Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. B JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 magyarischen Juden, oder — wie sie sich lieber .nennen — der israelitischen Magyaren, die die Feier veranstalteten. Die groben Massen der Juden — ob orthodox, neolog oder Status quo ante — zeigen ein Bild traurigster Indifferenz, sie interessieren sich gar nicht für das, was mit dem Judentum politisch zu tun hat. Sie machen nur Geschäfte und schreien „Ellen!" Wie groß die Indifferenz hier ist, zeigt ein Fall, der wohl kaum anderswo zu verzeichnen ist und der sich erst vor einigen Wochen hier ereignet hat. Die Repräsentanz der großen Buclapester Gemeinde sollte eine Sitzung abhalten, was aber nicht geschehen konnte, weil die Herren Repräsentanten nicht in beschlußfähiger Anzahl an- .wesend waren. Darauf verschob man die Sitzung auf einen anderen Termin, aber — auch diesmal .'konnte, man nicht die nötige Zahl von Teilnehmern zusammenbringen. Zu bemerken ist, daß Budapest die zweitgrößte jüdische Gemeinde in 'Europa aufzuweisen hat. Dies vorausgeschickt, werden wir uns nicht wundern, was immer wir. von der Emanzipationsfeier hören. Seit Monaten hielten die „Führer“ der ungarischen Judenheit Sitzungen und Beratungen zwecks Vorbereitung der Emanzipationsfeier. Es war eine große Versammlung geplant, etwa eine Art Kongreß oder Judentag, an dem einerseits die Emanzipation gefeiert, anderseits über die Lage der ungarischen Juden verhandelt und beraten werden sollte. An Stoff hätte es ia der Versammlung nicht gemangelt. Seit einiger Zeit wütet hier eine solche Taufseuche, wie vielleicht nirgends in Europa, der Antisemitismus beginnt Formen anzunehmen, wie man es gar nicht glauben sollte und dergleichen Dinge noch, die auch in den Gesichtskreis der amtlichen Judenheit hineinreichen, um von anderen Sachen zu schweigen. Aber was geschah? In einer der vorbereitenden Sitzungen erschien Wilhelm Vazsonyi, der Wahlrechtsminister, und teilte der Versammlung mit, daß es der Regierung angenehmer wäre, wenn die Versammlung unterbliebe. Was ja selbstverständlich ist, denn ein Kind, das nichts fordert, ist ja leichter zu befriedigen, als ein solches, das auch sein Teil fordert. Und die seit Monaten vorbereitete und verkündete große Versammlung wurde aufgegeben. Derjenige, der mit dem Maßstabe der allgemeinen Politik an die jüdischen Dinge herangeht, kann nicht umhin zu konstatieren, daß sowohl der Plan des Meetings wie dessen Aufgabe ein trauriges Beispiel der ungarisch-jüdischen Politik ist, das uns zeigt, daß Indifferentismus und Dilet- . tantismus die Merkmale der Art sind, wie man hiep jüdische Angelegenheiten verwaltet. ’ Vom Standpunkte des selbstbewußten Judentums war nämlich die Feier nicht am Platze. Denn die Emanzipation, auch wenn sie restlos durchgefiihrt worden wäre, war ja unser gutes Recht, das uns nur lange vorenthalten worden war, und kein Gnadenakt. Hatte man aber beschlossen, im Anschluß an diese würdelose Feier auch eine würdevollere Sache zu veranstalten, nämlich den Judentag, so hätte man den Plan nicht aufgeben sollen. Dies zeigt eben, daß die Leiter der jüdischen Angelegenheiten sich in allem von außerjüdischen Gesichtspunkten leiten lassen und sobald sie miteinander in Kollision geraten, so ist es immer der jüdische Gesichtspunkt, der weichen muß. Ob die ungarische Judenheit wirklich Ursache hat zu feiern, das wollen wir in einem späteren Artikel zum Gegenstand einer Betrachtung machen. Wir werden dann die Bilanz der fünfzig Jahre Emanzipation liefern, die vielleicht nicht ganz so befriedigend ausfallen wird, wie die Herren ■ Leiter der magyarisch-jüdischen Angelegenheiten sie verkünden. Bei Beginn des Krieges, als jeder noch Großes und Unerwartetes hoffte, da gaben sich beide Parteien, die Assimilanten wie die Zionisten, großen Hoffnungen hin. Das amtliche Judentum, das keinen anderen Gott als die Emanzipation kennt, glaubte, daß nun endlich der Antisemitismus ein Ende nehmen werde, die Zionisten wiederum glaubten, die großen Ereignisse würden auch das ungarische Judentum aus dem jahrzehntelangen Schlaf wecken. Beide haben sich getäuscht. Der Judenhaß wird so mächtig, wie nie zuvor; das ungarische Judentum aber will noch immer nichts wissen, cs schläft noch immer. Budapest. Salomon Händler. Mauschei denunziert oder die durchschaute Mystifikation Die orthodoxe Budapester „A11 g e m. Jüdische Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 5. d. M. zu diesem Thema, das wir in unserer letzten Nummer an leitender Stelle behandelten: „Die Budapester Polizei forscht jetzt nach dem Absender einer Depesche, die jüngst von hier nach der Schweiz in französischer Sprache aufgegeben wurde und in der im Namen einer in einem unterirdischen Lokal eines Budapester Kaffeehauses abgehalteiien zionistischen Versammlung der König von England zu der Besetzung Jerusalems beglückwünscht wurde .... Obgleich wir in die Zionisten bekanntlich keineswegs verliebt sind, halten wir es doch für ausgeschlossen, daß unter jenen Herren .... einer einer solch elenden Tat fähig wäre; auch hat die in dem Telegramm erwähnte Versammlung, wie uns zuständigerseits versichert wird, gar nicht statigeiunden. Die Depesche kann also nur der Akt eines nicht ernst zu nehmenden einzelnen Zionisten sein oder aber, was uns noch wahrscheinlicher dünkt, sie wurde von einem Mitglied jener neologen Gruppe, welche in ihrem Organ den Zionismus als Landesverrat zu verleumden pflegt, direkt gefälscht, um hiedurch einen „Beweis“ für die „Vaterlandsgefähr- Hchkeit“ der Zionisten zu erbringen. Jedenfalls ist das Telegramm nur ein Bubenstreich, dessen Urheber die strengste Strafe verdient." Ernst Breiter in Wien Reichsratsabgeordneter Breiter ist aus dem russischen Exil zurückgekehrt und die Zionisten Oesterreichs benützen diese Gelegenheit, um diesem ausgezeichneten, mutigen Manne ihre warmen Sympathien und ihren Dank zu bezeugen. Ernst Breiter, der polnische Demokrat, ist ein hervorragender Kenner der jüdischen Verhältnisse in Galizien und ein aufrichtiger Freund der jüdischen Nation, für deren Rechte er immer wieder mit dem Einsätze seiner kraftvollen Persönlichkeit eingetreten ist. Noch ist in frischer Erinnerung, wie er gemeinsam mit unseren zionistischen gaiizischen Führern die brotlos gewordenen jüdischen Schanker nach Wien brachte und an ihrer Spitze über die Ringstraße zog. Groß ist die Zahl der Renegaten im eigenen Lager, ganz gering die Zahl der führenden Männer innerhalb der anderen Völker Oesterreichs, welche das jüdische Problem verstehen und uns in unserem Streben nach nationaler Gestaltung, nach Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich stützen. Breiter stand uns stets zur Seite, warmherzig und ohne Rücksicht auf die Anfeindung, die ihm diese seine Stellungnahme insbesondere in seiner engeren Heimat reichlich eintrug. Treue um Treue! Wir begrüßen Ernst Breiter an der Stätte seiner Wirksamkeit und freuen uns, daß er trotz Zwei neue Zeitschriften für die jüdische Jugend Jerubbaal Eine Zeitschrift der jüdischen Jugend. Herausgeber: Siegfried Bernfeld. PREIS; Vierteljährlich K 3 - =- JI. 2.50 Jährlich.. 12.— — „ 10.— Diese Zeitschrift wird auf dem vom „Juden“ vorgezeiebneten Wege die theoretische Erfassung des jüdischen Problems, soweit es für die neue indische Jugend brennend geworden ist, au fördern suchen. Blätter aus der jüd. Jugendbewegung Organ der jüdischen Jugendgruppen Wiens. Einzelnummer 40 h. Vierteljährlich K 1.—. ln Ergänzung znm „Jerubtaal“ sollen diese Blätter die praktische Arbeit, die inneibalb der bestehenden Jüdisch« n Jngendgruppen geleistet wird, registrieren und die Wege zeigen, aut* denen diese Arbeit zu fruchtbaren Erfolgen fuhren kann. Der „Jerubbaal“ erscheint am 1. April 1918. Die „Blätter“ erscheinen am 20. Jänner 1918. Abonnement-Anmeldungen sind umgebend zu richten an; R. LÖWIT, Verlag, Wien, 1., Fischmarkt 1. der Mühsal und der Demütigung der russischen Verbannung in voller Frische und Gesundheit der Demokratie Oesterreichs wiedergegeben wurde. O. A. Engelbert Pernerstorfer gest. In diesem Manne verlieren die Nationaljuden einen wahren Freund. Pernerstorfer war in der deutschösterreichischen Sozialdemokratie ein weißer Rabe, da sein echter Nationalismus so sehr abstach von dem Internationalismus seiner getauften und ungetauiten anational-marxistischen jüdischen Genossen. Wohl war es die Bekanntschaft mit ihnen, die ihn gegen die Unsitten des Assimilationsjudentums nicht blind machte und, tat's not, aus seiner Reserve heraustreten ließ. Sein nationaler und sozialer Sinn ließen ihn die Leiden und Hoffnungen des jüdischen Volkes lebendig mitfühlen und keiner, der an jener denkwürdigen Protestversammlung gegen den Kischenewer Pogrom im Ronachersaal teilgenommen hat, wird jemals die markige Gestalt dieses Mannes vergessen können, der in der Umgebung verständnisloser Genossen, die unser nationales Sein eskamotieren wollten, so aufrichtige und aufrechte Worte der Anerkennung und der Teilnahme fiir das jüdische Volk gefunden hat. N. W. Presseschau Ein Gg„ Dr. .1. M., veröffentlichte in der Morgenausgabe der „Neuen L e m b e r g e r Zeitung“ vom 7. Jänner einen Artikel „Zur Palästinafrage". — Unser Gg. Dr. Artur Rosenberg zeigte in der Wiener „Wage“ vom 12. Jänner Dr. Artur Ru pp ins Werk über „Syrien als Wirtschaftsgebiet“ an. Nach Schluß der Redaktion Wie das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation durch Telegramm vom 8. Jänner aus London erfährt, ist die Lage der indischen Kolonien Palästinas, die vor. den Engländern besetzt worden sind, den Umständen nach fast befriedigend. Die Regierung hat sie mit Saat für die nächste Ernte versehen. lange Zeit nach dem Kriege bleibt das Restkaufgeld unkündbar stehen. ... ßei de>1 genossenschaftlichen Anteilen von Mk. 240.— zahlen wir vor allem auf die eigentlichen Interessenten. Wer einen oder mehrere dieser Anteile erwirbt, wird Mitglied der Genossenschaft und nimmt an allen damit verbunl‘eneii Rechten teil. Bei den Anteilscheinen von Mk. 100.— rechnen wir auf die Beihilfe von Gönnern, jüdischen Vereinen, Stiftungen und Gemeincen, die auf diese Weise durch Gewährung eines größeren oder kleineren Darlehens und durch \ erzieht auf den Zinsgennß unser Unternehmen als rein jüdische Leistung unterstützen und fördern wollen. Wir können auf diese Unterstützung um so mehr rechnen, als unser Unternehmen gevneinnützigen Charakter hat und eine Spekulation mit Grund und Boden satzungsgemiiß ausgeschlossen wird. Sind wir im Besitze von Grund-und Boden, so ist damit der schwierigste Schritt getan. Die Baureifmachung des Geländes, sowie die Erstellung der Bauten erfolgt nach Aufhebung des z. Zt. bestehenden Bauverbotes auf dem allgemein üblichen Wege und hierbei sind uns die Erfahrungen der Gartenstadt Falkenberg sowohl in technischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht von allergrößtem Nutzen. Wir wenden uns mit unserem Vorschläge an alle jüdischen Kreise. Finden wir die von uns erhoffte Beteiligung, so wird hier ein vorbildliches Gemeinwesen entstehen, in dem eine neue Generation, gesund an Leib und Seele, heranwachsen kann. Zuschriften erbitten wir an: Dipl.-Ing. L o e w y, Charlottenburg. Schillerstraße 60. / geäußert haben, es möchten ihre Freunde durch die Beteiligung an einer jüdischen Gartenstadt von ihrer aktiven Anteilnahme an der Arbeit für Palästina abgelenkt werden, so ist auch diese Befürchtung hinfällig. Für Leute, denen Palästina ein Lebensbedürfnis ist, kann eine jüdische Gartenvorstadt niemals ein vollwertiger Ersatz sein, aber jede Erstarkung jüdischen Leb.ens in den Ländern der Zerstreuung muß der Schaffung und dem Ausbau eines jüdischen Kulturzentrums zugute kommen. Weitere Kreise wird interessieren, daß wir bei unserem Plane auch an die Verwirklichung des Gedankens jüdischer Kriegerheimstätten herangehen wollen, da wir über genügend billiges Terrain verfügen werden. Auch die Interessenten an Laubenland und billigen Sommerhäusern werden bei uns auf ihre Rechnung kommen, da wir in absehbarer Zeit nur einen Teil des verfügbaren Landes bebauen werden. Bei der Suche nach einem geeigneten Terrain für die geplante Gartenvorstadt mußte von vornherein darauf Rücksicht genommen werden, daß die Teilnehmer jn ihrer Mehrzahl von ihrem Beruf täglich nach dem Stadtinnern geführt werden. Die Siedelung darf daher nur in der Nähe der Bahn gelegen sein und, um zu verhüten, daß die tägliche Fahrt zu große Ansprüche an Geld und Zeit stellt, muß sie innerhalb des Vorortverkehrs liegen. Aus dieser Forderung erwächst eine neue Schwierigkeit, da Gelände, das dieser Bedingung genügt, auch entsprechend hoch im Preise steht. Da beabsichtigt ist. jedem Siedler mindestens 200 bis 300 Quadratmeter Gartenland zur Verfügung zu stellen, so fällt natürlich ein höherer Bodenpreis entsprechend ins : Gewicht. Es gelang uns, alle diese Schwierigkeiten durch ein Angebot zu überwinden, das uns die Gartenstadtgesellschaft Fafkenberg in anerkennenswerter Weise machte. Diese kurz vor dem Kriege gegründete Gesellschaft verfolgt, von unserem jüdischen Gesichtspunkte abgesehen, genau die gleichen Ziele wie wir. Sie erwarb die Option auf ein etwa 260 Morgen großes Terrain, das unmittelbar am Bahnhof Grünau beginnend, sich für eine derartige Siedelung auf das Trefflichste eignet. Ein von einer ersten Kraft ausgearbeiteter, künstlerisch vollendeter Bebauungsplan zeigt, daß das Terrain bei landhausmäßiger Bebauung für ungefähr 7000 Seelen Raum bietet. Die Gartenstadt-Gesellschaft würde uns von dem Gesamtterrain etwas mehr als die Hälfte überlassen, wobei natürlich die Bebauung unseres Teiles ganz nach unseren Wünschen ausgeführt werden könnte. Der Preis ist trotz aller dieser Vorzüge durch den Erwerb des ganzen Geländes so niedrig, daß die Kosten eines einzelnen Hauses mit Garten, einschließlich der Fahrkosten, sich sicher nicht höher stellen werden, als der Betrag, der für eine entsprechende Mietwohnung in der Stadt auszugeben ist. Zur Realisierung unseres Projektes wollen wir eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung ins Leben rufen. Der Anteil ist mit Mk. 240.— in Aussicht genommen. Um allen Klassen den Beitritt zu ermöglichen, kann der Beitrag auch in monatlichen Raten bis zu Mk. 20.— abwärts bezahlt werden. Die Haftsumme beträgt ebenfalls Mk. 240.—. Zur Aufbringung der Anzahlung wird die Ausgabe unverzinslicher. auslosbarer Anteilscheine in Höhe von Mk. 100.— geplant. Die Verzinsung des Restknufgeldes während -des Krieges erfolgt zu einem außerordentlich niedrigen Zinsfüße. Auch fiir eine