Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Seite i> Die jüdische Vertretung im polnischen Staatsrat. Bekanntlich wird in kurzer Frist ein polnischer Staatsrat gebildet werden, der die erste konstitutionelle Vertretung des neuen polnischen Königreiches darstellen wird. Lieber die Vertretung der jüdischen Bevölkerung in diesem Staatsrat,.--dessen Statuten bereits ausgearbeitet und von den polnischen Behörden akzeptiert sind, wird folgendes mitgeteilt: Der Staatsrat soll aus 110 Mitgliedern bestehen, von denen 46 gewählt und dio übrigen ernannt sein werden. Von den 46 werden 6 von den Ratsmännern der ersten 5 Kurien, 2 von den Ratsmännern der sechsten Kurie des Warschauer Stadtrats gewählt werden, 5 vom Lodzer Stadtrat, einer durch den Lubliner Stadtrat. ln polnisch-politischen Kreisen rechnet man auf ungefähr 14 jüdische Vertreter im Staatsrat, einer würde vom Warschauer Staatsrat gewählt werden, zwei vom Lodzer. Der älteste Warschauer Rabbiner soll als Vertreter der jüdischen. Religion einen Sitz erhalten, ein Jude würde von dem österreichischen Okkupationsgebiet entsandt werden, und die übrigen 10 würden unter den ernannten Mitgliedern sein. Diese Berechnung ist natürlich nur eine mutmaßliche; genaueres steht noch nicht fest. Auf Grund der Statuten ist bisher lediglich bestimmt, daß der älteste Warschauer Rabbiner im Staatsrat sitzen soll. Ursprünglich war als Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft der Vorsitzende der Warschauer jüdischen Gemeinde in Aussicht genommen, doch erfolgte auf Intervention von jüdischer Seite eine Aeuderung des'betreffenden Statuts, wonach an Stelle des Gemeindevorsitzenden der älteste Rabbiner treten soll. Die Frage der Vertretung der Juden im Staatsrat ist naturgemäß von größter Wichtigkeit für die jüdische Bevölkerung Polens, und man muß mit großem Interesse der endgültigen Gestaltung der diesbezüglichen Verhältnisse entgegensehen. Die Ernennung Dr. Ilskis zum Leiter der Ernährungsabteilung des Warschauer Magistrats. Vor kurzem wurde Dr. Ilski. der bekannte Führer der antisemitischen Fraktion . des Warschauer Stadtrates, ein Mitglied der früher von Dmowsky geleiteten national-demokratischen Partei.'vom Warschauer Magistrat zum Leiter der Ernährungssektion ernannt. Die Ernennung rief in sämtlichen jüdischen Kreisen lebhafte Unzufriedenheit und Befürchtung hervor, da Dr. Ilski bei seinem Auftreten im Stadtrat und auch bei anderen Gelegenheiten sich als ein extremer Antisemit erwiesen hatte. Von verschiedenen jüdischen Parteien, so vom Warschauer ^zionistischen Komitee, von der Agudas Orthodoxim und anderen jüdischen Gruppen sind bereits scharfe Protestresolutionen gegen diese Ernennung gefaßt worden. Weitere Proteste der angesehensten jüdischen Organisationen und Institutionen iu Warschau, darunter auch der hauptsächlich aus Assimilanteii bestellenden Gesellschaft für soziale Arbeit zwischen Juden und Polen sind in nächster Zeit zu erwarten.'Es fand auch' eine Beratung jüdischer Ratsmänner in Warschau statt, die sich mit dieser Ernennung beschäftigte und die Frage prüfte, was von jüdischer Seite dagegen zu unternehmen sei. Man befürchtet in jüdischen Kreisen, daß durch Dr. Ilski die Ernährung der jüdischen Bevölkerung, die zum größten Teil von der Ernährungssektion des Magistrats abhängt. Schaden leiden wird. Die gesamte polnisch-jüdische Presse wandte sicii in schärfster Weise gegen die Betrauung eines prononzierten antisemitischen Führers mit der Leitung einer so wichtigen Sektion des Magistrats. Die neue Organisation der jüdischen Gemeinden. Vor einiger Zeit ist vom polnischen Kultusministerium eine jüdische Kommission ernannt worden mit der Aufgabe, das von der deutschen Verwaltung ini vorigen Jahre erlassene Organisationsstatut der jüdischen Gemeinden in Polen neu zu revidieren und zu prüfen. Die Kommission soi! den größten Teil ihrer Arbeiten bereits beendet und an dem' Organisationsstatut verschiedene Aendertingcn vorgenommen haben. Lediglich die Bestimmungen über die Rabbiner seien noch in Bearbeitung und würden durch die beiden rabbinischcn Mitglieder der Kommission, die Herren Dr. Poznansky und Kahan. geprüft. Sowie auch dieser Teil des Statuts bearbeitet sein, wird, wird das gesamte Statut samt den von der Kommission vorgeschlagenett Aenderungen dem polnischen Kultusministerium zur endgültigen Bestätigung vorgelegt werden. Inzwischen haben bereits in einer großen Anzahl van Städten die Gemeindewahlen begonnen. In verschiedenen Städten kam es dabei zu Wahlkämpfen, während in verschiedenen anderen die Wahlen auf Grund einer Verständigung der verschiedenen Parteien durchgeführt wurden. In Warschau und Lodz werden die Waiden erst nach der endgültigen Bestätigung des Organisationsstatuts durch das polnische Ministerium vorgenommen werden. Ein zentrales jüdisches Hilfskomitee. Die Verteilung der aus dem Ausland.'besonders aus Amerika, nach Polen gelangenden Hilfsgelder steht vor. einer neuen Regelung.- Nachdem eine Zcitlang die Gelder, besonders aus Amerika, nur mit großen Unterbrechungen eingetroffen waren. Ist bekanntlich vor kurzem iin Haag ein amerikanisch-jüdisches Büro gegründet worden, das von der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation mit der Verteilung der Gelder betraut ist. Im Zusammenhang damit soll nun in Warschau ein neues Zentralhilfskomitee gebildet werden, das die Verkeilung der Gelder für Polen übernimmt. Vor kurzem fand nun eine Sitzung des Hilfskomitees der Jüdischen Gemeinde in Warschau statt, das bisher den größten Teil der Gelder verteilt hat. in der die Frage eingehend besprochen wurde. Es wird beabsichtigt, ein Komitee zu gründen, in dem Vertreter sämtlicher jüdischer Parteien und Richtungen sitzen sollen, damit sie von der gesamten . jüdischen Bevölkerung Polens als die einzige repräsentative-Körperschaft zum Empfang und zur Verteilung der HDfsgelder anerkannt werden. Das Hilfskomitee der Gemeinde wählte eine Kommission. bestehend aus zwei Zionisten, zwei Orthodoxen und einem Assimilanten. um die Vorarbeiten für die Gründung eines, neuen Komitees in die Wege zu leiten. Inzwischen sind vor einigen Tagen vom amerikanisch-jüdischen Hilfskomitee im Haag 540.000 Mark angekommen zur Verteilung in Warschau. Lodz und der Provinz. Eine Konferenz der Volkspartei. In kurzer Zeit wird in Warschau eine Konferenz der jüdischen Volkspartei aus ganz Polen statriinden. Der genaue Termin wird noch iestgestellt werden. An der Gesellschaft sollen die Vertreter sämtlicher völkischen Gruppen aus ganz Polen beteiligt sein sowie eine Anzahl jüdischer Politiker und Ratsinänner. die das Programm der Volksgruppe vertreten. ' Die Volksgruppe und die Friedensverhandlungen in Brest-LItowsk. In einer Sitzung des leitenden Rates der jüdischen Volkspartei wurde folgende Resolution angenommen, die allen in Frage kommenden Instanzen zur Kenntnis mitgeteilt .worden ist. Der Rat der jüdischen Volkspartei in Polen hat .auf Grund der Lage, die . durch die Friedensunterhandlungen mit Rußland herbeigeiiihrt worden ist, beschlossen, folgendes nochmals zu proklamieren: 1. Daß die Juden in Polen. Litauen und Kurland den nationalen Minderheiten zuzurechnen sind. 2. daß sie demgemäß nationale Rechte fordern, die durch die Verfassung des Landes garantiert werden. 3. daß zu den Unterhandlungen über die endgültige Bestimmung der Verwaltungsformen und der Rechte der Nationalitäten in Polen. Litauen und Kurland Vertreter der Juden dieser Länder herangezogen werden müssen. Die Gründung eines Volksklubs, der das Fundament einer neuen jüdischen Volkspartei darstellen soll, erfolgte in Lodz. * .. * Zu guter Letzt Inöchte die Redaktion diesen Meldungen noch einen der Zeitschrift „Polen“ entnommenen Bericht änfügen. den wir eigentlich für die kommende Purim-Nummer hätten reservieren können, so urkomisch wirkt er in seiner, anachronistischen Empfindungsweise. Aber noch stärker Lst das Gefühl des Widerwillens, das dieser pervers 'gerichtete Patriotismus in uns wachruft. ' Eine neue jüdische Organisation. Im Gegensätze zu anderen jüdischen Gruppierungen entsteht in Warschau ein „Klub polnischer Patrioten mosaischen Bekenntnisses“. Die wichtigsten . Punkte der' politischen Plattform dieser Gruppe lauten: 1. Ueber.. Rasse, über Stammesgemeinschaft, über detn konfessionellen Band steht das Band der nationalen Solid a r i t ä t. 2. Der Klub derpolnischen Patrioten mosaischen Bekenntnisses -behandelt die Judenfrage in Polen ausschließlich;vom Gesichtpunkte der national-polnischem Interessen. 3. Angesichts der Reibungen der national-polnischen Interessen mit den* jüdischen stellt der Klub absolut auf Seiten der national-polnischen Interessen. 4. Der Klub steht wohlwollend der Emigration jener Juden gegenüber, die weder nach Sprache noch nach Gefühl Polen sind. Der Klub wird gegründet zur a) Dok tun tut ierung. seines nationalen Charakters: b) Schaffung eines Banners, unter dem die Bekenner der mosaischen Religion, in deren Brust ein polnisches Herz schlägt, stehen können: c):Aufklärung der Bevölkerung mosaischen Bekenntnisses, die bisher keinen klaren Begriff besitzt über das Wesen der Nationalität und über die patriotischen Pflichten. Das Hilfswerk für Polen „Jewish Exponent“ vom 23. November 1917 berichtet: Präsident Wilson empfing ein Komitee hervorragender jüdischer Persönlichkeiten, die ihm die Bitte der amerikanischen Judenheit überbrachten, der notleidenden jüdischen Bevölkerung Polens mit allen Kräften zu heben. Das Komitee bestand aus den Herren Henry M o r g e n t h a u, Abraham Elkus, Oskar Straus. Jakob H. Schiff, Richter Otto R o s a 1 s k i, Alexander Kahn aus New-York, Richter Julian Mack aus Chicago und Dr. Cyrus Adler aus Philadelphia. Dr. Adler und Henry Morgenthau trugen dem Präsidenten die Wünsche des Komitees vor. Nach dem Empfang beim Präsidenten Wilson wurde der Presse folgende Publikation übermittelt: „Das Komitee bat den Präsidenten dringend, in Erwägung zu ziehen, ob die. Regierung der Vereinigten Staaten iiire Hilfe für Polen nicht in der Weise ausdehnen könne, wie es für Belgien geschehen ist. Das Komitee betonte, daß es seine Fonds und Lebensmittel durch eine Kommission zur Verteilung bringen würde, die der Präsident ernennen und die in jeder Weise als vertrauenswürdig betrachtet werden würde. Es wurde dargelegt, daß das State Department sehr wertvollen Beistand in dieser Richtung leisten könnte. Das Komitee verließ das Weiße Haus nach einer halbstündigen Konferenz mit dem festen- Vertrauen, daß der Präsident sein Aeußerstes tun werde, um diese Wünsche zu erfüllen. Präsident Wilson zeigte sich sehr freundlich und interessiert für diese Angelegenheit und wird voraussichtlich den Regreruhgsapparat in dieser Richtung in Bewegung setzen, vorausgesetzt, daß hinreichend Transportmöglichkeiten für die Uebermittlung der Lebensmittel nach .Polen vorhanden sein werden. Es steht zu hoffen, . daß der Besuch ein positives Resultat haben wird. — Das Joint Distribution Committee (das dieses Komitee zu Wilson o«o«o»o«o«o«o«o»oio»o Juden! Zionisten l In einem ernsten Momente wenden wir uns an Euch! Vor mehr als dreieinhalb Jahren durch die Kriegsereignisse zerstreut, haben wir bis heute keinen gesellschaftlichen Zusammenschluß versucht, jeder ist seinen eigenen Weg gegangen und jeder hat für sich gelitten, — wir wurden eine große Masse von Einzelpersonen, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist bei uns verschwunden. Dieser Zustand hat unser Ansehen herabgesetzt, niemand hat uns als Volk gewertet. Ein solches Vorgehen, welches schon vom allgemeinen jüdischem Standpunkte unwürdig ist, muß als Verbrechen vom Gesichtspunkte unserer nationalen Ehre betrachtet werden. Doppelt schwer trifit uns aber die Vernachlässigung der Arbeit für unsere zionistischen Ideale, für unsere nationale Zukunft. Wenn wir von den Opfern absehen, welche viel kleinere Völker tür die Erreichung ihrer nationalen Ideale gebracht haben, — so können wir unmöglich übersehen, welch schwere Arbeit unsere Brüder ln anderen Ländern iür unsere zionistischen Ideale während des Krieges geleistet haben, trotzdem jene nicht wenigeres wir unter den Kriegsereignissen zu leiden hatten. Nun geht es nicht mehr an. daß wir weiter die ganze Arbeit für die Zukunft unseres Volkes, unseren Brüdern in anderen Ländern aufbürden und in der Rolle von Zuschauern verharren. In dem Momente, in welchem sowohl die Regierungen der Mittelmächte als auch die Entente- Regierungen ernst die Frage der Rückgabe Palästinas an das jüdische Volk erwägen, dürien wir, galizische und bukowinaer Zionisten, nicht länger in jenem Zustande der Zusammenhanglosigkeit verbleiben, in welchen uns der Krieg versetzt hat. — wir müssen vielmehr unsere Kräfte zur gemeinsamen Arbeit organisieren und sammeln. Wir haben deshalb beschlossen, eine stramme Organisation aller in Wien und Umgebung wohnenden galizischen und bukowinaer Zionisten durchzuführen und zu diesem Zwecke ein Organisation- und Arbeitskomitee gebildet. Im Namen -dieser Komitees ruien wir Euch zur Arbeit auf und erwarten, daß Ihr unserem Rufe folgen werdet. Wien, am 16. Feber 1918. Für das Komitee: Adolf Stand Dr. Moritz Pachtmann Löbl Taubes Alle Gg., welche in Wien and Umgebung wohnen, wollen ihre Adressen dem Komitee bekanntgeben zu Händen des Herrn Dr. M. Pacht mann, W i e n, U. T a b o r s t r a ß e N r. 36. OIOIOIOIOIOIOIOIOIOIO .sandt hatte) besteht aus Vertretern der drei jüdischen Hilfskommissionen in Amerika: People’s Relief Committee, Central Relief Committee und American Jewish Relief Committee. Das Joint Distribution Committee hat bis jetzt 11 Millionen Dollars gesammelt, .wovon 9 Millionen allein im Jahre 1917 verteilt wurden. — Zurzeit ist das Joint Distribution Committee mit der Aufbringung von 10 Millionen Dollars beschäftigt, von denen zwei Drittel bereits gezeichnet sind. Bis zum Ende des Jahres 1917 dürfte auch das letzte Drittel gedeckt sein. Herr Julius Rosenwald hat allein 1 Million Dollar für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.“ Meldungen zur Palästinafrage Frankreichs Stellung zur Palästinafrage. Wie der „Temps" meldet, wurde das Mitglied des zionistischen A. C. S o k o 1 o w vom Minister des Aeußern Pichon am Samstag empfangen. Der Minister bestätigte Herrn Sokolow. daß in der Frage der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina zwischen der französischen und englischen Regierung vollständiges Einvernehmen bestehe.. ‘ Liga der Freunde des Zionismus. „La Renaissance du Peuple Juif“ meldet die Gründung einer Liga der Freunde des Zionismus. Zweck derselben ist. die breite Oeffentlichkeit bekannt zu machen mit der zionistischen Bewegung, ihrer Organisation und den praktischen Erfolgen derselben in Palästina. Ferner will sie die französische Regierung beeinflussen, daß sie sich der Balfoursehen Erklärung vom 2. November 1917 anschließe. (Was inzwischen geschehen ist. Die Red.) Dem Komitee gehören Männer von allen Parteien und Konfessionen an. u. a. Oberst Ausclier. Marcel B e r f e I d, Julien C a i n, Eduard D u j a rd i n. Edmond F1 e g (der Genier Dichter). Baruch Hagani. Redakteur Gaston Kahn. Andre S d i r e. Maurice Verne s. Errichtung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Das Reuter-Bureau meidet: Auf der Jahresversammlung des englischen Zionistenbundes erklärte der Vorsitzende Dr. W e i. t zm a n n. die britische Regierung beabsichtige, sicii an zionistische Finanzinstitute zu wenden, so an die Anglo-Palestine Co., um die Kosten der in Palästina für die israelitische Kolonie durchzuführenden Hilfsaktion zu decken. Die nach Palästina entsendete Hilfskommission soll auch die Frage prüfen, ob es nicht wünschenswert wäre, in Palästina eine israelitische Universität zu errichten. Der Zionist J. G o I d b e r g hat bereits einen Bauent-platz für diese Universität gestiftet. Verlanget regelmäßig unser Blatt in denjKaffeehäusern!