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Jüdische Zeitung · 1917-12-14 · 50 (14.12.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
50 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG_______ -ffr. 50 i \ Hai?£ Csilf :Jr‘ den Interessen ilires Vaterlandes dienen wollen, dem slelauch in den Zeiten der Sklaverei Treue bewahrten. — Die Fräse wegen Palästinas 'Zukunft ist,“ setzte Dr. Tscl^enow fort, „in die Reihe der politischen Fragen eingetreten, die die Nationen lösen müssen. Ganz besonders gilt das, seit die Sinai-Halbinsel und Palästina Kriegsschauplatz .geworden sind. Regierungen wie auch Presse verschiedener Länder haben während des Krieges der Palästinafrage große Aufmerksamkeit geschenkt und sie setzen . — wie England es schon längst getan hat — die Zukunft Palästinas mit den Idealen und Bestrebungen des jüdischen Volkes in Verbindung. Hier im neutralen Dänemark, wo Sie die Möglichkeit haben, die Presse beider Mächtegruppen zu . verfolgen, haben Sie gewiß bemerkt, daß diese beiden Fragen immer im Zusammenhänge behandelt werden. So haben der Wille desjüdischen Volkes, das Verständnis und die Sympathien der änderen Nationen während des Krieges an Stärke gewonnen und werden sich als wirksame Faktoren bei der Lösung des Problems -erweisen.“ „Hoffen Sie also, daß die Welt nach dem Kriege mit einer neuen Republik, der jüdischen, bereichert wird?“ , „ln welcher Form und in welchem Umfange die Forderung des jüdischen Volkes sich nach dem Kriege wird realisieren lassen, davon kamt man sich in dem gegenwärtigen. Moment noch keine Vorstellung machen. Es hängt in dieser Hinsicht viel von dem Ausgang des Krieges ab. Es ist wohl schon jetzt vorauszusehen, daß dieses oder jenes Ergebnis fördernd oder hemmend wirken/-wird. Eines ist sicher: es müssen wesentliche Aenderungen eintreten, die uns die Möglichkeit _zusiihern, unsere Wirksamkeit, im Lande frei aufzuführen. Dies ist natürlich die Hauptsache. Dann kommt die Frage der politischen Form, , die am besten diese Arbeitsmöglichkeit gewährleistet oder garantiert. Wir Zionisten betrachten die Erörterung dieser Frage im gegenwärtigen - Momente als schwierig, wenn auch die öffentliche Meinung in verschiedenen Ländern sich ganz gewiß bereits mit ihr befaßt, ln England stellt man' sich die Lösung in Form einer jüdischen Kolonie unter britischem Protektorat vor. ,Jn Amerika, als eine jüdische Republik, ln Deutschland bespricht die Presse die Frage jüdischer Autonomie; unter türkischer Souveränität. In Rußland und Frankreich gellt man nicht so ins Detail, doch erkennt die Presse die Notwendigkeit der Schaffung eines, großen jüdischen Gemeinwesens in Palästina' an. & t i i „Sind Sie also sicher, daß die Frage wegen Palästina auf die Tagesordnung des Friedenskongresses kommen wird?“ „Dies kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen. Palästina, ebenso wie Mesopotamien und Armenien, wie auch Belgien, Polen, die deutschen Kolonien und andere Territorien haben durch den Krieg Aenderungen erlitten. Die definitive Regelung der Verhältnisse' dieser Länder kann erst ■ atn Kongresse stattfinden und nur von ihm beschlossen werden. Dies enthält natürlich keine Entscheidung der Frage, in wessen Besitz die betreffenden Territorien geraten werden. Eines aber steht fest: die Entscheidung kann nur auf dem .Friedenskongresse fallen. Was nun Palästina anbelangt, so habe ich bereits erwähnt, daß.alle Kulturvölker und Regierungen jetzt diese Frage Die dient dem Exekutivkomitee der zionistischen Partei Oesterreichs, dem Zentralkomitee West-Oesterreichs ' und den Distrikts Komitees fär ihre Verlautbarungen. , Wer die „Jüdische Zeitung“ liest, erfährt aus erster Quelle, welche Stellung die Leitung’ zu den Fragen der zionistischen Organisation, des jüdischen Lebens und der österreichischen Politik einnimmt. Die aus der zionistischen Presse bestbekannten Gesinnungsgenossen zählen zu den ständigen Mitarbeitern der ,Jüdischen Zeitung“. Jeder Leser wird sowohl über die Vorgänge in Wien und .Provinz wie außerhalb der Monarchie gut unterrichtet, da es sich die Redaktion angelegen sein läßt, die Leser über tlle Ereignisse von Bedeutung kurz zusammenfassend und dabei doch erschöpfend zu informieien. Gesinnungsgenossen! Abonniert die ,;3üdische Zeitung'4! Der im vorhinein zu zah'ende Bezugspreis beträgt vierteljährig K 4*—, halbjäh ig K?'—• Postscheckkonto 133.404. Geschäftsstelle: WIEN, IL, ZIRKUSGASSE 33 mit den Bedürfnissen und Forderungen des jüdischen Volkes verknüpfen. Sie tun es nicht nur im Interesse der Juden, sondern vielleicht noch mehr in ihrem eigenen. Denn eskann nicht' von Ruhe und. geordneten Verhältnissen auf der Erde gesprochen werden, so lange'feinem Volke von 14 Millionen nicht das elementare Recht gewährt wird, . das man jedem anderen einräumt.“ „Die Realisierung dieses Programms wird doch gewiß sehr viel Geld, Energie, Kraft und Einsicht erfordern. Betrachtet sich die zionistische Organisation dieser Aufgabe gewachsen?“ „Gewiß! Das jüdische Volk besitzt alles, was zu seiner Wiedergeburt notwendig ist, in mehr als hinreichendem Maße. Bis nun hat das Volk alle seine- Kräfte anderen Nationen in den Dienst gestellt. "Die Zeit kommt, wo es wenigstens einen Teil seiner Kräfte der eigenen Sache zu .widmen hat. Und diese wird ausreichen.-Der'-Krieg'hat die Völker zu außergewöhnlichen Anstrengungen erzogen. Dies wird von Bedeutung sein bei dem Aufbau der zerstörten Gebiete. Es werden gewiß Belgien, Serbien, Armenien und so weiter wiederhergestellt werden ■ müssen, und zwar besser, schöner, als sie früher waren. Dies fordert die Gerechtigkeit Allen diesen Nationen werden große Anleihen unter Garantie und Kontrolle der Großmächte, wie auch alle technischen Errungenschaften zur Verfügung gestellt werden müssen. Ebenso und auf dieselbe Weise wird auch das Land ' der Juden zu neuem Leben gebracht; werden. Denn niemand wird wohl-bestreiten, daß die jüdische Nation ein. genau so großes Recht darauf hat wie irgend eine: andere. Und wer'"einmal gesehen hat was die Juden in Palästina in den letzten Jahrzehnten geleistet haben, ungeachtet der großen Schwierigkeiten und Hindernisse, bei Ausbleiben irgen^ welcher staatlicher Unterstützung, der kann keinen Augenblick die Fähigkeit des jüdischen Volkes bezweifeln, sein altes, innig geliebtes Heimatland bei Freiheit und günstigen Verhältnissen zur Blüte zu bringen.“ Presseschau Die „Rcichspost“, Morgenblatt vom 29. November, erhält einen längeren Drahtbericht aus Zürich, 28. November, wonach der Schweizer Palästinaverein in den „Neuen Züricher Nachrichten“ einen Aufhif zur Schonung der heiligen Stätten in und uin Jerusalem an alle Kriegführenden richtet. In dem Aufruf heißt es u. a.: Vielleicht noch wenige Tage und Straßen und Plätze der heiligen Stadt, die Burg Davids und der Hügel Sion selber widerhallen vom wilden Schlachtgetöse. Stätten, die der ganzen Christenheit' ohne Unterschied der Konfession heilig und zum Teil auch dem Islam und dem Judentum überaus chrwjirdig sind, stehen in Gefahr, der Kriegsverwüstung zum Opfer zu fallen. Was selbst die römischen Legionen unter { Vespasian und Titus verschonten, was nach den -Verwüstungen von Persern, Sarazenen,"Arabern und Osmanen noch übrig blieb-und nachher von der Pietät der Christen vider Jahrhunderte wieder hergestellt und unter unsäglichen Opfern von Blut und Gut geschützt und gehütet wurde, soll im.XX. Jahrhundert, im Zeitalter menschlicher Hochkultur, in Ruinen verwandelt werden? Es darf und kann nicht sein. : ~ , ’ Die „Rh eini sch- W estFä 1 i sch e Zeitung“ (Essen), 2. Ausg. v. 23. Nov. bringt einen Aufsatz ihres militärischen Mitarbeiters Oberstleutnants a. D. Freiherrn von der.. Osten- Sacken und von Rh ein. Darin heißt es u. a.: Nach der von den Feinden in Aussicht genommenen Teilung der Türkei soll Syrien zwar an Frankreich fallen, aber mit Ausnahme Palästinas, das England für sich beansprudit Wo der Brite sitzt, da sitzt er fest Er braucht Palästina, darum will er es haben, und zwar für sich, nicht als Tauschobjekt und nicht als jüdischen Vasallen- ' Staat Die Verhandlungen, die über die Errichtung eines solchen schweben sollen, wird England kaum als bindend betrachten. ' Bei der Ueberlegenheit der personellen und materiellen Streitkräfte der Engländer ist es wohl möglich, .daß dic^jjTürken Jerusalem ganz ohne Kämpf aufgeben werden, um sich ihre Armee möglichst intakt zu halten. Für,ihr Ansehen im Orient wäre der Verlust der Stadt ein schwerer Schlag* während sich andererseits das der Engländer, die natürlich ihren Erfolg möglichst aufbauschen würden,.. steigern würde. Doch brauchen wir .uns deshalb nicht ■ zu beunruhigen. Die Bedeutung für Jerusalem beruht' lediglich auf seiner geschichtlichen-Vergangenheit. An der allgemeinen Kriegslage wird auch eine Aufgabe Jerusalems nichts ändern und selbst für die Türkei wird sie keine nicht wieder gutzumacheiiden Folgen haben. Die Entscheidung über deren Besitzstand fällt nicht in Palästina, sondern in Europa. 5Und wenn die Engländer etwa hoffen, daß wir beim Friedensscliluß die Türken im Stich lassen, so irren sie sich.sehr. , Die „Königsberger Har.tungsche Zeitung“ schreibt in ihrer Morgenausgabe vom 21. November: ln Palästina werden die Engländer es fraglos nicht unterlassen, sich als die Vorkämpfer gegen den ^unaussprechlichen Türken“ aufzuspielen. Die Religion in den Diepst der Machtausbreitnng zu stellen, war ja stets ein englischer , Kunstgriff. =», In der Wochenschrift „Das größere Deutschlan-d“ (IV., Heft 48 vom 1. Dezember^ widmet Karl Jünger dem'Zionismus einen längeren Aufsatz unter der Bezeichnung: „Die jüdischdeutsche Kolonisation Palästinas und die türkischdeutsche Zukunftspolitik“. Jünger führt u..a. aus: Die etwa 50 jüdischen Kolonien werden mit Arbeitsmitteln modernster Art und nach modernen wissenschaftlichen Grundsätzen bebaut, so daß die älteren von ihnen schon eine gewisse Wohlhabenheit erreicht haben, während die jüngeren eine solche erwarten lassen. Heute hat die Türkei ihr Interesse an der Erschließung Palästinas für die Juden erkannt; sie weiß, daß diese Erschließung ihr eine bedeutende Mehrung ihrer Steuer-, Nähr- und Wehrkraft einbringt. Die einheimischen Araber sind wjegen ihrer primitiven Arbeitsmittel zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung, des so . tief darnieder liegenden Landes außerstande..Aber auch die Türken selbst werden die Kultivierung Palästinas nicht leisten können, weil sie sich nach dem Kriege der Lösung einer Unzahl wichtiger und schwierigster Fragen gegenüber sehen werden, die sich zunächst auf die politisch und wirtschaftlich bevorzugten Gebiete, z. B. die der Bagdadbaiin beziehen, zu denen Palästina nicht gehört; entschließt sich die deutsche Regierung, die systematische jüdische Kolonisation Palästinas unter türkischer Oberherrschaft unter Achtung ihrer national-jüdischen Tendenz, von der die ganze Bewegung ausgeht und ihre Kraft zieht, zu fördern, so wird sie bei den Juden eine starke Hilfe für die Pläne und Ziele türkisch-deutscher Zukunftspolitik finden. Mit Rücksicht auf die Haltung der russischen und englischen Machthaber, die ihren Juden Palästina als Lohn versprechen, heißt es naturgemäß für Deutschland, den Zionis-' mus noch stärker als bisher zu unterstützen, damit sich nicht auch hier wieder das Wort Bis- ’ marcks bewahrheite, die auswärtige Politik Preußens bestehe aus einer Reihe von verfehlten Gelegenheiten. Im Heft IV. des „Literarischen Echo s“ (Berlin) vom 15. November berichtet Otto Gr aut off, Berlin, über die „Geschichte der Vorrechte und des Einflusses Frankreichs in Syrien und in def Levante vom Beginn des Mittelalters bis zum Friedensvertrag von Paris 1812“. Von Raoul Nikolas. (Bern 1917, Büchler & Komp., 202 Seiten.): Diese Berner Dissertation enthält wertvolles, teilweise noch unbekanntes, noch niemals so vollständig zusammengestelltes und übersichtlich gruppiertes Material zu den Ansprüchen, die seit langem Frankreich im Orient erhebt Die Wigner „Zeit“ berichtet in ihrem Morgenblatt vom 20. November auf Grund einer Petersburger Meldung des Pariser „T e mps“ ausführlicher über den „Antisemitismus in Rußland“. Darin heißt es u. a.: Der . Jude trägt ebenso Schuld an der. herrschenden Hungersnot wie an der Fortdauer des Krieges; Vor allem sind es die Parteigänger 'des alten Regimes, die dieun-/ wissende Menge'mit allen verfügbaren Mitteln zu verhetzen suchen, um die vorläufige Regierung nicht aus den Schwierigkeiten herauskommen zu lassen. Die Reaktion weiß, daß die Juden heute ein wichtiger Faktor für die Entwicklung Rußlands im Sinne der Revolution sind und sucht sie zu beseitigen. Pogroms bedeuten soviel wje Anarchie und diese braucht die Reaktion, um wieder ans Ruder zu kommen. Die „Deutsche Zeitung“ (Berlin) vom 27. November, Morgenausgabe, bringt den ersten Teil einer Aufsatzfolge über „Die polnische Frage“ von Dr. Albert Bovenschen. Die Schriftleitung bemerkt hiezu; Der Verfasser tritt für die Wiederherstellung Polens ein, setzt dabei aber voraus, daß Deutschland Polen militärisch und zoilpolitisch in der Hand .behält. Die Gedanken, Polen : unter einen Habsburger Herrscher zu stellen, hält er geradezu für verhängnisvoll, weil er in einer solchen Lösung die Gefahr eines baldigen kriegerischen Zusammenstoßes zwischen Preußen und Oesterreich erblickt, ln dem Aufsatz heißt es u.. a.: Aber nicht mir diese 9 Millionen neuer Polen würden für Preußens gesamte Politik ein - unheilvoller Hemmschuh sein, auch zweieinhalb Millionen polnischer* auf der tiefsten Kulturstufe stehender Juden, die wir mitüberliehmen müßten, würden in Deutschland Zustände schaffen, die schlechthin ’ eine wirtschaftliche Gefahr für das'gesamte deutsche Volk bilden würden. Unsere eigenen einsichtigen Juden denken daher mit Entsetzen an eine solche Möglichkeit* da sie, wie die in der {-Schrift von Georg Fritz J,Die Ostjudenfrage“ zusämniengestellten, Stimmen -zeigen, mit Recht die Einbürgerung dieser ihrer /

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