Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 4 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Hr listischen Standpunkte durchaus erwünscht. Das Holländisch-Skandinavische sozialistische Komitee - hat. im Stockholmer Manifest ausgesprochen, daß alle nationale Unterdrückung durch internationale Vereinbarungen zu beseitigen' ist. Der Sozialismus kann nicht den- Standpunkt der bourgeoisen Reg erungen annehmen, die sich hinter dem Vorwände der „Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" stets verschanzen, um ungestört im Inneren die Herrschaft eines Volkes über ein anderes zu verewigen. Die Rechte der Völker .auf Selbstverwaltung und freie Arbeit sind eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Das Bestreben der Juden, sich in Palästina durch friedliche Kolonisationsarbeit eine neue Heimat zu schaffen, hat Anspruch auf internationalen" Schutz. Uebrigens ist die Erschließung Vorderasiens, - das einst die Kornkammer der Mittelmeerländer war, eine sehr belangreiche Angelegenheit für die Welt, die nach den Zerstörungen dieses Krieges an Lebensmitteln und Rohstoffen sehr arm sein wird. Gewiß, die blutigen Methoden des Imperialismus können niemals unsere Billigung finden. Der Sozialismus wollte und will alle diese, Fragen;• des nationalen Rechtes und der Weltwirtschaft auf dem Wege internationaler Verständigung lösen. Nun, da sie durch den imperialistischen Weltkrieg aufgerollt sind, ist es die Aufgabe der Sozialdemokratie dafür zu sorgen, daß sie ohne Gewalt und Demütigung im Interesse aller Völker geregelt werden. Wir zweifeln nicht daran, daß die Arbeiter-Internationale den Standpunkt des Stockholmer Manifestes akzeptieren und für das Recht der Juden auf freie Kolonisation und nationales Leben in Palästina eintrefen wird. „Der Jüdische Kämpfe-r“, das amerikanische Organ der , Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion, bringt in der Nummer vom 16. Nov. einen Leitartikel aus der Feder des bekannten Poale-zionistischen Journalisten Ben Gorjon, in dem es heißt: Nur ein einziges Wort in der menschlichen Sprache, das wir Juden geschaffen haben, ist scharf genug, um die Erklärung der britischen Regierung gebührend zu charakterisieren: Das ist eine Messianische, Deklaration, eine Proklamierung der- Erlösung, die für die Juden nicht nur eine neue Epoche in ihrer Geschichte bedeutet, sondern noch mehr: Sie eröffnet von neuem die jüdische Geschichte, die Geschichte des jüdischen Volkes als eines solchen. Nach einer 1800jährigen Unterbrechung erneuert sie die Geschichte der Juden als einer politischen Nation . . . . Das Wunder mußte geschehen, weil w>ir daran geglaubt haben. Niemals haben wir den Willen aufgegeben, w'ieder ein Volk zu werden .•. . . England hat uns das Land nicht zurück-' gegeben. Jetzt, im Moment der großen Freude und des Erfolges, muß dieses Moment besonders scharf betont werden. England kann uns das Land nicht geben, nicht, weil es Palästina nicht besitzt, oder noch nicht besitzt; selbst, wenn es das ganze Land erobert haben sollte, wird das Land noch nicht unser werden durch die bloße Zustim- N mung Englands oder auch aller anderen Staaten zusammen. Ein eigenes “Land muß, vollständig selbst erkämpft und erlitten werden, mit eigener Mühe und Arbeit, mit eigenem Schweiß und Blut, nur so kann unser Land geschaffen und aufgebaut werden. — England hat uns unser Heim nicht zurückgegeben — das, was es tat, ist vielleicht bedeutsamer: Es hat uns unsere Existenz als eine politische Nation zurückgegeben und hat unser Recht auf ein eigenes Heim in Palästina anerkannt. Das Volk selbst, die neugeborene politische Nation, wird jetzt dieses Recht in einen lebendigen Faktor Verwandeln. Das Volk wird selbst mit seinen eigenen Kräften und Schätzen, den geistigen und materiellen, sein nationales Heim aufbauen und seine nationale Erlösung dem endlichen historischen Sieg zuführen.“ „Das Jüdische Vo 1 k“, das‘Organ deramerikanischen Zionisten schreibt: Zum ersten Maie nach fast 2000jähriger Unterbrechung treten wir von neuem in die Arena der Weltgeschichte als ein, Volk, zum ersten Male nach fast 2000 Jahren werdenwir wieder als eine Nation anerkannt, die auf ihr nationales Heim Rechte und Anspruch hat ... . Alle zionistischen Potenzen, alle zionistischen Möglichkeiten, alle zionistischen Energien müssen in Bewegung gesetzt werden, um der Welt zu bekunden, daß der Zionismus die größte Tradition und der Ausdruck des stärksten Willens unseres Volkes ist. Am 9. November schreibt „American J e w ft h C h r o n i c 1 e“: Es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß England diesen außerordentlich wichtigen Schritt nur nach eingehender, Beratung mit seinen Alliierten unternommen hat, so daß in der Tat die Deklaration eine Aeußerung der alliierten Mächte ist. Es scheint nach den letzten Urteilen über den Zionismus in der deutschen und österreichischen Presse, daß die leitenden Kreise in Zentraleuropa diesen Schritt von englischer Seite erwarteten. Da auch die Presse dieser Länder die Gerechtigkeit der zionistischen'Forderungen anerkannt hat, hat man Grund zu hoffen, daß am Ende des Krieges ein einiges Europa die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina fördern wird.“ „J e w ish Advocate“ schreibt: Ob man dieses wunderbare Ereignis nun von einem religiösen oder einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten mag, die Tatsache bleibt die gleiche. Der Traum von Jahrhunderten, gehegt im Herzen von Millionen unseres Volkes, wird Wahrheit. Jetzt sind alle Juden Zionisten. „Die Wahrheit“: Jeder zionistische Eriolg macht der Welt klar, daß nur diejenigen berechtigt sind im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, die unsere Nationalität proklamieren Die New-Yorker Tageszeitung „New Yorker Evening Post“ erklärt: Keines der kriegführenden Völker mit'Ausnahme der Türkei widerseizt sich dem Prinzip des Zionismus: nicht einmal Deutschland, das durch die englischen Erfolge in Syrien sich von der Notwendigkeit befreit sehen wird, seinem Verbündeten in dieser Sache auf der Friedenskonferenz beizustehen: Der „V o r w ä r t s“, tiler zu den erbittertsten Gegnern des Zionismus gehörte, schreibt: „Die letzten Kabelberichte sind ihr die Zionisten sehr erfreulich. Die Engländer und Deutschen konkurrieren miteinander, Palästina möglichst schnell zu besetzen und es in einen Judenstaat zu verwandeln. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir in Bälde in Jerusalem ein jüdisches Parlament mit jüdischen Ministern und speziellen Logen für d&s ausländischen Gesandten sehen werden.“ Auch Jas „Jewiish Morrifng Journal“ begrüßt die Erklärung Baifours. Judenhetze der „Arbeiter-Zeitung“ Die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 22 Jänner schreibt in einem Berichte über den Verlauf einer Streikversammlung im Bezirke Landstraße wörtlich: „Der Verlauf war stellenweise sehr vSii.ir- . misch. Den Bericbtl erstattete Abgeordneter Müller. In der Versammlung hatte sich der als Anarchist bekannte Herr Rudolf Großmann (Ramiis) mit seinem ganzen Anhang, der sich aus Studenten und polnLsch-jiidischen Fliic-htfingen rekrutiert, Eingang zu verschaffen gewußt. Die Versammlung ließ es zu, daß nicht weniger als sechs dieser Herrchen zu Worte gelangten, die natürlich eine regelrechte Hetze gegen die Partei und ihre Vertrauensmänner inszenierten. Sie wollen keine Organisation, sie wollen von dieser „Kette“ befreit wenden. Natürlich waren diese jüdisch - polnischen- Flüchtlinge alle gegen die Wiederaufnahme der Arbeit, Die Versammlung ging trotz dieser offensichtlichen Störungsversuehe ruhig zu Ende. Eine hierauf abgehaltene Ve r-, lüraiuensmänner-Versaimnl un g beschloß, den Arbeitern den Beschluß des Arbeiterrates auf Wiederaufnahme der Arbeit noch einmal zu empfehlen.“ Zur Erklärung diene folgendes: Im Verlauie des Demonstrationsstreikes für den Frieden ist es | VORTRAG von [ . Dr. Siegfried Bernfeld:! Der Zionismus, seine I Ziele u. seine Bedeutung am 30. Januar */j8 Uhr abends | im großen Saal der Urania J Karten von 66 h bis K 2.30 an der Kassa der Urania «■■■„«»■■■■■■■■■■■■■■■ittninniimftiBinnMmumHM zu einem Bruche zwischen der sozialistischen Arbeiterschaft und Ihren Führern gekommen. In den Versammlungen hat die Majorität den Führern das Mißtrauen ausgeJ,'nickt, so daß diese, wie das auch aüs vorstehendem Berichte hervorgeht, sich in Vertrauensmänner - Versammlungen zurückziehen mußten, um sich dort Vertrauensvoten mühselig zusammen zu suchen. In dieser Not ist die .„Arbeiter-Zeitung" zu dem ebenso geistreichen als ehrenhaften Entschlüße gekommen, di e W u t der enttäuschten Arbeiter aut die polnischen Juden zu lenken und gleichzeitig in zarter Weise die Polizei auf diese Störenfriede aufmerksam zu machen. Zwei Fliegen auf einen Schlag! Nachdem die eigenen \V(aiien stumpi geworden sind, ist man zum Zarismus, zur antisemitischen Reaktion gelaufen und leiht sich dort diie alten Werkzeuge aus. Es ist sehr zu bezweifeln, ob sich die Herrn Führer mit dem alten Zauberspriiclileim: „Der Jud ist an allem Schuld!" die abtrünnigen Herzen der Arbeiter wieJergewinnen werden, aber sicher ist es. daß sie ihr rotes, leuchtendes Banner durch dieses Vorgehen beschmutzen. Unter der Leitung des getarnten jüdischen Chefredakteurs Austerlitz hat die „Arbeiterzeitung“ beständig gegen die Juden geheizt. Diesmal hat sich der Renegat aber selbst iibertroiien. Bei den letzten Reichsratswahlen hat sich Austerlitz um das jüdische Mandat in der Leopoldstadt beworben. Er hat es nicht verschmäht, mit j ii d i sc it und h e b r ä i s c h geschriebenen Aufrufen riir. sich hei dfcn „polnischen Juden“ zu agitieren. Wenn das Gedächtnis dter Juden nicht ganz versagt, wird ihm ein" zweiter derartiger Versuch übel btfl-iommen. Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Galizien Die Israelitischen Kulutusgemeinden in Lemberg. Krakau. Przemysl. Stanislau. Stryj. Drohobvez, Jaroslau. ZIoczow, Rzeszow, Sambor, Sanok. Krasno und.Podgorze haben auf Grund der Beschlüsse. die seinerzeit auf der Konferenz der Israelitischen Kultusgemeinden gefaßt wurden, einen „Landesverein Israelitischer Kulutusgemeinden in Galizien“ gegründet. Der Sitz des Vereines ist Lemberg. Der Zweck des Vereines ist: Die Wah- '■fung der zum Vereine gehörenden Kultusgemeiinde-, initeressen hinsichtlich religiöser, kultureller, sozialer, rechtlicher und finanzieller Angelegenheiten-, die Aufrechterhaltung von Verbindungen zwischen den Vereinsmitgliedern und gegenseitige Aushilfe bei Erfüllung ihrer gesetzlichen und statutarischen Aufgaben, Bemühungen um gehörige Enthvick- I-ung -und regelmäßige Führung der Gemeindeverwaltung. der Kultusgemeinden. namentlich der Wohlfahrtsanstalten, ferner Förderung der Entwicklung und des Wohlstandes der zum Verein gehörenden Kultusgemeinden. Es ist dies vorläufig eine freie Vereinigung ohne Zugehörigkeitszwang und die erste Etappe zur Organisation der Kuitusgemeinden in Galizien. wissen, daß man sie nicht zu den eigentlichen Einwohnern des -Landes rechne. Es gibt daraufam nächsten d i e Antwort, ein eigenes Land zu gründen. Dazu kommt, daß — sonderbar genug — trotzdem es keine religiöse Renaissance des Judentums gibt, ein gewaltiger nationajer Enthusiasmus die Juden ergriffen hat, und die Juden Ruß- . lands, Polens, Amerikas weisen Anzeichen einer nationalen Wiedergeburt auf. Obwohl ich ganz Kosmopolit bin, hat diese'Bwegung meine volle Sympathie. Sie ist berechtigt, wie natürlich und urwüchsig. Nachdem sie sich -für Palästina als Ziel entschieden hat, und nachdem der Gedanke, die Juden dort ansiedeln zu lassen, von mehreren Regierungen, freilich noch nicht von der türkischen, als berechtigt anerkannt worden, scheint der Zionismus die Zukunft für sich zu haben. Es gab bis 1914 kein Volk, das meinem Herzen. näher stand als das polnische. Wenige Völker haben auch mir persönlich so viel Sympathie erwiesen. Es war deshalb ein hartes Opfer, das ich der Pflicht brachte, als ich 1914 öffentlich das schi-echte Benehmen klier Polen gegen -die Juden angriff. Ich hatte naiv geglaubt, daß man in der polnischen Presse, die meine tiefgehende Sympathie für die Polen kannte, Rücksicht auf meine Klage nehmen würde. Es gehört zu den schlimmsten Erfahrungen meines Lebens, daß man in einer so ernsten Angelegenheit nur pöbelhafte Antw'ort gab, und seitdem ist die gehässige Haltung der . Polen den Juden gegenüber dieselbe geblieben. , Die Juden haben berechtigten Anspruch auf Schulen, wo in der jiddischen Sprache Unterricht gegeben wird und vollen Anspruch auf Selbstverwaltung in ihren inneren Angelegenheiten. Wenn sie erst in der Lage sein werden, über ihr Geschick selbst zu bestimmen, werden sie — hochbegabt wie sie sind — die großen Aufgaben bewältigen können, vor die sie die Geschichte gestellt hat. Zu diesen Aufgaben gehört die Verwirklichung der zionistischen Kolonisation. Den Juden wird die Gelegenheit geboten werden, ein Zentrum in Palästina zu haben. In absehbarer Zeit wird die jüdische Gesellschaft dort zu ohnmächtig bleiben, um politischen Einfluß ausüben zu können. Aber dieser Einfluß wird täglich wachsen. Und es ist unzweifelhaft, daß die Kolonisation Palästinas eine gewaltige moralische Stütze für die in Europa zerstreuten. Juden sein wird. Natürlich werden die Antisemiten dadurch um ein Schlagwort bereichert. Man wird Ln jeder Debatte ausrufen: „Geh doch dorthin, wo du hingehörst!“ Allein um Schlagwor-te ist der Judenhaß nicht verlegen. Das jüdische Ansehen wird bedeutend gestärkt werden, wenn Jedermann sehen kann, daß ein großer Teil des jüdischen Volkes auf eigenem Boden sich mit produktiver Arbeit befaßt und alle Pflichten erfüllt, die ein selbständiges, nationales Leben einer Volksgemeinschaft auferlegt. Ich habe die Anfänge ,des neuen jüdischen Lebens mit größtem Interesse verfolgt, die Gründung der Kolonien, die Entstehung der modernen jüdischen Stadtviertel in Jaffa und Haifa, die Errichtung des hebräischen Schulwerkes und die Ansätze zu einer neuen jüdischen Kunst und Literatur — und ich zweifle nicht daran, daß alles dieses einer großartigen und über den Rahmen Palästinas hinaus bedeutsamen Entwicklung fähig ist. Literarische Anzeigen Die Rede Dr. E. W. Tschlenow auf dem Delegiertemag der russischen Zionisten (Juni 1917) wird vom Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation unter dem Titel: „Der Krieg, die russische Revolution und der Zionismus“ in deutscher und französischer Sprache herausgegeben. Bestellungen sind an das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation. Kopenhagen, H.vskenstrade 1U. zu richten. Preis. 30 Oere (Mk. 0.50. Frcs. 0.50) für ein Exemplar: bei Abnahme von 20 Exemplaren 20 Oere (Mk. 0.35, Frcs. 0.35) pro Heft. - L‘Angieterre et le Sionisme“. eine kleine Broschüre, welche die Schriftstücke betreffend der Erklärung Englands gegenüber dem Zionismus und die daran anschließenden Kundgebungen der Zionisten aller Länder (in französischer Sprache) und Pressestimmen über die Regierungserklärung enthält. wird von der „Union Sioniste de Genöve“ herausgegeben. Die Broschüre ist zu beziehen bei Herrn Nachimson. Rue de 1‘Ecoie de Medecine 4. in Genf. Gesinnungsgenossen! Laßt Euch Propagandamaterial des J. Z. kommen!