Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 4 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 4 Die Lage in Sudpalästina Kopenhagen. 18. Jänner. (Telegramm des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation.) Dr. Jakob Thon drahtet aus Jana: Unsere Arbeit in Jerusalem und Jaffa wird energisch fortgesetzt. Abgesehen vom materiellen Schaden ist hier alles wohl. Die Verluste an Menschenleben sind unbedeutend. Für den Wiederaufbau von Xin Gannim und Petach Tikwah. welche schwer geschädigt sind, sind große Mittel erforderlich. Private Üeberweisungen für jüdische Familien via New-York—Kopenhagen müssen fortgesetzt werden. Die Ausdehnung des Schulwerkes i'.i Jerusalem ist unbedingt erforderlich. Eine Anzahl von Bewohnern Jerusalems mußte bei der Räumung der Stadt diese verlassen und sich nach Damaskus begeben. Von bekannteren Personen sind nach hier eingegangenen Nachrichten zur Zeit folgende Herren in Damaskus: Prof. Schatz und Herr Boruchow vom Bezalel, A11 e r R i w k i n und Grazowsky von der Bank, der jüngere P anigel, Seminarlehrer Lifschütz, Herr Schiller, Direktor des Hebräischen Gymnasiums, Herr S a 1 o m o n, Lehrer des Seminars, Rabbiner Selig Lieder, Herr Farchy, Direktor der Allianceschulen. Auch Dr. T i c h o befindet sich in Damaskus. Die Juden in der russischen Revolution Von Dr. M a y e r Ebne r. III. In einer der inoffiziellen Sitzungen der Duma während der Herrschaft Kerenskis wies der bekannte- Antisemit Purischkiewicz an der Hand einer ganzen Liste nach, daß zumeist Juden die Wortführer der revolutionären Parteien sind, obwohl diese Juden ihre jüdischen Namen verleugnet und echt russische angenommen haben, so daß sie in dieser russischen Schutzfarbe — nationale Mimicry — nicht gleich als Juden erkannt werden. Purischkiewicz hatte, als er z. B. aus dem Trotzki den Bronstein, aus dem Sinowiew den Apfelbaum, aus dem Martow den Zederbaum, aus dem Kamenew den Rosenfeld usw. herausschälte, die Lacher auf seiner Seite und so groß war die Abneigung der damaligen revolutionären Regierung gegen diese politische Falschmeldung, daß der Ministerrat unter Kerenski ernstlich einen Gesetzentwurf diskutierte, der ähnliche sachlich unmotivierte Namensänderungen verbieten sollte. Diese gegen die jüdischen Führer der Bolschewik! gerichtete’Vorlage ist aber nicht Gesetz geworden. Ich glaube, die Bolschewiki werden solange regieren, als sie den Frieden verhandeln. Kommt der Friede in Brest-Litowsk nicht zustande, dann ist es mit der Parteiherrschaft der Bolschewiki vorüber, aber auch wenn der Friede endgiltig geschlossen sein wird; sind die Tage der Bolschewiki gezählt. In federn Falle sind sie vom politischen Tode bereits gezeichnet. Ohne Frieden oder mit dem Frieden — sie müssen fallen. Warum? Es gibt viele Gründe, warum der Radikalismus der Bolschewiki Schiffbruch leiden muß, aber nur einen will ich kurz erörtern, weil er in den Rahmen, dieser Betrachtung paßt und weil ich ihn für sehr wesentlich halte. Wohl ist Lenin das Haupt der Partei, aber nicht die treibende Kraft. Er genießt die fast religiöse Verehrung seiner Parteigänger, er thront hoch oben wie ein Dalaj-Lama, von der Masse unverstanden und für sie auch unerreichbär. Leben und Bewegung erhält die.Partei durch ihre hervorragendsten Führer, welche — Juden sind! Ist es nun nicht ein seltsamer Anblick, daß die Wortführer des großen „heiligen russischen Reiches“ durchwegs Juden sind? Wer verhandelt im Namen der 112 Nationen Rußlands? Trotzki, Joffe und Kamenew, alle drei — Juden. Sie mögen ihre 'Sache noch so gut machen und den Beifall ihrer gebildeten Genossen und vielleicht auch der ganzen Welt finden, für die vielen, vielen Millionen Rußlands sind sie Juden, Söhne des bis vor Kurzem entrechtet und unterdrückt gewesenen Volkes. Es war ein großer Fehler der jetzigen Regierung, Juden an die Spitze zu stellen und schon gar sie zu den ausschließlichen Wortführern bei den Friedens Verhandlungen zu machen. Das rus-- sische Nationalgefühl'ist in hohem Maße verletzt. Verfügt die bolschewikische Regierung auch über waschechte Russen, die der Aufgabe gewachsen sind, warum schiebt sie dann die Juden in den Vordergrund? Tut sie aber dies aus dem Grunde, weil in den Reihen der Bolschewiki sich keine geeigneten russischen Männer finden, dann ist diese Erkenntnis für die Russen ebenso schmerzlich wie beschämend. In jedem Falle ist der Umstand, daß die Juden im Vordergründe der Revolution, ja an der Spitze der Regierung stehen, für die Revolution selbst von Nachteil, Jür die Juden Rußlands aber geradezu ein Unglück. In den Monaten Juli und August dieses Jahres hatte ich Gelegenheit Stimmen des Volkes in Petersburg zu hören. Es war gerade nach dem mißglückten Putsch der Bolschewiki gegen die ‘Herrschaft Kerenskis und nach der Katastrophe von Zborow und Tarnopol. „Rußland ist in den Händen der Juden“, wehklagten viele Russen. Was half es. daß die großen Massen des jüdischen Volkes im Lager der Kadetten, die jüdischen Arbeiter, Mitglieder des „Bund“, im Lager der Menschiwiki standen, also zur Fahne des damaligen Abgottes Kerenski hielten? Was half es, daß die jüdischen Blätter jeden Zusammenhang mit den jüdischen Führern der Bolschewiki, mit diesen jüdischen Assimilanten ableimten — die Russen machten die Juden samt und sonders für die Katastrophe und das Unglück der Nation verantwortlich und die Wogeii des Judenhasses gingen im revolutionären Rußland wieder hoch. Und nun möge: man sich in das Seelenleben der Russen hineinfühlen und versuchen, die russische Psyche zu verstehen. Gewiß, die Gebildeten aller Nationen werden, es begreifen, daß die Haltung Trotzkis in Brest-Litowsk die logische Folge seines Parteidogmatismus ist, daß er _— vielleicht gar wider eigenen Wällen — ein Gefangener des Dogmas von dem Selbstbestimmungsrechte der Völker geworden ist. Aber die national gesinnten Russen, Bürger und auch Arbeiter sehen mit Schmerz und Ingrimm, wie die „j üdisehen“ Wortführer das große Rußland in Stücke zerschneiden und eine Nation nach der anderen aus dem russischen Staatsverbande entlassen, bis ein Rußland zurückbleibt, das als lebensunfähiger Rumpf dem Untergange geweiht ist. Ich kann es mir lebhaft vorstellen, wie es da im russischen Bürgertum, in der akademischen Jugend kocht und gärt. Das Erbe Peters des Großen wird verschleudert, das Lebenswerk der großen Katharina. II. wird vernichtet; Länder, die mit dem Blute ganzer Generationen an das große Rußland gekittet worden sind, werden aus dem lebenden, zuckenden Körper des Reiches geschnitten — ich höre alle diese flammenden Rufe des Zornes und der patriotischen Entrüstung und ich höre im Geiste auch den Refrain dieser nationalen Klage: „Die Juden sind das Unglück, s i e sind es, die Rußland zerstückeln und vernichten.“ Daß die patriotisch fühlende Judenschaft Rußlands in Wahrheit für die Unteilbarkeit des ganzen Reiches ist, daß selbst die Juden Polens und Litauens bei einer freien Volksabstimmung für Rußland optieren würden, diese für jeden Kenner der Verhältnisse greifbaren Tatsachen hindern nicht, daß die antisemitische Flut das ganze weite Land erfaßt. . Schon im Moriate Juli und August lebten die Juden in Rußland in steter Angst vor Pogromen. Schon damals arbeitete die Kontrerevolution mit dem immer zugkräftigen Schlagwort des Judenhasses, schon damals versuchte man die Massen in den großen Städten gegen die. Juden aufzuhetzen, schon damals mußten die revolutionären Behörden gegen Pogrome mit Waffengewalt einschreiten. Aber bald wird der Tag kommen, daß die Revolution um ihr Leben wird kämpfen müssen. Die nach der Demobilisierung in ihre Heimat zurückkehrenden Soldaten werden wieder zur großen, dunklen Masse gehören, die ihren Instinkten folgt. Von allen Seiten wird die Reaktion kommen, von; den Bürgerlichen und von der nationalgesinnten Arbeiterschaft, vom Adel und von der Kirche, wieder wie vor 12 Jahren werden sich die „schwarzen Hundert“ in die Judenviertel begeben, in langen Prozessionen mit Fahnen und Heiligenbildern und Knütteln, Beilen und Messern und wieder wird unschuldiges jüdisches Blut fließen. Wohl wird es ein Kampf aller, gegen alle sein und es ist schwer zu sagen, wer aus diesem Chaos als Sieger hervorgehen wird — als unverbesserlicher Optimist glaube ich an den Sieg der Freiheit in irgend einer Form — aber bis dahin werden unsere Brüder in Rußland eine Leidensr zeit durchmachen, die an die grausamen Judenverfolgungen im finstersten Mittelalter erinnern werden. . ■ ' Gewiß, im Kampfe der Reaktion gegen die Revolution wären den Juden die Blutopfer nicht erspart geblieben, denn noch jede Reaktion in Rußland hat die Juden zum Objekt für die blutigen Instinkte der rohen Masse mißbraucht, aber so furchtbar würde es nicht gewesen sein, wenn die jüdischen Führer der Bolschewikidas feine Verständnis gehabt hätten, im Hintergründe zu bleiben und die Regierung ebenso wie die Vertretung Rußlands in Brest-Litowsk anderen zu überlassen. Aber so vortreffliche, reine Edelmenschen die Trotzkis und Genossen auch sind, in ihrem Eifer für die Adoptivnation, in ihrer Hingebung für die ganze Menschheit vergessen sie an ihre eigentlichen Volksgenossen und denken nicht daran, daß sich das Wehgeschrei tausender verstümmelter und gepeinigte? Menschen zum Himmel erheben wird, weil die Juden Trotzki und Genossen vergessen haben, daß sie Juden sind und Pflichten auch gegen ihr Volk haben. Presseschau „H e t V o 1 k“ (vom 17. Dezember 1917), das Organ der holländischen Sozialdemokratie, veröffentlicht anläßlich der Eroberung Jerusalems einen Artikel, dessen wesentlicher Teil lautet: Ära Tage der Eroberung Jerusalems gewinnt die Erklärurig’ der” Britischen Regierung 'praktische Bedeutung, daß sie alles tun will, um in Palästina die Errichtung einer nationalen' Heimstätte für das jüdische Volk zu fördern; und Lord Robert Cecil gab in einer großen jüdischen Versammlung in London zu Ehren dieser Deklaration folgende Erläuterung: „Armenien für die Armenier, Arabien für die Arabier, Judäa für däe Juden und die wirkliche Türkei für die Türken.“ Es vermindert nicht den Wert der nationalen Freiheitsbestrebungen, wenn mächtige Regierungen sie zu Hüte nehmen, um ihre Ziele in einem besseren Lichte erscheinen zu lassen. Die Erklärung Deutschlands und Oesterreichs, die .Unabhängigkeit Russisch-Polens zu errichten, war nicht bloß ein Sieg deutscher Machtpolitik, sondern eine Niederlage des Zarismus. Die mit Waffen bekräftigte Bereitschaft Englands, Palästina für die nationale Konzentration der Juden zu öffnen, dem einzigen landlosen Volke der Erde die Möglichkeit zu geben, eine Heimat wieder zu gewinnen, wird jedenfalls zur Folge haben, daß die Judenfrage in Verbindung mit Palästina Gegenstand der Friedensverhandlungen werden wird, ebenso wie die Zukunft Armeniens und der arabischen Provinzen der Türkei. Die internationale Regelung dieser Fragen ist aber auch vom soziaeuropa, das ich zwar besucht hatte, worüber ich jedoch wenig wußte, waren die juuen nicht einmal darüber einig, ob außer den Landessprachen Jiddisch oder Hebräisch ihre Sprache sei. Sogar über ihr eigenes Land waren die Zionisten lange nicht mit sich selbst einig. Als Herzl 1894 anfing, wußte er selbst nicht, ob Argentinien oder Palästina als Ziel der Auswanderung vorzuziehen sei. Noch 1903 brachte das Anerbieten der britischen Regierung, den Juden Uganda zu überlassen, Verwirrung in die Reihen der Zionisten. Einige waren für Uganda, viele dagegen. Wie unsicher war außerdem unter Abdul Hamid Palästina als Asyl! Es war zu fürchten, daß, wenn die Juden dort Wohlstand erreichten, die Mohamcdaner sie behandeln würden, wie die Kurden die Armenier im Ärarat-Lande behandelt hatten. So zwingend notwendig eine Massenauswanderung aus Rußland vor 1905 erscheinen mußte, so möglich schien während der Revolution von 1905 ein Verbleiben im Lände. Diese Gedankengänge haben mich doch nie zurückgehalten, mein Möglichstes zu versuchen, um die öffentliche Meinung in Bewegung zu setzen, so oft die Juden verfolgt wurden. Schon vor 35 Jahren habe ich meine Stimme für die russischen Juden erhoben, darnach mehrmals für die rumänischen. Ich habe an der russischen Hochschule in Paris, die fast ausschließlich von Juden besucht wurde, ein paar Jahre gratis französische Vorlesungen gehalten. Ich habe, schon vom November 1897 vor irgend einem Nicht-Franzosen, vor Clemenceau und anderen Franzosen,' für die Unschuld von Alfred Dreyfus gekämpft, habe sechs Jahre hindurch über seine Sache geschrieben, dann bin ich für die finnländischen Juden eingetreten, zuletzt für die polnischen. Dies hat mir viel Sympathien gekostet, denn ich war’vorher bei Franzosen, Finnländern, Polen ungemein beliebt. Nichtsdestoweniger bin ich wohl dreißig Jahre hindurch von der internationalen jüdischen Presse verfolgt worden. Herr Nordau gab das Signal, indem er mich die „widerlichste Erscheinung der ganzen europäischen Literatur“ nannte, und die anderen Journalisten folgten.*) Immer wieder wurden die dümmsten Beschuldigungen gegen mich aufgetischt; noch im Jahre 1914, als ich Nordamerika besuchte, gab es in der jüdischamerikanischen Presse eine Anekdote, wie ich einem russischen Konsul gegenüber meine Abstammung verleugnet hätte. Ich habe nie einen russischen Konsul gesprochen und einem solchen nie geschrieben. Selten aber wurde ich in einem jüdischen Blatt ohne Holm und Haß genannt. Sogar meine Bestrebungen für Finnlands Juden wurden in der dänischen Presse denigriert. Ich muß noch betonen, daß man sichv keine Vorstellung macht, wie schwierig es ist, für'unterdrückte Juden sein Wort einzu'egen. Man begegne nicht unterdrückte Juden auf seinem Weg! Ich schrieb für die rumänischeil Juden. Der Aufsatz wurde der Alliance JsratT.ie in Paris zur Veröffentlichung übergeben. Sie scheiterte daran, daß *) Nordaus gereizte Stimmung ist durch die. damalige Haltung Brandes, zum Zionismus erklärlich. Die Redaktion. man meinem Uebersetzer nicht 150 Francs geben wollte. (Ich selbst verlangte nichts, nur die 150 Francs für ihn.) Der Aufsatz sollte in einem großen österreichischen Blatt, worin Jch damals sonst sehr oft schrieb, deutsch veröffentlicht werden. Er blieb liegen. Als Vorwand diente, daß man schon viel Blatt-Stoff liegen hatte. Die wirkliche Ursache schien finanzielles Verhältnis zur rumänischeru-Regierung zu sein. _I n d en letzten Jahren hat sich meine Auffassung der jüdischen Frage sehr geändert. Die Juden Westeuropas kommen nach meiner Ansicht fast nicht in Betracht. Nur in Osteuropa gibt es jüdische Volksmassen, in denen große schöpferische Kräfte' schlummern, und die haben ein Recht, den Versuch zu machen, sich als eine Nation auf eigenem Boden zu konstituieren. Ich verstand und wußte dies vor dreiundzwanzig Jahren nicht. Als Herzl mit seinem Buch „Der Judenstaat“ mir schrieb und nach meiner Meinung fragte, erwiederte ich scherzend mit folgender Änekdote::„F r i e d r ic h W i 1 h e 1 m IV. von Preußen fragte den Bankier Mendel s o h n, was er zu der Idee des Königs sage, die europäischen Juden nach Palästina zurückzuführen. Mendelsolm antwortete: Ich würde mir erbitten, Gesandter des neuen Staates in Berlin zu werden.“ Herzl nahm mir die leichtsinnige Antwort übel, auf, schrieb mir, ich ahne kaum, in welche Gesellschaft ich mich durch diese Antwort bringe. Seitdem ist viel Wasser in das Meer geflossen. Der Judenhaß ist überall mächtig'angeschwollen. In allen Ländern läßt man die Juden maafll afaa»