Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 erschien der Abgeordnete Wedgwood und erklärte, von der höchsten autoritativen Stelle ermächtigt worden zu sein, mitzuteilen, daß die französische Regierung und der Volksrat für die Gründung eines jüdischen Staatswesens eintreten und seine Wiedererrichtung in gleichem Maße als ihre Pflicht erachten wie die von Belgien und Serbien. Die Aktion der englischen Judenheil machte großen Eindruck auf die politischen Kreise und die Oeffentlichkeit. Die „Times“, die diese Aktion heute in einem Leitartikel unter dem Titel „Die Juden und Palästina“ in eingehender Weise besprechen, sagen u. a.: Die von der englischen Judenheit jetzt eingeleitete Aktion ist von zu großer Bedeutung, um nicht die größte Beachtung zu finden. Dieser bedeutsame Schritt wäre kaum beschlossen und unternommen worden, wenn man nicht Grund zur Ueberzeugung hätte, daß die Antwort der Regierung nicht ausbleiben wird, ln der Tat, es ist kein Geheimnis mehr, daß über die Wiedererrichtung eines jüdischen Palästinas bereits durch Monate nicht bloß durch die englische Regierung und ihre Bundesgenossen, sondern zugleich auch mit den Armeeführern der britischen Streitmacht in Palästina Verhandlungen geführt wurden. Es ist begreiflich, daß die Juden die Mithilfe der englischen Regierung für die Verwirklichung ihres Jahrhunderte alten Ideals erwarten. Bisher ist aber eine öffentliche Erklärung über unsere Haltung in dieser Frage auf unerklärliche Weise unterblieben. Gebricht es unseren Staatsmännern an genügender Einsicht, um zu begreifen, von welchem Wert die aufrichtige Sympathie der Juden der ganzen Welt, die nur durch eine unzweideutige Erklärung der britischen Politik zu gewinnen ist, für die Sache der Bundesgenossen wäre. Deutschland hat schnell die Gefahr zu entdecken verstanden, die in einer Verbindung der Alliierten mit der nationalen Hoffnung des jüdischen Volkes für seine Ziele liegt und hat nicht gezögert, uns zuvorzukommen. Hat die Regierung an die Bedeutung des jüdischen Einflusses zur Bekämpfung der listigen deutschen Propaganda gedacht, an die Lord Cecil gestern noch erinnerte? Nur zwei Gründe würden von Bedeutung genannt werden dürfen und einen Widerstand der Regierung gegenüber einer Forderung der bei weitem überwiegenden Mehrheit des englischen Judentums rechtfertigen: wenn die Kolonisation und die Entwicklung Palästinas durch die Juden praktisch unausführbar wäre oder wenn die jüdische Nation keine Neigung zeigte, den Wiederaufbau ihrer nationalen Heimatstätte durchzuführen. Aber keines dieser beiden Argumente beruht auf Wahrheit. In den letzten Jahren lieferten die jüdischen Kolonien bemerkenswerte Resultate und die gegenwärtige Haltung des englischen Judentums muß als die der jüdischen Volksmassen angesehen werden. Jeder weitere Aufschub einer öffentlichen Erklärung unserer Regierung zu dieser bedeutsamen Frage würde ebenso unerklärlich wie seine weitreichenden Folgen gefährlich sein. Der Korrespondent des Bureaus fügt hinzu, daß man in den jüdischen Kreisen die bestimmte Erwartung hegt, daß die Aktion den gewünschten Erfolg haben werde. 2/sfer 2,500 Zrtempfare verkauft! Der Jüdische Nationalkalender findet reißenden Absatz. In -wenigen Wochen wird kein Stück mehr su haben sein. — Gegen Voreinsendung von 4 Kronen an den Verlag der Jüdischen Zeitung erhalten Sie umgehend Inr Exemplar Internationale jüdische Beziehungen (Schluß) Im Oktoberheft der „Preußischen Jahrbücher“ schließt Dr. Heinze seine Betrachtungen über die Lage der Juden. Er beginnt damit, zu behaupten, daß den polnischen Juden nur durch starke Auswanderung geholfen werden kann. Schon jetzt müsse Deutschland alles aufbieten, um den Emigrationsstrom von seinen Grenzen abzuhalten. Denn, so argumentiert Heinze, später wird dies schwerer sein. Jetzt handelt es sich um besitzlose (d. h. also machtlose) Proletarier. Heinze meint, daß man mit diesen leicht fertig werden wird. Sind aber die Juden Polens zu Wohlstand gekommen, dann wird sich viel schwerer in Deutschland eine Stimmung gegen ihre Einwanderung erzeugen lassen! Ist es nicht trostlos, daß ein gebildeter deutscher Konservativer in ruhiger, anscheinend sachlicher Form einen so zynischen und brutalen Antisemitismus predigt? Er geht so weit, zu verlangen, daß Deutschland in „menschenfreundlicher“ Absicht Geldhilfe gewähre, um den Juden die Reise nach Amerika, die so viel teurer ist, als die nach Deutschland, zu ermöglichen. Außerdem müßte man dafür sorgen, daß die Juden noch in Polen — englisch lernen, damit sie in Amerika eingelassen werden. (Sonst könnten sie zurückgewiesen werden und vielleicht gar nach Deutschland kommen!) Heinze weist sodann die „beliebte Betonung des jüdischen Einflusses in Wilna“, die die Polen — verstimmt habe, zurück und verwahrt sich gegen die von Magnes und anderen Augenzeugen in Amerika gegebenen „übertriebenen“ -Schilderungen des Elends der Juden in Kurland und Litauen. Er wendet sich dann dem Zionismus zu, von dem er behauptet, daß er, da Palästina zu klein sei, auch eine Besiedlung Mesopotamiens will und daß er zwischen Türken und Arabern, sowie Christen und Arabern vermitteln wolle. Er empfiehlt den Zionisten „vernünftiges Maßhalten“. Dann geht er zu der englisch-amerikanischen prozionistischen Propaganda über und trachtet, christlich-religiöse Interessen gegen den Zionismus geltend zu machen. Er betont die anti-ententistische Gesinnung der Salonikier Judenschaft und rügt mit scharfen Worten die rumänischen Judengreuel. Er führt als interessantes Detail an, daß die jüdisch-rumänischen Studenten in Paris in die Armee eintreten wollten, die rumänische Regierung wollte ihnen Pässe mit Angabe: Konfession „orthodox“ ausstellen, was die Studenten ablehnten. Sehr empört zeigt sich Heinze über den Antisemitismus in England — über jenen in Polen hatte er fast nur entschuldigende Worte — und so sehen wir, wie dieser Autor die ganze Judenfrage von dem Gesichtspunkte des momentanen politischen Interesses Deutschlands betrachtet. Er zeigt sich sehr besorgt darüber, daß die ruhigen jüdischen Journalisten gegen den jungen polnischen Staat, „dessen Freundschaft uns am Herzen liegen muß“, heftige Anklagen erheben werden. Es handle sich für die deutsche Presse darum, dem zu begegnen und. auf den Antisemitismus mancher Ententestaaten, Englands, Rumäniens etc. hinzuweisen und bei der Friedenskonferenz für die Rechte der Juden in — den feindlichen Staaten einzutreten! Also: Deutschland soll sich gegen die Juden absperren, ihre Auswanderung nach anderen Ländern befördern und darüber wachen, daß sie dort gut aufgenommen werden. Die Behauptungen der Ententisten, daß es den Juden in Polen schrecklich schlecht gebe. dürfen aber in der deutschen Presse nicht Eingang finden, denn „die polnisch-jüdischen Streitpunkte sind erledigt“! Der Artikel, der in einer vornehmen deutschen Revue erschien, kann nur tief traurig stimmen. Das Judentum, das die Führung seiner Angelegenheiten selbst in die Hand genommen hat, wird den wohlmeinenden Ratschlägen des Herrn Dr. Heinze allerdings nicht folgen können. Es wird für die Durchsetzung seiner Rechte nicht nur in den Ententestaaten kämpfen, sondern auch in Polen, Galizien und — in Deutschland. Pressestimmen zum Zionismus In der Morgenausgabe des „Agr am er T agblatt“ vom 16. Oktober referiert Dr. Artur Rosenberg in einem Artikel ..Der Zionismus als soziale Bewegung" über die Denkschrift „Die Juden im Kriege“, die der jüdisch-sozialistische Arbeiterverband ..Poalc Zicn“ an das Internationale sozialistische Bureau gerichtet hat. Die Morgenausgabe der „Germania“ vom?fi. Oktober kommt in ihrem Leitartikel neuerdings auf die zionistische Bewegung zu sprechen. Sie erwähnt den Artikel der „Voss. Ztg.“ und den Aufsatz Wolfg. Heines in den „Preußischen Jahrbüchern“ (vervl. Nr. 44'45 und diese Nummer der „Jiid. Ztg.“) und schließt mit den folgenden Sätzen: „Die Christenheit ist nicht allein an den anscheinend nur jüdischen, in Wirklichkeit aber ganz oder teilweise ''ntentcfreundliciien Strömungen in der ausländischen Presse interessiert, sondern auch an zionistischen Bestrebungen in Deutschland und den übrigen Vierbundstaaten, unter welcher Marke sie auch immer erscheinen mögen. Auch die Christen haben in Palästina wohlverbürgte Ansprüche und hoffentlich werden sie auf der Friedenskonferenz iiire Wortführer stellen, um hier ihre gerechten Aspirationen — um dieses jetzt gangbare Wort zu benutzen — geltend zu machen. Vor dem Kriege gab es wenigstens in einigen ausländischen Staaten eine Bewegung in diesem Sinne, jetzt aber scheint die Christenheit sich in stiller Resignation den Rang ablaufen zu lassen. Sollen die Millionen Christen nicht das erreichen, was eine weit geringere Anzahl von Juden voraussichtlich durchsetzen wird! Vor allem müßte ein klares palästinensisches Programm formuliert werden, das die heiligen Stätten, die Wallfahrten nach dem Orient und das Missicnswerk auf alle Zeiten, auch gegen den Zionismus, sicherstellt und in der Presse und in Versammlungen, aber besonders bei den Regierungen. nachdrücklichst vertreten werden.“ Aus der jüdischen Welt Die amerikanische Palästinakommission. Das J. K. im Haag berichtet, daß Professor Felix Frankfurter, ein Mitglied der amerikanischen Palästinakommisson, an deren Spitze der frühere Botschafter Henry Morgenthau steht, nach Amerika zurückgekehrt ist, um dem Bundesdepartemerit in Washington über die vorläufigen . Ergebnisse der Unterhandlungen der Kommission Bericht zu erstatten. Die antisemitische Bewegung in der Schweiz. In der demokratischen Wählerversammlung, die am 19. Oktober in Zürich stattfand, lenkte Dr. Felix Pinkus die Aufmerksamkeit der National- und Ständeratskandidaten auf die in der letzten Zeit in der Schweiz verschiedentlich sich zeigende antisemitische Bewegung und forderte von den Kandidaten eine bündige Erklärung, daß sie gewillt seien, den Antisemitismus in der-Schweiz zu bekämpfen, bezw. nicht aufkommen zu lassen. Diese Erklärung wurde in feierlicher Form gegeben. Der Fall machte in der ganzen Schweiz einen tiefen Eindruck und beschäftigte während längerer Zeit die Presse des ganzen Landes. (J. K.) Die jüdischen Bücher des Jahres 1. Sigmund Mayer*, Die Wiener Juden, Kommerz, Kultur. Politik, 1700—1900, Broscb. K 7.—, Geb. K 10.— Ein Seitenstück au den Memoiren der Glückei von Hameln. Hier hat einer jüdische Geschichte geschrieben — nicht vom Tisch des Gelehrten—sondern mitten heraus aus tiefstem Erleben. Und Sigmund Mayer, der heute Söjiihrige ,jiid. Kaufmann“ weiß su erzählen. Wie der spannendste moderne Roman liest sich sein 520 Seiten starkes Buch. 2. Nathan Birnbaum, Gottes Volk, in schönem Umschlag K 1.50 Eine Schrift, die Aufsehen erregen muß. Dr. Birnbaum trägt seine „neue Lehre“ vor. Wer nicht taub geworden ist in Juda, wird hier auf horchen müssen, wird sich beugen müssen vor der Gewalt dieses flammendsten Predigerwortes. 3. Hugo Zuckermann, Gedichte, Zweifarbig gedruckt, in schönem Einband,- K 3.60 Zuckermanns Lieder werden und müssen Nationaleigentum seines Volkes werden. Durch alle Buchhandlungen oder von R. LSwit, Wien, Rotentur mstr. 22 Der landwirtschaftliche Verband in Polen gegen die Juden. Beinahe in allen größeren Städten der österreichischen Okkupation sind nun Zweigfilialen des allgemeinen landwirtschaftlichen Verbandes für Polen begründet worden. Bei der ersten hi der vorigen Woche stattgefundenen Konferenz wurde es deutlich unterstrichen, daß der Verband es als seine Hauptaufgabe betrachtet, den Wucher der Juden zu bekämpfen. Das soll nämlich der Deckmantel dafür sein, daß bis jetzt bereits mehr als 150.000 Kronen zu sehr geringen Zinsen an lauter Grundbesitzer verliehen wurden, welche absolut keine Juden sind. Dabei haben die Grundbesitzer gerade keine Not und könnten sich auch anderwärts Geld beschaffen. So sieht es leider mit den „Rettungsaktionen“ aus. Die wichtigste Arbeit. Wie Warschauer polnische Zeitungen berichte’'. geht die polnische Jugend mosaischer Konfession bereits an die organisatorische Arbeit. Die ersten Schritte wurden bereits getan. In einem Memorandum an den Regentschaftsrat soll auf das wichtigste Hindernis hingewiesen werden, welches der kulturellen Betätigung beseitigt werden muß. Es sind dies — die so lästig empfundenen jüdischen Namen. Welch schreckliche Erinnerung an das alte Ghetto! In dem Gesuch wird zunächst die moralische Begründung unterstrichen. Polnische Bürger. Polen von Geist und Kultur dürfen sich durch den Klang von Familiennamen nicht van den anderen polnischen Bürgern unterscheiden. Die polnische Presse hat für diese — wie sie es bezeichnet — merkwürdige Erscheinung bloß ein überlegenes Lächeln, wir noch dazu ein wehmütiges Kopfschütteln. Die Wahlen für die russische Konstituante und die Juden. Das Z. K. der sozialistischen Organisation in Rußland bespricht in einem Zirkular die zionistische Wahlpolitik anläßlich der Veröffentlichung der ersten Hälfte des Wahlgesetzes zur Konstituante. Die jüdische Nationalität muß — so heißt es im Zirkular — in der Konstituante offiziell vertreten sein, weil sie .die Aufgabe hat. die Beschlüsse und Forderungen des jüdischen Kongresses in Rußland dort zu äußern und zu verteidigen. Nach der Zahl der jüdischen Bevölkerung müßte die jüdische Vertretung 33 Stimmen bekommen. allein die Zerstreuung der Juden und die Unvollkommenheit des Wahlgesetzes ermöglicht vorderhand die Vertretung von ‘nur 16 bis 18 Stimmen. Dabei ist aber in jedem Gouvernement unbedingt eine geschlossene Wahl auf einem Stimmzettel notwendig. Im Zirkular wird auch besonders auf die Wahlagitation unter den Frauen aufmerksam gemacht, welche 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Schließlich ruft das Z. K. alle Zionisten zur sofortigen Agitation auf. weil nur durch energisches Auibieten aller Kräfte die Wahl gute Resultate erzielen könne. Eine Antipogromgesellschait. Der „Jewirsh Chronicle“ meldet, daß in Südrußland eine Anti- Pogromversicherungs-Aktiengesellschaft begründet wurde, der viele angesehene Banken und Großkaufleute angehören. Die Idee sei zuerst in der Stadt Tsaritzin. dem ehemaligen Wirkungskreise des Mönches lliodor. auigetaucht. da man in dieser Gegend bei einer politischen Umwälzung bestimmt mit blutigen Ausschreitungen gegen die Juden rechne. Anderseits erfährt dasselbe Blatt, daß in I mehreren südrussischen Städten unter dem Deckmantel von Lebensmittelunruhen antijüdische Exzesse stattgefunden haben. Zionisten im Felde. Einj.-Freiw. Tit-Gefr. Moritz F r i e d m a n n des I.-R. 55 wurde zum Fähnrich i. d. R. ernannt. I — Fähnrich Simon Teichmann wurde zum; Leutn. i. d. R. ernannt (I.-R. 55). — Leutn. Markus 1 Klarer erlitt im Gefechte am Monte St. Gabriele hi der 11. Isonzo-Schlacht den Heldentod (I.-R. 55) — Einj.-Freiw. Korp. Mischei B e r 1 e r (I.-R. 24), Mitgl. d. jüd. Pfadfinderbundes ..Schaurim“, kehrte erkrankt von der ital. Front zurück, wurde zum Kdtt-Asp. befördert und erhielt die bronzene 1 T.-M. — Kdtt.-Asp. Pinchas Linder, Mitgl. d. jüd. Pfadfinderbundes „Schomrim“ kehrte von der Kauft das Buch des Jahres, den Jüdischen NationaKkalender auf 5678!