Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438623-2438673--5571-2445562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 r JÜDISCHE ZEITUNQ ' \ .. Nn 51 hervornifen und könnten als Versuch gedeutet werden, den Grundsatz der Unabhängigkeit des polnischen Staates zu schmälern. Der Augenblick der Auferstehung des imabhängigen Polen ist bedeutsam nicht nur für das polnische Volk und den polnischen Staat, sondern auch für die Juden, die so zahlreich über die polnischen Gebiete zerstreut sind.“ Die Zeit wird lehren, inwiefern der Augenblick der Auferstehung des polnischen Volkes auch für die Juden bedeutsam war. Herr v. Kucharczewski rät von auswärtigen Garantien für das Dasein der jüdischen Bevölkerung ab. Das jüdische Volk wäre glücklich, sie von den 'Polen selbst zu erhalten. Ein zentrales jüdisches Wirtschaftsamt in Polen Das jüdische Preßb.üro in Stockholm berichtet: Das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation errichtete in Warschau ein zentrales jüdisches Wirtschaftsamt für Polen. Die Aufgabe dieses Amtes ist die Sammlung von Material über die Wirkungen des Krieges auf das wirtschaftliche Leben der polnischen Judenlieit Es werden zu diesem Zweck Erhebungen und Untersuchungen aller Art veranstaltet werden. Es wird beabsichtigt,- der Exekutive des Jüdischen Kongresses in Amerika sowie der Exekutive des Jüdischen Kongresses in Rußland einen umfassenden Plan für den ökonomischen Wiederaufbau in Polen zu unterbreiten. Die verschiedenen Richtungen der polnischen Judenheit, namentlich auch die jüdischen Arbeiter, werden zur Mitarbeit an diesem großen Unternehmen herangezogen werden. Warschauer Rabbinerkonferenz Vom 3. bis 6. Dezember tagte in Warschau eine Konferenz der polnischen Rabbiner, um deren Zustandekommen sich Rabbiner Dr. Kohn aus Ansbach lebhaft bemüht'hatte. Sie nahm einen oftmals stürmischen Verlauf und zeigte in den Verhandlungen deutlich, daß es ihm durchaus nicht gelungen ist, den polnischen Rabbinern den Stempel deutsch-orthodox-konfessionellen Geistes einzuimpfen. An der Veranstaltung nahmen 126 Rabbiner aller Schattierungen bis zur äußersten Linken teil. Zu Beginn der Versammlung erschien als Vertreter der polnischen Regierung Vizemarschall Milukowski-Pomorski und der Referent für jüdische Angelegenheiten G. Grünwasser, die vom Vorsitzenden Rabbiner Perlmutter aus Radom begrüßt wurden. Als Direktor der Abteilung für Religion und Bildung führte Milukowski-Pomorski in seiner Rede aus: Die polnische Regierung lege besonderen Wert auf die Regelung der Judenfrage auf dem Wege der Verständigung im Interesse der gemeinsamen Ziele des Reiches, der Morgenstern, der jetzt am politischen Horizont Polens aufgegangen, müsse allen Bürgern ohne Unterschied der Religion leuchten, der polnische Staat wünsche direkte Beziehungen zu den geistigen Führern der Judenschaft ohne irgendwelche Vermittlung dritter Elemente. Hieraüf hielten die deutschen Rabbiner Dr. Kohn und Carlebach Ansprachen, wobei -der erste erklärte, daß die Schaffung eines Rabbinerverbandes eine der Hauptaufgaben sei, derentwegen er sich seit zwei Jahren in Polen aufhalte. Ein Antrag, die beiden Genannten zu Ehrenpräsidenten zu ernennen, löste den ersten Tumult aus. Der Gombiner Rabbiner protestierte scharf dagegen und drohte mit dem Verlassen des Saales. Allein der Antrag wurde doch mit Stimmenmehrheit angenommen. Die erste Sitzung schloß mit der Wahl des Präsidiums, in das Rabbiner Li ps c h i t z aus Kalisch, K a h a n e aus Warschau, Treistmann aus Lodz, Neufeld aus Nowy- Dwor u. a. gewählt wurden. In der Nachmittagssitzung des ersten Tages dankte der Lodzer Rabbiner den Ehrenpräsidenten für. ihre rastlose Arbeit im Interesse des polnischen Judentums und der Schaffung eines Rabbinerverbandes, unterließ aber nicht, die Schädlichkeit der Assimilation und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung zu betonen. Am zweiten Tage wurden die Verordnungen vom 1. November 1916 im Sinne einer Revision behandelt. Die Versammlung stellte sich einstimmig auf den Standpunkt, daß das Zweikuriensystem abgeschafft, die Möglichkeit der Bildung von Kultusvereinen ausgeschaltet werde. Die Sitzungen des zweiten Tages waren zum Teil von heftigen Debatten erfüllt, die sich um das Problem Religions- oder Volksgemeinschaft drehten. Die nationale Opposition stand unter der Führung des Gombiner und Kutnoer Rabbiners, der auch einen Protest von 7 Kreisgemeinden einbrachte, die gegen die Proklamierung der polnischen Judenschäft als einer Religionsgemeinschaft sich ausspräch. Hervorzuheben sind die Ausführungen des Gombiner Rabbiners, der erklärte, daß die jüdischen Gemeinden einen jährlichen Beitrag für die palästinensische -Kolonisation beisteuern sollten, die Rabbiner müßten die Führer auf dem Wege der Renaissance des Volkes und seines Landes sein. Ihm schlossen sich noch andere Rabbiner an. Auch am dritten Tage, der der Diskussion über die Erziehungsfrage und Schaffung von Fortbildungskursen für Rabbiner galt, verstummte nicht der Streit der vorangehenden Sitzungen. Es kam zu tumultartigen Szenen, die wiederholt eine Unterbrechung der Sitzung notwendig^machten. Was die Kurse betrifft, wandte man ein, daß solche Einrichtungen-nach Deutschland paßten, aber nicht nach Polen, während Dr. Carlebach die ganze Schwere dieses aus verschiedenen Geisteswelten entstammenden Konfliktes damit zu erklären suchte,-daß einige der Anwesenden durch die böswilligen Urteile jüdischer Zeitungen irregeleitet seien. Die Sitzung endete in völliger Unordnung. Der letzte Tag war einer Aussprache über Volksbildungsfragen eingeräumt. Wie die Frage der weltlichen Ausbildung der Rabbiner der zukünftigen Verwaltung des Verbandes übertragen wurde, so übergab man die weitere Behandlung der allgemeinen Schule, insbesondere des Cheders, einer speziellen Kommission, ohne daß die Versammlung: Wer wie dort zu Entschlüssen gekommen war. Nochmals kam es gegen Schluß zu hitzigen Auseinandersetzungen, als einer der Redner äußerte, daß die Konferenz mit allen eingesetzten Komitees fruchtlos sei, wenn nicht öffentlich die Anerkennung der Juden Polens als Volk gefordert würde. Wie scharf die Meinungen auf einanderprallten, geht auch daraus hervor, daß einer der Teilnehmer den Antrag stellte, die Rabbiner dürften keiner jüdisch-politischen Partei arigehören. Auch dieser Antrag wurde wie so viele nicht zum Beschlüsse : erhoben. Aus der'Erledigung, die die VorscMäge der einzelnen Gruppen fanden, bezw. aus der Vermeidung, über sie abzustimmen und ihrer Verweisung an Verwaltung und Kommissionen geht, wohl hervor, daß zwischen Initiatoren und Opposition auf der Tagung ein Gleichgewicht bestand, ohne daß es der einen oder anderen Richtung gelang, das Uebergewicht zu erlangen. Die Versammlung erhob sich an ihrem Ende noch zu einem gemeinsamen Protest gegen die systematische Verunglimpfung des Talmuds. In die Verwaltung des neuen Rabbinerverbandes wurden 23 Rabbiner gewählt. Die polnische Judenfrage beleuchtet von Rabbiner Dr. Kohn. S. E. Herr Rabbiner Dr. Pinkas Kolm aus Ansbach in Bayern, der als Apostel der jüdischen Orthodoxie Frankfurter Richtung seit zwei Jahren bemüht ist, seine polnischen Kollegen von der Güte seiner Auffassung jüdischen Wesens und praktischer Politik zu überzeugen, weilte kürzlich in Stockholm, um Gelegenheit zu nehmen, seinem Urteil über die polnisch-jüdische Frage eine größere Publizität zu geben. Zu diesem Behuie verfaßte er ein (uns vom Jüdischen Pressebureau mitgeteiltes) Schriftstück, dessen Kenntnis wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Es ist zu bezeichnend für das Wirken,des Emissärs der deutschen Orthodoxie. Das Elaborat, auf das wir in der nächsten Nummer noch zu sprechen kommen werden,'hat den Wortlaut: laut: -..v: „Zur Kenntnis der polnischen Judenfrage gehört folgende Voraussetzung: I. Die Parteien:: innerhalb der polnischen Judenheiti-- - .—...... —. .— a) Assimilatorehv'' ausgesprochen polnisch orientiert, religiös indifferent,, politisch meist den sogenannten Prögreßparteieo: .angehörig, selbst dem revolutionären -Rußland gegenüber nichtrüssophil, Träger der>polnischen-Traditionen^aus der polnischen Revolutionszeit von 1863 (zirka 5 Prozent der Bevölkerung). b) Die konservative Masse, bisher unpolitisch,-'nun, durch mich-'politisiert, und zwar im. propolnischen Sinne. Ihr erstes Motiv ist immer die religiöse Frage. Sie ist der deutschen Verwaltung gegenüber der am besten oder leichtesten zu behandelnde Teil (zirka 75 Prozent). c) die Nationalisten, auch Volkisten oder Jiddischesten genannt, erstreben nationale Anerkennung und Sonderstellung, scharfer Gegensatz zu den Polen. Intransigenz und Obstruktion gegenüber vielen Maßnahmen der deutschen Verwaltung, verfügen über eine verbreitete Presse im Revolverton. (Prozentsatz nicht zu bestimmen.) d) Die Zionisten mit den Misraschisten (orthodoxe Zionisten),. neben Palästinaprogramm auch nationale Wünsche, z. B. Hebräisch als Unterrichtssprache. Schwer zu behandelnder Teil, noch ohne politisch reife Führer (zirka 10 Prozent). e) Die sozialdemokratischen Parteien: aa) der Bund, ohne religiöses Programm; bb) Poale-Zion, zionistisch gerichtete Arbeiterpartei mit nationalen Forderungen. Außer diesen Parteien gibt es noch den sehr scharfen Gegensatz zwischen polnischen und lilithauische Juden, letztere werden von den Polen als Russifikatoren betrachtet und als russische Provokatoren. Sie sind auch Vertreter der nationalen Forderungen und Gegenstand des Hasses seitens vieler polnischer Juden. Der Orthodoxe sieht in ihnen den skeptischen Freigeist, der Assimilator den Feind der Polen. Sie selbst hegen eine große Verachtung gegen den nach ihrer Meinung minderwertigen polnischen Juden. Der Lithauer ist tatsächlich ganz Kopf und ein zersetzendes. Element. II. Die früher freundlichere Stimmung der Polen gegen die Juden verkehrte sich mit der von rüssischer Seite bewußt inszenierten, starken Ethauischen Einwanderung ins Gegenteil. Sie erblickten in jedem russischen Wort eines Lithauers eine Provokation. Als dann bei den Dumawahlen 1903 anstatt des polnischen Kandidaten der sozialistische JagieIIo mit Hilfe der jüdischen Stimmen in .die Duma entsandt wurde, trat Boykott und Antisemitismus in der schlimmsten Form auf. Die Geistlichkeit stellte sich an die Spitze der antijüdischen Kooparative (etwa Kosumgenossensehaft). Stärkere Beschäftigung mit dem Handel schuf polnische Mittelstandsbewegung mit stark antisemitischem Einschlag. III. Weil .anfangs die Juden die einziehenden Heere als Befreier vom zaristischen Joche betrachteten, wurden sie von den Polen, den Russe« als Spione denunziert und es gab eine Reihe grausamster Exekutionen und Evakuationea Hierin, liegt eine Hauptquelle der jetzigen wirtschaftlichen Depression, weil das Eigentum der Evakuierten als Freibeute galt und heute noch etwa 60.000 Evakuierte in Warschau sind, die des Heimes und Herdes enfraten. Die Rückkehrenden finden leere Mauern oder gar eine Trümmerstätte.“ . Dann fährt er erläuternd fort: „Diese . Situation fanden die Deutschen bei ihrem Einzuge vor. Es gab anfangs, eine Zeit, in der man glaubte, die Juden für deutsche Interessen reklamieren zu sollen. .Eine Fortsetzung „dieser Politik wäre, unheilvojl für Deutschland und für die Juden geworden. .Deutschland hatte auf alle Fälle den Schutz der fast 3 Millionen Juden der polnischen Gebiete übernehmen müssen, aber das hatte zu starken innerpolitischen Reibungen in Deutschland geführt. Den Polen aber waren die Juden so verhaßt geworden, daß sie schlechterdings in Polen nicht hätten leben können und* Deutschland moralisch verpflichtet. gewesen wäre, ihnen eine neue Heimat zu geben. Es wurde denn auch alsbald diese Politik verlassen, da ja ohnehin dies von den Polen als direkt polenfeindlich erachtet und stigmatisiert wurde. Als dann erst der Plan eines . selbstständigen Polens (etwa im Juli'1916) festere Form annahm, schlug die deutsche Politik in der Judenfrage eine Bahn ein, die juridisch zwar im Rahmen der allgemeinen PoEtik bedingt war, die aber trotzdem die allgemein menschlichen Gesichtspunkte niemals außer Acht ließ. Das Hauptprinzip war: wenn die Lösung der Judenfrage, von Dauer sein solle und segensreiche Entfaltung versprechen sollte, müßte sie in Polen von den Polen autonom gelöst werden. Das rumänische Beispiel lehrte, daß die Aufoktro.vierung durch einen Weltkongreß den gewünschten Erfolg nicht haben kann. Sobald der Staatsrat gegründet war, richteten die Teile der polnischen Judenheit, die am ehesten unsere Orientation verstanden, die konservativen Kreise eine Huldigungsadresse an den Staatsrat und erhielten die (vorher stipklierte) Antwort; welche den Juden volle Gleichberechtigung versprach und Erhaltung ihrer Eigenart quo ad. religionem. Auch die Assimilatoren richteten eine Adresse an den Staatsirat und erhielten zwar eine nicht so warme, aber doch verheißungsvolle Antwort. Es war auch die Absicht der. leitenden Kreise in Polen, die antisemitischen Auswüchse in allmählicher Taktik zu bekämpfen. Allein als die nationalistischen und zionistischen Leader im Steditrat eine aggresive Redenpolitik zu treiben begannen, wurde das .Schlagwort „eines Judaeo-Polonia,..geprägt .und auch dem ernstesten ..Wüten polnischer Führer war und ist es schwer, gegenüber diesen Stimmen Ruhe zu bewahren. Die Polen betrachten das Bestreben, aus Polen einen Natonalitätenstaat zu machen, als ein Störung ihres Nationaltraumes und würden es den Juden nie verzeihen, wenn tatsächlich ihnen von irgend einer Seite eine nationaUstische Lösung aufgezwungen würde. Angesichts dieser Situation konnte die deutsche Regierung, wie sie sich nicht dem Vorwurf der Perfidie aussetzen wollte, unmöglich Maßnahmen im jüdisch-nationalistischen oder zionistischen Sinne treffen. Sie mußte vielmehr sich darauf beschränken, für die Juden diejenige Behandlung zu erreichen, welche in Westeuropa übEch ist und mußte so einer späteren okkupationsfreien Zeit überlassen, ob sich Juden und Polen im national-gelinderten Sinn auseinandersetzen. Die deutsche Verwaltung hielt es außer- ■ dem für unverantwortlich, diese wirtschaftlich deklassierte, morab'sch noch nicht ertüchtigte jüdische Masse dem Haß, der wirtschafthchen Vertilgung durch ihre Schuld auszusetzen. ' Wenn überliaupt je der nationalistische Streit ausgefochten wird, so muß es doch ceteris paribus ge-' schehen, bei gleicher poHtischer Reife, bei möglichst ausgeglichenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Zentralmächte haben außerdem den Wunsch, die polnische Frage soweit während der Okkupation zu lösen, daß sie raschestens als . Ganzes, nicht .aber in allen Einzelheiten Gegenstand des Weltfriedenskongresses ist, das Streben der Nationalitäten, durch die Judenfrage die polnische Frage auf dem Kongresse aufzurollen, war umsomehr Veranlassung, eine Lösung der Judenfrage jetzt schon in die Wege zu leiten. Das konnte aber, wie bereits erwähnt, nur in Zusammenhang mit den Polen geschehen. Wir gaben deshalb den Juden in der Verordnung vom 1. November 1916 die Basis einer jüdischen Organisation, machten die Judenlieit zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes, gaben ihr eine aus allgemeinen Wahlen hervorgehende oberste Verwaltung gegenüber dem Staate, begabten das Ganze und seine Glieder mit ausgedehntem Steuerrecht und wiesen der Organisation in all ihren Teilen soziale und kulturelle Aufgaben zu. Nachdem wir aus dem Munde der Polen die Zusicherung der vollen Gleichberechtigung des .Individuums hatten, gaben wir dem Gesamtjudentum in der Verordnung alle Möglichkeit, sich auch kollektiv zu erhalten und durchzusetzen. Nichtsdestoweniger wurde auch diese Verordnung von den NafionaEsten stark bekämpft, und zwar weil wir das Judentum als Religions-' gesellschaft ansprachen. Leider waren die lautesten, unreifen Schreier in diesem Kampf Deutsche, deutsche Zionisten. Ernste Kreise auch im ziorn-