Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-11-23 · 47 (23.11.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438669--5532-2445519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nafional'jädifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien TI/X, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit'der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 23. November 1917/15. Kislew 5678 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien Ith, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 Inhalt» D*e Erklärung der englischen Regierung. — Audienz Dr. Hantkea bei Graf Czerain. — Hepp hepp! Flüchtlinge hinaus! — Versammlung des 11111dl l. . Distriktsverbandes für Böhmen. — Eröffnungsfeier der Jüdisch-pädagogischen Kurse.— Dr. i. Wertheim. Grätz vor Gericht. — W—g, Vorlesung Max Brods. — Aus der jüd. Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Zionisten im Felde. — An die jüdischen Mediziner. — Ausweis usw. Die Erklärung der englischen Regierung für den Zionismus Die Erklärung der englischen Regierung, die wir m unserer vorigen Nummer veröffentlichten, ist ein Ereignis von außerordentlicher Tragweite.- Es ist das erste Mal, daß eine Großmacht in offizieller Weise zum Zionismus Stellung nimmt Zum ersten Male wird der Anspruch des jüdischen Volkes auf Erneuerung seines nationalen Daseins in Palästina durch eine europäische Regierung in den Kreis der wichtigen politischen Gegenwartsprobleme emporgehoben, und man darf sagen, daß die Anerkennung dieses Anspruches durch die englische Regierung ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung ist. Noch liegen fast alle Staaten der Erde in blutigem Kriege und politische Leidenschaft mag dieses Ereignis in sehr verschiedener Beleuchtung sehen. Für uns Zionisten aber steht die Tatsache unverrückbar fest, daß eine solche Anerkennung der Bewegung als . eines politischen Faktors von höchstem Wert ist, ganz unabhängig davon, welche politischen Absichten die Regierungen verfolgen . mögen, wenn sie zum Zionismus in der einen oder anderen Weise Stellung nehmen. Die Absicht der. englischen Regierung mag wohl dahin gehen, Palästina unter englisches Protektorat zu bringen. Doch wäre selbst im tFalle der kriegerischen Eroberung Palästinas die Frage der staatsrechtlichen Zugehörigkeit nach geltendem internationalen Recht npch keineswegs gelöst. Palästina ist türkisches Gebiet, und würde es bleiben, auch wenn die englischen Truppen weiter Vordringen sollten. Nur die Friedenskonferenz und die auf ihr zu treffenden internationalen Vereinbarungen können di et Zugehörigkeit - der im Kriege .umstrittenen und besetzten Gebiete zu dem einen oder anderen Staat endgültig entscheiden. Schon aus diesem Grunde mußte die Erklärung der englischen Regierung sich auf die Anerkennung der zionistischen Wünsche beschränken und durfte das staatsrechtliche Verhältnis Palästinas zur Türkei nicht berühren. Aber es ist wohl auch der besondere. Wunsch der englischen Zionisten gewesen, daß die Erklärung in dieser Form und ohne jede Beziehung zu irgend welchen englischen Protektoratswünschen abgegeben wurde. Das Wesen der zionistischen Bewegung verlangt dies, denn nach wie vor gilt der Grundsatz Theodor Herzls, daß das Werk der jüdischen Wiedergeburt in Palästina von dem Wohlwollen aller Mächte getragen und. in vollster Loyalität gegenüber dem souveränen Herrn des Landes vollzogen werden muß. Es liegen Gründe zu der Annahme vor, daß die Regierungen der Vereinigten Staaten, Frankreichs und Italiens sich dem Standpunkt der englischen Regierung in der Frage des Zionismus anschließen werden. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß auch die Mittelmächte und insbesondere die Türkei den gleichen' Standpunkt vertreten werden. Denn der Zionismus hat nur dieses eine Ziel: Mit Zustimmung der gesamten Kulturwelt, ungehindert und in Sicherheit, in Palästina ein Werk friedlicher Kulturarbeit zu vollbringen, dem Judentum und der ganzen Menschheit zum Nutzen. Audienz Dr. Hantkes bei Graf Czerain In 4er vergangenen Woche weilte Herr Dr. Arthur Hantke aus Berlin, Mitglied des E. A. C., mehrere Tage in Wien. In wiederholten Zusammenkünften mit den Leitern d'er österreichischen zionistischen Organisation und dem Exekutivkomitee der Zionisten! Oesterreichs wurde die politische Gesamtläge des Zionismus eingehend besprochen. In einer größeren Vertrauensmönnervensammlung am 12. d. M.. erörterte Herr Dr. Hantke die aktuellen Fragen -unserer Bewegung und berichtete, eingehend -über die Verhältnisse, in Palästina. Am letzten "tage seines Aufenthaltes wurde er vom Minister des Aeußern Grafen Czemin in Audienz empfangen. Wie die „Wiener Politische Rundschau“ verbreitet, „nahm Graf Czemin die Aufklärungen :Dr. Hantkes über die zionistischen Pläne mit Befriedigung zur Kenntnis.“ Hepp hepp! — Flüchtlinge hinaus! Wir haben noch vor Wochen angekündigt, daß unaufhaltsam der Ruf:;,Flüchtlinge hinaus!“ als zugkräftigstes Schlagwort für die christlichsozialen Parteiversammlungen vorbereitet und gegen alle Mängel der Approvisionierung nur die Ausweisung der lästigen Kriegsflüchtlinge-Juden als Alleinheilmittel gepriesen wird. Ungarn hat mit seiner Austreibung, der „Fremden“, welche die jüdischen Flüchtlinge vorwiegend abgaben. Schule gemacht. Und nun wird . die Razzia hier beginnen. Die Wohnungsnot soll mit einem Schlage durch gewaltsame Entfernung der Flüchtlinge, schon während des Krieges beseitigt werden! Der Wiener Gemeinderat verlangt eine Abänderung der Verordnung über Mieterschutz, indem die Vermieter jenen Mietern gegenüber das Kündigungsrecht haben-sollen, die am 1. August 1914 noijh nicht ihren ordentlichen Wohnsitz in Wien hatten, d. h. die Kriegsflüchtlinge, die ohnehin als Aftennieter ein Martyrium oft erdulden und am meisten Schutz nötig haben, sollen jederzeit auf die Straße gesetzt werden dürfen und Wien verlassen müssen. Ferner fordert der Wiener Gemeinderat die Regierung direkt auf. die Rückbeförderung der Kriegsflüchtlinge zu beschleunigen und für den Fall, als diesem Wunsch nicht Folge geleistet werden sollte, werden e i nschneidende Maßnahmen hinsichtlich j e n e r Wohnungen angedroht, die Kriegsflüchtlinge und Ausländer bewohnen. Alle daraui abzielenden Anträge hat der Wiener Gemeinderat in seiner Sitzung vom 14. November zum Beschlüsse erhoben und ihnen noch rückwirkende Kraft vom t. November 1. J. zuerkannt. Zunächst seien alle Bedenken zerstreut, die sich dagegen geltend machten, daß eine Ausweisungvon „Fremden“ in Oesterreich, begehrt wird. Eine Wiener Zeitung hat unlängst eine solche Zumutung, die ein ententefreundliches?f*> Organ in der Schweiz publiziert hat, scharf zurückgewiesen und als Verleumdung bezeichnet. Tatsächlich richten sich alle diese' Maßnahmen nicht gegen Ausländer und Fremde. Unter diesem Sammelnamen versteht man jetzt vorwiegend österreichische Staatsbürger aus den östlichen Kriegsgebieten, die nach dem Westen vor dem Feinde geflüchtet sind. Das Gros derselben sind Juden und gegen diese werden zweifellos die drakonischen Maßregeln erwünscht Klarheit ist geboten: Es handelt sich um Juden! Die Christlich-Sozialen haben einen neuen und willkommenen Agitationsstoff und als solchen muß man diese Maßnahmen ansehen. Wir sind aber einsichtig genug, mit den Parteiprinzipien der Machthaber des Wiener Gemeinderates nicht zu rechten. Von ihrem Standpunkte ist das Programm: „Hepp Hepp! — Juden hinaus!“ nichts Graetz vor Gericht Von Dr. Johannes Wertbeim. Die 100. Wiederkehr des Geburtstages unseres Historikers Dr. Heinrich Grätz ruft in Wien die Erinnerung an einen aufsehenerregenden Prozeß wach, der, die Folge eines von ihm hier veröffentlichten Aufsatzes war. Im Juli des Jahres 1863 erschien der 10. Jahrgang des von Josef Wertheimer und Dr. Leopold K o m p e r t herausgegebenen ..Jahrbuches für Israeliten 5624“ und brachte von Dr. H. Grätz einen Aufsatz unter dem Titel: „Die Verjüngung des jüdischen Stammes“*. Eine ethnographische Skizze, welche die dem jüdischen Stamme innewohnende Regenerationsfähigkeit nachweisen sollte. Die erste Probe, meinte da Grätz. die eine Nationalität für ihre Dauerhaftigkeit und für ihre Berechtigung -zur ungeschmälerten Existenzentfaltung abzulegen habe, sei ihre Veriüngimgsfähigkeit nach überstandener Altersschwäche. Wenn sie auch nur einmal Beweise für ihre Auferstehung aus dem Grabesschlummef gegeben habe, dann sei schon ihre Unsterblichkeit bekundet. Grätz führt dann aus: „Der jüdische Volksstamm geht vor unseren Augen einem kaumfrüher geahnten Verjüngungsprozeß entgegen. Die Judenfeinde bemerken es mit verbissener Wut. die kosmopolitisch gesinnten Juden schütteln im Stillen darob bedenklich das Haupt, die starren Buchstabenfrommen knüpfen trügerische Hoffnungen daran, alle sind stutzig ob dieser Erscheinung. Ist diese so unglaublich scheinende Regung wirklicher Herzschlag oder bloß galvanisierte Zuckung einer Leiche? Können abgestorbene, zerstreute Gebeinewieder aufleben? Diese Frage in. derselben For-, mulierung hat einst ein jüdischer Seher aufgeworfen, als der jüdische Volksstamm vielleicht noch mehr als gegenwärtig eiaem Leichnam glich. Und der Geist, der über ihn gekommen war. zeigte ihm. wie Gebein an Gebein rückte, wie sie sich mit Fleisch und Adern bedeckten, wie sich eine flaut darüber spannte und wie dann endlich der Lebensgeist in diese Gebeine fuhr und sie in lebendiger ' Gestalt aufstehen machte. In der Tat hat der jüdische Stamm im babylonischen Exil eine solche Auferstehung von den Toten an sich erfahren und es gewährt eine fruchtbare Belehrung, wie sich dieser Prozeß aus unmerklichen Anfängen zu einer staunenerregenden Erscheinung vollzogen hat. Diese Neuverjüngung des jüdischen Volksorganismus bietet nach manchen Seiten eine interessante Analogie und verdient, im rechten Lichte gezeigt zu werden.“ Nun weist Grätz hach, wie sich mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil der Auferstehungsprozeß der jüdischen Nation schon einmal in so eindrucksvoller Weise vollzogen habe. Nach dem Falle Zions durch die Uebermacht Babylons waren die Juden ihres Landes jedes örtlichen und geistigen Zentrums beraubt und wären nach menschlicher Voraussetzung, wie sich dies bei anderen Völkerschaften unter gleichen Umständen ereignete, unrettbar dem Untergänge geweiht gewesen. Allein die Nation erhob sich wieder, aufgerichtet von ihren Propheten. Auf eine unzerstörbare Verjüngungsfähigkeit des jüdischen Volkes soll, legt nun Grätz dar, der zweite Jesaias hingedeutet haben und es scheinen ihm besonders die von manchen Auslegern auf den persönlichen Messias gedeuteten Stellen dieses Propheten sich auf das gesamte jüdische Volk zu beziehen. „Die verkümmerte, verachtete, angcspieene. zertretene Knechtgestaft. ist zu hohen Dingen berufen, gerade durch ihren Leidensstand. Die Dornenkrone, welche das Messiasvolk geduldig erträgt, macht es eines Königsdiadems würdig. Ein Volk, das durch Leiden und Tod zur Auferstehung, durch die Pforten des Grabes zum Leben erweckt werden soll, das hat Sinn: auf eine Einzelpersönlfchkeit übertragen, wird es Karrikatur und führt zur romantischen Schwärmerei.“ Diese Stelle, aus dem Zusammenhänge gerissen, bildete den Gegenstand der Anklage, die wider den Herausgeber des Jahrbuches Dr. Leopold Kompert erhoben wurde. Die Staatsanwaltschaft vermutete eine Demonstration gegen den Glauben an den persönlichen Messias und da dieser Glaube dem Juden- und dem Christentum gemeinschaftlich ist. eine direkte Beleidigung des jüdischen Dogmas und eine indirekte Schmähung eines christlichen Heiligtums. Zur Vorgeschichte des Prozesses sei folgendes vermerkt. Das Buch erschien im Juli, ohne daß gegen dasselbe von seiten der Preßbehörde, der das Pflichtexemplar vorschriftsmäßig vorlag. irgendein Anstand erhoben wurde. Im November brachte die kaiserliche „Wiener Zeitung“ eine lobende Rezension über das Buch. Dies veranlaßte die Wiener „Kirchenzeitung“, gegen das Jahrbuch aufzutreten. Dabei machte sie die Bemerkung, daß sie hierüber Stillschweigen beobachtet hätte, wenn sie nicht durch die lobende Kritik der „Wiener Zeitung“ auf das Jahrbuch aufmerksam gemacht worden wäre. Einige Tage darauf erfolgte die behördliche Konfiskation des Jahrbuches. Dr. Leopold Kompert. der beliebte Dichter der Ghettonovellen, der damals im Mittelpunkt des Wiener jüdischen Lebens stand und kurz vorher in das Vorstandskollegium gewählt worden war. hatte sich nun von dem Vorwurf der jüdischen und christlichen Religionsschmähmtg zu reinigen. In beredter Weise legte er seine glühende Liebe zum Judentum dar und die völlige Absichtslosigkeit, die christliche Religion anzugreifen, dadurch, daß er den Grätz'schen Aufsatz dem. Publikum übergab. Die Rabbiner Mannheimer und Horowitz mußten seine Aussage in sachlicher wie persönlicher Hinsicht erhärten, ja eidlich be- Das schönste Chanukah-Geschenk ist den Jötfiscfae MationaikaSenden!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.