Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nafional-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion Wien II/i, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—I Uhr, Sonntag vonll—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch 1 zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 21. Dezember 1917/6. Teweth 5678 Einzelnummer 30 Keller Geschäftsstelle: Wien II/,, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Kenle133.404 Inhalt* Dr N. Birnbaum: Verband jüdischer Kriegsteilnehmer. — Die Lage der jüdischen Kolonien. — Eine zionistische Delegation beim englischen Ullldlli Botschafter. — Kucharczewski über die poln.-jnd. Frage. —■ Ein jüdisches Wirtschaftsamt in Polen. — Warschauer Rabbinerkonferenz usw. Verband jüdischer Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigter Eine Anregung von Dr. Nathan Birnbaum. (Den Jüdischen Blälicrn zum Nachdruck empfohlen) Wer über den Weltkrieg und die Juden nachdenken und zu Ergebnissen kommen will, wird sich wohl kaum allen Gebieten zuwenden dürfen, die zu diesem Thema gehören. Jedes der Gebiete, wie Stellung des. Judentums zum Kriege an sich, Stellung der Juden zu diesem Kriege, geistige Beziehung der Juden zu den kriegführenden Völkern, politische Beziehungen zu ihnen, tätige Mitwirkung der Juden am Kriege, ihre Leiden durch ihn, Bedeutung des Krieges für das jüdische Volk, weist erst wieder eine ganze Menge wichtiger Teilgebiete auf. Der vorliegende Aufsatz will sich nun keineswegs der ganzen Fülle des Stoffes, sondern nur einem der Teilgebiete und auch diesem nur vom Gesichtspunkte bestimmter praktischer Maßnahmen widmen. Er will nur auf die Notwendigkeit verweisen, daß die Juden die ihnen aus ihren Kriegserlebnissen erwachsenen Interessen wahren, und will die Art besprechen, in der diese Wahrung am zweckmäßigsten vor sich gehen kaim. Wenn nämlich irgendwo der Gedanke der Selbsthilfe durch Zusammenschluß am Platze ist, so auf diesem Gebiete. In Deutschland wird ja auch eine allgemeine Organisation der Kriegsteilnehmer gegründet Vielleicht kommt es auch iu Oesterreich so weit. Jedenfalls aber ist — bei dem besonderen Widerstande, mit dem der Jude Zu kämpfen hat, wenn er etwas, und sei es auch »ur sein Recht, durchsetzen will — eine solche besondere Organisation für Juden notwendig. Ihre Zwecke ergeben sich von selbst. Sie sind: 1. Rechtsschutz der Mitglieder bei allen aus den Kriegsverhältnissen sich ergebenden Ansprüchen an den Staat und sonstige Verpflichtete; 2. Vertretung der Interessen der Mitglieder regenüber Wohlfahrts-Institutionen aller Art; 3. Maßnahmen, um den Mitgliedern den 'Wiedereintritt in den bürgerlichen Wirtschaitskreis zu ermöglichen (Arbeitsnachweis, Nachweis von Gelegenheiten für geeignete selbständige Betätigung; vielleicht auch geschäftliche, industrielle und landwirtschaftliche Verbandsunternehmungen); 4. Vertretung der Interessen der Gesamtheit jüdischer Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigter — namentlich auch Wahrung ihres Rufes und ihrer Ehre — gegenüber den berufenen Faktoren des öffentlichen Lebens und gegenüber der Gesellschaft. Der letzte Punkt zeigt deutlich die Brücke, die vom Schutz einer bestimmten jüdischen Schicksalsgruppe zum Schutz der jüdischen Volksgemeinschaft führt. Die Tätigkeit, die entwickelt werden muß, um das Interesse, den Ruf und die Ehre der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten zu wahren, muß von selbst instruktives und statistisches Material von allgemein jüdischem Werte ergeben (Berührungspunkt mit dem Jüdischen Archiv!) und weitere Aktionen auslösen, die der jüdischen Gemeinschaft als solcher und ihrem Rufe zugute kommen. Allerdings darf die Rücksicht auf dieses allgemeine Interesse — auf die ja als besondere Seite der vorgeschlagenen Organisation sonst nicht genug nachdrücklich hingewiesen werden Rann — nicht dazu verleiten, den Kreis der Ver- bandsmitglieder auf diejenigen zu beschränken, die kämpfend am Kriege teilgenommen haben. Gewisse an sich berechtigte Empfindungen legen ja diese Beschränkung nahe. Allein triftige Erwägungen sprechen dafür, daß auch diejenigen jüdischen Heeresangehörigen, die nicht am Kriege teilgenommen und darüber hinaus auch diejenigen, die unmittelbar durch Kriegsmaßnahmen an Leib und Leben, Freiheit und Gut gelitten haben, in die Mitgliederschaft einbezogen werden. Auch sie haben gerechte Ansprüche, die . unterstützt werden müssen, und die durchzusetzen nicht nur für sie, sondern auch für die jüdische Gesamtheit von Wichtigkeit ist. Und andererseits braucht nicht gefürchtet zu werden, daß dabei diejenigen, die gekämpft haben, und die aus der Tatsache ihres Kämpfens und ihrer Leistungen für die jüdische Gesamtheit abgeleiteten Folgerungen zu kurz kommen.. Schließt doch die Vereinigung zu einem G e s a m t verbände eine gerechte Arbeitsteilung nach den verschiedenen Interessengebieten, aus denen die Mitglieder herkommeu, nicht aus. Zu bemerken wäre, daß den Rechtsnachfolgern verstorbener Interessenten die Möglichkeit geboten sein müßte, deren Interesse und Ansprüche durch den Verband in acht zu nehmen. Was die Geldmittel betrifft, die der vorgeschlagene Verband benötigen würde, so brauchen sie in Hinsicht auf die überwiegende Mehrheit der Agenden nicht zu hoch bemessen, werden. Die Beiträge der Mitglieder und etwaiger Förderer dürften genügen. Sollte es der Verband aber auch mit eigenen wirtschaftlichen Unternehmungen versuchen wollen, so könnte dies nur unter der Voraussetzung geschehen, daß sic das Budget der übrigen Arbeiten nicht belasten, vielmehr autonome Finanzierungsgrundlagen (besondere Fonds, besondere Kredite) erhalten. Es ist fraglich, ob, so lange der Krieg datiert, die hier vorgeschlagene Organisation der jüdischen Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten nicht schon in ihrer Gründung oder zumindest in ihrer Wirksamkeit behindert sein werde. Jedenfalls wird sie vom Friedensschlüsse ab mit vollem Einsatz aller Kräfte arbeiten können. Das Freiwerden von hunderttausenden jetzt noch in die strenge militärische Disziplin gebannten Kräften, ihr massenhaftes Zurückströmen in das wirtschaftliche Leben, der Wegfall der Ausnahmsbehinderungen des Vereins- und Versammlungswesens wird der neuen Organisation die größten Möglichkeiten bieten. Es kommt nur darauf an, daß im geeigneten Augenblicke die Organisatoren und die Arrangeure bereit stehen. Dafür aber ist wieder Voraussetzung, daß der Gedanke schon jetzt in die Massen geworfen und ihm schon jetzt eine vorbereitende Steile geschaffen werde. Vielleicht kann, speziell in Oesterreich, der geplante jüdische Kongreß diese Stelle werden. Oder — wenn er zu lange auf sich warten lassen sollte — das Komitee des Jüdischen Archivs. Oder vielleicht treten neue Männer ad hoc zusammen. Anmerkung der Redaktion: Der Vorschlag Herrn Dr. Birnbaums dürfte nach unserer Erfahrung sehr vielen jüdischen Heeresangehörigen aus der Seele gesprochen sein. Die Redaktion ist gerne bereit, Zustimmungen zu dieser wichtigen Angelegenheit und Erörterungen der damit zusammenhängenden Fragen entsprechend zu verwerten und weiterzuleiten. Die Lage der jüdischen Kolonien in Südpalästina Von zionistischer Seite in London erhält! das Kcpenhagener Büro der Zionistischen Organisation die Mitteilung, daß die türkische Armee bei ihrem Rückzuge die Einwohner unbelästigt zurückgelassen hat und die Gebäude unbeschädigt zurückgeblieben sind, so daß die Lage der jüdischen Kolonien sehr beruhigend ist. Es wurden nur Vorräte und Arbeitstiere mitgenommen. Es herrscht keine Hungersnot. Eine zionistische Delegation bei dem. englischen Botschafter in Petrograd Am Vormittag des 13. November hat eine Delegation des Zentralkomitees der Zionistischen Organisation in Rußland dem englischen Botschafter in Petrograd, Sir George Buchanan, einen Besuch abgestattet. Die Delegation bestand aus den Mitgliedern des Zentralkomitees, den Herren M. A l e t n i k o w, Dr. J. B r u z k u s, B. Goldberg, J. Rosow und dem Vorsitzenden des Direktoriums der jüdischen Kolonialbank Dr. M. K a z e n e 1 s o h n. Namens der Delegation verlas J. Rosow eine Deklaration des Zionistischen Zentralkomitees, in der der Dank der russischen Zionisten für die wohlwollende Stellung ausgesprochen war, die die englische Regierung in ihrem bekannten Brief an Lord Rothschild bekundet hatte. Es heißt darin:J „Die humane Förderung Ihrer Regierung betreffs Unantastbarkeit der bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung in Palästina wird h eilig erfüllt werden. Dazu diktieren uns auch die oioBoioiQBOioioBoaoao Arbeitsgruppe der JPd. Studentenschaft Österreichs. Wohltätigkeits -Vorstellung zugunsten der Hilfsaktion der Evakuierten aus Palästina Samstag, den 22. Dezember 1917 finden im Zentral-Kino, IT., Taborstraße 8, vier Vorstellungen statt, in denen der bekannte Palästina-Film (Wanderungen durch die historischen Stätten und jüdischen Kolonien) sowie das jüdische Drama »JUDITH SIMON* nach der berühmten Ballade von Jos. Kiss vorgeführt werden. Beginn der Vorstellungen: 3, 3/tä Uhr nachm.. V»7 und '/t9 Uhr abends. Preise der Plätze: K 1.20, 1.80, 2.50, 3.—, 3.S0 und 4.—. Karten sind im Vorverkauf za haben im Zionist. Zentralburo, II., Zirkosgasse 33, an «1er Tageskassa des Zentralkinoi>, ln derBaohhandlnng R. Lowit, I., Rotentarmstr, Stand Im Cafe „Marleobrücke“, I., Erke Rotentr.rmstraße— Franz Josefslui nur ab 7 Uhr abends. — Die etwa verbleibenden Karten sind an der ▲bendkassa des Zentral k/nos eihältiieb. oBoaoiotoioioioioioio Gesetze der jüdischen Thora vollständige Gleichheit aller Einwohner in Palästina. Denn im jüdischen Volke ist iiir lange Zeit die Erinnerung an alle die jahrhundertelangen Leiden und Verfolgungen lebendig geblieben.“ Sir Buchanan dankte der Abordnung herzlich und bat sie. weiter zu verbleiben. Es begann eine freie Unterhaltung. Der Botschafter stellte verschiedene Fragen, die von den Mitgliedern der Delegation beantwortet wurden. Die Audienz endete mit einer feierlichen Sympathiekundgebung des Botschafters fiir das jüdische Volk und den Zionismus. Kucharczewski über die polnischjüdische Frage Die politischen Antecedentien des neuen polnischen Ministerpräsidenten sind nicht geeignet, große Hoffnungen in den Juden zu erwecken. Wir haben noch lebhaft in Erinnerung, daß Herr von Kucharczewski, im Jahre 1912 Wahlkandidat von Warschau für die Duma, sich nicht entschließen konnte, für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden einzutreten. (Zu nationalen Ansprüchen verstieg sich damals die Judenschait nicht.) Wir veröffentlichten kiirzl!ch eine Aeußerung des Ministerpräsidenten, in der er sich jedem Antisemitismus ferne bezeichnete. Neuerdings meldet das Wölfische Bureau: Der Ministerpräsident Kucharczewski empfing Vertreter der jüdischen Zeitungen Warschaus und hielt an sie eine längere Ansprache, in der er seine grundsätzliche Auffassung ausdrückt’e, gemäß den streng demokratischen Grundsätzen seines Programmes die jüdische Frage im polnischen Staate nach den Prinzipien der Gerechtigkeit auf der Basis der Gleichberechtigung der Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Herkunft zu lösen. Kucharczewski spielte sodann auf die Vorwürfe an, die man ihm in H t n b 1 > c k auf die Wahlkämpfe bei den Duma wählen im Jahre 1912 machte, und erklärte, daß sich seine damaligen Ansichten nicht von den heutigen unterscheiden, denn auch damals habe er die Gleichberechtigung allemvorangestellt. Nach einem eingehenden Rückblick auf die Entwicklung der jüdisch-polnischen Beziehungen forderte der Ministerpräsident auf, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich vielmehr den gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick zur Richtschnur zu nehmen und schloß: „Ich glaube, ich bin überzeugt, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen nur aui Grund der Regelung der Beziehungen im Lande selbst bestimmte Formen annchmen kann, f c h w e i ß nicht, ob irgend welche Garantien fiir das Dasein der jüdischen Bevölkerung, welche von auswärts erlangt werden sollten, erfolgreich sein würden. Sie würden vielmehr bei der polnischen Bevölkerung den Eindruck unbegründeten Mißtrauens der jüdischen Mitbürger uns gegenüber Erneuert Eure abgelaufenen Abonnements!