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Jüdische Zeitung · 1918-02-15 · 7 (15.2.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 der öffentlichen LebcnsinitteHädeii handelte, Es gibt in Warschau keinen Juden, der daran zweifelt — denn es hieße an der Ehrlichkeit des Programms des herrn ilski zweifeln — daß bald auch der letzte jüdische Lcbehsmittelhändler in Warschau seinen Laden schließen muß. -jEs gibt in Warschau keinen .luden, der daran zweifelt — * denn es hieße an der Fälligkeit des Herrn Ilski zweifeln, seine Thesen in die Tat umzusetzen.— daß nicht in /-ukutm bei der Verteilung der öffentlichen Lebensmittel die jüdische .Masse in Warschau in der furchtbarsten Weise benachteiligt werden wird. In-diesem Kampfe stehen die polnischen Juden ganz allein. Sie haben niemals Hilfe von außen erwartet. Sie kennen und wollen nur eine Form des Schutzes, die einzige, die ihnen wirksam, die ihnen würdig erscheint: die Möglichkeit, sich als Volk zusamtnenzuscldießen. In der Freiheit seiner nationalen Entwicklung, in der Sicherheit der Zusammenfassung seiner nationalen Kräfte und des Ausbaues seiner nationalen Einrichtungen erblickt das jüdische Volk in Polen die Garantie,-die ihm die Behauptung seiner Existenz ermöglicht —' so schwer das sein mag — auch gegen einen blutgierigen Mob vom Schlage des ‘-Herrn Ilski. Von wem aber soll ihm diese Garantie werden? Die Polen verweigern sie, mit lügnerischen Phrasen gestern, mit brutaler Faust heute. So bleibt nur der Appell an die Völker, an die neue Entwicklung der Dinge, die sich jetzt vorbereitet. Eine Macht sollte vor allem in Frage kommen: Deutschland, das der Nachbar des neuen polnischen Reiches sein wird und ein großes politisches Interesse an der Sanierung und Harmonisierung seiner inneren Verhältnisse hat. In das Dunkel, das über der Lage der polnischen Juden lastete und ihre Gemüter erfüllte, kam ein Lichtstrahl durch die Erklärung, die neulich der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin, Herr v. d. B u s s c h e, abgegeben hat Mochten aucli Manche eine schärfere Präzisierung in der Erklärung der deutschen Sympathie für die palästinensischen Bestrebungen des jüdischen Volkes und eine genauere Umschreibung der Förderung gewünscht haben, die das. Auswärtige Amt den nationalkulturellen Aspirationen der Juden , des Ostens versprach, so blieb doch die bedeutungsvolle Tatsache der offiziellen Anerkennung der Existenz nationaler jüdischer Minderheiten und ihres nationalen Eigenlebens in, den Ländern des Ostens, sowie die ausdrückliche Zusage der Unterstützung der national-kulturellen Wunsche der Juden durch die deutsche Regierung. Es schien den Juden in Polen, als ob sie aufatmen dürften. Zwar zweifelten sie niemals daran, daß die einmütig^ Geschlossenheit, mit der sich das gesamte jüdische Volk tn der ganzen Welf in diesem Kriege zu seinen nationalen Forderungen bekannt hat bei der endgültigen Gestaltung der Dince sich durchsetzen werde, und die bekannte Erklärung Lord Balfours und die amtliche und öffentliche Stellungnahme der ententistischen und der neutralen Länder war ihnen. ein hoffnungsvolles Vorzeichen der sich anbahnenden Durchsetzung des ^national-jüdischen Programms. Um so größere Bedeutung erhielt darum die Erklärung des Herrn v. d. Bussclie, aus der die ganze öffentliche Meinung schloß.' daß sich nunmehr auch Deutschland auf den Boden der Anerkennung der nationalen Mfnderheitsrecnfe der Ostjuden gestellt habe. Und es war klar, daß die polnischen Juden hiervon neue Möglichkeiten auch für die nächste Zukunft erwarteten. JÜDISCHE ZEITUNG Wie sollte inan anders die Kundgebung aufiassen, die ln der hochoffiziösen „Deutschen Warschauer Zeitung“ vom 23. Jänner enthalten ist und die sich zu der Erklärung des Auswärtigen Amtes in einer nicht mißzuverstehenden ablehnenden Yv eise5 äußert? Die ganze Fassung dieser Kundgebung ist derart interessant, daß wir nicht unterlassen möchten, sie neben jene Erklärung des Auswärtigen Amtes zu setzen. Es lautet dieser Teil der Erklärung des Auswär-' tigen Amtes vom '5. Jänner: „Wir würdigen oic auf Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart gerichteten Wünsche der \ 'jüdischen Minderheit in den Ländern, in denen die Juden ein stark entwickeltes Eigenleben haben, bringen ihnen volles Verständnis entgegen und sind zu; einer wohlwollenden Unterstützung ihrer diesbezüglichen Uestrcbun- - gen bereit.“ .... .Es lautet die Erklärung der „Deutschen Warschauer Zeitung“'vom 23. Jänner: ,‘,Der Unterstaiitssekretar des Auswärts gen Amtes, Freiherr von dem Bussclie, hatte sich vor einiger Zeit gegenüber zwei zionistischen Führern und. den Vorstandsmitgliedern des Komitees für den Osten über die Ostjudenfrage geäußert. Ein über die Bedeutung der Erklärung von Professor Franz Oppenheimer in den „Neuen Jüdischen Monatsheften“ veröffentlichter Artikel .kann den Eindruck erwecken, ais ob die deutsche Regierung eine jüdische sprachlich-kulturelle Autonomie in Polen schaffen wolle.' Das ist nicht der Fall und ergibt sich auch aus der Erklärung des Unterstaatssekretärs keineswegs. Vielmehr wird der polnische Staat darüber zu entscheiden haben, ob die jüdischen Mitbürger in Polen, wie dies von der jüdisch-nationalistischen Bewegung, arigestrebt wirdi als besondere Nationalität behandelt und demgemäß eine sprachlichkulturelle Autonomie erhalten soll, oder ob die jüdische Bevölkerung gemäß dem in allen Kulturstaaten anerkannten Prinzip der Gleichberechtigung lediglich den übrigen Bürgern des Landes gleichgestellt sein soll. Deutschland kann in" diesem Streit der Meinungen, in dem auch die jüdische Bevölkerung verschiedene Auffassungen vertritt, sich nicht, für eine bestimmte Regelung des Problems einsetzen; es ist insbesondere nicht die Absicht Deutschlands, dem polnischen Staat eine bestimmte Lösung der Frage-.-.aufzuzwingen. Deutschland und die deutsche Okkupationsregierung haben den Wunsch, daß die christliche und jüdische Bevölkerung in Frieden miteinander lebe.- Ge- - rade deswegen muß' die Stellungnahme zu dem so umstrittenen Problem den zuständigen Instanzen des Landes überlassen bleiben.“ 1 Wir versagendes vnsä auf die besonderen politischen und stilistischen' Feinheiten dieser Kundgebung einzugehen; die es fertig bringt, der Erklärung des Unterstaatssekretärs den Versuch zu involvieren,’ die jüdische und polnische, oder, wie es dort so hübsch heißt, christliche Bevölkerung Polens gegen .einander aufzuhetzen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß die Erklärung der „Deutschen Warschauer Zeitung“ sich in vollkommenem Widerspruch zu jener des Auswärtigen Amtes stellt und der deutschen Regierung eben jene Gleichgültigkeit gegenüber den nationalen Forderungen der polnischen Juden unterstellt, deren Nichtvorhandensein öffentlich hervorzuheben die Erklärung des Auswärtigen Amtes bestimmt war. Wir haben das Vertrauen zu den Stellen, die für die auswärtige Politik des Deutschen Reiches verantwortlich sind, daß sie sich der Tragweite ihrer. Erklärungen bewußt sind, sie nicht, durch den -Widerstand nachgeordneter Stellen in das Gegenteil verkehren zu lassen. Aber die Affäre ist doch kennzeichnend für die Situation in Polen, und man versteht, daß die rolnischen Juden aufs. Aeußerste betroifen sind. Ihnen ist die Warschauer Verwaltung näher ais die Berliner Regierung, und sie haben ja auch Nr. 7 sonst so sehr Grund, eine einseitige nationale naltung oer deutschen- Verwaltung in jüdischen Dingen zu beobachten'und ihre Folgen am eigenen Lerne zu spüren, aaß sie immerhin in Zweifel darüber geraten Können, was denn nun eigentlich deutsche Politik ist. bie müssen sich leider jeden Tag immer inehr davon überzeugen, daß die Behandlung, die die deutsche Verwaltung in Warschau, oder zum mindesten deren in Frage kommende Organe, den jüdischen Angelegenheiten angedeihen läßt, von Objektivität weit entfernt ist. Es ist nötig, wieder einmal auf die Frage der beiden deutschen Rabbiner aufmerksam zu -machen, deren Treiben sich immer mehr zu einem Skandal auswächst und die dabei die amtliche Unterstützung der deutschen Verwaltung in einer Weise erfahren, für die dem polnischen Juden •sowohl-wie jedem politisch denkenden Deutschen das Verständnis fehlt. Wir können uns kauin vorstcllen, daß dem politischen Interesse Deutschlands damit gedient ist, wenn einer seiner offiziellen Funktionäre es so weit gebracht hat, daß alle seine öffentlichen Versammlungen durch , die Erregung der Menge gesprengt werden. Freilich ist es schwer, darüber etwas verlauten zu lassen, denn die beiden Herren stehen unter dem ganz besonderen Schutz der Warschauer Zensur. Ist es nicht in der Tat ungemein bezeichnend, daß es in Polen offiziell verboten ist, auch nur ein Wort über das bekannte Expose zu bringen, das Herr Dr. Pinchas Kohn über oder besser gegen die polnischen Juden geschrieben hat und dessen von ihm nicht vorhergesehenc Veröffentlichung in der ganzen Judenheit einhellige Empörung gegen seinen Verfasser hervorgerufen hat. Das geht soweit, daß sogar der Verteidigungsarlikel des „Israelit“, in dem notgedrungenerweise das Expose wiedergegeben ist, von der Veröffentlichung in Polen ausgeschlossen ist. Wir fragen uns vergebens: Welches Interesse hat die deutsche Verwaltung an dieser rein innerjüdischen Angelegenheit? Und weiche Dienste hat Herr Pinchas Kohn der deutschen Regierung geleistet, damit sich diese veranlaßt sieht, ihm einen derart außergewöhnlichen Schutz zuteil werden zu lassen? Wenn schon die deutsche Verwaltung in Polen die nationalen Wünsche der Juden perhorresziert, welchen Sinn hat es, sich in dieser Weise mit dem ganzen •Aufgebot des amtlichen Apparates in ihre inneren Angelegenheiten einzumisclien? Und ist denn die Situation in Polen so gut, daß man es durchaus darauf ankommen lassen muß, sich ohne jeden Grund auch noch die geschlossene Abneigung der jüdischen Bevölkerung auf den Hals zu hetzen? Wir bestreiten die Richtigkeit und die moralische Einwandfreiheit einer solchen Politik sowohl vom deutschen wie vom jüdischen Standpunkt aus. Und wir protestieren dagegen, daß 'trotz den. ausgezeichneten Absichten der deutschen Staatsresrierung durch die Haltung untergeordneter Stellen ein Zustand geschaffen wird, für den man in Deutschland früher die •Bezeichnung ..Polnische Wirtschaft“ hatte. . „ Nachrichten aus Polen Eine Konferenz der jüdischen Parteien mit der polnischen Regierung. Das polnische politische Departement hat beschlossen, Vertreter sämtlicher jüdischen Parteien zu einer Konferenz einzuladen, bei der die einzelnen Parteien ihr Programm in der polnischen Judenfrage formulieren und mitfeilen sollen. Eingeladen werden die Assimilanten, Orthodoxen, Zionisten, die Volksgruppe und die beiden Arbeiterparteien: Poale-Zion und „Bund“. Die Konferenz wird unter dem Vorsitz des Leiters des politischen Departements, des Grafen Rostw o r o w s k i, stattfinden, außerdem werden auch einige andere polnische Minister daran, möglicherweise auch der Ministerpräsident selbst, Kucharzewsky, bei der Konferenz zugegen sein. — Die. Konferenz, die den ersten Versuch einer unmittelbaren Fühlungnahme seitens1 der polnischen Behörden mit sämtlichen jüdischen Parteien darstellt, kann vielleicht für die Entwicklung der polnisch-jüdischen Frage von. gewisser Bedeutung werden. in unser neugewonnenes Judenland hinüberverpilanzen dürfen. Herzl-hat uns auch hier den .rechten Weg gewiesen. Es ist der Plan einer allgemeinen Nährpilicht: Ein jeder Mensch soll für den Staat eine gewisse Anzahl von Jahren in der Nährarmee tätig sein, „die alles das produziert oder herbeischaffen hilft, was nach den Grundsätzen der Physiologie und Hygiene den Menschen notwendig ist“. Hat er seine Dienstzeit ausgedient, so erhält er vom Staate als Aequivalent hiefürlebenslänglich in natura das Existenz-Minimum, welches ihm unentgeltlich zusichert: Nahrung, Wohnung nebst Wohnungseinrichtung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege. Die Ausführbarkeit dieses Planes ist, wie oben bemerkt, im Werke einwandfrei bewiesen. Auf diese Weise ist jedes Individuum vor unverschuldeter Not gesichert Allerdings* wird ihm nichts geschenkt, ein jeder mußte ja doch eine gewisse Anzahl von Jahren für den Staat tätig sein Wesentlich an Poppers Vorschlag ist der Umstand, daß die Einführung der allgemeinen Nährpilicht keinerlei politischen Umsturz mit sich bringt sondern eine rein soziale Maßnahme ohne politische Hintergedanken bedeutet. Dies macht einem Poppers Sozialreform ganz besonders sympathisch. Aus diesen Gründen wäre es sehr zu empfehlen, daß sich die zionistische Bewegung mit dem Pläne Josef Poppers eingehend befassen wüqle. Die Lektüre des großen Werkes ist allerdings nicht jedem zu empfehlen,' da das Buch infolge der weitgehendsten statistischen Berechnungen sehr umfangreich gehalten ist (800 Seiten). Daher wurde von Walther Marcus ein kurzer, knapper Auszug (56 Seiten) zusammengestellt, der unter dem Titel „Nach dem Kriege!“ die leitenden Gedanken des Nährpflicht-Werkes zusammenfaßt. (Erschienen bei Karl Reißner, Dresden. 1 K 20 li.) Das Leben Josef Popper-Lynkeus. verlief leider allzu bescheiden. Denn die Arbeiten Poppers zeigen eine 'erstaunliche'Vielseitigkeit. Er war auch auf physikalischem Gebiete hervorragend tätig. Josef Popper ist der von der Wiener Akademie der Wissenschaften anerkannte Entdecker der elektrischen Kraftübertragung, weiters schrieb er mehrere bedeutende flugtechnische Bücher. Seine Hauptstudien verlegte Josef Popper aber auf die soziale Frage, die er außer im Buche „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben“, noch in den Werken „Fundament eines neuen Staatsrechtes“, „Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen“ und „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ mehr oder minder ausführlich behandelt. Der voraussehende Gelehrte und Menschenfreund teilte das Schicksal vieler bedeutender Männer, er blieb lange' unverstanden. Langsam wächst ihm aber eine Schar von Anhängern heran, die seine ethisch hervorragenden Lehren zu wür- ' digen suchen. Uns Juden mag es zum Stolze gereichen, daß wieder einmal ein Jude für die gesamte Menschheit etwas Großes^ geleistet hat, mit besonderer Genugtuung wird ' uns Nationaljuden -aber jener Umstand erfüllen, daß Josef Popper stets treu zu seinem Volke hielt. Ja er ahnte sogar das, was ein anderer großer Jude berufen war, mit frohen, verheißungsvollen' Klängen in unsere Seele zu legen. Berichtigung Herr Dr. Abraham ,Schw adron ersucht uns mitzuteilen, daß er in dem der „Schaubühne“ entnommenen Feuilleton der letzten Nummer einige Aenderungen angebracht wissen möchte. — Der Titel solle lauten nicht „Wein, Weib und Gesang“, sondern „Weib, Wein und Gesang bei den Ostjuden“. Spalte 1, Z. 6 von oben soll es nicht „auch von der Judenmasse“, sondern „auch von der Kultur und Zivilisation der Ostjuden“ heißen. Spalte 2, Z. 12 von oben soll nicht wie in der „Schaubühne“ „Auswirkung der menschlichen Beziehung“, sondern „Auswirkung auf die . . . lauten. Spalte 3, Z. 8 von oben soll heißen nicht wie in der „Schaubühne“ „seine Blume ist“, sondern „seine Blume — könnte man sagen — ist“. Spalte 4,. Z. 13 von unten ist „ebenfalls" durch „allenfalls“ zu ersetzen. Auf Spalte 4, Z. 5 von unten will der Autor den Satz eingeschoben haben: „. . . erst teilweise. Eine Analogie zu diesen Gegensätzen zwischen Vätern und Söhnen bildet der Unterschied zwischen den einzelnen geographisch-geschiedenen Gruopen der Ostjuden in Bezug auf den verschiedenen Grad des europäischen Einflusses auf sie. So sind . . . .“ Organisiert die Propaganda für die Jüdische Zeitung!

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