Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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EB WG mm 'g1 ken und zu wirken. Daher strebe sie auch, sich ganz'mit jüdischen Kuiturwerten zu erfüllen. In diesem Sinne müßten auch die kommenden Geschlechter im Judentum erzogen werden. Dazu seien aber tüchtige Erzieher nötig. Solche heranzubilden, sei die schwierige Aufgabe der jüdischpädagogischen Kurse, die zunächst nur ein Versuch seien und an die-Hörer große Anforderungen stellen. Aber -ein künftiger Erzieher müsse Unannehmkchke'ten mit in Kauf nehmen. Im Hamen des Exekutivkomitees 4er österreichischen Zionisten sprach der Präsident desselben Herr Adolf S t a n d. Mit begeisternden Worten würdigte der Redner die. Bedeutung der Institution der jüdisch-pädagogischen Kurse, obgleich sie in den engeren Kreis aer zionistischen Arbeit eigentlich nicht gehöre. Zu allen Zeiten, wenn, das jüdische Volk in Gefahr gewesen sei, sei.ein Jabnc, ein Mittelpunkt der Pflege jüdischen Geistes entstanden. Er hoffe, daß der Versuch gelingen werde. Vieles spreche dafür, insbesondere aber sei ihm die Tatsache, daß die Kurse in den Räumen der Frau Anitta Müllerscheit Institutionen abgehalten werden, die aus kleinen, schwachen Anfängen sich zu einem Werke von höchster Bedeutung entwickelt hätten, Symbol und Gewähr dafür, daß das begonnene Werk gelingen müsse und zu einem neuen „Jabne“ sich erheben werde. Dr. H. G—r. Aus der jüdischen Welt Jaffa von den Engländern besetzt Der englische amtliche Heeresbericht aus Palästina vom 18. d. meldet: Gestern würde Jaffa von australischen und neuseeländischen berittenen Truppen ohne Widerstand besetzt Der Feind scheint seinen Rückzug nordwärts fortzusetzen. Der jüdische Kongreß in Rußland. Das Zentralkomitee, das zur Organisierung und Einberufung. des russisch-jüdischen Kongresses gewählt wurde, entfaltet eine lebhafte Tätigkeit. Hervorragenden Anteil an diesen Arbeiten nimmtdie zionistische Organisation, die fast ihren ganzen Apparat in den Dienst stellte. Bei den Beratungen über die Organisation des Kongresses hat die Sprachenfrage eine lebhafte Debatte hervorgeruien. Das Komitee beschloß, daß sämtliche Schriftstücke in hebräischer, jiddischer und anderen Sprachen •» abgefaßt werden müssen. Der Kongreß sollauf den 11. Jänner 1918 neuen Stils einberufen werden. Vorgesehen sind 507 Mandate, Vertreter von 43 Wahlkreisen. Die Wahlen zum Kongreß linden am 16., 17. und 18. Dezember statt Das Organisations-Komitee hat einen Aufruf an alle Juden Rußlands erlassen, dessen erster Teil lautet: „Bürger, Juden! Das jüdische Volk in Rußland steht jetzt., vor einem Ereignis, das nicht seinesgleichen hat in der jüdischen Geschichte seit zwei Jahrtausenden. Nicht nur hat der Jude als Individuum, als Bürger Gleichberechtigung bekommen— was ja auch in anderen Ländern geschehen ist —, sondern die jüdische Nation steht. vor der Möglichkeit, nationale Rechte zu erlangen. Niemals und nirgends durchlebten die Juden einen : so ernsten, verantwortungsvollen Moment wie den gegenwärtigen — verantwortlich vor dem lebenden und zukünftigen Geschlecht Aber diese Verantwortlichkeit schreckt uns nicht, denn wir können, mit vollem Rechte sagen, daß die Juden sich der vollen Bedeutung der historischen Aufgabe, die uns zufällt, wohl bewußt sind. Das zeigte sich klar auf der Konferenz, die vom 18. bis 21. Juli (31. Juli bis 3. August) in Petrograd unter Mitwirkung von Vertretern aller großen Gemeinden und aller jüdischen Parteien und Richtungen Rußlands stättfand. Diese Konferenz beschloß, in möglichst kurzer-Zeit einen Allrussischen Jüdischen Kongreß von gewählten Vertretern der gesamten Judenheit nach Petrograd einzuberufen. Diese von jedem Mitglied der Konferenz empfundene Verantwortlichkeit für die jüdische Zukunft in Rußland führte dazu, daß das Programm des bevorstehenden Kongresses einstimmig angenommen wurde. Die Punkte des angenommenen Programms lauten wie folgt: 1. Ausarbeitung Grundlagen der nationalen Selbstbestimmung dir Juden in Rußland. 2. Bestimmung der Rechfsgarantien für die nationale jüdische Minderheit 3. Festsetzung der Uebergangsformen der Gemeindeorganisation der. russischen Judenheit. 4. Sicherung der bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden: a) in dem unabhängig erklärten Polen; b) in Palästina: c) in Rumänien. Die Wahlkampagne zur russischen konstituierenden Versammlung hat unter den Juden Rußlands bereits ihren Anfang, genommen. Die zionistische Organisation hat ein großes politisches Programm ausgearbeitet und eine größere Anzahl von Agitatoren zur Organisierung und Vorbereitung der Wahlen in die Provinz geschickt Die Bestrebungen der Zionisten, mit den anderen jüdischen Parteien einen nationalen Block fürdie Gouvernements des früheren Ansiedelungsrayons zu bilden, um das Maximum der jüdischen Stimmen auf die jüdische Wahlliste zu vereinigen, zwecks Erreichung einer möglichst großen Anzahl von jüdischen Mandaten, haben bis-- her zu keinem Ergebnis -geführt. Die Hauptdifferenz zwischen den Zionisten und den Führern der Volksgruppe und der Volkspartei besteht darin, daß die letzteren für sich das Vorrecht ausbedihgen wollen, auch für nicht-jüdische Wahllisten zu arbeiten. Die zionistische Organisation hat dessen ungeachtet allen Lokal-Komitees die Parole ausgegeben, überall, wo die Möglichkeit dafür vorhanden ist, einen jüdisch-nationalen Block zu bilden. Die Hauptforderung der Zionisten ist die Bildung einer jüdischen Fraktion in der kommenden konstituierenden Versammlung, die sich in jüdischen Fragen den Beschlüssen des bevorstehenden jüdischen Kongresses zu unterwerfen hat. Die Wahlen der Gemeinderepräsentanten in Moskau. In Moskau haben Anfang Oktober die Wahlen in die jüdische Gemeindeverwaltung stattgefunden. Die Wahlen, die auf Grund des allgemeinen Stimmrechtes für beide Geschlechter geführt wurden, haben unter der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt das größte Interesse hervorgerufen. In Anbetracht der bedeutenden sozial-ökonomischen Aufgabe, die. in das neue Tätigkeitsprogramm der Gemeindeverwaltung aufgenommen wurde, beteiligten sich an den Wahlen sämtliche jüdisch-politische Parteien. Als Repräsentanten sollten 46 Vertreter gewählt werden. Die Versuche, einen national-jüdischen Block zu bilden, haben zu keinem Ergebnis geführt. Zum ersten Male haben sich die jüdischen Frauen in lebhafter Weise an der Wohlagitation beteiligt In'zahlreichen Aufrufen und Volksversammlungen liaben verschiedene Frauenvereinigungen ihre Forderungen an die jüdische Verwaltung gestellt Eine lebhafte Agitation entwickelte das Moskauer Zionistische Stadtkomitee. Das Resultat der Wahlen ergab: 18 Zionisten, 7 Orthodoxe, 6 unparteiische Bürgerliche, 5 Volkspartei, 5 Bundisten, 3 Sozial-Zionisten, 1 Sejmist, 1 Poale Zion. Unter den gewählten zionistischen Gemeinderepräsentanten ist auch Dr. E. W. Tschlenow. Kgnferenz der hebräischen Lehrer In Rußland. In Charkow tagte Anfang Oktober eine Konferenz der hebräischen . Lehrer des russischen Reiches. Mehr als 300 Lehrer, Delegierte verschiedener Lehranstalten und Schulvereine, nahmen an der Konferenz teil. Eine Reihe grundlegender Referate behandelte Programmziele und Aufgaben des hebräischen Schulwesens. Außer den Spezialreferaten wurden Referate gehalten von M. Ussischkin, Dr. Klausner und Ch. N. Bialik. Die Konferenz, die drei Tage dauerte, beschloß die Gründung einer hebräischen Lehrerorganisation in Rußland und die Herausgabe einer Fachzeitung. Die Jüdisch-sozialistische Arbeiterpartei Poaie-Zion in Rußland. Aus Petersburg wird geschrieben: Die Poale-Zionisten entwickeln in Rußland in den letzten Monaten eine außergewöhnlich lebhafte Propaganda. Aus allen Teilen des russischen Reiches wird berichtet, daß die Arbeiten der Poale-Zion mit großem Erfolge in größeren und kleineren jüdischen Zentren durchgeführt werden und daß in den breitesten jüdischen demokratischen Kreisen den Bestrebungen der Poale- Zion große Sympathien entgegengebracht werden. Eine lebhafte Tätigkeit entwickeln die Poale- Zionisten bei den Wahlen zu den Stadtverwaltungen. In größeren jüdischen Orten haben sie bis jetzt 80 Stadtverordnete durchgeführt, wobei nur drei bis vier Stadtverordnete, durch Wahlabmachungen mit anderen Parteien gewählt werden. Alle anderen Vertreter warep von der Partei als selbständige Kandidaten aufgestellt. — In der letzten Zeit sind eine Reihe führender Parteiarbeiter aus Amerika nach Rußland zurückgekehrt. Es kamen: B. Borochow, Alexander Ch aschin („Zewi Awerbuch“), R. Kendscherski aus Amerika, M. Jahrblum (Aniutin) aus Paris. Des weiteren sind bereits unterwegs aus Amerika: der bekannte Schriftsteller Dr. Chaim SchitLowski und der Herausgeber des Poale-zionistischen Organs „Haachdut“ in Palästina, Serubabel. Auch der bekannte Schriftsteller Dr. Nächmann S y r k i n aus Amerika wird demnächst erwartet. Außerdem ist aus Amerika der Poale-Zionist Ingenieur Pinchas Rutenberg zurückgekehrt, der unlängst zum Gehilfen des Oberstkommandierenden des Petrograder Militärbezirkes für die Zivilabteilung ernannt worden ist. — Am 8. September neuen Stils hat in Kiew ein Delegiertentag der Poale- Zion stattgefunden. Es ist bezeichnend für die Popularität dieser Arbeiterorganisation, daß ungeachtet der außergewöhnlichen Verkehrsschwierigkeiten zu dieser Konferenz mehr als 160 Delegierte aus den verschiedensten Teilen des Reiches, darunter aus Sibirien und dem Kaukasus, gekommen sind. Fast 500 Gäste wohnten ununterbrochen den Sitzungen bei. Die Konferenz wurde auch begrüßt von einer Reihe ukrainischer sozialistischer und revolutionärer Parteien, sowie von den städtischen Verwaltungsinstitutionen. Das Hauptreferat hielt B. Borochow über „Die gegenwärtige politische Lage und unsere Erwartungen von der Internationalen“. In seinem grundlegenden Referat führte der Redner aus, daß die Aufgabe der Poale-Zion in Rußland darin bestehen müsse, trotz der Arbeiten für die Durchführung der jüdischen Autonomie, keinen Augenblick die Arbeiten für die jüdische Kolonisation in Palästina in den Hintergrund zu stellen. Die Regeneration des jüdischen Proletariats in Palästina ist mit unseren Arbeiten in der Diaspora auf das Engste verknüpft. Das Referat Borochows wurde in der Konferenz mit großem Enthusiasmus aufgenommen. In'einer Resolution spricht die Konferenz ihre volle Zustimmung und Genugtuung dem Internationalen Zentralbureau der Poale-Zion dafür aus, daß es die Judenirage vor das Forum der sozialdemokratischen Internationale gebracht hat, und schließt sich den Forderungen des Zentralbureaus, wie sie in der Deklaration an das holländisch-skandinavisch-sozialistische Komitee entwickelt sind, restlos an. Die Konferenz beauftragte das Exekutivkomitee alles zu unternehmen, um diese Forderungen den weitesten Kreisen der europäischen und amerikanischen Demokratie zugängig zu machen und für deren Unterstützung zu werben. Außerdem beschloß die Konferenz die OIOIOIOIOIOIOIOIOIOIO / 'Keine Hummer darf uerforen gefienl Wer die Jüdische Zeitung gefesen flat und nieflt sammelt, werfe sie nieflt weg, sondern geße sie an 'Bekannte zur Eektüre weiter, damit der füdiseff-nationafe Gedanke auefl GfeieflgBltige ergreife u. siefl die Zafll unserer Monnenten meflre. Unter (aßt nieflt, flir Euer Wat^ zu werden! o»oio»o»oio»o»o»o»o»ö Gründung eines speziellen Palästina-Ressorts, welches sich damit befassen soll, Informationen und Aufklärungen über die Arbeitsmöglichkeiten in Palästina in den weitesten Kreisen der jüdischen Arbeiterschaft und des Proletariats zu verbreiten. Die Konferenz delegierte Bl Borochow zu dem zu gleicher Zeit tagenden Nationalitäten-Kongreß. Sein Referat auf dem Kongreß über das Thema „Die Prinzipien des Föderalismus vom sozialökonomischen Standpunkt“ haben unter den zahlreichen Delegierten dieses Kongresses aller Völker Rußlands das größte Aufsehen erregt. Die gesamte Presse widmete den ungewöhnlich klaren und grundlegenden Ausführungen Borochows ausführliche Berichte und Artikel. Der Referent wies nach, welche Schäden das zentralistische System den Völkern des Staates zufüge, indem es notgedrungen dazu führen muß, die von ihm beherrschten Völker geistig und ökonomisch auszusaugen. Anderseits wies er in gründlicher Beleuchtung auf die Gefahren des Separatismus hin, der die Völker in ihren Bestrebungen nach absoluter Selbständigkeit zu einer Abgrenzung und Lostrennung von allen anderen Staatsfaktoren führe. Nur im Föderalismus liege die Zukunft des russischen Staates. Volle Freiheit fü’- alle Völker und vo'le Einheit aller Völker werde dem russischen Reiche Ruhe und Glück bringen. Unter dem überwältigenden Eindruck, den seine Ausführungen auf dem Nationalitätenkongreß machten, wurde Borochow einstimmig zum Vertreter für die demokratische Konferenz in Petrograd gewählt. Für die Entwicklung der Poaie-Zionistischen Organisation wird die Kiewer Konferenz von weitfragender Bedeutung sein. Dr. Hugo Hoppe ist vor kurzem fm 57. Lebensjahre in Königsberg gestorben. Er wirkte als Nervenarzt. Sehr bekannt ist sein Buch „Tatsachen über den Alkohol“, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Viel gelesen wurde auch seine psychiatrische Schrift „Ein Gang durch das Irrenhaus“. Hoppe war eifriger Zionist; den Ge-" sinnungsgenossen wird seine Broschüre „Hervorragende Nichtjuden über den Zionismus“ bekannt sein. Die Italienische Gesellschaft „Pro Israel“, die, wie wir schon früher berichteten, ans Nichtjuden zusammengesetzt ist und die Erlangung der politischen und bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und das Recht auf Ausbildung ihrer nationalen Kultur anstrebt, will nun auch in anderen Ländern Ableger bilden. So wurden vor kurzem Versammlungen in Genf und Lausanne abgehalten. Aus der zionistischen Bewegung Eine neue zionistische Arbeiterpartei ln Rußland. Am 15. September tagte in Moskau die Vorkonferenz der heuen zionistischen Arbeiterpartei (Sionistow-Trudowikow), nicht zu verwechseln mit den „Poale-Zion“. Nach einem ausführlichen Referat, das die Gründe zur Entstehung dieser besonderen Fraktion auseinandersetzte, wurde beschlossen, eine Konferenz der Anhänger der neuen Partei für Ende November einzuberufen. Die Vorkonferenz beschloß, spätestens am l. Oktober mit der Herausgabe eines eigenen wöchentlichen Organs in russischer Sprache zu beginnen. Die Frage, ob die zionistische Arbeiterpartei als eine selbständige oder als eine innerhalb der allgemeinen zionistischen Organisation existierenden Fraktion auftreten soll, ist der Konferenz zur Entscheidung überlassen worden. Wie verlautet, soll der bekannte Schriftsteller R a p p aport (An-sky) der neuen Partei nahe stehen. Zionistisches Leben ln den russischen Gefangenenlagern. Das „Kopenhagener Bureau dpr zionistischen Organisation“ erhält sehr häufig Zuschriften österreichischer und deutscher Zionisten, die in Rußland gefangen sind, die von dem regen zionistischen Leben innerhalb dieser Gefangenenlager berichten. Ueberall lechzt man nach zionistischer und jüdischer Literatur und ist glücklich über jede Sendung von Büchern, überall wird vor allem sehr viel Hebräisch gelernt und — wie man ans Sibirien schreibt — wird manch einer als guter Hebräer nach Hause kommen, dem das Erlernen der hebräischen Sprache bisher nur ein frommer Wunsch war.. Die österreichischen Zionisten im Gefangenenlager in Berezowka haben am 19. Tammus, dem Todestage Herzls, eine Gedenkfeier gehalten, bei der bei Mannschaften und Offizieren zirka 300 Rubel für den Nationalfonds gesammelt wurden. — In dem Gefangenenlager Krassnaia-Rjetschka in Sibirien findet ein hebräischer Kursus statt, dort erscheint auch in zwangsloser Folge eine Zeitung mit Leitartikeln eines Prager Zionisten. Gesinnungsgenossen! Sorgt für die Verbreitung Eurer Presse! * *