Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ai. janrgang. — nr. 40 Nafional-jüdifcbcs Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/lt Zirkusgas.se 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandi Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonös Wien, Freitag, 30. November 1917115. Kislew 5678 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/,. Zirkusg. 33 Gekchäftsstunden: Montag bis Freitag von 9 — 12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 10.— halbjährig K 5.—. vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 IvUnU-, Dr. Hantke bei Graf Czernin. — P.Amann: Krieg und Nationalismus. — F. C. Andres: Zionismus und Weltpolitik. — Etnil Ludwig: Der Zionisinndll* mUs in der Türkei. — Die Juden ioi Bukowinaer Hausregimente. — Aus der jüdischen Welt. — Zionistisches Zentralkomitee nir YVestosterreich. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen._ Gesinnungsgenosse Dr. Hantke beim Grafen Czernin Vergangene Woche weilte, wie bereits berichtet wurde, Dr. Hantke (Berlin), Mitglied des Zionistischen Engeren Aktionskomitees, in Wien, um im Namen der Weltparteilleitung der österreichischen Partei Bericht über den Stand der zionistischen Sache, über die Lage in allen anderen Ländern und über die Tätigkeit der obersten Leitung unserer Partei zu erstatten. Die österreichischen Vertrauensmänner nahmen den überaus günstigen Bericht mit Genugtuung zur Kenntnis und sprachen ihrerseits der obersten Parteileitung das vollste Vertrauen aus. Doktor Hantke berichtete auch über den Stand der jüdischen Kongreßbewegung in Amerika, Deutschland, Rußland, England und den neutralen Staaten und besprach in diesem Zusammenhänge die Stellung der Parteileitung zum Plane des J udenkongresses in Oesterreich. Die Weltparteileihmg begrüßt diesen Plan aufs lebhafteste und wird alles, was in ihrem Wirkungskreise liegt, tun, um die Sache des österreichischen Kongresses, insbesondere im Auslande, zu fördern. Dr. Hantke nahm auch in einer diesem Gegenstände gewidmeten Besprechung österreichischer Zionisten und führender jüdischer Persönlichkeiten, welche außerhalb der Partei stehen, teil, und konnte durch sein Eingreifen viel zur Verständigung beitragen. Am letzten Tage seines Aufenthaltes in Wien wurde Gg. Dr. Hantke vom Minister des Auswärtigen Grafen Czernin empfangen. Dr. Hantke gab dem Minister die weitestgehenden Aufklärungen über den Stand der zionistischen Sache und die Intentionen der Weltparteileitung. Graf Czernin brachte diesen Ausführungen tiefgehendes und wohlwollendes Interesse entgegen und gab demselben rückhaltlosen Ausdruck. Mit Befriedigung können wir konstatieren, daß die zionistischen Bestrebungen seitens der gemeinsamen österreichisch-ungarischen Regierung gebührend gewertet werden. Die österreichischen Zionisten begrüßen es freudigst, daß der Besuch des Gg. Dr. Hantke beim Grafen Czernin dazu beigetragen hat, das Verhältnis der obersten Regierungsstellen zum Zionismus und zur österreichischen Partei zu klären. Wenn auch in Oesterreicli das antizionistische Denunziantentum nie so unverschämt zutage getreten ist, wie z. B. in Deutschland, wenn wir auch von tückischen Angebern, wie einem Paul N a t h a n, dem berüchtigten Leiter des Hilfsvereines deutscher Juden und seinem Jerusalemer Agenten Efraim Kohn, verschont geblieben sind, so hat cs doch immerhin auch bei uns Elemente gegeben, welche aus gewissen innerpolitischen Gründen das Verhältnis der Regierung zum Zionismus zu vergiften trachteten. Es ist sowohl im Interesse des Zionismus als auch im Interesse Oesterreichs gelegen, daß diesen Elementen vorläufig das Handwerk gelegt scheint. Krieg und Nationalismus Von P. A m a n n. Das politische und kulturelle Erwachen des westlichen Judentums im 19. Jahrhundert stand in lebendigem Zusammenhänge mit den allgemeinen nationalen Renaissaucebestrebungen, die, im Gefolge der Romantik, sich unter nachhaltiger Förderung eines Romantikers auf dem Thron, Napoleon III., zunächst über Europa ausbreiteten. Der Name Moses Hess ist Beweis genug dafür, wie hingegeben manche unserer Besten in dieser Strömung des Tages und des Jahrhunderts einem tausendjährigen Ideale zustrebten. Ein Mensclicnalter später, aller Seele und edlen Geistigkeit bar, zumal bei den national besitzenden Völkern zu rohem Aberglauben entartet, wirkt die schlammige Welle des Nationalismus mechanisch auslöscnd auf jüdische Befreiungstaten: russische Pogrome führen die ersten Kolonisten nach Palästina, der Dreyfusskandal gibt Theodor Herzls Gedanken den letzten Anstoß. Es ist nur scheinbar überraschend, daß diese nationalen Theorien, als sie der Feindschaft gegen unser Volk Vorwände lieferten, von uns nicht grundsätzlich überprüft und in ihren schwachen Teilen verworfen wurden, vielmehr, nach unseren Lebensbedürfnissen gemodelt, unter dem jungen Nachwuchs in noch größere Breiten und Tiefen drangen. Einmal in den Machtkreis dieser europäischen Idee geraten, können wir uns ihr und ihren Abwandlungen nicht plötzlich und ganz aus eigener Kraft entziehen. Wohl aber würden wir uns hier der Freiheit nähern, wenn etwa die gegenwärtigen Erlebnisse Europas und der übrigen Welt zu einer allgemeinen Schwäche und Zuriickdrängung nationalistischer Theorie und Praxis tiihreu sollten. Ich glaube dergleichen teils schon zu beobachten, teils Voraussagen zu dürfen: Täusche icli miclt nicht darin, so ist diese Feststellung einer solchen geistigen Wegbiegnng für unser Volk und seine Führer von Wichtigkeit: wir können uns nicht den Luxus erlauben, uns von bestimmten Ideen nur einen Tag länger leiten zu lassen, als sie wirklich führen und lebendig sind. 1S70. in einem Sendschreiben an D. F. Strauß, sieht Ernst Renan im Gefolge der Annexion des Elsaß, bei der man mir die physische Zugehörigkeit ihrer Bevölkerung in Betracht gezogen hatte, eine Reihe schreckensvollc „zoologische“ Kriege voraus. Um 1910 stand die nationalistische Theorie in der Tat auf einem Punkte, von dem aus künftig nur zoologische Kriege möglich erschienen; sie war zur Rassentheorie geworden. Wir Juden haben uns damals mehr gegen bestimmte Rassentheoretiker wie Chamber- »••«•«# acos*®®®«®»®®®®®®®®®®®®«* as schenke s zu Chanukah? | ................................................ «a®®o®®®«®ea®o3oooecffl®ooeae®eso® Der Zionismus in der Türkei Von Emil Lud w i g. Dieser auf guter Sachkenntnis beruhende Aufsatz erschien in der Abendausgabe der „Voss. Ztg.“ vom 20. November. Wir veröffentlichen ihn ungekürzt. Konstantinopel, Mitte November. Seit Theodor H e r z 1 mit seinem leidenschaftlichen Buche vom Judenstaat die Romantiker entzückt, die Trauernden gestärkt, die Politiker aber stutzig gemacht hat, seit sich in ihm der zionistische Gedanke glühend und irrationell, kühn und utopisch gespiegelt hat, ist die Bewegung, die er zuerst durch das Pathos seiner Persönlichkeit ins Licht Europas trug, von ihren Gegnern für seine Thesen verantwortlich gemacht worden. Und doch war er es noch selbst, der, auf dem ersten Kongreß, in Basel, jetzt vor zwanzig Jahren, den nationalen Staat der Juden abschwor und, unter dem Einfluß älterer Denker, sich auf die Forderung einer „öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ zurückzog. Vielleicht war es gerade diese Resignation, die diesen edlen und phantasiereichen Charakter schon auf der Schwelle seiner praktischen Laufbahn tiefer erschütterte, als er selber es wußte oder doch äußerte, denn Herzl, der mehr Rufer war als Führer, ging an dem Zwiespalt einer gläubigen und gedankenreichen Natur mit den Realitäten einer störrischen Umwelt zugrunde, wie Künstler meist, wenn sie sich in Politiker zu verwandeln streben. Man mag es eine Gunst des Schicksals nennen, das ihn dem ermüdenden Kampfe enthoben und der Enttäuschung seines Willens nicht die der Seinen folgen ließ, denn gewiß hat der Name des entrückten Rufers mehr gewirkt, als die Tatkraft des Lebenden in der Begrenzung des Raumes wirken konnte. Denn wie er seihst sich, rascher als seine Seele wünschte, dem Erreichbaren unpassen mußte, so ging auch die Bewegung rasch zu Wirklichkeiten über und, scheinbar ganz aus Regungen des Herzens und des Eritmerns. aus Pathos, Mythos und Historie gespeist, zeigt sie sicli mehr und mehr als eine verständige, gedachte, als eine politische Bewegung. Dort, wo der Fremde einen Katechismus religiöser und kultureller Fragen erwartet, findet er nun Statistik und Wirtscliaftslehre, und wohin allein der Gedanke an eine große geeinigte Vergangenheit zu weisen scheint, dorthin führt in Wahrheit die rationelle Erwägung guten Bodens oder billiger Schifiracliten. Aber noch immer suchen die Gegner durch das Schlagwort vom Judenstaate die Bewegung als staatsgefälirlich, als Staat im Staate zu diskreditieren, und alles, was die Türken während des Krieges gegen diese Ansiedlungen auf ihrem Gebiete Vorbringen, geht auf angebliche Ansätze zu solchem staatlichen Eigenleben zurück und sucht Maßnahmen der Selbstverwaltung als Schritte zur Autonomie zu verdächtigen.. Wohlfahrtsmarken, die in diesen Kolonien wie in allen Gemeinschaften als Sammelmittel aufgeklebt wurden, sollen den Beginn einer eigenen Post bedeuten, Schecks, die die jüdische Bank bei Kriegsbeginn ohne jeden Zwangskurs und nur zum Ersatz des leidenden Hartgeldes ausgab, sollen eigene Münze, Dorfschulzen und kommunale Schiedsrichter sollen eigene Gerichsbarkeit, Beiträge zur Erhaltung von Schulen und Straßen sollen eigene Steuer-Gesetzgebung einleiteii. Bei Todesstrafe hat D s c li c m a 1 Pascha, der Herr von Syrien — sonst auch von seinen Gegnern als geschickter Organisator gerühmt, aber ein erklärter Gegner des Zionismus, während er sich einen Freund der Juden nennt — den Gebrauch dieser „Postmarken" verboten und ebenso die 150 Gendarmen. Dorf- und Stadtv. äeiiter. die ihm als Beginn einer eigenen Armee verdächtig schienen. Diese Haltung des (iaststaates ist iiir die Zionisten so gefährlich, «eil sie neu ist, weil ihre fiinrimddreiß:giährige Arbeit sich auf eine Duldung auigebaut hat. die. unter Abdul Hamid unausgesprochen. aber durch die korruptiven Mittel der alten Türkei faktisch erreieiit, unter dem neuen Regime durch die allgemeine Freiheit und Gleichsetzung aller ottonumischeu Völker garantiert wurde. Und jetzt, da sich der Völkerkrieg immer mehr auf das Problem der Nationalitäten zu vereinfachen scheint und die Inkongruenz des Bodens mit den darauf wohnenden Völkern ilire demütigenden und entrechtenden Wirkungen verlieren soll, gerade jetzt wird dieser kleinsten der ottomanischen Nationen Freiheit und die Möglichkeit fruchtbarer Entwicklung geiälirdet. nachdem sie sich als staatstreu stets bewährt hat. Sind aber die Juden, die doch auch in Palästina keinen Staat bilden, noch bilden wollen, eine Nation? Sie sind ein Exponent davon. Dünn von den iast 1-1 Millionen Juden, die seit den Tagen des Titus in allen Teilen der Welt, zu zwei Dritteln aber in Osteuropa zerstreut leben, sind bis heute nur 12.000 in diesen Kolonien, und diese sind auf i'A v. H. der gesamten Oberiläche Palästinas angesiedelt worden, und zählt man dazu die 85.000 Juden, die neben 000.000 Arabern sonst dort leben, so muß mau diese Zahlen, wenn man die Jeder neugewonnene Abonnent bedeutet eine Stärkung der Organisation!