Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 2 (11.1.1918)
- Date
- 1918-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 die ganze Menschheit wollten sie leben und — wenn es sein muß — auch sterben. Ihr Vaterland liebten sie alle und als ich einen jüdischen Verschickten — einen Schneidergehilten aus Odessa — fragte, wie es denn komme, daß er dieses Stiefvaterland lieben könne, antwortete er mir schlicht und klar: „Wir hassen den Zarismus, aber wir lieben das gutmütige russische Volk, wir lieben das Land, in dem wir leben, die Erde, in der die Gebeine unserer Eltern und Ureltern ruhen." Das war die seelische Verfassung jener, die der russische Autokrat doppelt verfolgen zu müssen glaubte — als Juden und als Staatsverräter. Ein eigenartiges Bild bot die russische Judenschaft bis in die letzten Februartage des Jahres 1917. Etwa dreiviertel Millionen jüdischer Männer standen an der Front oder lagen in namenlosen Soldatengräbern. Tausende waren für Tapferkeit mit Georgskreuzen ausgezeichnet, aber keiner war würdig, Offizier zu sein. Alle jüdischen Kreise wetteiferten in der Förderung der für den Krieg arbeitenden Institutionen, aber wer erbarmungslos nackt und elend als Erste aus ihrer Heimat verjagt wurden, waren die Juden. Ungestraft durften Purischkiewicz und' Genossen in der Duma und die Polizei in geheimen Zirkulären gegen die Juden hetzen. Systematisch wurden die Leidenschaften gegen die Juden erregt. Nach altem Muster sollten die Juden der Sündenbock für den verlorenen Krieg sein. Selbst der große Generalstab entbiödete sich nicht, in seinen Berichten die Juden für die militärische Unfähigkeit der Generale verantwortlich zu machen. Die Gouverneure bis zum letzten Tschinownik herab wetteiferten in der Verfolgung und Verhöhnung der Juden. Nur ein charakteristischer Vorfall, den — ich glaube der „Rjetsch“, das liberale Blatt der Kadetten — anfangs 1916 veröffentlichte. Eine heimlose, aus Russisch-Polen evakuierte Jüdin klagt dem Gouverneur von.*) ihre Not und ihr Elend. Hiebei weinte die arme Frau. Darauf sagte der Gouverneur wörtlich: „Weinen Sie nicht, denn ich freue mich, wenn ich einen Juden weinen sehe.“ Die Duma war erzreaktionär, die Polizei bereitete Pogrome vor, die Bureaukratie war von dem oben gekennzeichneten Geiste beherrscht, Gott war im Himmel und der Zar für die Juden unerreichbar und unerweichbar. Die Lage der Juden erschien hoffnungslos. So lagen die Dinge, als in den letzten Tagen des Februar 1917 alten Stils die Kunde von dem Umsturz in Petersburg bis in unser Verbannungsaori drang. Die Katastrophe von Saloniki ln der letzten Versammlung des Board of Deputies brachte der Präsident Sir Stuart S am u e 1, von Lord Rothschild unterstützt, den Bericht des Komitees für die auswärtigen Angelegenheiten vor. Er erklärte, zwei Briefe vom Komitee der jüdischen Gemeinden Italiens erhalten zu haben, von denen der eine die Aufmerksamkeit des englischen Kabinetts auf die bekannte Gesetzesvorlage der griechischen Regierung bezüglich Enteignung des von der Fencrsbrunst heimgesuchten Teiles Salonikis lenkt. Bezüglich des ersten Briefes wurde beschlossen: 1. Eine Abschrift davon dem Foreign Office zu unterbreiten, mit der Bitte, einen Bericht des englischen Vertreters in Saloniki zu verlangen; 2. eine Unterredung des Präsidenten und Lord Rothschilds mit Venizclos zu ermöglichen; 3. sich zu erkundigen, ob die Anglo-Jewish Assoziation einverstanden -sei, ähnliche Schritte zu unternehmen. — Der Präsident Lord Rothschild, N. S. O. H e nr i q u e s und B. S. Strauß sollen als Delegierte mit den Vertretern der Anglo-Jewish Assoziation zusammentreten, um einen gemeinsamen Plan iestzusetzen. Sir Stuart S a ui u e I, Präsident des Board of Deputies, Lord Rothschild und Mr. Charles Emanuel wurden von V e n i z e 1 o s empfangen, um seine Meinung in Bezug auf die Lage der Juden Griechenlands und insbesondere Salonikis zu hören. Venizelos erklärte sich als guter Freund der Juden jenes Landes. „Griechenland“, sagte er, „ist ein sehr tolerantes (!) Land. Auch vor dem Kriege waren die Beziehungen der Juden zu ihren Mitbürgern sehr freundlich; seit dem Kriege hat diese Freundlichkeit zugenommen.“ Bezüglich der Enteignungsvorlage für Saloniki erklärte Venizelos, froh zu sein, einmal darüber sprechen zu können. Die Feuersbrunst zwingt die griechischen Behörden, eine neue Stadt zu bauen; dabei ist es nicht möglich, sich an den alten Plan zu halten. Architekten und Ingenieure werden einen neuen Plan ausarbeiten. Man hat beschlossen, das ganze Areal abzukaufen und zwar nach dem Werte, den es vor. dem Brande hatte. Man wird eine Auktion veranstalten und die Mehreinnahmen über dem Schätzungswert werden unter den Beschädigten verteilt werden. Bis mm die Enteignung ausgeführt wird, gibt inan den Besitzern Schatzbons. Nur so kann die Ausnützung des Unglücks durch Betrüger verhindert werden. „Ich kann erklären“, schloß Venizelos, „daß cs für die Stadt ein Unglück wäre, wenn die Juden auswandern sollten, da sie dadurch jene Kräfte verlieren würde, die sie zur heutigen Blüte gebracht haben. Es wird ein Fachmann den Wert des Bodens festsetzen '") Meine Aufzeichnungen und Tagebücher mußte ich noch in Sibirien aus Furcht vor Hausdurchsuchungen vernichten, ich behielt daher nur die Tatsachen und nur wenige Namen im Gedächtnis. und alle möglichen Garantien für gerechte Schätzung sollen geliefert werden. Es wird in unserer Aktion, die. wie ich hoffe, jedem zunutze kommen wird, keine Parteilichkeit geben.“ Durch diese Vorlage werden bekanntlich Tausende jüdischer Familien um ihr Heim gebracht und zur Auswanderung gez.w ungen. Die Schädigung der Abgebrannten ist doppelt groß, da die Zahlungen nicht in Barem, sondern in griechischen Schatzbons erfolgen sollen. Die ganze Aktion richtet sich gegen die Juden, die zumeist spaniolisciien Ursprungs sind, weil sie in Saloniki im wesentlichen die Träger der gegen Venizelos gerichteten königetreuen Politik sind. Durch die Besprechung Venizelos mit den Vorstandsmitgliedern des Board of Deputies wird die Nachricht von der beabsichtigten Enteignung des vom Brande heimgesuchten Areals in Saloniki und von der Bezahlung durch Schatzbons bestätigt. Da aber nicht nur jüdische, sondern auch italienische Interessen im Spiele stehen, hofft man, daß die Regierungen Englands und Italiens Schritte bei der griechischen Regierung unternehmen werden. Indessen sind die Nachrichten aus Saloniki noch immer sehr ernst, denn 2133 Familien sind gezwungen, unter Zelten zu wohnen. 700 wohnen in Pferdeställen unter den Hangars und mehrere Tausende in kleinen Zimmern und Kellern gedrängt. An den Wiederaufbau der Stadt kann infolge der griechischen Projekte nicht gedacht werden. Die Not ist sehr groß, und wenn nicht von der gesamten Judenheit große Unterstützungsaktionen unternommen werden, besteht die Gefahr schlimmer Krankheiten und des Unterganges für Tausende unserer Brüder. Was bis ietzt an Geld, Kleidern und Lebensmitteln gesammelt wurde, hat kaum iiir die erste Hilfe genügt. Aus der jüdischen Welt Selbstschutzorganisation der Juden in Rußland. Die Antisemiten Rußlands haben den-, Bürgerkrieg nicht ungenützt vorübergeheu lassen und in den Städten, wo sie daran nicht gehindert wurden, regelrechte Pogrome veranstaltet. In einzelnen Sdidten stießen sie jedoch auf energischen Widerstand, denn die heimgekehrten jüdischen Soldaten ain Vereine mit Freiwilligen organisierten einen kräftigen Selbstschutz, der eine Ausdehnung der Pogromhetze im Keime erstickte oder sie rechtzeitig eriidämnße. In Petersburg organisierte sieh ein „Stab des jüdischen Selbstschutzes", der einen Aufruf an sämtliche jüdischen Soldaten erließ, in dem unter anderem ausgciiihrt wird. „Durch den neuen politischen Konflikt wurden die Aufmerksamkeit und die Kraft beider gegeneinander kämpfenden Parteien von jenen finsteren Mächten abgelenkt, welche die gegenwärtige verworrene Situation für ihre gcgem-avolutiontiren um? antisemitischen Ziele atisiiü’zeu wollen. Die Pogrotustimmung wächst zusehends und jeder Tag kann dem russischen Judentum neue Leiden bringen. Wir dürfen nicht länger zuwari'eit, wir sind gezwungen. einen Schutz, einen Selbstschutz, zu organisieren. Der „Stab des jüdischen Selbstschutzes" isa eine uichtpolitisclte Organisation und hat die einzige Aufgabe, gegen die Entstehung von Pogromen zu kämpfen, uns gegen Pogrome zu schützen." Die Selbstschutz-Organisationen mehren sich täglich und haben in einzelnen Städten, wo sie besonders geschickt funktionieren, auch die gewünschten Resultate gezeitigt. Die Verschiebung des jüdischen Kongresses in Rußland. Das Organisationskomitee des jüdischen Kongresses in Rußland veröffentlicht folgende Mitteilung: Die allgemeine Lage im Lande und die anormalen Bedingungen, die eine Verbindung zwischen dem Zentrum und der Provinz erschweren. die Geschehnisse in den verschiedenen Orten, die die Organisationsarbeit! für den jüdischen Kongreß hemmen, veranlassen das Organisationskoniitee, seinen Beschluß in Bezug auf den Termin der Wahlen und auf den Zeitpunkt des Zusammentrittes des Kongresses zu ändern. In seiner Sitzung vom 5. November bestimmte das Organisationskomitee als Termin für die Wahlen, statt des 3., 4. und 5. Dezember, den 7., 8. imcT9. Jänner (20.. 21. .und 22. Jänner neuen Stils). Der Kongreß tritt nicht am 28. Dezember, sondern Eivde Jänner (Anfang Februar neuen Stils) zusammen. Der Tag der Eröffnung des Kongresse sowie, der Ort. an dem er srattüuidet, werden später bestimmt werden. Opferwiiligkeit russischer Juden für das Palästinawerk. Der auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes neugcwählte jüdische Gemeinderat in Moskau hielt eine außerordentliche Sitzung zur Feier der englischen Erklärung über den Zionismus ab. Der Gemeinderat iaßte eine Resolution, in der er erklärt, daß er es für seine freudige Pflicht halte, die Initiative der englischen Regierung zu begrüßen, in der der festen Ueberzeugung Ausdruck gegeben wird, daß die englische Erklärung in der gesamten Judenheit den lebhaftesten Wiederhall finden und auch sie dazu aneifern wird, ihre Kräfte für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina zusammenzuiassen. — Die jüdische Gemeinde in Odessa hat anläßlich der bekannten Erklärung B a 1 f o u r s über den Zionismus, den Beschluß gefaßt, eine Million Rubel zu sammeln iiir die Gründung einer jüdischen Kolonie in Palästina auf genosseiichaftlicher Grundlage. Ein judenreiner Städtetag in Polen? Zur Warschauer Städtetagung wurden sämtliche Stadtriite und Magistrate in Polen eingeiadeu mit Ausnahme der Stadt B e n d z i n. deren Stadtrat sich aus lauter Juden zusammensetzt. Die jüdischen Neue jüdische Bücher 1) Dr. Nathan Birnbaum - Sattes Vofä K 1.65. 2) Sigmunö Mayer - Die Wiener Juden 1700—1900. broseh. K 7.70, geb. K 11.— 3) 3 L. Perez - CQassibisdJe Sesd}id)ten broseh. K 6.60, geb. K 10.— 4) Stefan Zweig - Jeremias broseh. K 7.04, geb. K 8.80 5) Arno Nabel - Ttbam broseh. K 7.04, geb. K 8.80 Buchhandlung fiir jüdische Literatur R. Löwit (Dr. Mayer Präger), I., Rotenturmstr. 22 Ratsmänner schlugen den polnischen eine gemeinsame Liste zur Wahl der vier Vertreter für den polnischen Städtetag vor. Den Juden sollte dabei ein Platz überlassen werden. Der Vorschlag wurde ohne weiteres abgelehnt und „man hatte das Gefühl, daß die Leute einen Befehl von außen haben, daß die Konferenz der polnischen Städte judenrein sein soll“. Die „Vereinigung der rumänischen Juden in Amerika“ entfaltet gegenwärtig eine größere Tätigkeit zwecks Erlangung der Emanzi pazion ihrer Brüder in der Heimat. Eine Reihe jüdischer und niehtjiidischer Politiker von Ruf nahmen an der Festlegung des Prograinmes der Aktion teil. Im Namen der Vereinigung sandte der Vorsitzende des Bne-Brith-Ordens Ad. K r a u ß eine Depesche au W i 1 s o li, in der die gegenwärtige Lage dier Juden in Rumänien geschildert und’ der Präsident auigefordert wird, seinen Einfluß auf das verbündete Rumänien geltend zu machen. Die englische Arbeiterschaft zum* Judenstaat. Einem Havas-Telegramni zufolge wurde vom parlamentarischen Komitee der Trade Union und dem Exekutivkomitee der Arbeiterpartei ein Memorandum über die Kriegsziele vorbereitet. Bezüglich der Paiästinatrage enthält es folgende Stelle: „Palästina soll von der türkischen Regierung befreit werden und einen freien Staat mit internationaler Garantie bilden, einen Staat, in den die Israeliten, die es wünschen, z u r ii c k k e h r e n können, um s i c Ii dort ii i e d e r z u 1 a s s e n." Der Vatikan gegen die zionistischen Bestrebungen? Die „Neuen Züricher Nachrichten“ bringen folgendes Telegramm aus Rom: „Die Pariser Meldung, wonach die französischen Zionisten der englischen Regierung fiir ihr Versprechen, in Palästina einen Judenstaat zu gründen, ihren Dank kundgebeii werden, wird in vatikanischen Kreisen mit Befremden mitgenommen. Die Lösung wird vom Hl. Stuhl als ein sctiwerer Airont nicht mir gegen die katholische Kirche. ^(Indern gegen die ganze Christenheit anfgefaßt. Sofern sicii die Nachricht bestätigt, ist damit zu rechnen, daß der Hl. Vater in nächster Zeit schon unzweideutig seine Ansicht ü i1 c n 11 i c h kimdglbt. Es dürfte nicht schwer sein, den Nacitweis zu leisten, daß die zionistischen Forderungen außerhalb des Natioiialitätenprogramms behandelt werden müssen.“ Dieser Drahtberieht klingt reichlich verwirrt. Man hat keinerlei Berechtigung, au der wohlwollenden Stellung des Papstes, die er in der bekannten Unterredung mit S o k o i o w ktmdgab, zu zweifeln. Zwei jüdische Minister zählt die neue italienische Regierung: Morpurgo als Unterstaatssekretär für Handel und Industrie und Reggio für das Verkehrswesen. Antisemitismus in der Schweiz. In der außerordentlichen Sitzung des Großen Rates von Basel vom 29. Novetnher 1917 stellt Dr. E. Wormser folgende Anfrage: „Ist dem Regierungsrat bekannt, 'daß in der Stratgerichtsveriumdhmg vom 2b. November 1917 gegen den .Basler Vorwärts' zwei hohe Gericlitsbeanite antisemitische Erklärungen abgegeben haben, und wie beurteilt er die Tatsache. daß solche Aeußcrungcn die Unparteilichkeit der Untersuchungsbehördc bei weiten Volksschichten in Frage stellen." Der Interpellant verliest den Bericht des „Vorwärts" über die Gerichtsverhandlung und zitiert weitere, angebliche Aeußerungen eines Gerichtsbeamten, die von Zeugeil bekundet, vorn Betreffenden aber in Abrede gestellt wird. Die Verhandlungsberichte hätten in der ganzen jüdischen Bevölkerung Aufregung hervorgerufen. umsomehr, als die Ausdrücke als Austluß eines blinden fanatischen Hasses aufgefaßt werden müssen, durch den eine ungleiche Behandlung der vor den Beamten erscheinenden Personen zu erwarten sei. Im Namen der ganzen jüdischen Bevölkerung bestreitet der Redner die Behauptung, daß die Juden die Schuld an der Teuerung trügen. So wenig sie schuld am Weltkrieg sind, so wenig sind die Juden die Ursache des Lebcnsmittelmangcls. Eine derartige Behauptung läßt fast auf einen pathologischen Judenhaß bei dem betreffenden Untersuchungsrichter schließen. Regienmgsrat Dr. f nt Ii o f teilt mit. daß die itn „Vorwärts" gegen die Staatsanwaltschaft erhobene An- . schuldiguiig des Antisemitismus zu einer Strafklage gegen den „Vorwärts" geführt hat. Die als Zeugen einvernoinmenen Staatsanwalt itnd Untersuchungsrichter haben aus freien Stücken erklärt, sie seien keine Freunde der Juden. Der Regierungsrat erachtet als seine Pflicht, über die unparteiische Ausübung aller Aemter zu wachen, lehnt es aber ab. die Gesinnungen der Beamten zu kontrollieren. Dr. Wormser vertritt nochmals die Ansicht, daß antisemitische Gesinnung geeignet sei, die Unparteilichkeit eines richterlichen Beamten zu beeöiilusse». Die jüdische Bevölkerung kann kein Zutrauen mehr zu den beiden Beamten haben. Beeilt Euch mit der Einsendung der Abonementsbeträge!