Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 52 t. ' c 1 t. ■ i--: *« I K- 1-V- X‘ , t. i:-v -V r.. L - ' i -i.. v.: druck^daran zu erinnern, daß die Deutschen, als ihre Heere polnischen Boden betraten, ein Versprechen gegeben und eine Verpflichtung auf sich genommen haben, und daß beide, Versprechen und Verpflichtung, weder durch den Untergang des Zarismus, noch durch die Errichtung eines selbständigen Polens in Wirklichkeit gelöst oder gar hinfällig geworden sind. Wagt man die relative Abschließung der polnischen Juden — ein Wagnis auch im kältesten politischen Sinn —, so kann nur eine mit ungeheurem Ernst gemeinte Sorge und Hut den Eingriff in das Staatbürgeriiche ausgleichen. Eine über die Kultusgemeinde hinausgehende Selbstverwaltung wäre zu fordern, mit einem Minister für die jüdischen Angelegenheiten (das hat es schon einmal gegeben), Schulen wären zu gründen, Hausindustrien zu schaffen, Versuche innerer Kolonisation mit Hilfe deutsch-jüdischer Ackerbauer zu machen, und mit allen sonstigen Mitteln ein Leben zu fördern, das aus sich selber spielte und seine Talente für sich selber zu Wachstum und Fruchtbarkeit gewönne, statt, wie jetzt, sie zum größten Teil zu verlieren.“ ■Freilich, es fällt Heimann selbst sehr schwer, an so viel guten Willen der Staatsmacht zu glauben. Und selbst wenn die Lösung einträte, wäre auch sie nur eine partielle. Somit gäbe es kein Mittel, um die Einheit herzustellen? Die Religion, aber nicht, wie sie als ethnographisches Gebilde schon gegeben ist, sondern als Aufgabe, eine — „Kirche“ aus ihr zu machen. Während Brod von der Religion als seelischer Ursache für die-zionistische Bewegung ausging, sehen wir Heimann, der im Gegensatz zu ihm das Problem zu allererst unter dem politischen Gesichtspunkt faßte, mit dieser überraschenden Schlußfolgerung enden. Wer unserer Bewegung einigermaßen nahe steht, weiß, daß unser Ziel nicht sein kann, krampfhaft nach „Einheit“ um jeden Preis zu suchen und wird dieser „Aufgabe“, die uns Heimann stellt, wenig mehr Wert als den eines geistreichen Jonglierens zifweisen. Wie denn überhaupt seine gesamten Ausführungen in ihren waghalsigen und sprungvollen Kombinationen das Reizvolle, aber auch Unernste eines utopischen Spieles ohne aktive Beteiligung haben. Vielleicht drängt sich uns dieser Eindruck besonders stark auf, weil wir Brods Aufsatz voll ehrlicher, tiefer Anteilnahme in Parallele stellen? W-g. Presseschau In der „W a g e“ (Wien, Nr. 50 vom 15. Dezember) schreibt Eugen Höflich über „Jerusalem“. Er erklärt: Ich kenne Palästina und kenne die Bewegnisse beider Nationen, der Araber und der Juden. Ich kenne ihre Wünsche, ihre Not-- Wendigkeiten und ihre Fehler und diese Kenntnis gibt mir das Recht, den Satz aufzustellen, daß in England trotz aller ökonomischen Vorteile, wie Eröffnung des großen englischen Marktes, Schutz persönlicher Sicherheit (so lange England nicht Fellachen gegen Juden und Beduinen gegen Fellachen ausspielt) usw., die ungeheure Gefahr der geistigen Kastrierung Palästinas liegt Die junge, zarte hebräische Kultur, die im Werden ist, muß erstickt werden von der hereinbrechenden großen Kultur Englands, und alles, was in diesem Jerusalem. in diesem Palästina, den Arabern oder den Juden eigentümlich ist würde unter britischem Protektorar verwässert werden, im Englischen aurgehcn oder besser: vom Europäischen durchsetzt werden und das ganze Land würde eine englische Spielart jenes ekelhaftesten Ablegers Europas überziehen, den man unten Levantinertum nennt. ln der „Kölnischen Volkszeitung“, Abendausgabe vom 14 Dezember, verbreitet sich Dr. A. Baumstark vom katholischen Standpunkte über den Fall Jerusalems und meint: Unter , den Aktiva, die die Engländer zurzeit in der Hand haben, würde der Besitz Jerusalems, wenn sie auch am Konferenztisch noch über ihn verfügen, wohl die gefährlichste, die ihnen am schwersten zu entwindende Waffe darstellen, deren sie sich im Verlaufe der 'Friedensverhandlungen bedienen könnten. Dafür sorgt neben anderen Umständen die englische Geschicklichkeit, mit der man — in 12. Stunde noch, das ist nicht zu übersehen! — den zionistischen Gedanken in den Dienst einer möglichsten moralischen Vergrößerung des heranreifenden militärischen Erfolges stellte. In der „Deutschen Warschauer Zeitung“ vom 14 und 15. Dezember schreibt YggdraSil über den „Ostjuden“. Eine genauere Kenntnis der ostjüdischen Frage findet der Verfasser für wünschenswert, da die Lösung der Ostjudenfrage durch ihre Folgeerscheinungen eines Tages auch die Daseinsbedingungen der Deutschen berühren könnten. I Aus der jüdischen Welt Die Zukunft der Juden in Bosnien und der Herzegowina. Anläßlich der Wahl des Gg. Dr. Moriz Levi zum sephardischen Oberrabbiner in Sarajevo schreibt Dr. S. P—o im Agramer ..Zidov“ felgendes: Für die sephardischen Juden in Bosnien und der Herzegowina naht eine Krise. Sie sind mit der westlichen Kultur bekannt geworden und diese hat wie bei den Juden des Westens, auf ihre nationale Eigenart eine zersetzende Wirkung ausgeübt Die Juden müssen sich nun angesichts der kommenden Zeit entscheiden: entweder durch die Assimilation ihre nationale Eigenart opfern oder aber sich auf nationaler Grundlage organisieren und ihre Rechte als Volk fördern. Die Wahl des Dr. Levi ist von großer Wichtigkeit, da zu erwarten ist daß er sich an die Spitze der Bestrebungen der Juden stellen wird. Von ihm erwartet das nationale Judentum die Neubelebung der autonomen Schulen durch jüdische Erziehung, hebräische Sprache und jüdischen Geist ferner das Erwecken des jüdischen Bewußtseins und Wahrung der nationalen Integrität durch eine starke einheitliche Organisation der Juden in den Reichsländern. Für diese Ziele wird der neue Oberrabbiner die Unterstützung aller Juden gewinnen können. Gleichberechtigung der Juden in Ungarn. Der Ungarische Israelitische Landesstipendienverein wählte in der ietzten Jahresgeneralversammlung, in der der fünfjährige Bestand des Vereines gefeiert wurde, den Minister Dr. V a z s o n y zum Präsidenten. Dr. Vazsony hielt hierauf eine Rede, worin er sich mit der Rechtslage der ungarischen Juden beschäftigte und sägte: „Die Rückerinnerung an die Emanzipation, deren fünfzigste Jahreswende das ungarische Judentum in den nächsten Wochen feiern wird, verpflichtet uns alle, das Andenken jener Männer dankbar in Ehren zu halten, denen wir die Gleichberechtigung verdanken. Der Geist dieser Männer und die Pietät gegen unsere Vorfahren, die noch in der Unterdrückung gelebt haben, verpflichten uns, Freiheit und Gleichheit für ewig hophzuhalten und immer dafür zu kämpfen. Die ungarische Judenschaft darf nie eine besondere konfessionelle Politik treiben, denn sie findet ihre Zukunft, ihre Freiheit und ihre Rechte in einer wirklich nationalen und demokratischen Politik.“ Die Reform des preußischen Herrenhauses. Zu der Reform des Herrenhauses erheben jüdische Blätter im Deutschen Reich im Hinblick auf die Mitteilung, daß die protestantische und katholische Geistlichkeit, alter Uebung entsprechend, ihre Vertretung beibehalten soll, die Forderung, daß auch der Judenschaft eine Vertretung zugebilligt werde, nach dem Vorbild Elsaß-Lothringens, wo ein jüdischer Geistlicher, nach der Wahl der jüdischen Landeskonsistorien der Oberrabbiner von Metz. Mitglied der Ersten Kammer ist.. Jüdische Vertreter im preußischen Herrenhaus. Der preußische Minister des Innern, Dr. Drews, sprach anläßlich der Beratung über die Reformgesetze im Abgeordnetenhaus auch über die Neugestaltung des Herrenhauses. Er führte u. a. aus, daß neben den gesetzlichen Vertretern, unter denen sich auch die beiden christlichen Kirchen befinden, aus allerhöchstem Vertrauen 150 Personen als Vertreter der Presse, der Künstler, der Arbeiter und der jüdischen Religionsgemeinschaft ins Herrenhaus berufen werden sollen. Dem preußischen Judentum wäre aber mit einer solchen von der jeweiligen Gunst eines Ministeriums abhängigen Kronberufung wenig gedient. Im Abgeordnetenhaus ist der Abg. Dr. Pachnicke von der Freisinnigen Volkspartei energisch dafür eingetreten, daß für die Vertretung der jüdischen Konfession im Herrenhaus eine gesetzliche Grundlage geschaffen werde, damit die preußische Judenheit nicht auf bloße Kronberufungen angewiesen bleibe. Ein jüdischer Kandidat für den Hamburger Senat. Während man in früheren Jahren einen jüdischen Kandidaten nur im Falle seiner Taufe zum Senator wählen wollte, ist der Senat jetzt von dieser Praxis abgekommen. Vor kurzem wurde für eine Ersatzwahl vom Senat ein überzeugungstreuer Jude, Max M. Warburg, vorgeschlagen; seine Wahl scheiterte an 3 Stimmen Majorität, die sein Gegner wohl zufällig erreichte. Die russisch-jüdischen Emigranten aus England in Rußland. Die ersten Partien der russischen militärpflichtigen Juden aus England, die dem Eintritt in die englische Armee die Rückkehr nach ihrer Heimat vorgezogen hatten, sind schon in Rußland angelangt. Antisemitische Unruhen in Tunis. Das in Konstantinopel erscheinende jüdische Organ „L‘ A urore" vom 7. Dezember bespricht in einem Leitartikel antisemitische Ausschreitungen^ die in Tunis stattgefunden haben und deren Bekanntgabe von der französischen Zensur unterdrückt werde. „L‘Aurore“ führt diese Umuhen auf die Aufreizung des antisemitischen Blattes „Colon Francais“ und des offiziellen Regierungsorganes „D e p £ c h e tunisie«ne“ zurück, die seit langem die Juden als Kriegsgewinner par excellence darstellten und ihnen, die durch Gesetz vom Kriegsdienst ausgenommen sind, den Vorwurf der Drückebergerei machen. Schon im vorigen Jahre verwies die monatlich in Genf erscheinende „Revue du Maghreb“ die französische Regierung auf die Gefahren dieser antisemitischen Kampagne, doch vergeblich. Nun ist das Uebel ausgebrochen. Ein Zwist zwischen einem Juden und einem Soldaten, beide Eingeborene, führte zu blutigen Szenen. Von Tunis aus verbreitete sich die Hetze nach Sfax, Bizerta u. a. 0. „L‘Aurore“ entnimmt diese Nachrichten der „Revue du Maghreb“; die gesamte französische Presse schweigt. Die Lage der Juden in Saloniki Auf Anfrage des Londoner Oberrabbiners Dr. Herz erteilte der Oberrabbiner aus Saloniki folgende Auskunft über die Lage der dortigen Juden: Von den dort lebenden 73.448 Juden halten sich 2133 Familien in Baracken, 685 in Stallungen auf oder ganz auf der Straße. 10.000 Familien sind ganz ruiniert, so daß die zugeschickten 10.000 Pfund Sterling sofort verteilt werden mußten. Es müßten unbedingt zumindest 1000 Wohnungen ausgebaut werden, man müßte ehestens Material für die Werkstätten schaifen, den Kaufleuten kleine Anleihen gewähren, Wäsche und Kleider besorgen, ärztliche Mittel usw. Zionistisches Zentralkomitee für West-Oesterreich Unter VorsStz seines Vizepräsidenten, k. k. Reichsratrevisor Rudolf Taussig hielt das Zentralkomitee am 11. und 13. Dezember d. J. seine ordnungsgemässen Sitzungen ab. Der Vorsitzende referierte über den Verlauf der Audienz, welche die Herren Redchsraitsabgeardheter Dr. S trau eher, Ad'olf Stand und Ob. Ing. Stricker beim Ministerpräsidenten Dr. Ritter von Seiti 1 e r hatten. — Nach Erledigung des Einlaufs berichtet Dr. Abeies über dien Verlauf der Makkabäerfeier in Linz, bei welcher er die Festrede hielt Das Zentralkomitee nimmt den Bericht mit Befriedigung zur Kenntnis und beschloß Herrn Paul Stein für seine rege und! erfolgreiche Tätigkeit den Dank und die Anerkennung des Z. K. auszusprechen. — Die beabsichtigte Gründung eines zionistischen Vereines in der Brigittenau wird zur befriedigenden Kenntnis genommen und beschlossen, den Proponenten des Vereines möglichst am die Hand’ zu gehen. —■ Hierauf wird (die Herausgabe von „Mitteilungen“ iür die Vertrauensmänner einer eingehenden Besprechung unterzogen1 und deren baldige Fertigstellung urgiert. — Frau P ata k referiert sodann über die einleitenden Schritte zur Gründung von jüdischen Schrebergärten, welche im 2., 20., 9., 10. und 17. Bezirk errichtet werden sollen. Die von ihr unternommenen Schritte werden genehmigt und die wärmste Förderung der Angelegenheit seitens des Z. K. zugesagt. — In der Atzung vom 18. d. Mts. referierte Dr. Siegfried1 Bernfeld über seine BerEner Reise und sodann Dr. Abnahalm Sonne über seine in das Okkupationsgebiet unternommene Informationsreise. Die Ausführungen dös Referenten werden mit großem Beifall entgegengenommen und Dr. Sonne seitens des Vorsitzenden der Dank und die Anerkennung für seine mühevolle Tätigkeit ausgesprochen. Berichte und Korrespondenzen Wegen des großen Mangels an Raum ersudten wir um mBglidist kurzgefaßte Berichte. - Wien. Sonntag, den 16. Dezember fand im Hotel Continental unter ungeheurem Andrang des Publikums die Makkabäerfeier statt Ihren Mittelpunkt bildete die großangelegte Rede des- Präsidenten des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs Adolf Stand. Eine Stunde. lang hielt er die mehrere hundert Menschen starke Zuhörerschar im Bann. Wie immer versetzte Herr Oberkantor Morgenstern, der die Menorah anzündete, die Versammlung in weihevolle Stimmung. Viel Freude bereiteten die Deklamationen von acht kleinen Mädchen, die Lichtlein darstellten, und reichen Beifall ernteten, wie alljährlich die Vorführungen der Turner. ‘ ... Wien. Im Alten Herren-Verband sprach letzten Mittwoch Herr Dr. Arthur Rosenberg über „Politische Tendenzen im Weltkriege“. Er legte dar, wie die Lösung der Judenfrage nur ein Teil der großen nationalen Welle sei, die sich im vergangenen Jahrhundert erhoben, um in diesem ihren Kamm zu erreichen. Seine Ausführungen fanden den ungeteilten Beifall der zahlreich erschienenen Gäste. - —r Wien. Die „Arbeitsgruppe der Jüdischen Studentenschaft“, die ebte erfreuliche und erfolgreiche Tätigkeit für die den Evakuierten Palästinas geltenden Sammlungen entfaltet, veranstaltete letzten Samstag eine Wohltätigkeitsvorstellung im Zentralkino. Es wurde viermal der zum erstenmal anläßlich des Wiener Zionisten-Kongresses gezeigte Palästina-Film ivorgeiührt Der Besuch übertraf alle Erwartungen. Die letzten zwei Vorstellungen waren ausverkauft. Mit außerordentlicher Spannung und Teilnahme folgte das Publikum den Bildern. Für die Hilfsaktion ergab sich ein Reingewinn von annähernd K 3000.—. Eine. Wiederholung der Veranstaltung sowohl in Wien als in der Provinz wäre sehr zu empfehlen. —ldl— Wien. Anläßlich einer internen Chanukahfeier versammelten sich die Mitglieder der zion. Mädchenvereinigung „Moriah“ den 15. Dezember in der Privatwohnung des Mitgliedes Frl. A b i 1 i s, wo nach einer gemütvollen Ansprache der Präs. FrL Rohatin und nach Deklamation des Frl. Buchwald. unter Musizieren und Plaudern ein gemütlicher Abend verbracht wurde. Es wurden K 50.— für die Mädchenfarm Kinereth gesammelt. Linz. Nach einer Reihe von Vorträgen wurde am 9. d. eine Makkabäerfeier veranstaltet. Alle Kreise der hier ansäßigen Judenschaft, auch die bisher Ferngöblsebenen, 'zahlreiches Milötär aus Linz und den obeYösterreiahdschen Kriegsgefangenenlagern, jüdische Flüchtlinge, diite in Oberösterreich untergebraefot sind, sowie Vertretungen ans allen Orten der Provinz, wo Juden wohnen, waren erschienen. Eingelertet wurde der Abend durch Herrn Oberkantor Bernhard Löwensohn. Frl. Emmy Klauber, Mitglied des landschaftlichen Theaters in Linz, sprach Hugo Zuckermann's „Makkabäer 5675“ als Pro- , log in einer alle Herzen .rührenden Weise. Ein Klavierqulntett der Herren Max Sonn,* Berthold Löwenield, Dawid S-tößl 'und Rudolf Krebs und Frl. Irma Neustadtl brachte Händels Hymne aus „Juda Makkabäus“ wirkungsvoll zu Gehör. Herr Dr. Otto Abelies aus Wiien hielt die Festrede. In packender Weise schilderte er den Aufschwung der Judenheit unter Juda Makkabis Führung aus Schmach und Schande,; Und wiederum, war es die Schande, so führte er aus, die aus Theodor Her iz 1 dien zwet- § Sorgt, daß sich 1918 die Zahl der Abnehmer verdopple!