Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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T "V Nr. 50 i JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 polnischen Glaubensgenossen als das größte Unglück bewerten, das das deutsche Judentum treffen könnte. In dem eben erschienenen 5. Heft der „Netiösterreichischen Blätter“ finden sich wieder eine Reihe nennenswerter Beitrüge* U. a. wendet sich Heiinr. v. Sch ul lern mit einem Aufruf „An die Jugend“, daß sie sich gegen nationale Verblendung und Verführung' zur Wehr setze. „Im Grunde genommen sind die Träger solchen Wesens innerhalb jeden Volksstammes nur ein paar Schreier und meist — so lächerlich es klingt — fremden Blutes.“ Für die jüdisch-nationale Bewegung hat Schullerns Aufruf wohl keine Geltung. Die Judenschaft Oesterreichs ist zumal im Westen noch weit . entfernt, sich des erlaubten Maßes eines gesunden Nationalismus rühmen zu dürfen, wogegen sie in andcrsnationaleri Lagern, im polnischen, deutschen, tschechischen wohl eine Anzahl von Bhrtsgenossen zu verzeichnen hat, denen „ein Schwarm Leichtgläubiger" folgt. Es wäre sehnlichst zu wünschen, daß die Worte Schultet ns dort Gehör fänden, damit mit dem wachsenden nationalen Gerechtigkeitssinn auch den fremden Interessen dienenden Demagogen der Boden entzogen würde. Daß das nationale Judentum „das volle Verständnis für die Notwendigkeit der politischen Selbständigkeit einer jeden Nation“ hat, zeigt der Aufsatz des Präsidenten des Zionistischen Exekutivkomitees . in Oest’erreicli, Adolf Stand, ln einem Artikel, „Zur Judenfrage“ betitelt, gibt er seiner Genugtuung Ausdruck, daß die Polen ihre Wünsche auf staatliche Selbständigkeit bald erfüllt sehen werden, und schließt: „Kulturelle und nationale Autonomie ' im Rahmen des polnischen Staates — das ist die Forderung des jüdischen Volkes auf polnischem Gebiete.“ Palästina und die Araberfrage Der Plan Zia.n gwills. die Auf nahmst üli'gkeitf Palästinas fiir die jiidiische Kolonisat'en dadurch zu vergrößern, daß man die arabischen Bewohner des Landes mach anderen Gehileten verpflanzt, hat zu alterte1! Kommentaren in der ■europäischen Presse geführt. Hierzu empfängt das Jiiidlische Korrespondemzbureau im Haag von führender poalbi-zionfstischer Seite folgende Aetißerungen: Der Plan Zangwiils gehört in dieselbe Kategorie von Zumutungen, welche das jüdische Volk ans elementarer Klugheit ablehnem wird. Palästina, etwa ein Drittel .Syriens, umfaßt 7C—SO.OOO km*. Die für iPe Kolon Ls ail'Ion in Betracht 'kommende' Fläche zählt 35—40.000 km", also mehr als Holland und kann das Zehnfache der. heutigen Bevölkerung umfassen. Es ist vollständig unnötig, um fiir 9 neue EiiiwarJcierer Platz zu machen, einen Einwohner Palästinas zu verdrängen. Was . wir fiir Palästina erstrebe», ist nichn die Verdrängung, sondern die Verdichtung der'Bevölkerung. Die Einführung der modernen Technik und europäischen Arbeitswiese wird es nicht bloß ermöglichen, sondern auch den Wohlstand der sehr zurückgebliebenen palästinensischen Araber 'bedeutend' heben. Eine. der Voraussetzungen dafür ist gewiß auch eine radikale Lösung der Laiiid'irpge im Interesse dar Landarmen und der eiinvandernden Bevölkerung. Die Entfernung auch eines Teiles '-cler arabischen Bevölkerung aus Palästina wurde bei der Ausarbeitung von S'eidlungsplänetn von keiner ‘Zionistischen Partei auch nur du Betracht gezogen. Es ist bedauerlich, daß Zav.gwill Gedanken ausspr'cht, dic dre friedliche Eroberung und Erschliessung c'es Landes durch Juden in ein ganz falsches Licht setzen, können. Der Plam ist‘utopisch und überd'es geeignet, die Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina zu trüben. Wir wollen aber das Probient -der Besiedlung öes Landes in vollkommenem Einvernehmen mit dem kleinen Zweig des arabischen Volkes lösen, der Ln Palästina siedelt. Darum ist es'moiiig von Anfang an, festzustellen,‘daß die Pläne Zangwills den Gegenstand ' einer Diskussion gar nicht bilden können. Eine unerhörte Provokation Bis zu welchem Grade wahnwitziger Verfolgungssucht sicii die Aetißerungen der Antisemiten im Wiener Gemeinderat versteigern, zeigt eine Anfrage, die die Gemeinderäte Kunschak, Dr. Heraala, Schwarz, Solterer, Spalowsky, Ullreich und Genossen am 6. Dezember an den Bürgermeister stellten: „Ist der Bürgermeister geneigt, bei der Regierung ungesäumt und mit allem Nachdruck dahin vorstellig zu werden, daß im Sinne des vom Wiener Gemeinderate gefaßten Beschlusses der sofortige Abtransport der jüdischen Flüchtlinge, und zwar ohne Unterschied, ob sie in staatlicher Fürsorge stehen oder durch Millionenbetrug sich selbständige Existenzen gegründet haben, erfolge? Sollte dieser Abtransport in raschester Frist nicht durchführbar sein, so wäre die sofortige Internierung der jüdischen Flüchtlinge in Barackenlagern und die Anhaltung derselben zu gemeinnützigen Zwecken durchzuführen.“ Internierung und Zwangsarbeit! Das ist ja das Arbeitshaus in bester Form. Damit droht man Staatsbürgern, die der Feind von Haus und Hof vertrieben hat. Und zwar allen in Bausch und Bogen. Gemeinderat W olny bemerkte dazu: „Das ist das einzige Mittel, um uns zu erhalten. Es sfnd gemeingefährliche Individuen.“ Und wie soll man die Haltung einer Partei bezeichnen, die zu einem derartigen Vorgehen gegen unglückliche Bürger des eigenen Staates aufreizen möchte? Im AKK ABÄERFEIEB i des zionistischen Zentraivereines Sonntag, öen 16. Dez. 1917, präzise 7 Uhr Abend im Pestsaale des Hotel „Continental“, Wien, II.,' TaborstraDe 4. PROGRAMM: Lichteranzünöen durch, Herrn Oberkantor Morgenstern. Deklamationen der Kinderriege des I. Wiener Jüdischen Turnvereines. Festrede v. Adolf Stand, Präsident des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs. Vorführungen des 1. Wiener Jüdischen Turnvereines. Karten a K 4.—, 2.— und t.— erhältlich im Zionistischen Zen tralbUro, Wien, I'., Zirkusg.33, Bnchhandl. L ö w i t, I.. ßotenturmstr. 22 u. der Airendkassa Es wird aufmerksam eemacht, daß mit Rücksicht auf die behördlichen Verfügungen die Veranstaltung ' ungeheizten Saal staltfindet. Aus der jüdischen Welt Jüdische Truppen in Palästina. Aus dem Haag wird telegraphiert: Die „Times" berichtet, daß das erste „National-jüdische Regiment" in Palästina angekotnmen sei. Für den Judenstaat. Wie die Pariser Blätfer aus London melden, fand dort am vergangenen Sonntag in der Opera ein zionistisches Massenmeeting statt, an dem auch Lord Robert C e c i l als Vertreter der englischen Regierung teilnabm. Zahlreiche Minister hatten Begrüßungsschreiben gesendet. Der Vorsitzende Lord R o.t h s c h i l J dankte der englischen Regierung für ihre Unterstützung der zionistischen Bewegung. Lord Cecil wiederholte, es sei das Bestreben Englands, die jüdische Regierung in Palästina zu verwirklichen. Der Anschluß der Ito an die zionistische Organisation. Der Lor.'.or.cr Korrespondent des Jüdischen Korrespondenzbureau ln Haag telegraphiert u.rterm 21. November: Dte oberste Lejöuwg der Ito hat heute einen wichtigen Beschluß gefaßt. Sie nahm einstimmig eine Resolution an, in welcher die Erklärung der englischen Regierung für ciir. jüdisches Palästina begrüßt und die fco, die begründet wurde, um ein Territorium auf autonomer Basis für die Juden, die in den Lärmern, wo sie heute sind, nicht bleiben wollen; zu erlangen, erklärt, mit den Zionisten für die Verwirklichung eines jüdischen Palästina in Udberclnstimniimg mit ihren Programm mitarbeicen zu wollen. \ Durch diesen Beschluß Ist die Spaltung, die durch de Verwertung des englischen Angebotes von Uganda durch den Zioeistenkongreß Im Jahre 1904 eingetreten war. beendet. Die Agudas Jisroel am Friedenskongreß, lu einer am 21. v. M. stattgeliabten Plenarsitzung des „Agudas .lisroe!"-Komitees wurden auf Grund der schon seit einigen Monaten geleisteten Vorarbeiten Maßnahmen beschlossen, um die Vertretung der thoratreuen Judenheit auf dem Friedenskongreß in zweckmäßiger und wirksamer Weise zu ermöglichen. Die Grundztigc eines den Interessen der thoratreuen Massen des Ostens entsprechenden Programms, das sowohl die Palästinafrage als auch die Rechtsstellung der Juden in der Diaspora umfaßt, sollen zunächst von den orthodoxen Organisationen in den einzelnen Ländern beraten und alsdann einer nach einem neutralen Lande einznberufenden Konferenz unterbreitet werden. Nacli Fertigstellung des Programms bleibt die rechtzeitige Fühlungnahme mit den anderen Gruppen der Judenheit zwecks'möglichster Verständigung über einzelne gemeinsame Postulats Vorbehalten. Ein jüdischer Kongreß in der Schweiz. Der Vorstand des Schweizerischen ZioiiiStenverbaiides berichtet dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag, daß er die Absicht habe, Anfang 1918 einbn JiK'.er.tag großen Stils nach Zürich ei.nzuberiifen Eine jüdische Kommission beini^ Warschauer Staatsrat. Die Uebergangsk'ommission* des Provisorischeil Staatsraates hat eine Kommission eingerichtet zur Prüfung des Organisationsstatuts der jüdischen Gemeinden in Polen, das dann dem .General-Gouverneur vorgelegt. werden soll. Der Kommission gehören an: Rabbiner Kahane, H. H u f n a g e 1, Dr. S. P o z n a n s k i, L. B c r e nson. J. K i rsz r o t, .1. Kolm. Die Ueb.ergangskommission hat weiter beschlossen, die Fortbildungsschtilkurse für Rabbiner unter ihre Leitung zu übernehmen. Juden in der russischen Konstituante. Aus den bisherigen Berichten über die Resultate der Wahlen geht hervor: In Cherson entfielen auf den jüdischen Block 5500, in Elisabethgrad 8000 Stimmen. Gemeindewahlen in Kiew. Nachdem die jüdische Gemeinde in Moskau auf Grund des gleichen, allgemeinen und direkten Wahlrechtes umgestaltet worden ist, beginnen die Gemeinden der anderen Großstädte, wie Petersburg, Kiew u. a.-diesem Beispiel zu'folgen. In Kiew ist eine Kommission gebildet worden, die die Wahlen zur Gemeinde vorzubereiten und zu organisieren hat. Nach den festgesetzten Wahlstatuten wird . die Gemeindeverwaltung aus 60 Mitgliedern bestehen; Renegaten sind laut einstimmigem Beschluß von der passiven oder aktiven Wahlbeteiligung . ausgeschlossen. Als Berufungsinstanz ist eine aus lüdischen Richtern und geschworenen Rechtsanwälten bestehende Kommission errichtet w'orden. Die Wahl findet kurz nach dem 16./29. Oktober, dem Schlußtage der jüdischen Volkszählung und der dadurch möglichen Aufstellung derj Wählerlisten: statt. Dem leitenden Präsidium gehören an: Der Zionist M. Machower (Vorsitzender); Vertreter der „Volksgruppe“ Al. J. Jüdin (Vize Vorsitzender); Dr. J. N. Garbe.r, Vertreter der „Poale Zion“; Dr. Sch. .1. S y r k i n, d. orthod. Org. endlich M. L. Z i p e n- Hi k (Kasse). Die Kosten der Wahlen, die nach einer Schätzung der Wahlkommission 70.000 Rubel betragen, w'erden namentlich aus den Mitteln der bisherigem Gemeindeverwaltung bestritten werden, dann aus besonderen Subsi’dien, uin deren Gewährung die Stadtdmna angegangen wurde. Die Gemeindewahlen in Kiew werden dem Anschein nach lebhaftt vor sich gehen und Kämpfe der verschiedenen Richtungen bringen. 5 | Alfred Rabinowitz Am 27. v. M. haben wir in Bielitz einen lieben, treuen und opferungsfreudigen Gesinnungsgenossen in die kalte Erde gebettet. Jung an Jahren, in der Mitte seines Schaltens. ist uns Alfred Rabinowitz jäh entrissen worden. — Seit Bestehen des Vereines „H a s c h a e h a r" dem Vorstände angehöreud, hat der Verewigte an der Entwicklung und Ausgestaltung unserer Lokalorganisation regsten. Anteil genommen und fleißig und hingebungsvoll dort mitgearbeitet, wohin immer er gestellt war. Seit seinem Jünglingsalter in den vordersten Kämpferreihen stehend, teilte er mit uns alle Freuden und Leiden und ließ sich von seinem geschäftlichen Berufe - er war Tuchfabrikant — nie abhalten. wenn es galt, für das so schöne, heilige Volksideal tätig zu sein. Seine Liebe zu Palästina trieb ihn, das Land unserer V :lter_ aufzusucheu' und tränenden, zugleich aber von Stolz strahlenden Auges, pflegte er über die F.indriieke, die er gesammelt, über die jüdische Pionierarbeit zu berichten. Viel zu früh mußte dieses schöne Reis verdorren, viel zu früh ist uns Alfred Rabinowitz genommen worden. Au seiner Bahre dankte ihm Gg. B r a f f für sein Wirken und Schaffen zugunsten des zionistischen Gedankens. Die hiesigen Freunde werden dem so treuen wackeren Genossen ein treues und liebevolles Andenken bewahren. Sichraunau liwrochnh! _if. Zionisten im Felde San.-Lt. Maximilian Schwarz (Jordania- Wien) im 1. Tir. Kais. Jäg. Reg. erh. d. kl. silb. T. M. Bereits zweimal verwundet, steht zum 4. Mal im Feld. — Zgsfhr. S. Rubi n. k. k. Sch. R. 36, bereits in. d. siib. T. M. II. Kl. E. V. K. K. T. K. wurde anläßlich d. II. Isonzoschlacht m. d. bronz. T. M. dekoriert. — K. k. Feldrabbiner Dr. Gustav Sicher ist zum 2. Mal ins Feld abgegangen. Zuletzt verbrachte er 15 Monate in Krakau, wo er in aufopferungsvoller Weise auf dem Gebiete der Fürsorge für die jüdischen Soldaten gearbeitet und sich überall die höchste Dankbarkeit errungen hat. Mannhaft und würdig ■ vertrat er die Interessen der Juden. Mit Bewilligung des k. u. k. Festungskommandos iiihrtcer auch eine Aktion für dien Heldenhain in Palästina durch, die cca. 5000 K ergab. — Ldst.-Oberit. Alfred May, seit Kriegsbeginn ununterbrochen im Felde, mehrfach ausgez., wurde zum wirkl. Hauptmanu befördert. Zwei neue Urteile über den Jüd., Nationalkalender für 5678 De Joodsche Wächter (16. II. 1917): „Zum drittenmal ist nun der JNK. in W'ien erschienen. Es geht daraus hervor, daß dieses Unternehmen Lebensfähigkeit besitzt und den verdienten Erfolg hat. Denn der Kniender ist ein in jeder Hinsicht vortreffliches Buch . . . Alles in allem: ein gefällig ausgestattetes, gut illustriertes, sehr lesenswertes Büchlein.“ Sclbstwehr (7. 12. 1917): „Er ist ein kleines Büchlein und dennoch ein sehr bedeutsames Buch, dieser Kalender des jüdischen Volkes auf das Jahr 5678. Es ist schwer, in einem kurzen Artikel seinen Inhalt 'zu erschöpfen. Alles ist in diesem Buche von Wichtigkeit. Nicht bloß die zahlreichen von hohem verantwortungsvollem Ernst getragenen Abhandlungen und Erwägungen. Ein jedes Bild, ein jedes Gedicht, eine jede von den tiefen, im Kalender sinnvoll verstreuten Sentenzen wollen in einen seelischen Zusammenhang gebracht werden, um das Erlebnis des Jahres 5677 und 5678 voll durchfühlen zu lassen . . Da nur einige hundert Exemplare aut Lager sind, die in wenigen Wochen vergriffen sein dürften, empfehlen wir den Gg„ die noch auf den Kalender reflektieren, umgehend ihre Bestellung zu machen. Preis gegen Voreinsendung oder Nachnahme K 4.—. Literarische Anzeige Das Novemberheft der Zeitschrift in polnischer Sprache „Atoriah“ (Verlag: Wien, I. Ebendorierstraße 2/13) erschien mit folgenden Beiträgen: Mathias Mieses: „Wir und die Polen“: v Dr. Wilhelm Stein: „Der Kampf um die fünf Bücher Moses“; Ignaz Schipper: „Graetz“; ßerwil: „Großvater“ (Epitaph); M. Goldstein: „Briefe aus Lublin" (III); Dr. Josef T ennenbaum: „Das jüdische Kreditwesen in Galizien“ (II); S. Fr.: „Auf dem polnisch-jüdischen Horizont“; Mathias Mieses: „Germanen und Juden“; Ignatz Schipper: „Einige Bemerkungen zur Antwort“. Bibliographie. Ais Beilage „H aschnmc r". Die Jüdische Zeitung kostet vom I. Jänner* an 4 Kronen vierteljährig! t