Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite? _ JÜDISCHE ZEITUNG _ , _ Nr,47 i.' i -;-i - . r. ■i '; fc ,.1 -i-r j '. .1-., ■ * ( ■ £ i" i. ■ - "■ •IV Ungewohntes. Auch mit sachlicher Widerlegung wird man dagegen schwer aufkoirimen, weil ja von vornherein die Stellung der Flüchtlinge unter ein Miet-Ausnähmsgesetz als wirksames Mittel gegen eine Wohnungsnot von niemandem ernstlich angesehen wird. In Ungarn wollte man angeblich die „Fremden“ entfernen, die „prassen“, und vertrieb die galizischen Flüchtlinge, bi Wien Will man die Wohnungsnot lindern und beabsichtigt ist gleichfalls bloß — die jüdischen Flüchtlinge loszuwerden. Denn eine Verringerung der Zahl der leerstehenden Kleinwohnungen ist einerseits darauf zurückzuführen, daß infolge der Mieterschutz-Verordnung die häufigen Uebersiedlungen eingedämmt worden sind, anderseits haben zahlreiche Hauskäufe für amtliche Bureauzwecke' einen Wohnungsmangel tatsächlich geschaffen. Keineswegs aber stellen die von Flüchtlingen bezogenen, zumeist möblierten Kleinwohnungen ein Hindernis für die einheimische Bevölkerung dar. -Im Gegenteil! Die Familien der Eingerückten empfinden es sehr wohltuend, daß sie ihre Wohnungen samt den Möbeln, die sie zumeist sonst aufgeben müßten, über Kriegsdauer lukrativ vermieten können und dadurch ihr Einkommen erhöhen.* Durch die angedrohten Maßnahmen gegen die Flüchtlinge würde eine preistreiberische Erhöhung der Mietzinse erzielt werden, die die ärmeren Flüchtlinge besonders hart treffen müßte. Es ist übrigens wohlbekannt, daß die Flüchtlinge hur ungern hier bleiben und daß bei Befreiung eines östlichen Gebietes die Paßstellen um Erteilung der Rückkehrbewilligung geradezu gestürmt werden. Verhütet muß aber werden, daß man diese gebrochenen Menschen in Ortschaften zurückschickt, in denen von einem Wiederaufbau noch keine Rede sein kann uriti die, in unmittelbarster Nähe des. Feindes gelegen, keine dauernde Sicherheit für eine Zivilbevölkerung bieten. Es winde mitgeteilt, daß in Sniatyn Züge mit Flüchtlingen tagelang gestanden sind, ohne daß man die Passagiere, die. halb verhungert und erschöpft waren, in den in Betracht kommenden Heimatsgemeinden unterbringen konnte. Einzelne Ortschaften hatten kaum 8 Häuser. Solche Versuche mit Menschen müssen in Hinkunft unterlassen werden! Lediglich deswegen, weil die christlich-soziale Hetzpresse und ihre mächtigen Gönner es wünschen, darf man österreichische Staatsbürger; die wirtschaftlich ohnehin bereits zugrundegegangen sind, nicht neuen Gefahren aussetzen und ihr Leben einfach dem Zufall preisgeben. Reicht der Ertrag der östlichen Gebiete zur Approvisionierung des Westens aus, so wird auch für die Flüchtlinge von den Erzeugnissen ihres heimatlichen Bodens etwas übrigbleiben müssen! Es ist höchst unklug und nicht im Interjffjsse des Staates gelegen,. wenn .man Menschen, "die vor dem Feinde nach dem Westen ihres Vaterlandes geflohen sind, um hier Schutz zu finden, derart behandelt und in einer Verzweiflungsstimmung in die zerstörten Gebiete zurückhetzt Wir sind auch überzeugt daß die Regierung einsichtsvoll genug sein wird, diesen Drohungen der Machthaber des Wiener Gemeinderates mit „einschneidenden“ Maßnahmen entsprechend zu begegnen. Und das Parlament wird hoffentlich auch ein Wörtchen mitsprechen und der Menschenhatz einen Halt bieten. Nur eine Frage drängt sich auf: Daß die Antisemiten des Wiener Gemeinderates’ die Juden loswerden möchten, ist nicht verwunderlich. Aber die Juden des-Wiener Gemeinderates, warum sind diese Herren, die auf „Fortschritt und Freisinn“ eingeschworen sind, dem ominösen Beschlüsse des Wiener Gemeinderates beigetreten? Keiner nahm dagegen das Wort. Nicht einmal Herr Ritter von Schwarz- Hill er erhob zum Schutze „seiner“ Flüchtlinge AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAiUAAAAAA. Des* Bezug des* Jüdisch Zeitung kann jede Woche erfolgen ■rnmrnnmrmmmmmn die Stimme. Der Sitzungsbericht vermeldet nichts davon und man muß also annehmen, daß er in rührender Eintracht mit Gemeinderat Stein für die Entfernung der Flüchtlinge sein Votum abgegeben hat.'Auch der einzige Jude, im Stadtrate, Herr Dr. Hein, schwieg und mit ihm alle Parteigenossen. Wahrlich, ein recht trauriges Bild. Die Gastfreundschaft des Wiener Gemeinderates wird den Flüchtlingen in .guter Erinnerung bleiben, insbesondere aber das Verhalten — der „fortschrittlichen“ Gemeinderäte! Versammlung des Distriktsverbandes für Böhmen Am 10. November 1917 veranstaltete der Zionistische Distriktsverband für Böhmen in Prag eine große Versammlung, bei der Herr J. U. Dr. Ludwig Singer, Advokat in Prag, und Herr Ing. Robert Stricker aus Wien über das Thema „Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Juden“ referierten. Herr Dr. Singer, Obmann des Zionistischen Distriktskomitees in' Prag, erklärte das Ziel des Zionismus nach dem Baseler Programm und sprach sodann über die Forderung des jüdischen Volkes nach Gleichberechtigung, besonders in jenen Ger bieten, in denen die Juden in Massen wohnen, z. B. in Rußland, wo sie ihnen auch von der ersten revolutionären Regierung versprochen wurde. Als zweite Forderung behandelte der Redner die Anerkennung des jüdischen Volkes als solchen. Diese Frage könne weder durch eine Revolution, noch durch ein Gesetz gelöst. werden, sondern nur durch Regelung von Volk zu Volk. Die Assimilation sei hiezu nicht geeignet, was am deutlichsten unsere Assimilation ans deutsche Volk bewiesen hat Mit welcher Begeisterung gingen die Juden zu Beginn des Krieges in den Kampf, wie treu dienten sie aufii im Hinterlande — und der Erfolg? Eine antisemitische Debatte im deutschen Reichstage, in der eine Statistik darüber verlangt wurde, wie viele Juden in den Kanzleien sitzen. Oder bei uns, wo Juden selbst dort das Deutschtum erhielten, wo es sich ohne ihre Hilfe nie erhalten hätte. Und die Deutschen bekämpfen die Juden, mögen sie sich nun christlich-sozial oder national nennen. Der' Antisemitismus ist im Kriege durch das Wachsen des Nationalismus gewachsen, aber auch durch dif/Schuld der Juden selbst. Wir müssen uns auf den1 Standpunkt der Wahrheit stellen und das Sejbstbestimmungsrecht unseres Volkes wahren, Wir müssen Juden sein. Wir dürfen keine herrschenden und keine beherrschten Nationen kennen. Viele Juden haben sich im Laufe des Krieges gegen die Grundsätze von Recht und Moral; gegen die Menschheit und gegen das Judentum versündigt Das kann nicht scharf genug verurteilt werden. Man darf aber auch nicht die Sünden Einzelner dahin verallgemeinern, daß alle; Juden Wucherer seien, ebenso wie man dies nicht von allen Agrariern behaupten dürfe. Wir fordern tatsächliche Gleichberechtigung, kulturelle Autonomie, die Demokratisierung der Kultusgemeinden und Gerechtigkeitvon Seite der Völker, unter denen wir leben, besonders jener, die für sich selbst Gerechtigkeitänstreben, wie in Böhmen von Seite der Tschechen. ' Herr Ing. Stricker schilderte in lebendiger Sprache die Entwicklung der Verhältnisse Oesterreichs seit den Augusttägen 1914 bis heute. Damals, in den ersten Schrecknissen des Krieges, als wir der primitivsten Güter, die wir. als Staatsbürger genießen, beraubt wurden, hat kein Volk den geraden Weg seiner Entwicklung ivor sich, gesehen. Heute aber, da man freier atmet, da man reden und Wünsche äußern darf; hat sich ein jedes Volk auf seine Forderungen, und Wünsche besonnen. Ein einziges Volk fehlt bis jetzt und das, ist das jüdische. Doch auch in den Reihen des jüdischen Volkes gibt es schon eine Gruppe, die die Interessen ihres Volkes nach außen zu wahren sucht. Und diese Gruppe hat die Vorarbeiten zu einem österreichisch-jüdischen Kongresse in Angriff genommen. Der Kongreß soll sich die Aufgabe stellen, die Anerkennung der Rechte des jüdischen Volkes zu erwirken, den Wiederaufbau Galiziens in jüdische Hände zu legen, die nach dem Kriege zu erwartende Emigration nach Palästina zu lenken, soll sich mit der Fürsorge für die Tausende jüdischer' Kriegswaisen urid arideren jüdischen Lebensfragen beschäftigen. ' Unter stürmischem Beifall des in Massen erschienenen Publikums aller Parteien wurde am Schlüsse der Versammlung folgende Resolution angenommen: „In Erkenntnis d.er dringenden Notwendigkeit einer demokratischen Vertretung der österreichischen Judenheit zur Wahrung der Rechte des jüdischen Volkes fordert die am 10. November 1917 im großen Saale des Hotel „Central“ in Prag tagende Massenversammlung den organisatorischen Zusammenschluß der österreichischen Juden und begrüßt die Bestrebungen, diesen auf dem Wege eines, österreichischjüdischen Kongresses herbeizuführen, auf d as W är ms te.“ , Th. Eröffnungsfeier der Jüdischpädagogischen Kurse (Wegen Raummangel, verspätet) Am Sonntag, den 11. November, fand! um 10 Uhr vormittags in den Räumlichkeiten der Frau Anitta Müller sehen Institutionen in der Praterstraße die Eröffnungsfeier der jüdisch-pädogogischen Kunse statt, die einen überaus würdigen und eindrucksvollen Verlauf nahm. Von den zahlreichen Gästen — der große Sa’al konnte sie kaum fassen — ergriff zunächst dfer Obmannder Dozenten der jüdisch-pädagogischen Kurse, Herr Reg.-Rat Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem das Wort und setzte die Ziele der Kurse auseinander. Die jungen Leute, führte der Redner aus, die die Hörerschaft der Kurse bilden, werden, sollen rncht nur zu tüchtigem Pädagogen, -heraugebildetr sondern, ' von jüdischen. Kulturwerten selbst ■ ganz durchdrungen, sollen sie für den unvergleichlich wichtigen Beruf vorbereitet werden, den Geist des Judentumes be.i.der künftigen Generation erhalten zu'helfen. Um dieses hohe Ziel zu erlangen, reichen nun die „Alten“, denen die Erhaltung und1 Weiterentwicklung des jüdischen Geistes ebenso am Herzen liege, wie der jüngeren Generation, dieser mit-freudigem und beglückendem Gefühle die Hand! zu gemeinsamen. Wirken. ' - - Anknüpfend an die Worte, des Herrn Prof. Jerusalem wies hierauf Herr Dr. Siegiried Bernfel d auf die Bedeutung und- Wichtigkeit der jüdisch-pädagogischien Kurse hin. Der jungen jüdischen Generation, die national fühle, genüge es. acht, sich nur gelegentlich, an Feiertagen und bei Sitzungen, mit dem Judentum zu befassen. Sie habe nunmehr das -unabweisliche Bedürfnis, Ln jedem Augenblick ihres Daseins jüdisch zu elenkräftigen. Mannheimer mußte die von ihm selbstverfaßte Formel des Judeneides nachsprechen — und doch. Kompert wurde wohl von dem Vergehen der Beleidigung einer anerkannten Religionsgenossenschaft freigesprochen und schuldlos erklärt, dagegen des Vergehens der Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge schuldig erkannt und zu einer. Geldstrafe von 40 Gulden, eventuell 8 Tagen Arrest verurteilt Unter einem wurde die Verbreitung des „Jahrbuches für Israeliten“ verboten und die Vernichtung der vorhandenen Exemplare verfügt ‘ Der Artikel Grätzens fiel jedoch nicht der Vergessenheit anheim. Im Jahre darauf druckte ihn J. K. Büchner in Leipzig in seinem „Volkskalender und Jahrbuch für Israeliten auf das Jahr der Welt 5625“ ab. Aber auch ein anderes Schicksal wurde dem Aufsatz zuteil. Kompert und den vom Landesgericht einvernommenen Rabbinern war. es gelungen därzutun. daß es eine Scheidung zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Juden dem Glauben nach nicht gäbe. Und dagegen fanden sich 148 Protestanten, namentlich ungarische Rabbiner. f Dies alles, waren die Folgen der Veröffentlichung Professor Grätzens höchst harmlosen Aufsatzes.» Die eine große, wirklich von Grätz gewünschte Folge, das volle Verständnis seiner Ausführungen, scheint dairials in den sich überstürzenden Sensationen verlorengegarigen zu sein. Vorlesung Max Brods Am Sonntag Vormittag, den 18. November las Dr. Ma Brod auf Einladung der „Lesehalle“ Im Saale der Wiener Kammerspiele aus eigenen Werken. Br begann mit einem Akt aus dem ungedruckten Drama „Eine Königin Esther“, den der Dichter.'als den undramatischesten des Stückes bezeichnet®. Das alte biblische Thema äst frei gestaltet. Daher wohl arichi fder dlas'Subjekdiesem stimmungsreichen Akt -trug der Dichter tive ausdrückende unbestimmte Artikel lim Titel, sehr ausdrucksvoll „Die Elegie an die. ab- Der König und die Königin Esther sind tarn einem ■ gef ailenen Juden“ (Jüd'. Nat Kalender 5678) Spaziergang in ein abgeschlossenes Tal am Fuße und das Gedicht „Meine erste hebräische , des auf einem Felsen gebauten Schlosses geratet:. Lektion“ vor. Eine kurze Schilderung -aus dem! Der König kennt idiese romantische Einsamkeit, Roman Tycho Brahes „Weg zu Gott“ folgte, die dievon einem murmelnden Bache durcbrauscht . Brod zu wenig Beachtung gefunden zu - haben wird, kennt die dunkle Grotte „des wahrhaftigen schien, jene Szene, wo Tycho mit seinen Büchern Lebens“. Hier saß er schon in früheren Zeiten, unld astronomischen Apparaten auf hochbepackten damals aber quälte den noch mit sich selbst Rin- Wagen in Prag eünziebt, ein Rad1 bricht, und ein genden diese tiefe Stille, die ein Prüfstein ist. junger Gesell, ohne' ein Wort zu verlieren, kräftig Esthers Liebe hat ihm Harmonie und innere Reife zugreifend, die gefährdeten Sextanten in Sichergeschenkt Er hat als des Daseins Zweck erkannt, heitbringt. Der Dichter wies auf die siöh hier Liebe -utid schenkende Güte zu verbreiten;. nun verkörpernde Idee der werktätigen Nächsten* ist seine Seele selbstsicherer Ruhe voll; jetzt beliebe hin. glückt ihn die Einsamkeit des weltverlorenen . Als-letztes las Brod aus einem unveröffent- Tales. Aus der Grotte taucht.der Genius dieses lichten Roman- „Der Freistaat des Doktor Glückes auf. Bald aber verschwändet er; an seiner Ask o nas“, eine Art. utopischen Romans, von Stelle auf dem Felsen am Bache sitzt fischend dem Gedanken des permanent gewordenem Krie- Hatnan. Er ist Jude — wie .der Dichter hervorges ausgehend. Eigenartig berührte, der Tr-anni hob — und offenbart sich im Gespräch als die vom „vereinigten Mpsikeuropa“, im dem Skurriles Verkörperung scharf verneinenden satirischen und Reminiszenzen der kriegerischen Gegenwart Geilstes. Er haßt den „Brei“ satter Beglückung, traumartig-echt verschmelzen, mit dem der König seine Untertanen umgibt, er Brod'las sehr schlicht und ohne jede. Pose, haßt seine gleichmäßige Güte, er haßt altes, vor Vielleicht hätte, das. Drama einen kräftiger gestalaltern aber hat er einseines stärksten Hasses teten Vortrag erheischt. Das Publikum folgtemit würdiges Objekt entdeckt, die Juden; die in -einer warmer Anteilnahme den vor ihm erstehenden Provinz des Landes hausen. - Er verlangt vom Gestalten und Gesichten. W—g., König die Zustimmung, sie alle, an einem Tage Tage timbringen zu lassen. Der König begibt sich zum Rat, Esther, sich als Jüdin bekennend, -spricht ihre Entrüstung und ihren Schmerz über diesen Aimanach Zydowski. Diesen Titel trägt eiri Plah aus. Da erscheint Mordechai als Abgesandter von Dr. Z. F. Finkelstein redigiertes, überder bedrohten Juden, um Hilfe von Esther zu beaus reichhaltiges- Sammelbuch in polnischer gehren, und wie er sich darstellt, hastig von der Sprache literarischen und wissenschaftlichen Indurch die mühselige Reise erschwerten Gesetzeshaltes, das demnächst erscheinen wird. Der Preis erfülhmg redend und betend; erleben wir an ihm - des Buches beträgt K 4.—'(Mir. 3:—). Esiskzu beweinen zweiten Typusder. Juden, den dem Dichter ziehen vom Verlag der „Moriah“,-Wien, L, Ebensvohl erlebte Gegenwart geschenkt hak- Nach dorferstraße 3/13. Postsparkasserikonto 157:679. Literarische Anzeige •.‘g.r.gsgix?igp-T cutis