Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-11-30 · 48 (30.11.1917) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438670--5542-2445530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 48 i;' ii: l I i \ 1 i i i ) 1 •HNHNMUMHHMHtNtNM 1. ) Pen Jüdischen National- 5 kalender auf 5678 K 4.— 2 2. ) Ein Abonnement auf g dm Jüdische Zeitung viertelg jährlich.K 3 — g 1 a i ii gewehrt, als gegen den auch höchst anfechtbaren Kern dieser Lehre: daß die „eigentlichen“ Werte, die ein Volk hervorbringe, durchaus eine Gabe, ja eine „Funktion“ seines Blutes seien, ln dieser Formulierung erscheint die Theorie noch harmlos; sie war erst gebrauchsfertig, als diese Tätigkeit, höhere Werte zu schaffen, einer einzigen Art von Blut, dem des Ariers oder Germanen, zugesprochen war; damit hatte man den glücklichen Kunstgriff gefunden, den letzten Rest von Billigkeit und Gerechtigkeit gegen den Fremden bei sich „unschädlich“ zu machen; alles Achtbare bei ihm wurde versprengten germanischen Elementen zugeschrieben. „Ich weiß, daß Sie deutschen Blutes sind,“ schrieb selbst Gerhard Hauptmann 1914 an Romain Rolland; das sollte heißen: „Sie sind ein edler Mensch, trotz Ihres Franzosentums.“ Wir haben diese Exzesse chauvinistischen Uebermuts und naiver Kritiklosigkeit nicht mitgcmacht, hängen aber doch noch sehr an der allgemeinen Grundlage dieser Meinungen, glauben auch an die ausschließliche Kraft des Blutes. Hier sollen nur einige zeitgeschichtliche Umstände angedeutet werden, die zu einer Erschütterung dieses Axioms führen dürften. Die Bundesgenossenschaft Englands in diesem Kriege, die Sympathie Hollands und eines Teiles von Skandinavien hielt einmal die „lateinischen“ Rassenfanatiker im Zaum und war ein tödlicher Schlag für unsere Rassentheoretiker; in der Wut gegen England spielte bei vielen Professoren dessen „Verrat“ an der germanischen Rassenidee eine größere Rolle als jede andere Erwägung. Aber man mußte das Faktum liinnchmen und wenn man sich auch so in die Idee des „zoologischen“ Krieges verrannt hatte, daß trotz der Konstellation in den ersten Tagen von einem Krieg der Germanen gegen Nichtgermanen gesprochen wurde, so war man doch, ganz wie auf der Ententeseite, mit Rücksicht auf die Bundesgenossen bald genötigt, diese letzte Form der Rassentheorie als Agitationsmittel völlig fallen zu lassen. Eine Zeitlang schien der Panslavisinus aufs Höchste zu erstarken, bis er auch auf die bekannte Weise partikularistisch zersetzt wurde. Je mehr Staaten und Völker in den Kampf traten, desto mehr verschwanden naturgemäß die neuen großen Rassentheorien aus der Ideologie der Kriegführenden zugunsten einer überwundenen Vorstufe, die nun wieder belebt wurde: der volklichen Individualität. Das Morden wurde für die „Freiheit der Nationen“, besonders der kleinen und kleinsten, fortgesetzt. Der dreißigjährige Krieg leitete eine Epoche religiöser Indifferenz ein; es ist ein nun ziemlich allgemein verbreiteter, jedenfalls tröstlicher Analogieschluß, daß auch dieser Krieg, trotz seines Schlachtrufs, mehr eine letzte Krise als einen neuen Anlauf nationaler Unduldsamkeit bedeutet; diese Meinung ruht übrigens auf festerer Grundlage, als sie eine historische Vergleichung bietet. Es wird einmal die Verwirklichung vieler nationaler Ideale, mit aller Erdenschwere, die sich ihnen dann anheften wird, beruhigend wirken. Ein Pole sagte mir treffend: „Wir, ich und meine Landsleute, liegen jetzt hundert Jahre vor Polen auf den Knien, wie vor einer Geliebten, einer Braut, die man anschwärmt; wir möchten endlich eimnal heiraten und dann auch von anderem als von Liebe reden.“ Ferner jeder europäische Areopag, wie immer er zusammengesetzt sein dürfte, wird vor der Unmöglichkeit an gewissen national stark gemischten Stellen Europas allseitig befriedigende Lösungen zu finden, das Gebot manchen Verzichtes aussprechen müssen und wird so durch eigene Tat die Unbedingtheit nationaler Selbstbestimmung zerstört haben. Längst schon sind überdies diese Schlagworte, die nach der Vergangenheit gewendet sind, durch andere ergänzt, ja halb verdrängt, die in die Zukunft schauen und der Betonung volklicher Unterschiede nicht günstig sind. Der Demokrat will an Vernunft und Rechtsgefühl als an überall mögliche Grundlagen des Staatslebens glauben und seine Lehre hat keinen ärgeren Feind als jene Theorien, die leichtfertig und gehässig inmitten der weißen Menschenart noch „niedere" Massen als höchsten Menschentums unfähig absondern wollen. Die nicht zu leugnenden Verschiedenheiten der Völker und Länder wird der demokratische Soziologe, so weit es sich nur mit den Tatsachen verträgt, anders als aus den Quellen des Blutes ableiten. Die scharfe Nachprüfung, die so die nationale Theorie erfährt, wird erst genauer den Umfang ihrer wirklichen Erfahrungsbasis umschreiben. Es wurde z. B. einmal mit Reciit auf Aehnlichkeiten hingewiesen, die zwischen ungarischen und sonstigen osteuropäischen Lebensverliältnissen bestehen und die somit durchaus geographisch und nicht national zu deuten sind. Die Abstufungen der Zivilisation, der stärkeren oder schwächeren Ausprägung des Menschentyps, der das heutige Europa von einem früheren unterscheidet, durchsclmeiden, graphisch dargestcllt, rücksichtslos die Völkergrenzen und zeigen sich weit mehr von West und Ost, von Meeresnähe und Landesbreite beeinflußt. Neben die geographische tritt die historische Ausdeutung volkliclicr und staatlicher Individuen; diese erscheinen so durch bestimmte Ereignisse und wandelbare Verhältnisse in ihrer Besonderheit geworden, also weiterhin bestimmbar und dem Wandel unterworfen. Man fühle die freiere optimistische Lebensstimmung einer solchen Soziologie gegenüber dem eigensüchtigen Fatalismus der Rassentheorien, die ja vielleicht, soweit sie nicht menschenfeindlicher Blödsinn sind, hie und da tiefere Blicke taten. Der gesunde Kern des Nationalgedankens wird bestehen, wie ja auch die religiösen Verfolgungen die Religion selbst nicht getötet haben. Aber wie es nun statt der Religionskriege höchstens einmal einen „Kulturkampf“ gibt, so dürfen wir uns mit der Hoffnung schmeicheln, mit dem letzten Nachspiel dieses Krieges der blutigen Austragung von Rassengegensätzen auf lange Zeit entronnen zu sein. ' Diese rationalistische, mehr auf zeitliche Gründe aufmerksame Einschätzung volklicher Verschiedenheiten ist uns Juden nicht fremd; wir bedienen uns ihrer längst, um den Abstand etwa russischer, norddeutscher oder englischer Juden uns begreiflich zu machen. Für uns deutsche Juden hat dieses Schwinden des Rassenwahns noch einen besonderen Aspekt. Es hängt irgendwie auch zusammen mit der maßlosen Verunglimpfung des deutschen Volkes und der deutschen Wesensart, wie sie dieser Krieg zu einer Art Weltsport gemacht hat. Es wäre unserer unwürdig, manche deutsche Landesgenossen jetzt an die kaum vergangenen Tage zu erinnern, da sie uns die allgemeine Verbreitung des Antisemitismus als „Beweis“ für unsere Schlechtigkeit vorhielten. Wir wollen in treuer Erfüllung auch einer geistigen Wehrpflicht überhaupt nicht darauf hören, was man heute im Auslande dem Deutschen Böses nachredet; wohl aber, da das semper aliquid haeret auch für den Getadelten gilt, mindestens für den allgemein und unermüdlich Getadelten, dürfen wir ruhig bemerken, was nun freimütige Deutsche, nachdenklich geworden, auf das Schuldkonto ihres Volkes nehmen wollen. Nicht das Detail dieser Selbsterkenntnis interessiert uns hier, sondern die Stimmung im Ganzen. Die Neigung zur Selbstkritik ist nämlich der gerade Gegensatz zu der seelischen Disposition, aus der seinerzeit die Germanentheorie der Chamberlain, VVoltmann und Hauser, erwuchs. Es war die Selbstzufriedenheit des unerhört Erfolgreichen, der sich in seinem Bcwustsein von Tüchtigkeit unwiderstehlich schien. Höchstens die angelsächsische Welt schloß man in dieses naive Hochgefühl ein; man übersah die sozialen Klüfte, die Deutschland von Englands Imperium und Amerika schieden, da man der „tiefen“ Zusammenhänge der Rasse gewiß zu sein meinte. Nun mußte man erfahren, wie eben scheinbar oberflächliche soziale Besonderheiten des Deutschen Reiches, seine Regierungsfonn, gewisse Details seiner Heeresverfassung und noch Geringeres genügten, es völlig in vier Fünfteln der Welt zu isolieren. Auch diese Erkenntnis mußte auf die prahlerische Bedeutungslosigkeit des Rassengesichtspunktes hiinveisen. Ein förmliches pater peccavi der schuldigen Vorkämpfer der Rassentheorie wird niemand erwarten; aber das geistige Leben ihres Volkes wird über sie wegfluten. Unsere Aufgabe aber bleibt ein Problem des Volkes und es wird uns obliegen, unsere schwer errungene nationale Selbsterkenntnis in ihrem besten Kern festzuhaltcn, ohne doch der neuen Soziologie, deren Kommen wir ahnen, unfruchtbar ablehnend zu widerstehen. Zionismus und Weltpolitik Am 17. November sprach der kais. osman. Major a. D. Franz Carl Endres in der Zionistischen Ortsgruppe München im Edenhotel über „Zionismus und Weltpolitik“. Major Endres, der betonte, daß er der Frage des Zionismus nur als Politiker gegenübcrtretc, gab zunächst ein orien- .atierendes Bild über die Entwicklung des Zionisjimus. Er wies darauf hin, daß die Zionisten, die «bisher ihre Tätigkeit in Palästina begonnen halben und von Jahr zu Jahr sich mehr entwickelten, einen Segen dieses gänzlich heruntergekommenen Landes bedeuten. Welche Bedeutung hat der Zionismus für die Türkei? Die Nationalitätenfrage kann kein Hindernis sein, nur blindwütender Pantürkismus will ans allen Menschen des Reiches Osmanen machen. Die Zukunft der Türkei liegt in der reibungslosen Behandlung der fremden Nationalitäten im Staate. Die große Blüte der gegenwärtigen zionistischen Kolonien muß die Türkei belehren, daß der Zionismus aus Palästina eine kräftige Provinz macht mit erhöhtem Handelsverkehr. Diese Kolonien können als Muster für die türkischen Reformbestrebungen gelten, in Fabrikationsmethoden, industriellen Unternehmungen, im Genossenschaftswesen und sozialer Fürsorge haben die Türken dadurch Lehrer und Musteranstalten gewonnen, ohne ungeheure Geldsummen an Fremde zahlen zu müssen. Warum aber sollen wir uns vom deutschnationalen Standpunkte für den Zionismus politisch interessieren? Weil die Türkei durch ihn eine große wirtschaftliche Stärkung erfahren kann, was .'..uns sehr am Herzen liegt. Im Gegensatz zum ^türkischen Volkscharakter eignet sich gerade der i 1 < i i i I ä i I li j i i t •*! Alten abrechnet, die nach Jerusalem gezogen sind, um dort zu sterben, auf 50.000, gegen 500.000 arbeitsfähige Araber, modifizieren. (Auch in den letzten Jahren vor dem Kriege, in denen die Einwanderung zunahm, war nur mit jährlichem Zuwachs von 2000 bis 3000 Seelen zu rechnen.) Die Gefahr einer jüdischen Invasion kann dem Türkischen Reiche um so weniger drohen, als jene Küstenstriche schwer bebaubar und die Kosten einer Niederlassung zu hoch sind, um dem Gros der auswandernden Juden hier so schnelle und lockende Bedingungen zu eröffnen wie etwa in Amerika. Im Grunde müßte diese Einwanderung einem Staate viel eher erwünscht sein, dessen Menschenmangel zwar bekannt ist dessen Zahlen aber die meisten Deutschen, selbst nach dreijähriger vielseitiger Aufklärung, überraschen mögen. Oder weiß inan bei uns allgemein, daß — nach der Statistik des hiesigen Ackerbauministeriums — noch nicht 9 v. H. der Oberfläche in der europäischen und noch weniger in der asiatischen Türkei bebaut sind? Daß in Palästina 27 Menschen, im Jordantale vier Menschen auf dem Quadratkilometer wohnen, während in dem bewässerten Teile des benachbarten Aegyptens sich 10.000 auf demselben Raum zusammendrängen? Wie Argentinien, wie Kanada, ruft die Türkei nach Menschen. Unter allen, die hier einwandern könnten, treten die Juden als einzige ohne staatliche Erinnerungen auf, sie allein lassen im Rücken kein Gemeinwesen zurück. Ist -aber an diesen Zigeunern der Kulturgeschichte nichts Staat, so ist doch vieles an ihnen und das Entscheidende Nation, denn wenn sich in diesen aufblühenden Kolonien Palästinas Juden aus allen Ländern treffen, so sind sie, indem sie den Fuß vom Bord des Schiffes setzen, das sie an den uralten Strand ihrer Väter trug, untereinander verbunden durch eine nur ihnen gehörige Sprache, durch eine unter ihnen eigentümliche Religion, Kultur, Literatur. Darum sind sie allein unter allen Nationen, die jetzt um ihre Anerkennung kämpfen, als Nation verwendbar, ohne als Staat zu stören. Sie allein unter denen, die jetzt kämpfen oder den Kampf anderer zur Austragung ihrer alten Forderungen benutzen, sind in Wahrheit bereit, die Nationalität eines Schutzstaates anzunchmcn, ihm alle staatlichen Pflichten zu erfüllen und doch dafür nichts zu fordern als Land, um es zu bebauen, und eine Stätte freier Duldung, auf der sie ihren Bräuchen und ihrer Sprache, ihren Künsten und Wissenschaften leben können, die sie sich, unter jahrhundertelangem Drucke, heimlich, beiehdet, verachtet, im Innern des Russischen Reiches erhalten haben. In ironischer Umkehr der Gedankenketten hat der Zionismus seine größten Freunde unter den Feinden der Juden, die sie in jedem Falle aus Europa weghaben wollen. Und bedenkt man, daß auch Christen aus reiner Sympathie für diese logische und fruchtbare Bewegung sich in ganzen Gruppen zu ihr bekennen, so erweist sie sich deutlich als ein Problem, das Semiten, Philosemiten und Antisemiten, das alle angeht, die die Völkerverschiebung von morgen verfolgen. Auch in solchem Sinn ist der Zionismus, der heut vom Kampf der Nationalitäten neue Impulse als Theorie empfing, in eminent praktischem Verstände ein europäisches Problem. Schon werden auf feindlicher Seite Bemühungen deutlich, sich dieser Bewegung zu versichern, die, durch ihre großen geistigen und finanziellen Verbindungen mit wichtigen Faktoren .aller Länder, als eine Macht politisch erkannt, gebraucht, vielleicht mißbraucht werden soll. In Rußland hat die Revolution auch diese Denker und Organisatoren befreit und in einem halben Jahre die Zionisten verzehnfacht. In Rom hat der Papst, als Haupt der Christenheit, deren radikalste Vorkämpfer schon die heiligen Stätten bedroht sahen, der Bewegung seine Unterstützung zugesagt. In London, in Paris winkt man den Zionisten jedes Versprechen zu, um sie als Objekt der erstrebten syrischen Souveränität schon jetzt sich zu verbinden. In Washington soll noch in diesem Monat ein Kongreß die Frage zur Vorlegung auf den Friedenstisch reif machen, und Wilson trägt sich mit dem Plane, Palästina als Pufferstaat zwischen die englische und die erhoffte französische Interessensphäre einzuschieben. Das hat die deutsche R e.g i e r u n g erkannt und sie tut alles, was sie, als Bundesgenosse eines unabhängigen Reiches, zum Schutze der Juden in Palästina unternehmen darf. Denn man weiß auch bei uns, daß dem Zionisten, der, je reiner, um so parteiloser in diesem Kriege fühlen muß, dennoch am Siege der Zentralmächte aus politischer Erwägung'gelegen sein muß. Seit Herzl, dem Oesterreicher, sind alle Führer dieser internationalen Vereinigung Deutsche gewesen, der Sitz des .Komitees ist seit langem Berlin, Kongreßsprache, Presse, der Vertreter in Konsianlinopel, der Leiter in Syrien sind deutsch — der letztere, einer der stärksten Kenner Syriens, Dr. A. R u p p i n, hat jetzt ein grundlegendes und vorbildliches Werk über „Syrien als Wirtschaftsgebiet“, fast ohne Literatur, geschrieben. Würde dennoch Palästina in irgendeiner Form englisch, so würden die deut-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.