Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITütJQ Nr. I und zur Anerkennung dej Nationalitäten, die schweren Blutopfer, die die Juden überall willig gebracht, machen solche Besorgnisse wahrhaft überflüssig. Das Verständnis für die politischen Zusammenhänge mit der jüdischen Frage ist mit der fortschreitenden Politisierung der Welt gestiegen. So mußte sich auch in vielen führenden jüdischen Kreisen der Widerstand gegen die palästinensischen und nationalen Aspirationen der jüdischen Masse abschwächen. Für diese Entwicklung sind Länder wie Amerika. Kanada. Südafrika. England. Rußland. Italien charakteristisch. Die deutsche Judenheit steht noch am weitesten zurück. Es gilt für sie. wieder den Anschluß an das Gesamtiudentum zu finden. In den letzten vierzig Jahren hat das deutsche Judentum in allen Fragen der jüdischen Gesamtheit, in der Auswanderungsfrage, in der Palästinafrage, im Kampf um die Durchführung der Gleichberechtigung, eine führende Rolle gespielt Es wird sich fragen, ob es die Fälligkeit haben wird, sich auf die veränderte Lage in der jüdischen Welt einzustellen und seine starken Kräfte auch weiterhin der jüdischen Gesamtheit zur Verfügung zu steilem Wir Zionisten wollen unseren Teil dazu beitragen. Mehr als ie drängt die Zeit zur Einigkeit im Judentum. Die jüdischen Probleme sind klarer, der jüdische Wille ist eindeutiger geworden. Alle Voraussetzungen zur Zusammenarbeit sind gegeben. In Rußland und Amerika, den beiden größten Zentren des jüdischen Volkes, ist die Einigung unter dein Banner der Kougreßbewcgung vollzogen. Wir hoffen, daß auch die deutsche Judenheit bald für. eine solche Einigung reif sein und eine, deutsch-jüdischen Verhältnissen angepaßte Kongreßbewegung sehen wird. Die Aufgaben, die dem deutschen Zionismus obliegen, sind gewaltig. Wir müssen daher große und bisher unbekannte Anforderungen an Ihre Arbeitsfreudigkeit und Opfcrwilligkeit stellen. Wir sehen aber die Saat aufsprießen, die wir in zwanzigjähriger mühsamer KIeinarbeit_gesät haben, und wir dürfen hoffen, auch ihre rrtichte noch genießen zu können. Dieses Bewußtsein mag uns über manche schwere Stunde hiinveghelfen, die noch kommen wird und wird uns die Kraft geben, die Aufgaben, die eine schwere Zeit stellt, ehrlich und treu zu erfüllen. * Ein Bericht über den Verlauf der Versammlung wird folgen. Das Endergebnis vorwegnehmend. teilen wir die Resolutionen mit, die am Schlüsse gefaßt .wurden: 1. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland spricht dem Aktionskomitee der Zionistischen Organisation ihr volles Vertrauen und ihre Anerkennung für die erfolgreiche Tätigkeit des Aktionskomitees aus. 2. Die Z. V. f. D. stellt mit besonderer Befriedigung fest, daß es dem Aktionskomitee der Zionistischen Organisation gelungen ist. durcli seine politischen Bemühungen das Ansehen der Bewegung in der OeffcntlichkeiL bei den Regierungen und bei den Völkern außerordentlich zu stärken und die Grundlagen des Kolonisationswerkes in Palästina im wesentlichen unversehrt zu erhalten. Die Z. V. f. D. dankt der deutschen Reichsregieruvtg für das wohlwollende Interesse, das sie während der gesamten Kriegsdauer der jüdischen Siedlung in Palästina zugewandt hat 3. Die Z. V. f. D. erklärt feierlich, daß die zionistische Bewegung nach den Worten Theodor Hcrzls von dem Wohlwollen aller Mächte und aller Völker getragen sein muß. Die zionistische Bewegung widerspricht keinem Interesse irgendeiner Macht oder irgendeines Volkes, sondern sie dient durch ihr friedliches Kolonisationswerk in Palästina den Interessen der gesamten Kulturmenschheit Die Z. V. f. D. begrüßt daher mit Befriedigung die Tatsache, daß die englische Regierung in einer amtlichen Erklärung das Recht des jüdischen Volkes auf ein nationales Leben in Palästina anerkannt hat. Sie nimmt mit Dank die . Erklärung des österreicliischen-ungarischeii Ministers des Aeußern zur Kenntnis, daß die österreiclüsch-ungarische Regierung dem Zionismus sympathisch gegenübersteht und bereit ist, die 'zionistischen Bemühungen bei der türkischen Regierung zu unterstützen. Wir geben der Hoffnung ^Ausdruck, daß es dem Aktionskomitee gelingen wird, die Zustimmung aller Großmächte und insbesondere der Türkei zur Durchführung der zionistischen Bestrebungen zu erlangen. 4. Die Z. V. f. D. fordert, daß bei der Neuregelung der Verhältnisse in Osteuropa die jüdische Frage entsprechend den anderen Nationalitätenfragen berücksichtigt und geregelt wird und daß der jüdischen Minorität die gleichen Rechte zur Wahrung ihres Volkstums und iiirer Kultur sichergestellt werden wie den anderen Minoritäten. Wir fordern daher insbesondere, daß den Juden in Polen und Litauen eine nationalkulturelle Autonomie gewährt wird. - 5. Die Z. V. f. I). stellt fest, daß Rumänien der einzige europäische Sthat ist. der den Juden die Gleichberechtigung verweigert. Rumänien hat die Verpflichtungen nicht erfüllt, die es durch die Berliner Kongreßakte übernommen hat. Wir hoffen zuversichtlich, daß die deutsche Regierung bei den kommenden Friedensverhandlungen die uneingeschränkte Gleichberechtigung für die rumänischen Juden durchsetzen wird. oo Der Bezug der oo jüdischen Zeitung kann ^|#de Woche beginnen Die Türkei und der Zionismus Unterredung mit dem Großwesir. Von Dr. Julius Becker. Sonderberichterstatter der „Vossischen Zeitung". Diesen Artikel entneturoi wir dem Abendblatt der .Voss. Zig.“ vom 31. Dez. Man muß annebmen, daß ihm der Wert einer offiziellen — Ä ißerung der türkischen Keg:er.<ng zukommt. Konstantiiiopel, im Dezember 1917. Bei der Neuordnung Europas, ja, der ganzen Welt nach dem Kriege, verlangt naturgemäß auch ein Problem seine Erledigung, bei dessen Erörterung man sich früher gern mit einigen Redensarten aus der Verlegenheit geholfen hat, das jüdische Problem. Auch in der deutschen Presse hat die Behandlung der zionistischen Bestrebungen in Palästina in letzter Zeit breiten Raum gewonnen, und es wurde besonders die Frage aufgeworfen, wie sich die türkische Regierung eigentlich zu diesen Bestrebungen verhalte. Ich hielt es deshalb für angezeigt, mich bei der kompetentesten Stelle, dem Leiter der türkischen Regierung selbst, über die Stellung der Kaiserlich ottomanischeu Regierung zu dieser Frage zu erkundigen. Durch die liebenswürdige Vermittlung unseres hiesigen Botschafters, des Grafen Bernstorff, der ja aus seiner langjährigen amerikanischen Tätigkeit her einen großen Teil des jüdischen Problems aus eigenster Anschauung kennt, wurde es mir möglich, Seine Hoheit den Großwesir Talaat Pascha über die für die jüdischeit Palästinabestrebüngen wichtigsten Punkte zu befragen. Den wesentlichen Teil dieser Unterredung gebe ich hier wieder, und ich darf darauf hinweisen, daß die türkische Regierung während des Krieges hier zum ersten Male sich zu den gerade jetzt so aktuell gewordenen zionistischen Zielen äußert. Aus diesem Grunde dürften die Erklärungen Talaat Paschas jetzt nach dem Briefe Balfours und der zionistenfreundüchen Aeußerung des Graten Czernin, die er jüngst' dem Berliner Zionistenführer Dr. Hantke gegenüber getan hat, besonderem Interesse begegnen. Das Gespräch mit dem Großwesir, der mich in seinem Arbeitszimmer in der Hohen Pforte in Gegenwart des Scheich ul Islam auf das liebenswürdigste empfing, verlief im einzelnen folgendermaßen: „Eure Hoheit waren so liebenswürdig, mir auf Empfehlung des Grafen Bernstorff diese Unterredung zu gewähren und sind wahrscheinlich aucit über den Zweck meines Besuches unterrichtet. Ich hatte die Absicht, mich auf Grund der freundlichen Einladung der ottomanischen Regierung nach Palästina zu begeben, um mich an Ort und Stelle über die Lage der Dinge zu unterrichten. Meine Reise ist nun leider durch die militärischen Ereignisse unmöglich geworden, und ich wäre sehr dankbar, wenn Eure Hoheit mir Ihre Ansicht darüber mitteilen wollten, welche Haltung die Kaiserliche Regierung in Zukunft gegenüber, den' jüdischen Bestrebungen in Palästina einnehmen wird.“ „Wir waren stets von den besten Gefühlen für unsere jüdischen Mitbürger beseelt, und die Juden unseres Reiches waren uns immer ebenso lieb wie unsere anderen Bürger. Die Türkei ist ja das einzige Land, das nie eine antisemitische Bewegung gekannt hat, wie Sie in allen anderen Ländern finden. Bei uns hat es nie judenfeindliche Regungen gegeben, die auf die Politik unseres Landes hätten Einfluß gewinnen können.“ „Das ist mir wohlbekannt, und es wäre eben gerade in der gegenwärtigen politischen. Situation interessant, wenn die türkische Regierung erklären würde, daß sie die kolonisatorische Bewegung der Juden itt Palästina wohlwollend betrachtet.“ „Diese Bewegung besitzt das Wohlwollen der Regierung bereits, denn sonst wäre ja die Entstehung und das Gedeihen der heute blühenden jüdischen Kolonien in Palästina bisher schon unmöglich gewesen. Freilich stehen wir auf dem Standpunkt, daß wir den Juden keine Vorrechte vor unseren anderen Bürgern einräumen können.“ ..Eure Hoheit haben zweifellos den Brief Mister Balfours an Lord Rothschild gelesen, in dem der englische Minister im Namen seiner Regierung eine nationale Heimstätte in Palästina verspricht“ Hier unterbrach mich der Großwesir und warf ein: „Mais c‘est une blague!“ „Wohl möglich, Hoheit, aber dieser Brief hat dennoch einen großen Eindruck auf die öffentliche Meinung der ganzen Welt hervorgerufett.“ „Ich bin fest überzeugt, daß hinter diesen Versprechungen nicht einmal ernste Absichten stecken. England schreibt an Lord Rothschild, wie es au den Scheriff Hussein geschrieben hat, und am Ende wird es nichts geben, weder Hussein, noch den Juden. Sein einziger Zweck ist, Sympathien zu gewinnen und die Juden der ganzen Welt für die Ziele der Entente einzufangen.“ „Darf ich Eure Hoheit darauf aufmerksam machen, daß in dem Brief Balfours kein Wort gegen die türkische Regierung enthalten ist? Ich habe Grund, anzunehmen. daß dieser auffällige Umstand auf den Einfluß der englischen Zionisten zurückzuführen ist, die also, obwohl gute Engländer, sich doch als Zionisten durchwegs loyal gegenüber der ottomanischen Regierung verhalten.“ '„Gewiß, das habe ich bemerkt, und ich habe es auch der Loyalität der Zionisten zugeschrieben. Uebrigens ist es nur klug von den Zionisten, wenn sie sich nicht von der Entente ins Schlepptau nehmen lassen.“ „Wäre es nun nicht möglich, daß die Türkei den jüdischen Kolonisationsbestrebungen in Palästina in w.eiterem Umfange als bisher entgegenkäme? Bis jetzt haben doch gewisse administrative Beschränkungen bestanden, die sich vielfach der Ausbreitung der Kolonisation hinderlich erwiesen. Könnten diese nicht in Zukunft in Wegfall kommen?“ „Wenn die ottomanischc Regierung bisher zu gewissen Einschränkungen gezwungen war, so hatte idas seinen Grund darin, daß die Juden, die nach Palästina einwanderten und zum größten Teil aus Rußland kamen, infolge des Widerstandes iiirer Regierung notgedrungen ihre russische Staatsangehörigkeit beibehielten. Daraus ergab s:cli der ganz anormale und für uns natürlich sehr unerwünschte Zustand, daß ein großer Teil der Bevölkerung nicht ottomanisclie Staatsangehörige waren. Besonders lästig wurde dieser Zustand aber dadurch, daß unter der Herrschaft der Kapitulationen und der Konsulargerichtsbarkeit die iremden Untertanen der Rechtsprechung der türkischen Gerichte entzogen waren und sich bei jeder Gelegenheit hinter ihren Konsul verschanzt'en. Die Konsuln ihrerseits suchten diese Situation auszubeuten, um ihre Stellung zu stärken, und die Folge waren immer neue Konflikte zwischen ihrer Regierung und den türkischen Behörden. Es ist klar, daß solche Verhältnisse uns nicht befriedigen konnten, und daraus erklärt sich manche Maßnahme zur Beschränkung der jüdischen Kolonisation. Nachdem jetzt glücklicherweise die Türkei von dem Alp der Kapitulationen und damit auch der Konsulargerichtsbarkeit befreit ist, und wir also die Wiederholung dieser unangenehmen Vorkommnisse nicht mehr zu befürchten haben, wird es möglich sein, von diesen Beschränkungen abzusehen. Natürlich ist die Voraussetzung dafür immer, daß die Juden, die sich im Lande dauernd niederlassen wollen, ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben, um ottomanisciie Bürger zu werden und alle Pflichten zu erfüllen, die mit dieser Staatsangehörigkeit verknüpft sind.“ „Würden Eure Hoheit nun noch vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, sich zu den wichtigsten •Punkten, die die Zionisten für ihre Arbeit in Palästina erstreben, im einzelnen zu äußern, vor allem zu der Frage der freien Einwanderung und der ungestörten wirtschaftlichen Entwicklung?“ „Was die Frage der freien Einwanderung att- Iangt, so sind meine eben abgegebenen Erklärungen ja schon die Antwort darauf. Es versteht sich von selbst, daß jede Einwanderung sich -in den natürlichen Grenzen der derzeitigen Aufnahmefähigkeit des Landes Italien muß, und es wäre unmöglich, wenn etwa mit einem Male Hunderttausettde nach Palästina eiiiwandcrn wol'fen. Diese könnte das Land ja .heute gar nicht ernähren. In ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsfreiheit haben wir die Juden in Palästina niemals beschränkt. Im Gegenteil, wir wissen, das, was in Palästina von den Juden auf wirtschaftlichem Gebiete geleistet worden ist, sehr wohl zu schätzen.“ „Es käme weiter in Betracht die Frage der ireieit Betätigung der Juden auf geistigem und kulturellem Gebiete.“ „In dieser Beziehung haben sielt die Juden schon bisher nie über uns zu beklagen gehabt. Sie haben in den Städten sowohl wie in den Kolonien ihre eigenen Kindergärten und Schulen gehabt und sogar Lu der Begründung eigener höherer Schulen haben wir ihnen niemals Schwierigkeiten gemacht. Ich glaube, daß die Juden in keinem anderen Laude sielt auf diesem Gebiet so frei bewegen konnten, wie bei uns. Sic Iiaben in allen ihren Schulen völlige Freiheit genossen, in ihrer eigenen hebräischen Sprache zu unterrichten und sielt -dieser Sprache auch sonst zu bedienen, wo sie nur wollten. Ebenso ist ihnen niemals in der Verbreitung ihrer Zeitungen und ihrer Literatur ein Hindernis in den Weg gelegt worden. Und was die freie Ausübung iiirer Religion anbelungt, so werden die Juden, wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft, niemals belästigt werden, was übrigens bei unserer bekannten Toleranz gegenüber allen nicht muselmanischen Bekenntnissen selbstverständlich ist.“ „Glauben Eure Hoheit sch’ießlieh, daß es möglich sein wird, den Juden in Palästina eine gewisse Selbständigkeit in der örtlichen Verwaltung zu geben?“ „Da muß iclt zunächst wiederholen, was iclt schon vorher sagte, nämlich, daß es uns unmöglich ist, den Juden irgendwelche Vorrechte zu geben. Sie können nur dieselben Rechte genießen, wie al'e unsere anderen Staatsbürger. Aber wir haben ja bereits in unserer jetzigen Gesetzgebung e'm ziemlich weitgehendes Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, und in einem neuen Gesetzentwurf, den wir ebett jetzt im Parlament vorlegen, beabsichtigen wir, hierin noch weiter zu gelten. Die örtlichen Gemeinden und Vilajefs (Provinzen) sollen noch mehr Selbständigkeit erhalten a's sie bisher schon haben. In diesem Rahmen werden meines Erachtens auch alle berecht'gten Wünsche der Juden in Palästina ihre Erfüllung finden können.“ „Würde die türkische Regierung bereit sein, die Selbstverwaltuugsrechte der Juden in Palästina durch eilte entsprechende Einteilung der Verwaltungsbezirke zu fördern?“ „Nach dein neuen Gesetz werden alle Gemeinden von 5000 Einwohnern und darüber das Recht der Selbstverwaltung haben, und auch die kleineren jüdischen Gemeinden können stets auf das- Wohlwollen der ottomanischen Regierung rechnen. Im allgemeinen kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß unsere Regierung den Juden wohlgeneigt ist, und daß sie bereit ist, al’e sie betreffenden Fragen mit ihrem stets bewährten Wohlwollen zu behandeln. Ich ermächtige Sie gern, wenn Sie glauben, daß meine Erklärungen