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Jüdische Zeitung · 1917-12-14 · 50 (14.12.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
50 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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National'jüdifdies Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/i, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nemmer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 14. Dezember 1917/27. Kislew 5678 Einzelnummer 30 Heller Geschäftsstelle: Wien II/„ Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postspavkassen-Konto133.404- Inhalt W-g.: Jerusalem — Letzte iNachrichten zur Besetzung Jerusalems — Gesinnungsgenossen! — Audienz zionistischer Führer beim Ministerpräsidenten — Eid Interview mit Dr. Tscbienow — Pressest-hau — Palästina und die Araberfrage — Eine nnerhörre Provokation usw. ^—«g»—m——^I—M———————r Jerusalem Amsterdam, 10. Dezember. Wie Central News meldet, teilte BonarLaw im Unterhaus mit, daß sich J erusalem ergeben hat Nun ist auch die von unseren heiligsten Gefühlen umhegte Stadt in die Hände der Engländer gefallen. Nichts im Laufe dieses Krieges hat das Herz der ganzen Welt mit solcher Tiefe ergriffen als dieses Ereignis. Denn Palästina ist die' Urheimat ihrer dein Monotheismus entsprungenen geistigen und sittlichen Kultur. Von dem Uchte des blendenden palästinensischen Himmels umflossen, stehen die Gestalten der Lehrer und Propheten unvergänglich im Bewußtsein der Völker. Wir aber, wir sind nicht nur mit unseren Erinnerungen, sondern auch mit den Hoffnungen .unserer Zukunft an dieses Land gekettet. Es ist das Land unserer Väter, es ist auch unserer Kinder Land. Noch ist nur ein Teil Palästinas von den Engländern erobert und doch empfinden wir den Fall Jerusalems gleich einem Symbol. Das Schicksal Jerusalems war stets das Schicksal des ganzen Landes. Sechsunddreißig Eroberungen der Hauptstadt zählt die Geschichte. Zahllose Male wechselte sie ihre Herren, bis sie im Jahre 1517 uuter die Herrschaft der Türken kam. Undtrotzdem ist heute noch Jerusalem die jüdischeste Stadt der Welf Von den 100.000 Einwohnern, die sie vor Ausbruch des Krieges zählte, waren 65.000 Juden. Sie' gaben der Stadt den entscheidenden Charakter; in ihren Händen lag Händel und Wandel. Denn während die Christen ausschließlich in dem Bannkreis ihrer religiösen Ideen verblieben, die sie hingezogen, fühlten sich die Juden, obwohl auch ihre älteren Generationen Gründe der Heiligung nach Erez Israel geführt hatten, bald auf dem uralten Boden der Vorfahren heimisch und wandten sich insbesondere, als jüngerer Zuzug nachkam,' mit erneuter Kraft dem irdischen Leben zu. Trotz des englischen Sieges ist das Schicksal Jerusalems noch nicht entschieden. Wir aber atmen erleichtert auf. Denn nun wissen wir die Juden Jerusalems, die Hunger, Krankheit und Austreibung dezimiert hatten, vor der äußersten Gefahr einer langen Belagerung geborgen und der Hilfe unserer Brüder erreichbar. Mehr noch! Der Besitzwechsel Jerusalems und Südpalästinas gibt uns die unmittelbare Gewißheit, daß die Zukunft Palästinas auf dem Friedenskongreß erwogen und besiegelt werden muß. Dann wird es in den Händen aller Völker liegen, Gerechtigkeit zu üben, und dem heimatlosen Volk der Juden den Weg zu seinem angestammten Land zu öffnen. W—g Letzte Nachrichten zur Besetzung Jerusalems ' Kriegsminister G. d. I. v. Stöger- Steiner machte im Heeresausschuß der österreichischen Delegation folgende Mitteilung: „Aus den bisherigen Meldungen geht hervor, daß die Einnahme Jerusalems kampflos erfolgte und die Stadt keinen Schaden erlitten hat Laut Versicherungen der . osmanischen obersten Heeresleitung sind mutwillige Beschädigungen ausgeschlossen. Die türkische Stellung westlich von Jerusalem wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. d. überrumpelt, worauf sich die Türken durch die Stadt gegen Osten zurückgezogen haben. Die Stadt J erusalem soll nunmehr außerhalb des unmittelbaren Kampfgebietes liegen.“ Der „Lokalanzeiger“ meldet aus dem Haag: „Times“ melden aus Palästina: Jerusalem wurde von 6000 Engländern und 4000 Italienern besetzt. * Dem Lokalanzeiger wird aus Rotterdam telegraphiert: Der Oberrabbiner von England erließ einen Aufruf, in dem er ausführt: „Jerusalem, das jahrhundertelang der Pol der Liebe und der Verehrung der Welt war, ist jetzt in britische Hände gefallen. Diese überaus bewegende Nachricht trifft uns am Jahrestag der Befreiung aus der Hand der Heiden vor 2400 Jahren. Der heutige Sieg ist ebenfalls ein Markstein in der Weltgeschichte.“ Das Reutersche Bureau meldet’: Die Besetzung Jerusalems hat* Probleme von großer internationaler Bedeutung mit sich gebracht. Jerusalem ist von einer britischen Armee mit Hilfe von französischen und italienischen Truppenkontingenten erobert worden. Es verlautet, daß General A11 e n b y einen britischen Militärgouverneur einsetzen werde. Es wird also die englische Flagge über Jerusalem wehen, während gleichzeitig die französische und die italienische Flagge auf den nationalen Besitzungen dieser Länder, wie' Schulen, Klöstern usw., gehißt werden sollen. Zuerst wird der Belagerungszustand verhängt werden. Es werden keine Versuche unternommen werden, die zukünftige Stellung der Stadt vor dem a 11 g e me inen Frieden, zu regeln. Inzwischen wird die: Stadt als im militärischen Besitz Allenbys befindlich betrachtet werden. Gesinnungsgenossen! Das Kalenderjahr neigt seinem Ende zu und noch haben leider viele von Euch ihrer Monistischen Pflicht nicht geäugt. Wie Euch bekannt, hat das westösterreichische Zentralkomitee für das Jahr 1917 die Einhebung eines Kriegsbeitrages in der Höhe von mindestens K 3.— beschlossen. Seit Kriegsbeginn hat unsere Organisation durch Aufnahme einer Reihe von Kriegshilfsmaßnahmen — wie Armenambulatorium, Rechtsschntzbureau u. dgl. — eine erhöhte Tätigkeit entwickelt, indes ihre regelmäßigen Einnahmen durch Parteisteuem fast völlig versiegten. Sie war auf die Opferwilligkeit eines kleinen Kreises von Zionisten angewiesen, ein Zustand, der für eine Organisation von der Größe der zionistischen unhaltbar ist. Während die Spenden für den Nationalfond einen ungeahnten Aufschwung genommen haben, stand die Organisation selbst ohne Mittel. In Deutschland, wo schon im Frieden jeder Zionist nach Kräften regelmäßige -Beiträge für die Organisation besteuert, ist gleich im ersten Kriegsjahr ein obligatorischer Kriegsbeitrag eingehoben worden. Die deutschen Zionisten sind sich klar bewußt, daß die Organisation so lange zur Ohnmacht verdammt ist, als sie nicht finanziell genügend fundiert ist. Es ist zu hoffen, daß auch in Oesterreich diese Erkenntnis sich endlich einmal Bahn brechen wird. Die Aufgaben, die wir zu lösen haben, sind viel umfangreicher und schwieriger als i e zuvor. Vor allem gilt es, die Organisation selbst, deren Gefüge sich im Kriege gelockert hat, wieder fest aufzurichten und die großen Fortschritte, welche in der Verbreitung unserer Idee wahrzunehmen sind, für sie zu nutzen. Presse und Propagandamittel' müssen ausgebaut, das Sekretariat durch ständige Kräfte besetzt werden u. a. m. Wir erwarten, daß jeder Zionist auf diesen Aufruf hin und ohne jede weitere Aufforderung den Kriegsbeitrag für 1917 einsendeo, wird. Der Betrag von K 3.— ist in. AnbetraeÖ dessen, daß die Organisation sehr viel Unbemittelte umfaßt, nur als Mindestbeitrag stipuliert worden. Das Zentralkomitee erwartet, daß jeder Zionist, dem es möglich ist, mehr beizusteuern, die® tim wird. Kriegsbeiträge sind mit dem Kennwort „Kriegsbeitrag“ an das Postscheckkonto des Verbandes „Zion“ Nr. 47.115 zu senden. Mit hochachtungsvollem Zionsgruße f. d. Zionistische Zentralkomitee iür Westösterreich K. k. Reichsratsrevisor Rudolf Taussig derzt. stellvertr. Präsident. Audienz zionistischer Führer beim Ministerpräsidenten Am 7. d. M. wurden Abg. Dr. Benno Straucher, Präsident des Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs Adolf Stand und Obmann des jüdischen Nationalvereins Ingenieur Robert Stricker vom Ministerpräsidenten Dr. v. Sei dl er empfangen. Die Herren präzisierten in längeren Ausführungen die Wünsche der national gesinnten österreichischen Juden und stellten insbesondere an die Regierung die Forderung, daß bei der Neuregelung der österreichischen Verhältnisse der Vertretung der national organisierten Judenschaft der gebührende Einfluß gesichert werde. Der Ministerpräsident erklärte, daß dem Verhalten der Judenschaft Oesterreichs zum Kriege vollstes, uneingeschränktes Lob gebühre und daß er in kürzester Zeit den Vertretern der national organisierten .ludenschaft Gelegenheit geben werde, ihre Forderungen, denen er das größte Interesse entgegenbringt, der Regierung in der entsprechenden Form vorzulegen und zu begründen. Ein Interview mit Dr. Tschlenow Die führende ~ dänische Zeitung '„PoMtik e n“ veröffentlicht in ihrer Nummer vom 20. November nachstehendes Interview mit Herrn Dr. E. W. Tschlenow. Die Zeitung weist in einer redaktionellen Vorbemerkung daraui hin, daß die Ausführungen Dr. Tschlenows jetzt, wo der Kampf mitten in Palästina tobt und wo die Aufmerksamkeit der ganzen Welt durch die Sympathieerklärung der englischen Regierung iür den Zionismus auf die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes gelenkt ist, besondere Beachtung verdienen. Das Interview hat folgenden Wortlaut: „Wie hat der Krieg auf die zionistische Bewegung eingewirkt? Ist sie nicht, wie auch andere internationale Organisationen, geschwächt und zur Seite geschoben worden?1 „Gerade umgekehrt,“ antwortete Dr. Tschlenow, „ich darf sagen, daß wir vielleicht niemals an innerer Kraft so stark und an äußeren Chancen so günstig wie jetzt dastanden.“ „Wie erklären Sie dieses?" „Zuerst muß ich bemerken, daß der Zionismus keine internationale, sondern im Gegenteil eine rein jüdisch-nationale Bewegung darstellt, nur auf interterritorialer Basis auigebaut; das ist die notwendige Folge der Zerstreuung des jüdischen Volkes über die ganze Erde. Die jüdischen Massen waren übrigens immer von ihrem nationalen Bewußtsein durchdrungen. Nur bei der Intelligenz ist durch die bürgerliche und politische Emanzipation ihr nationales Gefühl bedeutend abgeschwächt worden und durch eifriges Streben, unterschiedslos in der Umgebung aufzugehen, abgelöst worden. Gegen diese „Assimilation“ hat der Zionismus vom ersten Tage an gekämpft Die Folgen dieses Kampfes haben sich aber ganz besonders während des Krieges gezeigt. Jetzt muß sich jeder Kulturmensch fragen, zu wem er gehört und was man für sich und sein Volk fordern muß. Für den denkenden Juden kann es auf diese Frage nach unserer Auffassung nur eine Antwort geben, nämlich, daß er dem jüdischen Volke angehört und daß er dieses Palästina, das Judenland, als das seine fordern kann. Das sind die beiden Grundgedanken des Zionismus. — Millionen von Juden sind auf einmal freie Bürger ihres Landes geworden. Von den täglichen Sorgen über Wohnrecht Schulrecht, Arbeitsrecht und so weiter befreit, haben sie feierlich erklärt, daß sie einen Teil ihrer freigewordenen Kräfte nunmehr dem Aufbau des alt-verlassenen jüdischen Heimatlandes widmen wollen. Ich sagte „einen Teil“, weil selbstverständlicherweise sie jetzt mit erhöhtem Eifer Gesinnungsgenossen! Sorgt für Üie Verbreitung Eurer Presse!

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