien wird in jüdischen politischen Kreisen die Frage über das Schicksal der Juden Rumäniens und Bessarabiens Sehr lebhaft besprochen. Es wird mit großem Befremden darauf hingewiesen, daß Deutschland und Oesterreich sich bisher 'über die rumänische Judenfrage jeder Aeußerung' enthalten haben und man befürchtet, . daß diese Staaten eine Regelung dieser Frage im Friedensvertrage mit Rumänien im Sinne der vollen durch entsprechende' Garantien gesicherte Gleichberechtigung der Juden nicht beabsichtigen. Insbesondere befürchtet man, daß durch die wahrscheinliche Zuerkennung Bessarabiens zu Rumänien als Entschädigung für den Verlust der Dobrudscha an Bulgarien die Juden Bessarabiens, die zusammen mit dem ganzen jüdischen Volke in Rußland die schwersten Opfer-für ihre endlich errungene Freiheit gebracht haben, ihrer Rechte unter rumänischer Herrschaft verlustig werden könnten. Es ist anzunehmen, daß alle jüdischen Parteien demnächst in dieser Angelegenheit bei der Regierung energische Schritte unternehmen werden. Die Lage der rumänischen Juden. Im Hauptausschussc des Reichstages haben Fortschrittliche, Nationalliberale und Sozialdemokraten verlangt, daß bei den Friedensverhandlungen mit Rumänien auch die rumänischen Juden entsprechend dem Berliner Vertrage von 1878 für die Zukunft gegen eine Wiederkehr der schändlichen Behandlung gesichert werden, die ihnen zuteil wurde. Der Unterstaatssekretär erwiderte, daß es unter der Okkupation den rumänischen Juden wesentlich besser gehe. Diese Auskunft wurde von dem Fortschrittlichen Gothein als unbefriedigend bezeichnet. Bedrückung rumänischer Juden. Der Polizeidirektor von Vaslul verweigert den dortigen» Juden die Brotkarten, .läßt den elektrischen Strom für die Synagoge einstellen und erteilt ihnen keine Pässe für das Ausland. Die amerikanische Hilfskommission für die dortigen- Juden mußte ihre Tätigkeit einstellen. Die Lage der Juden in Bessarabien. Die Poalezionistische Fraktion in der ukrainischen Zentralradä brachte eine Interpellation über, die Lage der Juden in dem von der rumänischen Armee besetzten Bessarabien ein. In Begründung der Interpellation entrollte das Mitglied der Rada R cv,t z k y ein Bild von den furchtbaren "Bedrückungen, die die jüdische Bevölkerung Bessarabiens von den rumänischen Machthabern ertragen muß. Die scharfen Ausfälle gegen die rumänische Regierung brachten dem Redner einen Ordnungsruf wegen „Beleidigung einer befreundeten Macht“ ein. Pogrome "in Bessarabien. Der Petersburger Korrespondent des Jewish Chronicle meldet, daß russische Deserteure das jüdische Städtchen Bikamola in Bessarabien in Brand gesteckt haben. ln verschiedenen Plätzen des Distrikts Ismail haben Pogrome stattgefunden. Nach einem Pogrom in Skwir hat eine ukrainische Kommission die Stadt besucht und die Rädelsführer und Obrigkeitspersonen, die es unterlassen haben, die Vorbereitungen zum Pogrom zu unterdrücken, verhaftet. Die Kommission erklärte es als Verleumdung, daß die Juden zuerst auf die Unruhestifter geschossen hätten und hat für die betroffene Gemeinde eine Hilfsaktion unternommen. — Gegen eine Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien erheben. die Warschauer jüdischen Tagesbiätter „Moment“, . „Hajnt“ und „Jüdisches Wort“ heftigen Protest. * ■ - Ein Buch über die Judenpolitik der rumänischen .Regierung. Das -Kqpenhagener Bureau der Zionistischen Organisation gibt" ein Buch „Die Judenpoiitik der rumänischen-Regierung“ von Dr. .S. Bernstein in deutscher, französischer und englischer Sprache heraus. Die Schrift behandelt den Vernichtungskampf, den.die rumänische Regie- / ruhg seit 50 Jahren gegen die jüdische Bevölkerung Rumäniens führt und bringt eineFiilte, in der großen "Oeffentlichkeit bisher unbekannten Materials. Die Arbeit zerfällt in drei Hauptabschnitte, die Ep6che bis zum Berliner Vertrag, von 1878, vom Jahre, 1878 bis zum Baikankrieg 1913, von 1913 bis zur Gegenwart, Mit besonderer Ausführlichkeit ist das traurige Kapitel über .die Behandlung der rumänischen Juden während des Weltkrieges geschrieben, in dem auf Grund größtenteils noch unveröffentlichter, authentischer Berichte die furchtbaren Gewalttaten der rumänischen Machthaber gegen die Juden an der Hand von Dokumenten und Protokollen geschildert werden. Das Buch ist eine schwere Anklageschrift gegen die rumänische Regierung und will die Aufmerksamkeit der Regierungen und Völker ®n allen Kulturstaateu auf die Tragödie der rumänischen Judenheit lenken, die sich in ihrer ganzen Furchtbarkeit noch heute abspielt. Aus der jüdischen Welt . Verbot der jüdischen Zeitungen in Rußland. Nach einer Meldurig des „Temps“ hat der Rat der Volkskommissäre in Rußland das Erscheinen aller .hebräischen und jüdischen Zeitungen verboten. Sämtliche Redakteure wurden verhaftet Auch der Vorsitzende des Organisationskomitees für den jüdischen Kongreß wurde verhaftet Seibstwehr der russischen Juden. „Az Est“ berichtet von Erzählungen heimgekehrter österreichischer Kriegsgefangener u. a.: Die russischen •Soldaten verkauften ihre Waffen und Munition. Besonders für Maschinengewehre fanden sie Abnehmer unter den Juden, die sich vor drohenden Pogroms schützen wollen. Die Not ln Warschau. Der Vorsitzende der Zionistischen Organisation in Polen entwirft ein erschütterndes Bild von den stets zunehmenden Leiden der jüdischen Bevölkerung. In Warschau betteln 70.000 halbwüchsige Jungen und Mädchen um Essen. Greise und Kinder verschwinden schnell Auch der jüdische Mittelstand ist so gut wie ausgestorben. Viele Menschen, die früher Teich gewesen sind, werden jetzt mit Liebesgaben beteilt. In Warschau bedürfen 220.000 Juden der- Unterstützung. Es sind jeden Monat 9 Millionen Rubel nötig, um den leidenden Juden Polens und Litauens zu helfen. 20 Juden im Lemberger Stadtrat. Der vom Statthalter von Galizien im Einverständnis 'mit dem galizischen Landesausschuß, ernannte, 100 Mitglieder zählende Stadtrat zählt 20 Juden, unter ihnen den Reichsratsabgeordnefen Reizes. Der frühre Gemeinderat zählte nur 14 Juden. Der Konferenz der österreichischen Orthodoxie in Wien wurde der Charakter einer Vorkonferenz gegeben. Es wurde ein 30gliedriges Aktionskomitee eingesetzt, dessen Aufgabe die Fortführung der Organisationsarbeit, die Einberufung der Konferenz, die in drei Monaten stattfinden soll, und die hiezu nötige Vorarbeit zu folgenden Verhandlungsgegenständen ist: 1. Die Orthodoxie in Oesterreich. 2. Die Orthodoxie in der Gemeinde. 3. Religiöse Jugenderziehung. 4. Organisation. 5. Die soziale Gesetzgebung und das religiöse Leben. 6. Die Stellung der Orthodoxie zu den jüdischeil Forderungen beim Friedensschluß. 7. Die Palästir.afrage. Jüdische Wissenschaft in der Schweiz, ln der schweizerischen Gesellschaftfür Volkskunde, welcher der bekannte Gelehrte Prof. Hoffmann- Krayer vorsteht, hat sich eine Sektion für jüdische Volkskunde gebildet, die die Erforschung der Sitten, Gebräuche. Ueberlieferungen, Volksmärchen und Lieder, vorzüglich der Ostjuderiheit, zum Zwecke hat. Wie wir vernehmen, hat die Gesellschaft bereits ein ziemlich umfangreiches Material gesammelt, das in absehbarer Zeit zur Veröffentlichung gelangen wird. Jiddisch als Handelssprache. Im Rahmen der Vorträge, die das „Deutsche Auslandsmuseum Stuttgart“ und die „Deutsche Weltwirtschaftliche Gesellschaft“ aus Anlaß der gegenwärtig in Berlin stattfindenden Kurland-Ausstellung im Abgeordnetenhause veranstalteten, spach Geh. Oberregierungsrat Prof. Dr. Zoepfl vom Reichs- Kolonialamt über „Mittel-Osteuropa als Weltwirtschaftsgebiet“. Als besonders wichtig für die zukünftigen Handelsbeziehungen mit Mittel-Osteuropa bezeichnete der Vortragende die Ostjuden, deren „Jiddisch“ eine ausgesprochene Handelssprache sei. Vertrauensmännertagung der Wiener Zionisten (Fortsetzung.*!- Der Redner ging sodann auf die o r g a n i s atorische Tätigkeit der Parteileitung über, welche in den ersten Kriegsjahren nahezu lahmgelegt war.,Die Hauptträger der zionistischen Propaganda, die Studenten, kanten nicht in.Betracht, da sie. überwiegend aus der Provinz stammten und zum größten Teile von Anfang an zum Heeresdienste eingerückt waren, sodaß nicht eine einzige der zahlreichen akademischen Körperschaften ihre Vereinsarbeit aufrecht erhalten konnte. Der Zionistische Zentral verein, der jtn Jahre vor dem. Kriege seine Bezirksagitation so erfolgreich begonnen hatte, mußte jede Tätigkeit einstellen, zumal polizeiliche und in der Zensur liegende Hindernisse jeder publizistischen Förderung der Organisationszwecke einen Riegel vorschobei}. Lediglich der, Herzlklub, später die Neure-Jehuda und die Zionistische Mädchenvereinigung „Moriah“,. Gruppen, die sich Sämtlich der weitestgehenden Unterstützung des Z. K. erfreuten, vermochten die Schwierigkeiten zu überdauern und entwickelten eine anerkennenswerte Regsamkeit. Die Beiträge, welche, dem Z. K. -von der Organisation zur Verfügung gestellt' wurden,, waren unter solchen Umständen außerordentlich gering. Es bedurfte der ständigen Unterstützung. durch einige wenige opferwillige Gesinnungsgenossen,,um während - der schweren Zeit zu bestehen. Der Referent gedachte sodann-der hervorragenden Leistungen der Gg. Dr. Otto" Ab el es und Ludwig Batö, die seit" 1916 den „Jüdir sehen N a t i'o näl-kal e nd er“.:?>herausgeben. Er.wies auf die “wachsende Beliebtheit dieser Publikation hin, dieder Regsamkeit der österreichischen Zionisten ein. ehrendes Zeugnis ausstellt'und hob das schöne materielle Ergebnis "der Unternehmung hervor. ■ In besonders eingehender Weise beschäftigte sich Rev. Taussig mit der'„Jüdischen Zeitung“. Das Parteiorgan, seit der militärischen Einberufung des "Herrn - Meier He n is-cfo ■ von Frau- Dr. Weldier-S‘teinberg redigiert, •habe im ersten Kriegsjahre naturgemäß große •Rückschläge erlitten, sich aber im Laufe der Zeit wieder vollkommen erholt.- Der Entwicklung unseres Blattes stündenaber die enormen Teuerungen in der Zeitungsbranche hindernd im Wege. Die hier herrschenden, , nicht unwesentlichen Schwierigkeiten könnten jedoch, sehr, wohl überwunden werden durch, eine kräftige, Agitation der zionistischen Gruppen. Die „Jüdische Zeitung“ -müsse in diesem Jahre großer historischer Ereignisse für das jüdische Volk seine Auflage schon deshalb vervielfältigen, damit der zionistische Gedanke in die breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs getragen werden könnte. Zu den Minimalforderungen, die die Leitung an jeden einzelnen unserer Gesinnungsgenossen, zu stellen habe, gehöre auch unbedingt das Abonnement des Parteiorganes. Auf• dem Gebiete der politischen Beta t i g u n g mußte sich das Z. K. infolge der durch den Krieg bedingten Beschränkung mit Eingaben an die verschiedenen Behörden begnügen. Rev. Taussig führte im Zusammenhang damit insbesondere ein Memorandum an, das das - Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs nebst einem Zustimmungstelegramme an das amerikanische Kongreßbureau richtete. Es wurden darin die Forderungen 'der österreichischen Juden für den amerikanischen Kongreß zur , . . *) Vergleiche Nr. 8 und 9 der „Jtid. Zig,“