Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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cieite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 Serbien und der Zionismus. Die nach Washington entsandte serbische Mission drückte die Sympathie der serbischen Regierung und des serbischen Volkes für die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina aus (Reuter). Brasilien. Reuter meldet: ln der brasilianischen Deputiertenkammer wurde ein Antrag eingebracht, der britischen Regierung iür ihre zionistische Palästina-Erklärung den Dank auszudrücken. Die brasilianische Regierung hat den Wunsch ausgedrückt, sich an der Förderung dieses Planes zu beteiligen. Eine neutrale Intervention. Aus Stockholm wird dem ..Israelit“ gemeldet: ln den nächsten Wochen soll eine aus .ie einem Vertreter der schweizerischen, holländischen und skandinavischen Juden bestehende Abordnung -nach Berlin. Wien. Sofia und Konstantinor-el reisen, um bei den Regierungen der Mittelmächte zugunsten freier wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung der jüdischen Ansiedlung in Palästina und für eine günstige Lösung der Judem’rage in den östlichen Ländern zu wirken. Bulgarien. Das Zentralkonsistorium der Juden Bulgariens hat dem Zionistischen Aktionskomitee Mk. 15.000 zur Verwendung für die Evakuierten in Palästina überwiesen. Südafrika. Die südafrikanische Föderation hat beschlossen, einen großen nationalen Fonds iür den Wiederaufbau aller jüdischen Besitzungen in Palästina ins Leben zu ruien, und hat einen Aufruf an die südafrikanische Judenheit gerichtet, diesem Fonds große Mittel zur Verfügung zu stellen. Palästinensische Juden in Korsika. Am 25. Kislew 5676 verließ ein Schiff mit ungefähr 75U jüdischen Flüchtlingen aus Palästina den Hafen von Beirut: am 5. Tebetli langte es in dem Haien von Ajaccio an. Unbeschreiblich sind die Leiden, die diese Opfer des Krieges während der Reise ertragen mußten: sie konnten nichts als trockenes Brot essen, da es auf dem Schiffe keine rituell zubereiieteh Speisen gab. ln Ajaccio wurden sic von der Bevölkerung freundlich aufgenommen: doch fanden sie dort keine Juden, und die Bewohner der Stadt, die gar -.licht wußten, was ein Jude sei. hielten sie für Armenier. Die französische Regierung und die „Alliance Israelite“ sorgten für Unterkunft. Nahrung und Erziehung 'der Kinder dieser Flüchtlinge, die allmählich beschäftigt werden konnten: ein Teil von ihnen übersiedelte in die unweit gelegene Stadt Bastia. Die Gemeinden von Livorno und Tunis stellten einige Thörarollen zur Verfügung, so daß in Ajaccio vier, in Bastia zwei Minjonim gegründet werden konnten. Die Lage der Kolonien, Ein Telegramm vom 22. Jänner teilt mit daß die Weingärten und Pflanzungen der Kolonien im allgemeinen im guten Zustande sind. Es mangelt an Vieh, das die Behörden den Kolonisten zu verschaffen suchen. Tagung der orthodoxen Organisationen in Frankfurt am Main Am 29. Jänner traten in Frankfurt a. M. Delegierte der führenden orthodoxen Organisationen in den Gebieten der Mittelmächte zu einer Kon- , ferenz zusammen, um’ die programmatischen Forderungen zu beraten, die anläßlich der beim Friedensschluß bevorstehenden Neuordnung der Dinge im Osten im jüdischen Interesse zu stellen sein werden, um außerdem eine gemeinsame Vertretung dieser Interessen bei den Regierungen der Mittelmächte zu sichern. Die Konferenz war durch Beratungen der in Betracht kommenden Organisationen in den einzelnen Ländern seit längerer Zeit vorbereitet worden. Durch Delegierte vertreten waren: Die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, E. V.“, der ,,Deutsche Gruppenverband der Agudas Jisroel", der „Verband orthodoxer Rabbiner Deutschlands“, „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands“, „Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer“, die „Galizische Landesorganisation der Agudas Jisroel", der „Verein zur Wahrung des orthodoxen Judentums in Westösterreich", der „Rabbinerverband in Galizien". Die „Agudas hoorthodoxim“ und die „Agudas horabonim“ in Polen, sowie die „Palästinensische Lahdesorganisation der Agudas Jisroel“ hatten, da ihre Verriet er aus äußeren Gründen nicht mehr rechtzeitig eintreffen konnten, ihre Beschlüsse schriftlich übermittelt. Die „Ungarische orthodoxe Landeskanzlei“ hatte •ihren Anschluß an die Aktion Vorbehalten. Die Tagesordnung lautete: 1. Gruppenrechte der Juden im Osten; 2. Palästinafrage; 3. Religiöse- Forderungen im Staatsleben; 4. Bürgerliche Gleichberechtigung: 5. Form und Methode der Vertretung. ' t Während der zweitägigen Verhandlungen, in denen naturgemäß manche Gegensätze der Auffassungen zwischen den verschiedenen Landesgruppen zutage traten, wurde eine prinzipielle Uebereinstimmung in Grundfragen erzielt. Als Ergebnis der Generaldebatte in Verbindung mit - dem ersten Punkte der Tagesordnung wurden verschiedene Resolutionen einstimmig angenommen, von denen wir die die Palästinafrage be-, treffenden herausheben: . 1. Die Orthodoxie erblickt — unter unverbrüchlichem Festhalten an den meSsianischen Zionshoffnungen der JhÜenheit — zu allen Zeiten in der Besiedelung des' heiligen Landes durch Juden die Erfüllung einer im Religionsgesetz begründeten Pflicht, deren möglichst imgehinderte und umfassende Ausführung zu .sichern, Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ist. Wunsch und Wille der Einwanderung entsprach - stets dem tiefsten religiösen Sehnen der jüdischen Volksseele. 2. Die Orthodoxie erwartet, daß die Türkei diesen auf lOOOjähriger. religiöser Ueberlieferung beruhenden Palästinabestrebungeu Vertrauen entgegenbringen und der jüdischen Einwanderung nach dem Kriege sowphl bei der Ansiedelung als bei der Entwickelung des religiösen und wirtschaftlichen Lebeps im eigenen Staatsinteresse systematische Förderung augedeihen lassen wird. Es folgt hierauf eine Aufzählung der an die türkische Regierung irn^ Interesse der jüdischen Siedeluug zu stellenden rorderungen und der Ausdruck der Ueberzeugung, daß „mit der Zugehörigkeit des heiligen Landes zu der reorganisierten Türkei die günstigsten Vorbedingungen iür eine gedeihliche Entwickelung der palästinensischen Ansiedelung im religiösen Sinne gegeben sind." Hinsichtlich der Vertretung wurde die Bildung eines' Vollzugsausschusses der jüdisch-orthodoxen Organisationen itn Gebiete der Mittelmächte beschlössen, in den jede der beteiligten Organisationen 2 Vertreter und 2 Stellvertreter entsendet. Der Vollzugsausschuß ernennt einen oder melirere ehrenamtliche Geschäftsführer.. Der Vollzugsausschuß wurde beauftragt, zur Vermeidung jedes G eg e n e i n an d er a r b e itens der verschiedenen jüdischen Organisationen unverzüglich in Fühlung mit an deren Organisationen, welche gleiche Ziele verfolgen, zu treten, und soweit sachlich möglich, eine Verständigung mit ihnen behufs gemeinsamer Arbeit herbeizuführen. Die wegen der vorgerückten Zeit nicht mehr im Einzelnen beratenen Punkte der Tagesordnung wurden dein Vollzugsausschuß zur weiteren Bearbeitung überwiesen; insbesondere sollen dabei die Berücksichtigung des Sabbaths in der Sonntagsruhe-Gesetzgebung, die Sicherung der Schechita, die Fragen des jüdischen Eherechtes im Osten beachtet werden. Dem Vollzugsausschuß wurde ferner zur Vorberatung ein der Versammlung vorliegendes Programm zur praktischen Erez Jisroel-Arbeit überwiesen. Noch einige Worte zur orthodoxen Konferenz in Wien Herr Jonas K r e p p e 1 ist mit dem Verlauf der orthodoxen Konferenz nicht zufrieden. Das geht aus seinen Ausführungen in der „Jüd. Korrespondenz“, die er unter dem Deckmantel der „Agudas Israel” veröffentlicht hat, und aus seiner Berichtigung in der „Jüd. Zeitung“ deutlich hervor. Es nimmt uns gar nicht wunder. Herr Kreppei weiß ja, daß mit dem Erwachen des nationalen Bewußtseins in der Orthodoxie auch die letzte Stunde iür seine wühlerische-Arbeit geschlagen hat. Nicht Mißgunst über die erstarkende orthodoxe Bewegung, wie Herr Kreppei behauptet, sondern wahre Liebe, zum orthodoxen Judentum hat mich veranlaßt, der Oeffentlichkeit über die ersten Ansätze der Orthodoxie zu ihrer Gesundung und Entwickelung zu berichten. Denn unseres Erachtens ist die Erhaltung der wahren Orthodoxie von größter Wichtigkeit für das gesamte Judentum. Das konservative Judentum des Jehuda Halevi und Rambam lieben wir, aber nicht die in Frankfurt geformte und durch Herrn Kreppei hierher verpflanzte „Thoratreue“. Sie ist . ein „sam maweth“ für die Orthodoxie des Ostens. Das ist nicht nur meine persönliche Ueberzeugiing. Alle Rabbiner, mit denen ich letztens zu sprechen die Gelegenheit hatte, erklärten mir mit Bedauern, daß die Orthodoxie eine schwere Krise seit einigen Jahren durchmache und daß die einzige Rettung die Organisierung der Orthodoxie auf nationaler Basis wäre. Demi es wäre lächerlich, schon jetzt von einer organisierten orthodoxen Bewegung zu sprechen. Die Agudaleitung selbst weiß es wohl, daß es eine solche leider nicht gibt. Jedem, der mit der gegenwärtigen Stimmung in unserer Orthodoxie vertraut ist, ist es klar, daß nur eine i nationale Orthodoxie imstande wäre, irgendwelche Bewegung unter den orthodoxen Massen hervorzürufen. Sind doch bekanntlich sämtliche Söhne der Rabbis und Rabbiner durch und durch national. Wir freuten uns daher aufrichtig, als wir sahen, daß die Orthodoxie endlich die richtigen Bahnen zu betreten begonnen hat, die zu ihrer Errettung führen. Wir hegten die Hoffnung, eine nationale unabhängige Orthodoxie erwachen zu sehen, die des Schutzes des FLerrn Kreppei und seines Organes nicht bedürfte. Allein Herr Kreppei behauptet, von einer zionistischen Strömung ln der Orthodoxie sei keine Rede. Dennoch weiß er weiter von einer Resolution, die man von zionistischer Seite durchzudrücken versuchte, zu berichten; es gab also doch eine „zionistische Seite" -auf der Konferenz. Wenn es Herrn Kreppei grotesk anmutet, „wenn die Herren Zionisten glauben, ein neues Amerika entdeckt zu haben, indem sie Jterausfanden, daß die Orthodoxie das nationale Moment nicht negiere", so ist es auch nur der Konferenz zu verdanken, daß sie das nationale Moment zu einer Selbstverständlichkeit machte. Diese Selbstverständlichkeit ist nämlich .noch sehr jungen Datums. Ich weise nur wiederholt auf die Eröffnungsrede des Herrn Tbumim hin, worin das nationale Moment negiert wurde und daß erst infolge der nationalen Stimmung der Konferenz der Rückzug angetreten wurde.' „Die konservativen Einberufer waren so demokratisch,“ sagt Herr Kreppei, „auch Nichtdelegierten den Einlaß nicht zu verbieten.“ Demgegenüber sei festgestellt, daß die „demokratischen" Einberufer den zweiten Tag Tür und Tor durch die Po 1 izei. abschließen, ließen, und nur dem energischen Eingreifen der jüngeren Rabbiner und des Herrn Eidinger ist es zu verdanken, daß auch Nichtdelegierte Einlaß bekamen und die wahre Stimmung der Konferenz wahrnehmen konnten. Nur ein Herr Kreppei, der die Einigung der Judenheit für schädlich hält, kann darüber,, daß die Zionisten zu' der „Aguda“ Meschuluchitn schickten, um eine Einigung der Juden anzubahnen und sie für die Kongreßbewegurig zu gewinnen, einen Vorwurf machen. Ich überlasse es übrigens ruhig dem Leser, zu urteilen, ob Herr Kreppei sich gegen die Wahrheit versündigt hat oder ich, der keine Politik aus der „Thoratreue“ zu machen beabsichtigt. Icii gebe meiner Ueberzeugung Ausdruck, daß nur die jungen, national-orthodoxen Kräfte imstande wären, die Orthodoxie vom drohenden Verfall zu retten. Die Orthodoxie wird entweder national sein oder sie wird nicht sein. Sie fiat sich für. das erste entschlossen! ' . ' S. F..seit. Aus der jüdischen Welt Die galizischen Flüchtlinge in Budapest. Unter dem Drucke der neutralen Presse hat die ungarische Regierung den ausgewiesenen Flüchtlingsfamilien erlaubt, in Budapest bis zum 15. April zu bleiben. Es ist interessant, zu bemerken, daß, während die gesamte jüdische Presse die ungarische Regierung scharf angegriffen hat, die orthodoxen Organe „Israeli t“, „Das Jüd ische Wor t“ die Aufgabe auf sich genommen haben, die Grausamkeitender ungarischen Regierung. den galizischen Flüchtlingen gegenüber zu verteidigen und in Schutz zu nehmen. Dr. Pinchas Kohns Umtriebe. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Vor kurzem konnten wir der jüdischen Presse ein Elaborat des Herrn Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach über die Judenfrage in Polen zur Verfügung stellen, welches in der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit große Entrüstung hervorrief. Herr Dr. Kohn, dem es gelungen war, das Vertrauen eines gewissen- Teiles, der jüdischen Orthodoxie Polens zu' gewinnen und denselben als Werkzeug gegen die nationalen Emanzipationsbestrebungen des polnischen Judentums zu mißbrauchen, zeigte in diesem Dokument sein wahres Gesicht: Er versuchte, nicht nur das Verhalten der deutschen Okkupationsbehörden gegenüber den Juden Polens zu rechtfertigen, sondern, er erklärte sogar den polnischen Antisemitismus als Folge der nationalen Bestrebungen der Juden Polens. Mit besonderer Geilässigkeit sprach Kohn von deii Juden Litauens. Er tischte das alte Märchen von dem angeblichen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den polnischen und litauischen Juden auf, nannte die letzteren ein „zersetzendes Element“ usw. Dieses Gebaliren des Rabbiners Dr. Kohn scheint nun selbst seinen nächsten Gesinnungsfreunden in . Deutschland zu weit gegangen zu sein.Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist Herr Dr. Pinchas.Kolm von kompetenter Seite aufgefordert worden, sein Amt als Mitglied des Kuratoriums des deutschen orthodoxen Rabbinerseminars in Berlin niederzulegen. Es bleibt nur noch abzuwarten, ob Herr Dr. Kohn den Mut haben wird, aus diesem Mißtrauensvotum die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und däs polnische Judentum von seiner weiteren Tätigkeit zu befreien. Der Jüdische Kongreß in Rußland. Das jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: Die Wahlen zum Jüdischen Kongreß in Rußland haben am 29. Jänner begonnen. Eine kräftige Wahlagitation entwickeln die Zionisten. Die zionistische Organisation richtet ein Manifest an die Juden Rußlands, in welchem es u. a.. heißt: „Auf dem Kongreß werden die Zionisten folgende Grundsätze verteidigen:' 1. Das russische Judentum ist nur ein Teil der allweltlichen jüdischen Nation. 2. Das jüdische Problem wird endgültig durch die Schaffung eines jüdischen staatlichen Zentrums gelöst werden, das in Palästina errichtet werden muß. 3. In den Ländern jüdischer Massensiedlung verwirklicht das Judentum seine Rechte und befriedigt seine nationalen Bedürfnisse durch die Vereinigung in einer autonomen und nationalen Organisation.“ Die zionistischen Delegierten werden beantragen, daß» der Kongreß sich auf folgende Plattform in der zionistischen Frage festlege: 1. Der allrussische jüdische Kongreß deklariert itn Namen des Judentums der russischen Republik die Forderung auf Schaffung eines' nationalen Heimes iür das jüdische Volk in Palästina, das durch das internationale Recht anerkannt werden muß. 2. Der allrußländische jüdische Kongreß beschließt, daß zu den Aufgaben der Organe der nationalen Selbstverwaltung die Mitwirkung zur Schaffung eines nationalen Heimes für das jüdische Volk in Palästina gehören muß. Eine zionistische Konferenz in der Ukraina. Am 21. Dezember 1917 wurde in Kiew eine zionistische Konferenz abgehalten, avi welcher Vertreter von 30 zionistischen Korporationen teilge-- nommen haben. Das Z. K. war durch Herrn M. K1 e i n in a n n vertreten. Das Präsidium wurde von den Herren S i r k i n. S'c hechtmann. Bonfeld. Pin es. Berezowski und- W i m ik 6 w gebildet. Den Beratungsgegenstand bildetendie Wahlen zur ukrainischen Konstituante und die Wahlen zum jüdischen Kongreß, In Zusammenhang mit dem Referat des Herrn H i n d e s hat die Konferenz die Grundlagen einer Deklaration festgelegt, welche die zionistischen Vertreter der ukrainischen Rada vorlegcn-werden. Hierauf wurden die Kandidaten für die-ukrainische Konstituante undfür den jüdischen Kongreß nomi- 7 Jeder Zionist muß die Jüdische Zeitung: halten!