Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 6 Zentrale, unbegrenzte, ~ ihre Argumente oft verblendend, und wenn sie die noch in jüdischen Händen befindlichen Schankkonzessionen, wie beabsichtigt, ■ systematisch an kriegsinvalide Polen überleiten werden, sokann gegen eine solche „Kulturtat“ nicht damit argumentiert werden, daß sie die Pauperisierung der Juden noch vergrößert. 12. Von besonderer Wichtigkeit ist die Errichtung von (Produktiv-, Konsum-, Erwerbs-, Verkaufs-) Genossenschaften jeder Art, von Handwerkerkassen etc. 13. Desgleichen sind Kreditkassen zu eröffnen, bezw. es ist das vorhandene System von solchen Kassen zusammenzufassen, einheitlich zu organisieren und zusammen mit den sonstigen Genossenschaften an ein Z e n t r a 1 - Kreditinstitut anzulehnen, entweder aneine bestehende Großbank oder an eine zu errichtende eigene Genossenschafts-Zentralbank. Meldungen zur Palästinafrage Die Palästinakommission der englischen Regierung. Die jüdische Palästinakommission wird folgende Aufgaben haben: 1. Sie wird ein Bindeglied zwischen der britischen Verwaltung und der jüdischen Bevölkerung sein. 2. Sie wird alle Maß- - regeln für den Aufbau eines jüdischen Palästina treffen. Die amerikanische und. russische Judenheit sollen Vertreter in die Kommission entsenden. Am 27. Jänner findet ein Parteitag der englischen Zionisten statt. Er wird die näheren Einzelheiten behandeln. . Einigung der englischen Juden in der Palästinafrage. Die führenden Männer des . niöhtzionistischen Teiles der englischen Judenheit, der Präsident des Board of Deputies Stuart Samuel, Lionel ' Abrahams, Adolf Tuck und andere haben nach Besprechungen mit Lord Rothschild, Nahum Sokolow, Professor Weitzmann, Haymon und anderen führenden Zionisten die Erklärung abgegeben, b e'i d e r Verwirklichung des Planes einer nationalen Heimstätte mitwirk, en zu wollen. Bei den Konferenzen wurde völlige Einheit erzielt. Beide Parteien gaben die Ermächtigung zur Publizierung der erzielten Vereinbarung. (J. K. H.) Eine Erklärung der italienischen Gesandtschaft im Haag. Nachdem sich der italienische Botschafter in Washington im prozionistischen Sinne geäußertdiat, gab der italienische Gesandte im Haag, Herzog de la Tour C a 1 v e 11 o, iol- 'gende Erklärung ab: „Ich bin zur Erklärung ermächtigt, daß die italienische Regierung ihre uneingeschränkte Zustimmung zur Deklaration des Ministers. B a 1 f o u r über die zionistischen Bestrebungen gibt und die königliche Regierung der Errichtung eines'nationalen Zentrums der Juden in Palästina günstig gesinnt ist. Auf einer Konferenz der kaukasischen Juden in Tiflis wurden 35.000 Rubel für die Kolonien in Palästina gesammelt und folgendes Telegramm an das „Petersburger Tagblatt“ abgesandt: „Die . Konferenz der jüdischen Bevölkerung in Tiflis begrüßt herzlich die Erklärung der englischen Regierung wegen Palästina, die in radikalster Weise die Judenfrage zu lösen imstande ist. Wir geben unserer tiefsten Ueberzeugung Ausdruck, ’ .daß der kommende Friedenskongreß die Rechte der Juden auf ein Heim in Palästina bestätigen; wird, und rufen das ganze jüdische Volk, ohne Unterschied der Parteien, zur Vereinigung ihrer Kraft und Arbeit für das Aufblühen des jüdischen Lebens in Palästina auf.“ Die jüdischen Kriegsgefangenen in Aegypten wurden auf Ersuchen der zionistischen Komitees von den militärischen Kommandos freigelassen. Sie helfen den Zionisten in ihrer Unterstützungsarbeit für Jerusalem, Jaffa und die jüdischen Kolonien. (J. K. H.) Getreideversorgung Jerusalems. Eine große Menge Weizen wurde aus Kairo nach Jerusalem gesandt. Aus der jüdischen Welt Die Juden und die Friedensunterhandlungen in Brest-Litowsk. Die holländische Presse bringt folgende Kundgebung der Leitung des Niederländischen Zionistenbundes: „Wir protestieren dagegen, daß bei den Verhandlungen, die in Brest- Litowsk geführt werden, die Vertreter der Juden nicht gehört werden, obgleich die Interessen von Millionen Juden und die Regelung ihrer nationalen Minoritätsrechte betroffen werden, was auf die spätere definitive Regelung der Judenfrage von Einfluß sein könnte.“ Der jüdische Kongreß in Rußland. Die Wahlen zum Kongreß wurden auf den 7. bis 9. (20. bis 22.) Jänner angesetzt. Die Zentralkomitees aller jüdischen Parteien veröffentlichen ihre Wahlaufrufe und stellen ihre Kandidatenlisten auf. Das erste öffentliche W'ahlmeeting veranstalteten in Petersburg die „Z e i r e - Z i o n“. Einen besonderen Eindruck machte das Auftreten des Vorsitzenden des Kongreßkomitees M. N. Kr ein in, der offiziell während der Wahlen zur Konstituante von der ..Volkspartei aufgestellt worden war. Er entwickelte die Notwendigkeit einer offiziellen Vertretung des gesamten Judentums der Welt. Bezüglich der Palästinafrage unterstrich der Redner, daß. falls der Wille nach Palästina in der Tat lebendig sei. man sich nicht auf papierene Deklarationen verlassen dürfe, sondern mit Blut- und Geldopfern ihn verwirklichen müsse. Die zionistischen Listen werden im ganzen Reiche unter der Nummer 6 aufgestellt. Die zionistischen Losungen lauten: Für ein freies jüdisches Palästina, für die Einheitlichkeit des jüdischen Volkes, für die nationale Vollberechtigung der Juden im freien Rußland. Die jüdischen Gemeindewahlen in Zgierz endeten mit einem Siege des Wahlkomitees der Misrächisten. Als Vorstandsmitglieder wurden gewählt u. a.: Daniel Sirkis, Präs, des Misrachi- Vereines, und Sucher Schwarz, Präs, der Agudas Zionim. Ein Regierungsfonds für die Juden Ungarns. Die ungarische Judenheit erhielt vor kurzem von der ungarischen Regierung einen Fonds von 25 Millionen Kronen zur Deckung ihrer nötigsten Ausgaben zugebilligt. Damit hat es folgende Bewandtnis: Laut Gesetz von 1848 müßten die religiösen und Schulbedürfnisse aller Konfessionen auf Staatskosten gedeckt werden. Bislang stand aber das Gesetz nur auf dem Papiere,^ und erst vor kurzem wurde der protestantischen Konfession ein Fonds 'von 120 Millionen Kronen bewilligt. Den vielen Bemühungen der Judenheit der orthodoxen wie der neologen Richtung, die in der Sache einig gingen, gelang es nun, das ungefähr gleiche Recht auch für die jüdische Konfession in Anspruch zu nehmen. Zwar ständen ihr nach dem Verhältnis der Bevölkerung 50 Millionen zu, doch gibt man sich in der jüdischen Welt mit diesem Anfangserfolg vorläufig zufrieden.. In den Hochschulen von Warschau sind die Beziehungen zwischen Polen und Juden nach wie vor verschärft. Dies ist neulich in der allgemeinen oioBoaoioBoioaoioaoao Zionistische Vertrauensmänner! Wir machen unsere Vertrauensmänner darauf aufmerksam, daß der Preis eines Schekels, verbunden mit der Parteisteuer. K 1.80 beträgt. Die Schekelaufrufe ersuchen wir in den Bethäusern auzubrinxen. Die Schekelpropaganda muß sich u. a. in einer zusehends größeren Verbreitung der zionistischen Presse, in der die Schekelausweise zu finden sein werden, bemerkbar machen. Jeder Schekelzahler ist aufzufordern, das Parteiorgan, das ihn über die immer stärker werdende Bewegung aui dem Laufenden erhält, zu abonnieren. Das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs. C3IC3BC3BC3aCZ>aC3BOaC3BC3BC!>BO Versammlung der polnischen Studentenkasse zutage getreten. Infolge des Boykotts und der Zurücksetzung der Juden im polnischen Unterstiitzungsverein „Bratnia Pomoc“ (Brüderliche Hilfe) mußten die jüdischen Studenten einen eigenen Verein unter dem Namen „Wzajemna Pomcc“ (Gegenseitige Hilfe) gründen. Dieser Verein ist den Polen ein Dorn im Auge und die polnischen Studenten unternehmen seit lange alles Mögliche, um ihn zu schließen. Die vergleichenden Zahlen über die Konfessionsbewegung in Preußen beschäftigen sich auch mit den Austritten aus dem Judentum und den Uebertritten zur jüdischen Gemeinschaft. Etwa 300 Personen treten jährlich aus dem Judentum zur evangelischen Landeskirche über, doch tritt auch eine Anzahl von Personen aus der Landeskirche zum Judentum über. Baron Alired Rothschild, der letzte der drei Söhne des Lord Nathaniel Mayer Rothschild, starb dieser Tage in London. Er war bis Kriegsausbruch österr.-ung. Generalkonsul in London. Eine Bitte um Belohnung. Ein unter der Firma „Ortsgruppe der deutsch-völkischen Partei“ in Elberfeld tagender antisemitischer Stammtisch hat nach einem Vortrag des famosen Professors Ad. Bartel.s folgenden Entschluß gefaßt: Unser Volk, das in diesem Kriege schier Unglaubliches geleistet hat, verdient, daß es sich selbst kennen lernt und unter deutsche Geistesführung kommt. Zu diesem Zwecke ergeht -an alle deutschen Regierungen die dringende Bitte, iortan das geistige deutsche Leben bewußt aui das deutsche Volkstum einzustellen. Um von Grund auf eine deutschvölkische Erziehung auf allen Gebieten zu gewährleisten, wird ferner an die politischen Parteien das Ersuchen gerichtet, ein Gesetz anzustreben, durch welches die Forderung erhoben wird: 1. daß alle Professoren für deutsche Geschichte und Literatur, 2. die Leiter aller deutschen Theater und 3. alle Hauptschriftleiter derdeutschen Zeitungen deutschgeboren sein müssen. Erst durch solche Bestimmung wird wieder deutscher Geist in Deutschland zur Herrschaft gelangen und die Hingebung zum eigenen Volke in allen Kreisen gestärkt werden. — Diese Bitte ist bescheiden. Erst wenn sich diese Zuchtwahl aui die ganze Stufenleiter aller Berufe erstreckte, ließe sich der gewünschte Erfolg erwarten. Unsere Bezieher werden darauf aufmerksam gemacht, daß zurzeit zwischen der Absendung und dem Eintreffen von Beiträgen oft eine Frist von 12 bis 14 Tagen liegt.. Es ist deshalb zur Vermeidung von unnötigen Arbeiten ratsam, zwei Wochen verstreichen zu lassen, bis Reklamationen gemacht werden. Die Verwaltung. die Prostitution nicht und ist darum vielleicht die einzige weit und breit, der die geschlechtlichen Krankheiten als Volkskrankheiten fremd sind. Wobei ich nicht verkenne, daß diese erotischen Formen und ihre mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen nebst den Vorteilen viele Nachteile in sich bergen. Auch sie bleiben in einem gewissen Sinne „Narren ihr Leben lang“; weil ihr Rausch bei „Wein, W$ib und Gesang“ ein gedämpfterer ist als anderswo. Das Volkslied der Ostjuden, das wunderschön ist, wird in der orthodoxen Masse vom männlichen Geschlecht fast nie gesungen. Die Chassidim bilden darin — wie auch in bezug auf den Wein — eine Ausnahme; deren Melodien erhalten meist aber keine Worte oder nur liturgische Texte. Auch sind, glaube ich, die Männer, ohne aggressiven Eros meist anti- .dämonisch und unkriegerisch; und das sind auch die Ostjuden zu ihrem großen Nachteil. Ein großer Teil der Jugend allerdings, besonders in den volkreicheren Städten, nimmt in immer steigendem Maßß europäische Lebens- und Liebesformen an, mit ihren Fehlern und ihren- Vorzügen; dieser Teil ist eben nicht mehr religiös gebunden. Für denjenigen Europäer, der die mitteleuropäische Lebensuniform weder für die einzig mögliche noch für die beste der möglichen hält, für den müssen ebenfalls unter den Ostjuden die, Väter einen höheren-Wert haben als die Söhne. Die Kriegsberichterstatter natürlich werten 'Umgekehrt; weil der Sohn schon im Kaffeehaus sitzt, .Billard spielt, die „mittelalterliche; hinterweltliche Frömmigkeit“ nicht hat und besonders •keine Pejes und keinen Kaftan trägt, also diesen Berichterstattern teilweise gleicht — zu seinem Glück noch immer nur erst teilweise. So sind die .Juden' der Bukowina die zivilisationsstärksten, europäischesten unter den. Ostjuden, aber die .kulturschwächsten, an Eigenem dürftigsten, weil an Ueberlieferung ärmsten, weil an Kenntnis des jüdischen Schrifttums und der hebräischen Sprache ärmsten. Literarische Anzeige Archiv für jüdische Famffienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen. 2. Jahrg., Nr. 1—3. Preis K 3.—. Verlag R. Löwit, Wien. Das vorliegende Heft wird eingeleitet durch eine>>-Aufsatz von Dr. Bernhard Wachstein über „Die jüdischen Bewohner Preßburgs im Jahre 1736.“ Eine Konskriptionsliste aus' diesem Jahre (die zum Abdruck gelangt) weist in 123 Haushaltungen 601 Familienmitglieder aus, dazu 13 Hauslehrer, 53 männliche und 105 weibliche "Dienstpersonen. Beachtenswert sind die Aufschlüsse über die Herkunft, die neuerdings die starke Wanderbewegung der jüdischen Bevölkerung zeigen, und über die berufliche Gliederung. — Paul Josef Diamant schreibt unter wohlberechtigter Betonung der Bedeutung der Konvertitengeschichteals Hilfswissenschaft der jüdischen Geschichtsforschung über „Elchanan Paulus und seine Beziehungen zu Kaiser Rudolf II.“ Elchanan Paulus, ein getaufter Jude aus Prag, der zwei Bücher zur Bekehrung und „wider den Irrthumb der verstockhten Juden“ veröffentlicht hatte, wendet sich an Rudolf II. um ein „Deputat“, das es ihm ermöglichen soll, „desto fueglicher die vorhabenden Buecher inn Truckh“ zu geben. — Prof. Dr. M. Bran-n schreibt über die Abstammung Ferdinand L a s a 11 e s und führt den Namen Lassel, wie sich sein Vater Chajim nennt, während der Großvater den Namen Feitel Braun trug, auf die Herkunft aus Loslau zurück. Ein besonderes Interesse mag' die Feststellung beanspruchen, daß die Großmütter Ferdinand Lasalles und Max F r i e d 1 ä n d e r s, des Begründers der „Neuen Freien Presse“, Schwestern waren. — Dr. M. L e w i n liefert einen Beitrag über die Abstammung der S a r a S i s s 1 aus Nikolsburg, verstorben 1763 in Breslau, auf die hervorragende Londoner jüdische Familien, darunter jene des Ministers Samuel ihre Herkunft zurückführen. — Paul Josef Diamant veröffentlicht auf Grund persönlicher Abschriften aus der Handschrift von Barcilon in Aix en Provence eine Stelle, in der die Herkunft der Marquis von Qallifet, eines der berühmtesten Geschlechter Frankreichs, behandelt wird. Darnach stammen die Gallifets von dem Juden Peiran Coulet aus Carpentras, der wegen seiner Missetaten aus seiner Heimat fliehen mußte; er ließ sich später taufen und wurde 1581 in Aix ansässig. Das Werk Barcilons behauptet weiters auch die jüdische Herkunft einer ganzen Reihe bekannter französischer Adelsgeschlechter. Diamant weist darauf hin, daß die käuflichen Stellen bei den einflußreichen Verwaltungs- und Gerichtsbehörden in Südfrankreich manchem getauften Juden Gelegenheit zu sozialem Aufstieg geboten haben. — Von weiteren Beiträgen sind zu nennen: „Zur Biographie Elia L e w i t a s“ von Dr. Artur Zacharias Schwarz, „Bibliographie der Stammbäume jüdischer Familien" von Dr. A. Fr ei mann, „Ueber italienisch-jüdische Familiennamen“ von Dr. J. Zol- 1 e r und „Die Familie Coronello auf Naxos“ von Dr. M. W e r t n e r. Eine aui der Höhe der Wissenschaft gehaltene Zeitschrift iiir die Geschichte des Judentums würde einen unschätzbaren Gewinn bedeuten. Sie würde der Ausgangspunkt für eine Schulung zu Selbstbewußtsein und zu einer gleichzeitig maßvoll selbstachtenden und würdigen Urteilsfähigkeit sein. Der Herausgeber hat Verständnis dafür, was Geschichte dem erwachenden Volksbewußtsein der Juden bedeuten könnte. Aus den guten Ansätzen könnte noch manches Schöne erwachsen. Dr. Arthur Rosenherg. Verlanget regelmäßig unser Blatt in den Kaffeehäusern!