Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438678--5607-2445601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XII. Jahrgang. — Nr. 3 Naiional-jüdifches Oigan Erscheint wöchentllcheinmal Redaktion: Wien il/s, Zirkusgaßse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag v<jn 11— 1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Farnsprech-Mummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 18. Jänner 191815. Schewat 5678 Eiitz«lnun»m«r 30 H«H*r Verwaltung:: Wien H/3, Zirkusg. 33 Geschäftskunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzegen und Beilagen nach Tarif Postspar Scasseii-Konto133.404 1 tili off? Ing R. StrloKer: Der österr. Judenkongreß. — J. H. Kann über ilas Interview Dr. beckers mit Talaat; Pascha — Or. Mayer Ebner: Die Juden in der lllHctli* russ. Revolution — Zum Projekt der jüd. Gartenstadt bei Berlin — Flüchtlingsschutzgesetz — Die Emanzipationsieier der pngar. Juden usw. Der österreichische Judenkongreß Man kann heute bereits davon absehen, über die Notwendigkeit der Einberufung eines österreichischen Judenkongresses zu schreiben. Die Erkenntnis, daß die Juden Oesterreichs zur Welt, zu den Völkern und zu ihrer Regierung sprechen müssen, ist zu allen gedrungen, welche sich überhaupt noch einen Zusammenhang mit dem jüdischen Volkstume gewahrt Iiaben. Es handelt sich nunmehr darum, Klarheit zu schaffen, w i e der Kongreß organisiert sein muß, um sich zur würdigen und eindringlichen Kundgebung eines zielbewußten Volkes zu gestalten. Würdig kann der Judenkongreß nur dann verlaufen, wenn seine innere Freiheit, seine völlige Unabhängigkeit von fremden Einflüssen und Interessen gewahrt ist. Jeder Teilnehmer muß von dem Gedanken durchdrungen sein, daß er ausschließlich dem jüdischen Volk zu dienen hat und keinem anderen Herrn daneben. Er muß an die Zukunit des jüdischen Volkes glauben und in der Arbeit für die Sicherung dieser Zukunft die erste Pflicht jedes Juden erkennen. Von dieser Bedingung absehen, hieße den Kongreß zur Würdelosigkeit verurteilen. Ueber. sie hinaus kann der Kreis der Teilnehmer nicht gezogen werden.. Man braucht nicht zu fürchten, daß dieser Kreis zu eng geraten wird. Er reicht weit über die Grenzen der bestehenden jüdischen Parteien und Organisationen hinaus. Er umfaßt die überwältigende Mehrheit der österreichischen Judenschaft. Außerhalb stehen nur solche, die sich Innerlich vom Judentum losgesagt haben, sei es aus Ueberzeugung oder Selbstsucht, nur jene, die im Judentume eine lose, lästige Gemeinschaft erblicken, aus welcher sie in fremdnationale Gemeinschaften zu flüchten trachten. Das sind die Judendeutschen, Judenpolen und Judenböhmen, welche in ihrem Tun und Lassen nicht darauf achten, was dem jüdischen Volke frommt, sondern was ihren fremden Herrn beliebt. Sie können an einem Kongresse, welcher n u r dem jüdischen Volke dienen soll, nicht teilnehmen, ohne ihre Auftraggeber oder, was wahrscheinlicher ist, den Kongreß selbst zu betrügen. Sie können nicht mit reinem Herzeii und ohne Hintergedanken miiberaten.' Ihre Teilnahme muß die Versammlung entwürdigen, den Judenkongreß indirekt unter die Fuchtel fremdnationaler, meist antisemitischer Parteien bringen. Auf ihre Mitarbeit muß und kann ruhig 'verzichtet werden. Sie scheinen Viele und sind in Wirklichkeit Wenige. Sie haben es nur verstanden, sich dank fremder Hilfe und jüdischer Gleichgültigkeit in den Vordergrund zu drängen, sie reden laut und schreiben viel, sie haben öffentliche Mandate an sich gerissen. Aber hinter ihnen steht eine verschwindende Minorität. Der Judenkongreß wird’s beweisen! Eindringlich und wirksam kann der Judenkongreß nur dann reden, wenn er tatsächlich vom jüdischen Volke beschickt erscheint, das heißt, wenn er auf Grund des uneingeschränkten, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes Zusammentritt. Jedem Juden, der sich zu seinem Volke bekennt, muß Gelegenheit geboten werden, für den Kongreß zu wählen, muß es frei stehen, sich uin ein Mandat zu bewerben. Nur dann wird die Stimme des Kongresses weithin schallen. Bleibt man aber beim äiteij Geldprotzen-, Protektions- und Schutzjudensystem, dann wird seine Stimme winselnd in den Vorzimmern der Regierung und der politischen Machthaber verhallen. Deshalb muß jede Anlehnung und jede Anpassung an den Gebrauch, nach welchem bisnun jüdische Vertretungskörper gebildet wurden, vermieden werden. Kein Geldsack und keine Ehrenstelle dürfen vom Kongreß als Legitimation anerkannt werden! Die Zugehörigkeit zu den bestehenden Vertretungskörpern, wie Kultus- und Vereinsvorständen, Parteiausschlüssen u. dgl. m. und der Besitz von Titeln und Auszeichnungen dürfen nicht als Maßstab genommen werden. Der Mehrzahl nach sind diese Mandate und Titel heute im Besitze der Reichen und „Ausgezeichneten“, d. h. der Rücksichtslosesten im Profitmachen und im Kriechen, von Leuten, welchen alles heiliger ist als das Wohl des jüdischen Volkes. Der Kongreß darf sich weder: yöm Steuerbeamten noch vom Ordensuiid Adelsreferenten irgend einer Regierungs- oder Kabinettskanzlei vorschreiben lassen, wer >von seiner Tribüne zu sprechen hat Die Entscheidung darüber muß rückhaltlos dem jüdischen Volke überlassen werden. Es darf auch nicht daran, vergessen werden, daß Hunderttausende österreichischer Juden unter cleji Waffen stehen. Die jüdischen Soldaten haben nicht nur ein Anrecht auf Berücksichtigung ihrer Wünsche für die Zukunft unseres Volkes, sie haben vor allem ein Anrecht darauf, daß, soweit die für sie geltenden militärischen Gesetze es gestatten, alles getan wird, um es ihnen zu ermöglichen, ihr jüdisches Volkstum zu bejahen und ihren Glauben an dessen Zukunft zu manifestieren. Ein österreichischer Judenkongreß, welcher sich auf diesen Grundsätzen aufbaut, muß und wird gelingen. Ing. Robert Stricker. JacobusH. Kann überdas Interview Dr. Beckers mit Talaat Pascha Herr Kann führte, von einem Mitarbeiter des Jüd. Korr.-Bureaus über den Eindruck befragt, den das in der „Voss.-Ztg.“ mitgeteilte interview atii ihn gemacht habe, folgendes aus: Die Veröffentlichung der Erklärung des üroßveziers bezüglich der Haltung der Türkei zum Zionismus wird damit motiviert, daß sie zur Beruhigung der öffentlichen Meinung beitragen soll. Ich muß zu meinem Bedauern sagen, daß dieser Zweck schwerlich erreicht wird. Ich habe zwar mit großer Genugtuung gelesen, daß der Großvezier die Loyalität der zionistischen Bewegung während des Weltkrieges ausdrücklich anerkannt hat und daß er zu schätzen weiß, was die Juden in Palästina 'geleistet haben, ich fühle mich jedoch zu gleicher Zeit verpflichtet, die Bemerkungen zurückzuweisen, welche der Großvezier in Bezug auf die englische Sympathieerklärung gemacht hat. Man kann diese schwerlich als „une blague“ qualifizieren, wie dies der Großvezier tat, wenn man sich daran erinnert, daß England gerade in den Zeiten, in denen die türkische Regierung sich besonders ablehnend gegenüber den zionistischen Bestrebungen verhielt, der zionistischen Organisation Uganda und Ei-Arisch für die Zwecke nationaljüdischer Kolonisation zur Verfügung zu stellen bereit war. Es versteht sich von selbst, daß alle Bürger Palästinas vor dem Gesetz gleich sein müssen. Aber wir wollen, daß Palästina wieder das „Jüdische Land“ wird. Nun weist der Großvezier selbst darauf hin, daß von einer wesentlichen Einwanderung nach Palästina angesichts der derzeitigen Aufnahmefähigkeit des Landes momentan nicht die Rede sein kann. In der Tat ist Palästina seit Jahrhunderten vernachlässigt und verwahrlost, entwaldet, teilweise verseucht, die Terassenaulagen zerstört und die Landwirtschaft auf primitivster Grundlage. Unser erstes Augenmerk muß ^tiso darauf gerichtet sein, die Aufnahmefähigkeit Palästinas erheblich zu verstärken. Diese Voraussetzung einer großzügigen Kolonisation in Palästina bedingt außerordentliche Investitionen: Irrigationen, Drainage, Aufforstung, Wegebauten, Ausnützung von Mineralien usw. Dies erfordert Millionen und abermals Millionen. Wir sind natürlich nur dann bereit, Menschen und Kapitalien nach Palästina zu leiten, wenn genügend Sicherheit für sie besteht. Was deshalb in erster Linie für uns notwendig ist, ist ein öffentlich-rechtliches Abkommen mit solchen Garantien, die es ermöglichen, eine geschlossene jüdische Siedlung durchzuführen, ohne befürchten zu müssen, durch. Schwierigkeiten von außen oder innen darin beeinträchtigt zu werden. Welche Vorteile eine derartige Entwicklung nicht nur für die Steuerverhältnisse des Landes und iür die bereits in Palästina Ansässigen zur Folge haben wird, ist so einleuchtend, daß ich darüber nichts weiteres zu sagen brauche. Wir müssen also Palästina eine viel schnellere Entwicklung geben, als dies voraussichtlich für andere Teile Vorderasiens zutreifen wird. Damit nimmt Palästina eine Sonderstellung in Vorderasien ein. Die Juden werden das Element bilden, das moderne Methoden Und moderne Technik in ein durchaus rückständiges Gebiet einführt. Andere Teile Vorderasiens verfügen über dieses Element nicht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit administrativer Vereinheitlichung Palästinas, damit die.Verwaltung des Landes und die Regelung aller seiner Verhältnisse ln Einklang gebracht werden mit der beabsichtigten Entwicklung des, Landes, unabhängig von jenen Allgem. Jüd. Arbeiterverein (Poale Zion) 11., SlefaniestraCe 2., Tür 34. Samstag, den 2. Feber I. J. um 1/2S Uhr abends findet im Festsaale des Hotel Continental (II., Taborstraße 6) ein großer : JiOisdier Ueto-Bboft * statt. Hervorragende Künstler haben ihre Mitwirkung bereits zugesichert. Karten zum Preise von: K 5.—, K 3.50, K 2.— und K 1.— sind zu haben: jn d,r Buchhandlung ß. Löwll, I., RolenturmslraBe 22, Im K ffee-Marienbrllcke ß„ Rotenturmstraße <51, im Modesalon Schon-, II., l.nssinglelliierplatz 2 und allabendlich In unserem Vereinslokale. Teilen Vorderasiens, die diese Entwicklung in absehbarer Zeit nicht haben werden. — Die Juden iiaben aber ein Recht darauf, endlich zu Ruhe zu kommen. Wir sind des ewigen Wanderns müde. Wir haben ein unbestreitbares historisches Recht auf unsere alte Heimat Palästina. Und ehe dieses Recht mit seinen Konsequenzen allzeitige Anerkennung gefunden hat, können wir nicht zur Ruhe kommen. Wir wollen die Sicherheiten für eine geschlossene Ansiedlung auf der Grundlage einer Landwirtschaft treibenden Bevölkerung. Wir wollen nach den ungeheuren Anstrengungen und dem außerordentlichen Aufwand an Geldmitteln, die unserer in Palästina harren, nicht wieder riskieren, daß wir — wie bisher so oft, wenn wir Schrittmacher der ökonomischen Entwicklung rückständiger Länder gewesen sind — wieder ausgetrieben werden, _ wenn wir diese Funktionen erfüllt hatten. — Wenn die türkische Regierung, gleich England, die Gerechtigkeit unserer Ansprüche auf Palästina anerkennen wird, dann würde sich über die Form, wie diesen Ansprüchen zu genügen ist, reden lassen. — Wir wissen, daß die zionistischen Bestrebungen von dem größeren Teil der gesamten zivilisierten Welt moralisch unterstützt werden. Das Wesentliche, worauf es ankommt, ist, daß es möglich scheint, schon heute zu einer allgemeinen Verständigung über die Zukunft Palästinas zu gelangen. Die Juden in der russischen Revolution Von Dr. E. Mayer Ebner. II. Kurz vor Ausbruch der Revolution hatte ich Besuch von drei jüdischen „Politischen". Die russischen Revolutionäre sind Doktrinäre, sie diskutieren leidenschaftlich gern, eine Erscheinung, die mau in v o r revolutionären Zeiten überall beobachten kann. Es waren drei interessante Menschen, die ich da in dem weltfernen sibirischen Dorfe kennen lernte, jeder der Typus einer ganzen Gattung. Es waren zwei junge Männer und ein Mädchen. Der eine sah wie ein Russe aus und war jüdischnationaler Sozialist (Bund), der zweite hatte den edelsten Typus der jüdischen Rasse (Christuskopf). Er war internationaler Sozialist, für den das Judentum ein Nebenproblem ist. Das Mädchen hing in Verzückung an den Lippen ihres schönen Genossen, und ich fragte gar nicht mehr nach dem politischen Glaubensbekenntnis der Jungfrau. In dieser Gruppe, die auch äußerlich aufnel — die Männer trugen langes, das Mädchen kurzes Haupthaar —, lernte ich Vertreter der zwei Hauptrichtungen unter den jüdischen Revolutionären kennen. Ich fragte sie nach den Aussichten einer Revolution, denn schon Ende 1916, als noch der Zar der Herrgott im russischen Lande war, wurden Proklamationen aufrührerischen Inhaltes im entlegensten Dorfe verbreitet. Aber meine jüdischen Revolutionäre meinten übereinstimmend, daß sie von einer Revolution während des Krieges nichts, von einer Revolution nach dem Kriege alles erwarteten. Sie glaubten aber überhaupt nicht an die Möglichkeit einer revolutionären Erhebung vor Beendigung des Krieges. Um so größer war die Ueberraschung, als in den ersten Tagen des Monates März a. St. die •, halbjährüch K 7.-. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich K 4.