Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-01-18 · 3 (18.1.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438678--5608-2445602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 3 Nachrichten von der Abdankung des Zaren und der Erhebung des Volkes bis in unseren Winkel drang. Mit einem Maie änderte sich das Bild. Mit dem Behagen der Schadenfreude sali ich, wie Pristaw und Polizei ihre Waffpn und Amtszeichen; abgeben mußten und wie die armen „Politischen“ •mit einem Maie die Herren'wurden. Nicht lange . zuvor hatten dreißig Politische drei Monate im Gefängnis, in Tomsk sitzen müssen, weil sie am Grabe, eitles Opfers der Polizeiwillkür politische Reden gehalten hatten, jetzt hielten sie öffentlich Versammlungen ab und setzten in jedem Dorfe neue Obrigkeiten ein. Als das Eis auf dem Ob schmolz und die. Schiffe zu verkehren begannen, da kam vom Regierungskomitee in Tomsk ,die Weisung, den Politischen die Kajüten erster Klasse auf den Salondampfern der Linie Tomsk—Tjumen zur Heimreise aus der Verbannung zuzuweisen. Als ich die armen und ärmlich gekleideten jungen Leute ein. Schiff besteigen sah, das früher „Stolypin‘ und nunmehr Swobodna Rossia — freies Rußland hieß, da kamen sie mir wie entzauberte Prinzen vor. Rußlands beste Kinder, haben sie ein Leben des Jammers und des Elends führen müssen, nun ist der Zauber von ihnen gewichen und als glückstrahlende Helden kehren sie heim — und unter ihnen hunderte und tausende jüdischer Männer und jüdischer Frauen, die ün Kampfe für die Freiheit immer in vorderster Reihe gestanden sind. Der Enthusiasmus . in Tomsk war außerordentlich. Noch im Jahre 1906 waren etwa 400 demonstrierende Revolutionäre von der Polizei in ein großes Holzhaus getrieben und dort mit dem Hause verbrannt worden. Zehn Jahre später sah ich im Alai 1917 auf derselben Postamtsstraße in Tomsk einen Ungeheuern Demonstrationszug im Schatten mächtiger Fahnen sich in der Richtung zum Dom swobode (Haus der Freiheit) — ehemaligen Gouvernementsgebäude bewegen und — blau-weiße Fahnen mit jüdischen Aufschriften habe ich gesehen und Oid loi owdu tikwutenu habe ich singen gehöri und jüdische Männer und jüdische Frauen bildeten einen stattlichen Teil des Zuges — wie anno 1906 —, aber jetzt gingen sie nicht in den Tod. Einmal sah ich einen Demonstrationszug von Kindern. Tomsk hat eine gemischt nationale Bevölkerung. Ich sah eine russische, polnische, ukrainische und eine jüdische Gruppe. Ein_ Redner richtete Ansprachen an jede Gruppe. Den jüdischen Kindern sagte er, sie seien nicht mehr Stiefkinder, sondern leibliche Kinder der Mutter Rußland und niemand werde sie mehr höhnen und mißhandeln dürfen, nun seien sie Menschen und Bürger wie alle anderen im großen russischen Vaterlande. Die jüdischen Kinder haben den edlen Redner verstanden. In leiblicher Not und geistiger Pein reifen die Seelen früher. Inzwischen nahmen die Ereignisse in Petersburg ihren Lauf. Die neue kadettisch-sozialistische Regierung, in der Kerenski eine führende Rolle hatte, hob die jüdischen Ausnahmsgesetze auf. Die Juden erlangten die Freizügigkeit in ganz Rußland, für die Juden vielleicht die wichtigste Errungenschaft der Revolution. Jüdische Akademiker, die in der Armee dienten, wurden in die Junker(Offiziers)schulcn geschickt, die Aufnahme der ersten Juden in das Offizierskorps von Tomsk fand in feierlicher Weise statt. Reden wurden gehalten, aber die Begeisterung war mehr auf Seite der Juden. Denn es gab Regimenter, in deneii die neuen Offiziere nicht rezipiert wurden. Das wirkte zwar etwas abkühlend, aber schließlich sagten sich die Juden, daß Vorurteile nicht über beacht beseitigt werden und gut Ding Weile braucht. Unter dem Schutze der jungen Freiheit organisierten sich die politischen Parteien: Kadetten, Zum Projekt einer jüdischen Gartenstadt bei Berlin ln Nr. 26 der „Jüdischen Zeitung“ vom vorigen Jahr hat Gg. Norbert W e 1 d 1 e r die Anregung zur Gründung jüdischer Gartenstädte unter dem Titel „Zionistische Siedlungen in der Diaspora“. gegeben und hierauf in Nr. 30 über ähnliche Pläne unserer Berliner Freunde berichtet. Die Berliner Bestrebungen haben schon zu greifbaren Ergebnissen geführt. Im Aufträge eines Komitees, bestehend aus Clara Boschw i t z, Dr. Arthur Kahn, Moritz A. L o e b, Prof. Dr. Heinrich Loewe, Dipl.-Ing. Joseph Loewy und Davis T r i e t s c h, wird uns mitgeteilt, daß zum Zwecke der Zusammenfassung aller Interessenten sowie zur weiteren Propagierung der Idee am 3. Februar eine Versammlung stattfindet, in der Prof. Loewe die Frage jüdischer Gartenstädte vom jüdischen Standpunkt besprechen und Adolf Otto, Generalsekretär der Deutschen Gartenstadtgesellschaft, an Hand einer Reihe von Lichtbildern das Gartenstadlproblem als solches beleuchten wird Daran anschließend soll an die konstituierende Sitzung einer Genossenschaft geschritten werden, von der in dem nachfolgenden, uns mit der Bitte um Veröffentlichung zugegangenen Bericht die Rede ist. Wir geben ihn wieder in der Gewißheit, daß er viele unserer Leser, interessieren wird, und mit Rücksicht darauf, (daß die jüdische Gartenstadtbewegung auch in Oesterreich Anhänger hat. Die Redaktion. ♦ Eine unaufhaltsame wirtschaftliche Entwicklung drängt seit Jahrzehnten einen immer größeren Teil der Bevölkerung Deutschlands in die Großstädte. Groß-Berlin hat 4 Millionen Einwohner, Hamburg I Million, Leipzig, Köln, Bres- Sozialrevolutionäre, Bolschewiki, Maximalisten,' Menschewiki, Internationalisten, Trudowiki, Jedinstwo u. a. m. Während der langen Unterdrückung, die jede Tat und jede Regung zu einer Tat im Keime erstickte, hat die revolutionäre Arbeiterschaft Rußlands sehr viel theoretisiert. Darum sind so viele Parteien und Schattierungen entstanden, die der Sache der Revolution ganz und gar nicht nützen, sie vielmehr untergraben. Im Zeitalter Ludwigs XVI. herrschte in Frankreich mehr Freiheit des Wortes als .im Zeitalter Nikolaus II. des Blutigen in Rußland. In diesem Lande mußten erst jene grundlegenden Rechte der Unverletzlichkeit der Person, der'Freiheit der Rede und der Presse usw. erkämpft werden, die heute Gemeingut aller europäischen Nationen sind. Vergebens versuchte der alte Plechanow die Revolutionäre in der Partei Jedinstwo (Einigkeit) zu vereinigen. Dieser Partei war es beschieden, die kleinste und unansehnlichste zu bleiben. Der Ruf nach Einigkeit verhallte im russischen Lande. Und die Juden! Sie waren diejenigen, die die Revolution mit.größter Begeisterung begrüßt hatten, aus dem einfachen Grunde, .weil die Revolution ihnen mehr gebracht hatte als allen anderen Völkern Rußlands. Sie waren aber auch diejenigen, die sich mir heißester Leidenschaft in den Pa£teikampf gestürzt hatten. In allen Parteilagern standen sie in vorderster Reihe, in allen Versammlungen führten sie das große Wort. Merkwürdig! Revolutionäre waren sie geworden, weil sie als Juden das Joch des Zarismus und des blutdürstigsten Antisemitismus am heftigsten empfunden hatten, es war also die gepeinigte jüdische Seele, die sich leidenschaftlich gegen Schimpf und Schmach sträubte, aber kaum waren diese Juden zum herrschenden System in revolutionäre Opposition getreten, als sich diese jüdische Grundstimmung gänzlich verflüchtigte. Nicht als Juden wollten sie für Freiheit und Gleichheit kämpfen, sondern als — Russen. So kam es, daß die meisten jüdischen Revolutionäre, die auf jüdische Namen hörten, eine Art nationaler Mimicry trieben. Um als Juden unerkannt zu bleiben und für Vollrussen genommen zu werden, legte der Führer der Internationalisten Zederbaum, Enkel des Herausgebers des Hamelitz, seinen ehrwürdigen Namen ab und nannte sich Martow. Das geistige Haupt der Bolschewiki Braunstein ist als T r o t z k i der derzeit berühmteste Mann der Welf, sein Mitarbeiter Sinowiiew hörte einst auf den Namen Apfelbaum, sein Parteifreund Kamenew, ein Wortführer der Friedenskommissiön in Brest-Litowsk, war früher ein schlichter Nechamkes und so ließen sich Dutzende echtrussischer Namen von Revolutionären, die an der Spitze marschieren, auf ihren jüdischen Ursprung zurückführen — von Winawer, Liber, Dan, Goz, Joffe und vielen anderen, die es nicht nötig erachteten, ihre Namen zu ändern, nicht zu sprechen. Aber diese enorme Beteiligung der Juden am revolutionären Parteileben bedeutet eine Gefahr für das Judentum in Rußland. Flüchtlingsschutzgesetz Nach langen Beratungen ist mm endlich das Gesetz betreffend den Schutz der Kriegsflüchtiinge sanktioniert worden; es trat am .11. Januar in Kraft. Es gewährt allen unbemittelten Kriegsflüchtlingen Anspruch auf die staatliche Flüchtlingsunterstützung, ordnet Verbesserungen in den Flüchtlingslagern an und mildert den Lagerzwang. Hervorzuheben ist, daß den Flüchtlingen Arbeitsmöglichkeiten gegen angemessene Belohnung geboten werden sollen. Soweit die Flüchtlinge nicht in staatlicher Naturalverpflegung lau, Frankfurt a. Main befinden sich auf dem besten Wege zur ersten Million, weitere 20 Großstädte nähern sich der halben Million. — Das bedeutet, daß ein immer größer werdender Teil des Volksganzen, abgeschlossen von Luft und Licht, entzogen den elementarsten Bedingungen gedeihlicher physischer und psychischer Entwicklung in einer Steinwüste seines Daseins Kreise vollenden muß. Das bedeutet aber vor allem auch, daß Millionen von Kindern unter den gleichen naturwidrigen Bedingungen ihre Jugend zu verbringen haben, daß sie wesentliches entbehren müssen, was den Tagen der Jugend den goldenen Schimmer verleiht: Keine großen weiten Flächen, auf denen sich die Kinder nach Herzenslust tummeln und austoben können, keine Möglichkeit, durch eigene Beobachtung das Entfalten und Wachsen von Baum und Strauch kennen zu lernen, Entfremdung von der Natur, Tier- und Pflanzenwelt. So. wächst ein Geschlecht heran, das an Leib und Seele verarmt und verkümmert, trotz aller Anstrengungen, die von Seiten der Eltern, der Schule ‘ und der Allgemeinheit gemacht werden. Diese ungünstigen Bedingungen schmälern und beeinträchtigen von vornherein den Erfolg der bestangelegten Erziehungspläne. Diesen Schäden gegenüber ertönt der Ruf: „Hinaus in die Gartenstadt!“ Warum aber eine jüdische Gartenstadt? Zunächst stellen die Juden bei der oben geschilderten, nach der Großstadt gerichteten Bewegung der Bevölkerung Deutschlands ein unverhältnismäßig großes Kontingent. Die kleinen jüdischen Landgemeinden veröden, die Gemeinden der Großstädte, Vor allem die Berliner, wachsen zu Riesengröße, und der Zusammenhang Tag. Die Weihe der jüdischen Feste versinkt in dem Trubel der Großstadt, der Sabbath ver¬ Die nicht abbestellten Abonnements stehen, gebührt ihnen ein täglicher Bargeldzuschuß von 2‘Kronen pro Kopf,.vom 21. Juli 1917 ah gerechnet» Die Anmeldungen müssen bis' zum 11. April d. J. erfolgt sein, falls sie an einem späteren Datum einger.eiicht wurdetu. wird der Zuschuß erst vom Tage der Anmeldung an gewährt. Personen, die infolge Alter oder Gebrechen erwerbsunfähig sind, allein stehen oder an den mit ihnen gemeinsam lebenden Angehörigen keine Stütze haben, erhalten täglich vier Kronen. Nur solche Nebeneinkommen, die längere Zeit dauern und den Betrag von zwei Kronen pro Tag und Kopf übersteigen, kürzen den Zuschuß um die Hälfte der Differenz zwischen Zuschuß und Verdienst. (So daß bei einem Verdienst von 3 Kronen der Zuschuß um die Hälfte' einer Krone verringert wird.) Verdient der Flüchtling sechs Kronen täglich, so wird der Zuschuß eingestellt. Der Zuschuß wird durch einen etwaigen Unterhaltsbeitrag und andere staatliche Unterstützungen nicht beeinträchtigt. Jene Unbemittelten Evakuierten, die keine oder eine Zeitlang eine Flüchtlings- oder Evakuiertenunterstützung bekommen haben oder infolge des'Aus-; scheidens ihres Aufenthaltsortes aus dem Flüclitlingsunterbringungsgebiete der staatlichen Flüchtlingsunterstützung verlustig gingen, bekommen — soferne der Zeitraum, während dessen sie-die Unterstützung nicht genossen haben, . mehr als drei Monate beträgt, eine Nachzahlung von täglich einer Krone, der Höchstbetrag kann höchstens 500 Kronen pro Monat betragen. Der Anspruch muß bis zum 11. April geltend gemacht werden. Die Behörden, bei denen die Gesuche eingereicht werden müssen, werden erst in der Durchführungsverordnung bekannt gegeben werden; diese ist noch nicht erschienen. Die Emanzipationsfeier der ungarischen Juden Die ungarländische Judenheit feierte i’m Dezember des soeben verabschiedeten Jahres die fünfzigjährige Wiederkehr ihrer Emanzipation. Vor fünfzig Jahren nämlich, nach dem Ausgleiche von 1867, erklärte das ungarische Parlament die Juden sowohl im bürgerlichen wie im politischen Sinne für gleichberechtigt. Es war dies eine Schuld, mit deren Abtragung nicht mehr gezögert werden konnte, nicht nur den ungarländischen Juden, sondern auch der westeuropäischen Kultur gegenüber. War doch Ungarn — mit Ausnahme von Rußland und,=Rumänien — der letzte europäische Staat, der den Juden die Gleichberechtigung gewährte. Die Emanzipation der Juden in Ungarn war die letzte Welle des Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Im Auslände begannen damals schon andere Winde zu wehen; der Antisemitismus erhob sein Medusenhaupt überall. Darin erreichte übrigens auch Ungarn gleich das Niveau der europäischen Zivilisation. In den Siebzigerjahren begann ja die Tätigkeit Istöczys und seiner Genössen im Parlamente, die im Ritualmordprozesse von Tisza Eszlär im Jahre 1882 ihren Höhepunkt erreichte. Wenn ich sagte, daß die Feier von der ungarländischen Judenheit begangen wurde, so ist das natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen. Denn eine ungarländische Judenheit existiert bloß in der Welt der Begriffe, nicht aber in der der Wirklichkeit, da die erste Bedingung, um von einer Gemeinschaft sprechen zu können, das Vorhandensein einer öffentlichen Meinung ist. Wenn irgendwelche, so sind es aber die ungarischen Juden, bei denen von einer öffentlichen Meinung nicht die Rede sein kann. Es waren bloß einige wenige, vielleicht zehn an der Zahl, die „Führer“ der schwindet, und auch der Verkehr der Familien unter einander wird durch die Entfernungen der großen Stadt außerordentlich erschwert. So wächst eine neue Generation heran, die das Judentum mit seinen religiösen und ethischen Werten nur noch vom Hörensagen kennt, für die eine Sabbath- oder Festtagstimmung nur noch eine leere Phrase ist. Selbst für Häuser, in denen jüdisches Lgben pulsiert, fehlt außerhalb der vier Wände das verstärkende Echo durch die Gemeinschaft. * Wie anders stellt sich das Bild dar, wenn wir uns eine jüdische Gartenstadt in der Nähe einer Großstadt vergegenwärtigen. Ohne die Vorzüge der Großstadt mit ihren reichen Bildungsmöglichkeiten zu entbehren, lebt hier eine Jugend, umgeben von Licht und Luft, im eigenen Heim, in jüdischer Umgebung, von frühester Kindheit an iii den Händen jüdischer Lehrer und im Kreise jüdischer Spielgefährten und Kameraden, in einer Gemeinde, deren harmonische und ästhetische Wohnanlagen eine Synagoge, eine Schule, einen geräumigen Sportplatz mit jüdischem Vereinshaus umfassen, die ganz von selbst ein froher Mittelpunkt jüdischen Lebens werden muß: Welch ein Bild gegenüber dem heutigen Dahinvegetieren in jüdischer Beziehung! Wir erwarten von mancher Seite das Bedenken, daß durch unsere Gründung antisemitische Tendenzen bestärkt werden könnten. Abgesehen davon, daß dies bei der Besonderheit des Vorschlages, den wir zu machen haben, ohnehin in Wegfall kommt, soll man dieses Argument nicht allzu tragisch nehmen. Es erscheint immer da, wo wir als Juden an irgend eine neue Sache herantreten. Es erschien bei der Gründung der Logen, der Studentenvereine, der Sportvereine, und immer hat es sich als nichtig erwiesen. Wenn schließlich einzelne Zionisten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.