Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438680--5627-2445623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr. 5 weder die zionistischen Bestrebungen vollständig zu ignorieren oder sie schrieb über Syrien, als ob Palästina dabei inbegriffen wäre und beanspruchte als eines der französischen Kriegsziele die Einführung der französischen Oberherrschaft über „Ia Syrie integrale“, unter, dem sie das Land zwischen Taurus und der sinaischen Halbinsel verstand. Ihre Haltung aber scheint sich nach und nach der veränderten Lage anpassen zu wollen. Der Zionismus wird nun zu einem nicht zu unterschätzenden politischen Faktor. L’ O p l n i o n, Le Telegramme de Toulouse (das Organ der. römisch-katholischen Richtung), sind, tun nur diese Zeitungen zu erwähnen, diejenigen, die diesen Gesinnungswechsel zum Ausdruck bringen. Die großen Tagesblätter haben sich bis jetzt noch nicht endgültig ausgesprochen, da sie wahrscheinlich eine offiziöse Inspiration abwarten. La Correspondance de l’Orient, das Organ der syrischen Nationalisten, die das französische Protektorat über Syrien verlangen, mißversteht immer noch die jüdischen Bestrebungen, indem es von Palästina als einem Zufluchtsort für verfolgte Juden spricht, während die britische Regierung in ihrer Erklärung vom 2. November offen von einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk schreibt. Der Ausdruck „La Syrie integrale“ wird absichtlich vergessen 'und die Presse fängt an, von Palästina als von einem besonderen unabhängigen Staate zu sprechen, dessen Zukunft zu gleicher Zeit mit derjenigen Arabiens und Mesopotamiens entschieden werden soll. La Presse fragt, weshalb Frankreich in Anbetracht der britischen Erfolge für seinen Einfluß in Syrien nicht ernsthaft in Betracht kommt; aber andere Zeitungen nehmen als sicher an, daß Palästina entweder unter britischen Einfluß kommen, oder irgend eine Form der Internationaiisation erhalten wird. Der-;,G a u 1 o i s“ stellt die altenfranzösischen Ansprüche auf den Schutz der Christen im Orient in den Vordergrund, die römisch-katholische Zeitschrift „Les Etudes religieuses“ dagegen anerkennt die Errichtung der britischen Oberhoheit in Palästina als ein „Fart accompli“, während Msgr. Baudrillard, der vom „Petit Journal“ zu einer Meinungsäußerung über die Rolle Frankreichs nach der Anerkennung der jüdischen Ansiedlung in Palästina aufgefordert wurde, der Meinung ist, daß in jeder Hinsicht und hauptsächlich in bezug auf die heiligen Stätten eine Internationaiisation die beste Lösung wäre. Aus den Delegationen Abg. Klofac richtete in der Sitzung vom 25. Jänner eine Reihe von Anfragen an Graf C z e r n i n, u. a. die, welchen Standpunkt die Regierung zu der durch das Schreiben des britischen Ministers des Aeußern an Baron Rothschild angeregten Frage der Errichtung eines selbständigen jüdischen Staates in Palästina ein- „.nehme. ,v Meldungen zur Palästinafrage ' Die Notlage der jüdischen Bevölkerung in Galiläa. Das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation erläßt folgenden Aufruf: „Das Hilfswerk für Palästina muß mit größtem Nachdruck fortgesetzt werden. In Galiläa und Samaria ist die ärmere jüdische Bevölkerung, besonders in Saffed und T-iberias, der schrecklichsten Not preisgegeben. Dort leben zurzeit auch Tausende der aus Jaffa evakuierten Flüchtlinge in völlig imzulänglichen Lebensverhältnissen. Auch für Haifa und die Kolonien C h e d e r a und Sichron Jakob ist materielle Hilfe dringend erforderlich. — Wir fordern die Juden aller Länder auf, uns alle verfügbaren Hilfsgelder sofort zu übermitteln und neue Mittel für unsere notleidenden Brüder in Palästina zu beschaffen. — Palästina ist selbst Kriegsschauplatz geworden und seine Bevölkerung leidet, wie in allen unmittelbar vom Kriege betroffenen Ländern, jetzt in unvergleichlich höherem Grade. Wir erwarten, daß die im Kriege so häufig erwiesene Opferwilligkeit der Gesamtjudenheit sich auch jetzt bewähren wird. Ein Hilfskomitee,' bestehend aus den Herren D i z e n g o f f, K a 1 v a r i s k i, J e 1- 1 i n, Hecker, Simon L e w y und Rabbiner Horowitz, ist in Damaskus gebildet worden. Alle bei uns eingehenden Hilfsgelder werden ihm zur Verteilung überwiesen.“ Von unseren Gesinnungsgenossen in Palästina. Die Herren Dr. Thon, Leiter des Palästina-Amtes der Zionistischen Organisation, und S. Hoofien, Direktor der Anglo-Palestine- Company, befinden sich in Jerusalem. Der bekannte Zionist Herr Bezalel J aff e befindet sich mit seiner Familie in Jaffa. ' Vorbereitungen zur Großkolonisation in Palästina. Nach der „Westminster Gazette“ fand^ vor kurzem in Leeds eine itark besuchte Konferenz der Zionisten aus Leeds und Bradford statt Ein gemeinsamer Dankesbeschluß an die englische Regierung wurde angenommen. Sieff aus Manchester sagte: Es ist die Absicht der englischen Regierung, in einigen Wochen eine jüdische Kommission nach Palästina zu senden, die die Vorarbeiten für die Unterbringung der jüdischen Nation in Palästina beginnen soll. Dieser Kommission soll ein Stab von technischen Fachleuten, _ Ingenieuren. Architekten. Städteerbauern, Landwirten folgen. Die zionistische Kommission hat nicht die Absicht, eine internationale Finanzgruppe in Palästina zur Ausbeutung des Landes und des arabischen Proletariats zu schaffen, sondern durch Ankauf von Land das jüdische Proletariat anzusiedein. das. wie man hofft, einträchtig mit den Arabern Zusammenarbeiten wird. Genossenschaftliche Kolonie in Palästina. Die jüdische Gemeinde in Odessa hat den Beschluß gefaßt, eine Million Rubel zu sammeln für die Gründung einer jüdischen Kolonie in Palästina auf genossenschaftlicher Grundlage. Eine Massenversammlung der amerikanischen Zionisten fand am 25. Dezember v. J. in New-York in Carnegie-Hall statt, die sich zu einer großartigen Dankkundgebung an die englische Regierung gestaltete. Viele Tausende, die keinen Einlaß finden konnten, drängten sich in den Straßen. Ansprachen zionistischer Führer aus der alten und' -neuen Weit wechselten mit hebräischen Gesängen. Von den zahlreichen Rednern seien erwähnt Nathan Straus. Stephen S. W i s e und Schmarjah L e w i n. Dr. Stephen S. W i s e. der Präsident der amerikanischen Zionisten, erklärte: ..Ich glaube, daß, wenn die Stunde kommt, wo Englands Pläne die amerikanische Hilfe heischen werden, diese Hilfe ausgibig gewährt werden wird. Andere Redner erklärten, daß Palästina in Händen der Engländer und Alliierten bleiben müßte, wenn man die Hoffnung hegen wolle, daß Palästina endlich den Juden zurückgegeben werde.“ Begeisterte Ovationen bereitete die Versammlung Dr. Schmarjahu Lewin. der jiddisch sprach. „Das englische Versprechen“, erklärte er. „ist kein politischer oder diplomatischer Schach-' zug. •' Es leitet eine neue Phase in der Weltgeschichte ein. Es fügt ein’ neues Kapitel der Bibel hinzu, ein modernes Kapitel, das einen neuen Zusammenhang schafft zwischen den Juden von' heute und der Geschichte des alten jüdischen Königreiches.“ Die amerikanische Arbeiterschaft und die Palästinafrage. Die Federation of Labour hat sich auf ihrem Parteitage, der Ende November in Buffalo abgehalten wurde, für eine nationale jüdische Heimstätte in Palästina' erklärt. Eine spezielle poaleizionistische Delegation war zum Parteitag entsendet worden. Der Präsident dieser bedeutenden Organisation wird die amerikanische Regierung auffordern, eine Erklärung im Sinne der Resolution des Parteitages zu veröffentlichen. Die Federation of Labour ist heute einer der wichtigsten Faktoren der amerikanischen Politik. Sie repräsentiert die amerikanische Arbeiterschaft und ihre Resolution wird nicht ohne Einfluß auf die öffentliche Meinung und die Regierung Amerikas bleiben.' Die jüdische Presse Amerikas weist auf die große moralische und politische Bedeutuvr-r der Haltung der Labourpartei hin.- Sie wird die Popularisierung des Zionismus in den jüdischen Arbeitermassen erleichtern. Ein Antrag im amerikanischen Parlament. Im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten wurde ein Antrag eingebracht, die britische Regierung anläßlich ihrer Unterstützung zur Schaffung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina zu beglückwünschen und ’ die Unterstützung der Vereinigten Staaten bei diesem Unternehmen zu „verlangen. .. '. :' Zustimmung der''italienischen Regierung zu Balfours Erklärung über den Zionismus. Der italienische- Gesandte in Washington veröffentlichte einen Brief in der jüdischen Presse, in dem er mitteilt, daß die italienische Regierung sich vorbehaltlos der Erklärung des englischen Außenministers Balfour in bezug, auf die Errichtung eines nationalen Heimes für das jüdische Volk in Palästina anschließe. Der Präsident der Ukraina über die englische Palästina-Erklärung. Der' ukrainische Ministerpräsident W i n i t s c h e n k o äußerte sich gegenüber einem Vertreter der.Kiewer jüdischen Zeitung „Der Telegraf“ über die englische Palästina-Erklärung wie folgt: Mit großer Freude habe ich die englische Palästina-Deklaration gelesen. Als ein Sohn der zu neuem Leben emporstrebenden Ukraina, als ein alter Sozialist, ‘ der viele Jahre für die Freiheit der Person und der Nation gekämpft hat. habe ich von dter Deklaration durch die englische Regierung mit dem Gefühl tiefer Befriedigung erfahren. Ich erbicke in dieser Deklaration die Erfüllung der alten und gerechten Forderung des jüdischen Volkes, die klare und zeitgemäße Antwort des progressiven Englands, die Verwirklichung des historischen Ideals des jüdischen Volkes zur Wiedergeburt des Landes seiner Väter. Wir wünschen, daß die Deklaration den entsprechenden Platz in der Reihe der national-politischen Ereignisse der letzten 2 Jahre, wie die Wiedergeburt Polens, der Ukraina usw„ einnimmt. — Ich zweifle nicht daran, daß der Vertreter der neu erstandenen ukrainischen Republik - beim bevorstehenden Friedenskongreß mit allen Kräften seine ganze Autorität anwenden wird, um das Prinzip, das die Grundlage der Deklaration bildet, zu unterstützen. — Es ist zweifellos, daß die Demokratie der Ukraina, die der Leiden, die sie als unterdrückte Nation ertragen hat, eingedenk ist, mit dem jüdischen Volke Mitgefühl hat, wenn es sich bestrebt, ein gesundes, ökonomisches, kulturelles und politisch-selbständiges Leben zu schaffen. — Glück auf! Ich bitte Sie, übermitteln Sie den Juden meine besten Wünsche und meine Anteilnahme an ihrer Freude. Ich wünsche sehr baldige Verwirklichung alles dessen, was in der publizierten Deklaration versprochen wurde. Unsere Bezieher werden darauf aufmerksam gemacht, daß zurzeit zwischen der Absendung und dem Eintreffen von Beiträgen oft eine Frist von 12 bis 14 Tagen liegt Es ist deshalb zur Vermeidung von unnötigen Arbeiten ratsam, zwei Wochen verstreichen zu lassen, bis Reklamationen gemacht werden. Die Verwaltung. ♦ ♦ ♦ Wollen Sie über den gegenwärtigen- ♦ Stand; der zionistischen Bewegung £ genau unterrichtet sein? + Bestellen Sie den | l.Naiionii[ir5678! + Dritter Jahrgang. ♦ Vornehm ausgestattetes, illustriertes + ♦ Jahrbuch. + - Herausgegeben unter Mitwirkung hervor- ♦ ▼ ragender jüdischerSchriftstelleru.KUnsiler ♦ J von Otto Abeies und Ludwig Batö. ♦ + Nur gegen Voreinsendung oder Nach- + nähme des Betrages von K 4.— zu beziehen v. Verlag d. Jüdischen Zeitung. ♦ (Postsparkassenkonto 152.942) + J Dortselbst sind noch wenige Exemplare ♦ J des Jüdischen Nationalkalenders 5677 ♦ Y (zweiter Jahrgang) zum Preise von K 3.— ♦ J zu haben. ♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ r Jüdische Massendemonstration in Kiew Anläßlich der englischen Deklaration hat’ der zionistische Vertreter in der ukrainischen Rada in Kiew, N. S. S y r k i p. den Antrag gestellt, die Rada möge das große Ereignis begrüßen und hat die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser historische Akt. der in seinen Grundzügen mit dem Manifest des Holländisch-Skandinavischen Sozialistischen Komitees in Stockholm iibereinstfmmt, in weiten Kreisen der ukrainischen Demokratie, in der große Massen des jüdischen Volkes leben, Befriedigung hervorrufe* wird. Gegen diesen Antrag traten die vereinigten Sozialisten sehr scharf auf; Herr Schatz (Anin) erklärte die englische Deklaration für eine imperialistische Machination, die eine Vergewaltigung der arabischen Mehrheit Palästinas bedeutet. Der Vertreter der Poale Zion, Herr Goldemann, verteidigte überzeugend das Recht der Juden auf Kolonisation in Palästina auf Grund international-rechtlicher Forderungen, in warmen Worten unterstützte den Antrag Syrkins der russische Sozial-Revolutionär Herr Slowsk i. — Als der Vertreter des Bundes merkte, daß die Sympathien der ukrainischen Vertreter sich für den zionistischen Antrag eimgten, machte er den Vorschlag, den Antrag dem Rate zur vorherigen Prüfung zu übergeben. Man könne unmöglich einen so bedeutsamen Antrag ohne vorherige Prüfung behandeln. Es wurde schließlich doch beschlossen, über den Antrag abzustimmen. Die ukrainischen Vertreter erklärten, sich in jüdische Angelegenheiten nicht' mischen zu wollen und enthielten sich der Abstimmung. Mit sechs Stimmen gegen 3 wurde der Antrag angenommen. — Am nächsten Morgen konnten die Vertreter der Ukraina die richtige Stimmung der jüdischen Massen über die Frage, die in der Rada eine so merkwürdige Debatte von jüdischer Seite hervorgerufen hatte, ersehen und eine Antwort bekommen. Im gewaltigen Saal des Kommerz-Gebäudes fand anläßlich der englischen Erklärung ein Riesenmeeting statt. Da der Saal bereits geschlossen war, mußte für viele Tausende von Draußenstehenden gleichzeitig ein Meeting arrangiert werden. Nach den Meetings, auf denen begeisterte Resolutionen angenommen wurden, zogen die Massen demonstrierend durch die Stadt'. — Die Manifestation nahm einen grandiosen Charakter;:n. Viele Zehntausende von Juden aller Klassen und Schichten beteiligten sich an dem unendlichen Zug. Voran schritten zahlreiche jüdische Soldaten unter klingendem Spiel der Hatikwah. An diese schloßen sich die Studentenvereine mit ihren Fahnen, Schüler, Handwerkervereine, der Kaufmannsverband und Vertreter zahlreicher anderer Organisationen. Die Demonstration machte einen überwältigenden Eindruck. Ein Redner berichtete den Massen über die auf der Rada stättgeiundene Diskussion und bezeichnete die Haltung der vereinigten jüdischen Sozialisten als einen Schandfleck für das jüdische Volk. Hierauf bewegte sich der Zug zum Palais der ukrainischen Zentralrada. Aui dem Balkon erschienen der ukrainische Minister für Kriegsangelegenheiten Petliura und der bekannte Führer der ukrainischen Bewegung Professor Hurschewsky. Die beiden Führer begrüßten die Manifestanten mit' warmen Worten. Unter dem Gesang der Hatikwah zog hierauf die Demonstration zur Kanzlei des englischen Konsuls, bei dem eine von den Demonstranten gewählte Deputation vorsprach. Der Konsul erschien mit der ganzen Delegation auf dem Balkon, hielt an die Masse eine kurze Ansprache und schloß mit den Worten: „Es lebe das große jüdische Volk im freien Palästina!“ Die Umzüge dauerten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. In einem Massenmeeting wurde hierauf die Absendung eines Telegramms an die englische Gesandtschaft in Petrograd beschlossen, ebenso wurden Begrüßungstelegramme abgeschickt an das Zentralkomitee der russischen Juden, an die Zionistische Organisation Büro Kopenhagen, an das Holländisch-Skandinavisch Sozialistische Komitee in Stockholm, an Dr. E. W. Tschlenow und andere führende zionistische Persönlichkeiten. Gesinnungsgenossen! Laßt Euch Propagandamaterial des J. Z. kommen!