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Jüdische Zeitung · 1917-11-09 · 44-45 (9.11.1917) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
44-45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44/45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 CftttMWCWCCWmJWltoWMi® -—-1» § § Übzr 2000 Exemplare binnen wenigen ttodien uerbanit! S _ HationallialendEFS föF 5678 S heransgpgeben von OTTO S ABELES und LUDWIG BA TO wird bald oergriffen sein. Ges innungsgenossen,sichertEuch noch, bevor es zu spät ist, o-o ein Exemplar! o-o Zu beziehen gegen Uoreinsenüung ober Hadinahme des Betrages von nur I Vier Kronen uora Verlag der Jüdischen Zeitung, (dien II., Zirhusgasse 33 5 o o o 8 t9 I 8 bar im Zweitel sind, ob die Ansiedlung eines neuen nationalen Elementes in dein von so vielen Nationen bewohnten türkischen Reich nicht zur weiteren Desorganisation des Reichsganzen beitragen könnte. Aber dieses Bedenken müßte vor der Erkenntnis weichen, daß Palästina als ein Gebiet, wo zurzeit 500.000 Araber und S0.00O judeii, dagegen gar keine Türken wohnen, aui die Dauer nur an die Türkei gefesselt werden kann, wenn die Regierung Mittel und Wege findet, die Landeskultur zu heben, und wenn sie die Bewohner dieser Provinz durch Berücksichtigung ihrer kulturellen und nationalen Wünsche für sich zu gewinnen verstellt. Das arabische Element befindet sich in Palästina, im Gegensatz zu Nordsyrien, aui einer recht tiefen Stufe, und es besteht gar keine Aussicht, daß es sich in absehbarer Zeit stark vermehrt und zu einem kulturell maßgebenden Faktor wird. Die jüdische Einwanderung, die von Jahr zu Jahr wächst, hat dagegen in Palästina schon eine wirtschaftlich stark in Erscheinung tretende ländliche und industrielle Bevölkerung geschaffen und bringt auch weiter arbeitende, von europäischer Intelligenz beeinflußte und durch Kapital gestützte Elemente ins Land. Die Türkei braucht vor allem Arbeit, Menschen und Kapital. Sie selbst verfügt hierüber nicht in dem Maße, um ihren Besitzstand entwickeln zu können. Die Ansiedlung von Türken in Palästina kommt überhaupt nicht in Betracht, ebensowenig die Ansiedlung eines europäischen Auswandererelementes — mit Ausnahme eben der Juden. Die Türkei steht also vor der Frage, ob sie aus Mißtrauen gegen die jüdische Einwanderung diese ausschließen oder wenigstens stark behindern und Palästina als ein halb verödetes, vernachlässigtes, von einigen hunderttausend armseligen Fellachen bewohntes Gebiet durch rein äußerliche Machtmittel behaupten will, wobei die dauernde Gefahr besteht, daß das Gebiet in irgendeinem günstigen Moment dem umliegenden englisch-arabischen Länderkreis einyerleibt wird, oder ob sie durch entschlossene Förderung des jüdischen Kolonisationswerkes die Sympathien und damit auch die finanzielle Hilfe der Juden für sich gewinnen und Palästina durch die jüdische Kolonisation zu einem fruchtbaren und ertragreichen Teil des osmanischen Reiches machen will. Im Hinblick auf die oben gekennzeichneten Bestrebungen der Entente muß aufs bestimmteste betont werden, daß für die Juden absolut kein vernünftiger Grund.vorliegt, bei einer Förderung ihrer nationalkulturellen Ziele durch die Türkei die Loslösung Palästinas vom türkischen Reiche anzustreben. Die Errichtung eines selbständigen Staates war niemals Programmpunkt des Zionismus. Umgekehrt steht die zionistische Leitung auf detn Standpunkt, daß die jüdische Kolonisation in Palästina sich nur dann entwickeln kann, wenn sie unter dem Schutz einer wohlwollenden und starken Regierung steht. Was die Juden in'Palästina fordern, ist völlig vereinbar mit der türkischen Staatsidee. 3. Wie wäre die Verwirklichung des Zionismus vom deutschen Standpunkt zu bewerten? Wenn Deutschland an der Erhaltung und wirtschaftlichen Erschließung der Türkei interessiert ist. so muß es das höchste Interesse daran haben, daß der Türkei durch Besiedelung des menschenarmen Landes eine wirtschaftliche Stärkung gebracht wird. In solchem Umfang aber, wie diese durch das Jüdische Element in Palästina erfolgen kann, wird, eine solche Stärkung der Türkei von keiner anderen Seite zuteil werden. Es handelt sich dabei nicht nur um die sehr bedeutenden Mittel und Kräfte, die nach Palästina selbst strömen werden, es handelt sich auch um Gefühlsmäßiges, was in seinen Folgen nicht unterschätzt werden sollte. Deutschland kann nur wünschen, daß die Türkei sich durch Förderung des Zionismus wertvolle Sympathien in der ganzen Welt schafft, daß durch die Erschließung Palästinas der Weltwirtschaft ein neues Gebiet eröffnet wird, daß ein neuer Markt für europäische Industrieerzeugnisse entsteht. Die bekannte Tatsache, daß die osteuropäischen Juden, welche den größten Teil der Ansiedler stellen werden, mehr oder weniger Deutsch verstehen, ist geeignet, gerade dem deutschen Kaufmann seine Aufgabe im näheren Orient zu erleichtern. Dies sind die Gesichtspunkte, unter denen der Zionismus vom deutsch-türkischen Standpunkt betrachtet werden sollte. Es liegt in der Hand der Zentralmächte, der Werbearbeit der Entente'zu begegnen — nicht mit Worten, an denen es die Entente nicht fehlen läßt, sondern durch Taten, die auf die Juden der ganzen Welt weit stärker wirken würden ris die Zukunitsphantasien der Entente. Durch Taten, die auch gleichzeitig dem türkischen Bundesgenossen zugute kommen. Zionistisches Zentralkomitee für West- Oesterreich In den unter Vorsitz des Vizepräsidenten k. k. Reichsratsrevisor Rudolf T a u s s i g ain 17. und 25. Oktober d. J. stattgehabten Sitzungen des Zentralkomitees iür Westösterreich wurden nach Erledigu’.tg des Einlaufes eine Reihe von Gegenständen der Beratung und Beschlußfassung unterzogen. insbesondere wurde der Beschluß gefaßt, an die Distrikts verbände neuerlich mit der Aufforderung heranzutreten, der strafferen Organisation in ihren Tätigkeitsgebieten eine regere Aufmerksamkeit zu schenken und darüber an das Zentralkomitee regelmäßig Bericht zu erstatten. Ebenso werden die Distriktskomitees aufgefordert, der Angelegenheit des Kriegsbeitrages volle Aufmerksamkeit zu widmen und dem Zentralkomitee die Adresse jener Vereine und Vertrauensmänner bekanntzugeben, an welche die vom Zentralkomitee fallweise zu verfassenden Berichte geschickt werden mögen. — Rev. T a u s s i g erstattet als administrativer Leiter des Armenambuiatoriums einen eingehenden Bericht über die bisherige Tätigkeit und die budgetäre Fundierung dieses Instituts, aus welchem iiervorgeht. daß bis nun über 110.000 Patienten der ambulatorischen Behandlung zugeiührt wurden. Der Bericht wird vom Zentralkomitee mit besonderer Befriedigung zur Kenntnis genommen. — Hierauf referiert Dr. Siegfried Bernfeld über die von der „Zentralstelle für iiidisehe Jugendbewegung'* veranstaltete Aussprache vom 13. und 14 v. M. sowie über die nächsten Aufgaben der Zentralstelle behufs weiterer Ausgestaltung der Jugendbewegung. — Ob.-Ing. Robert Stricker erstattet Bericht über den Verlauf einer am 24 v. vom ..Jüdischen Nationalverein für Oesterrreich“ veranstalteten Versammlung der Beamten tier Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. — Adolf Böhm referiert über eine vom Arbeitskreis für Palästina einberufene Besprechung in welcher die Einleitung einer großangelegten Agitation für die „Nach 1 ah-S p end e“, die Errichtung allgemein zugänglicher, von Fachleuten zu leitender Palästinakurse und die Ausarbeitung von Vorträgen beschlossen wurde, die den Provhizorganisationen zur Verfügung gestellt werden könnten. — Nach einer eingehenden Diskussion über die von Dr. Siegfried Bernfeld vorgeschlagenen Maßnahmen zur Reform des jüdischen Religionsunterrichtes wird die Uebertragung dieser Arbeit an die Studiengruppe beschlossen, welcher als Richtlinien die Veranstaltung von Elternabenden sowie organisatorische Zusammenfassung der Religionslehrer und die Ausarbeitung eines diesbezüglichen Lehrplanes mitgegeben werden. Versammlung des Jüdischen Nationalvereines (Sektion der Kultusgemeindebeamte n.) Dienstag, den 23. v„ fand im Saale des Cafe Adlon eine vom ..Jüdischen National verein in Oesterreich“ einberufene Versammlung der Kultusgemeindebeamten statt, die überaus zahlreich besucht war. Die Angestellten der Wiener Kultusgemeinde waren nahezu vollständig erschienen. Den Vorsitz führte der Obmannsteüvertreter des Vereines, Advokat Dr. K a ß n e r, der in den einleitenden Worten darauf hinwies, daß der „Jüdische National verein", der eine Gesamtorganisation der österreichischen Juden auf völkischer Basis intendiere, nicht bloß eine Hebung des Stammesbewußtseins anstrebe: sein Ziel sei ein starkes, geeintes Oesterreich, das allen Nationen, die Juden mitinbegriffen, ungehinderte völkische Entwicklungsmöglichkeit und ein einverständliches Wirken für den Gesamtstaat verbürge. Die Kultusgemeindeangestellten, deren ganzes Berufsleben dem Judentume gewidmet sei, wären geeignet, viel Volksarbeit zu leisten und kämen ais starke Stützpfeiler einer jüdischen Organisation in Betracht. Ihr Zusammenschluß sei daher eine unerläßliche Voraussetzung. Es sei ein Verdienst der Wiener Judengemeinde, daß sie während der Kriegszeit für gemeinsame Volksarbeit oifen stand, so daß eine aufrechte, freie, materiell unabhängige Beamtenschaft als willkommene Mitarbeiter iür die jüdische Gesamtheit auch den Kollegen Oesterreichs Wegweiser werden könnten. Hierauf erstattete der Obmann des Vereines, Kultusvorsteher Ing. Stricker, das Referat, in dem er in übersichtlicher und klarer Weise die Grundzüge eines jüdischen Volksprogrammes iür einen jüdischen Kongreß in Oesterreich darstellte. Redner verwies auf die verfehlte Taktik der bisherigen Judenpolitik in allen Kronländern. Es fehlte an Einheitlichkeit und zumeist Unberufene drängten sich als Volksvertreter aui, die von vornherein als Mandatare fremder nationaler Interessen gewählt worden sind und oft zum Schaden der Juden und gegen deren Willen in den öffentlichen Körperschaften und in der Presse in den Völkerstreit eingegriifen haben. In überzeugender Weise legte Reierent alle Schäden im Judentume bloß, die, durch Einzelne verschuldet, der Gesamtheit zur Last fallen. Die Juden Oesterreichs müssen es ablehnen, für die politischen Verfehlungen von Juden, die vom Volke niemals zu einer Vertretung bevollmächtigt worden sind, die Verantwortung zu tragen. Es sei auch verfehlt gewesen, von der Fürsprache angeblich einflußreicher Glaubensgenossen einen ausreichenden Schutz und ein Vorbeugungsmittel für Zurücksetzungen von Juden und eine Benachteiligung jüdischer Gesamtinteressen zu erhoffen. Der gute Wille und das edelste Bestreben von Juden in hoher sozialer Stellung müssen versagen, wenn keine Fühlung mit dem Volke bestehe und die Vertretungshandlungen nicht der Ausdruck eines bewußten Judentums sind. Es werden alle jüdischen Assoziationen und daher auch die Kultusgemeinden dem demokratischen Zeitgeist Rechnung tragen müssen und einer Wahrung von Volks rechten nicht mehr hinderlich in den Weg treten können. Redner erörterte sodann die Auswüchse des Antisemitismus und hob anerkennend hervor, daß die Gutmütigkeit der nichtjüdischen Bevölkerung in Wien die verbrecherischen Absichten ununterbrochener Verhetzungen in Wort und Schrift nicht verwirkliche und die Hoffnungen gewisser aufreizender Führer zum Glücke nicht erfülle. In ausführlicher Darstellung würdigte sodann Referent die verfassungsrechtlichen Bestrebungen der österreichischen Juden, rügte die Unterlassungssünden der Verwaltung gegenüber ihren allergetreuesten Staatsbürgern und wies nach, daß die Juden als staatserhaltendes Element einer entsprechenden Wertung der berufenen Staatslenker bedürfen. Hierauf behandelte Redner eingehend die Ziele einer Reichsorganisation der jüdischen Kultusgemeindebeamten, deren Bestand nur im Anschlüsse an eine kräftige Volksorganisation gesichert sei. Als nächster Redner sprach der Sekretär der Wiener Kultusgemeinde Jakob Kraus, der in ausgezeichneter Weise das reiche Arbeitsfeld des Kultusangestellten beleuchtete, auf dem jedes Ressort mit den verschiedensten Erfordernissen der Stammesgenossen in Berührung bringe und bewirke, daß der Gemeindebeamte ein verständnisvoller und mitfühlender Berater des Volkes werden könne. Redner wies auch aui die Bedürfnisse des Kultus hin. Er begrüßte den Zusammenschluß und regte an, durch Mitarbeit auf die Z>eie des Vereines fördernd zu wirken. Redner empfahl seinen Kollegen, den Ostjuden volles Verständnis entgegenzubringen, weil aus deren Mitte jene Männer erstehen werden, die die Erhaltung eines bewußten Judentums in den westlichen Gemeinden zu fördern berufen sind. Herr Dr. Glanz besprach in lichtvoller Weise das jüdische Erziehungswesen. das, bisher arg vernachlässigt, von einem modernen Judentume in die richtigen Bahnen gelenkt werden müsse. Nach einem Schlußworte des Vorsitzenden wurde nachstehende vom Referenten vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen: „Die am 23. Oktober 1917 im Saale des Cafe Adlon in Wien über Einladung des „Jüdischen Nationalvereines“ versammelten Angestellten der Kultusgemeinden begrüßen den Vorschlag auf Einberufung eines österreichischen jüdischen Kongresses, welcher vor allem die Sicherung der Rechte des jüdischen Volkes durch die österreichische Verfassung zu fordern und die Vorbedingungen einer Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft aui demokratischer Basis zu schaffen hat. Sie fordern alle Kollegen im Reiche auf. ihre Kräfte in den Dienst dieser Sache zu stellen.“ Statistik des Elends Die mittellosen Kriegsflüchtlinge. Die Zahl der mittellosen Kriegsiliichtlinge nach dem Stande vom 1. Mai 1917 betrug 430.S66, worunter 47.514 Flüchtlinge, die in Galizien untergebracht wurden, nicht initinbegriifen sind. Ueber die in Galizien wohnenden Flüchtlinge liegen Ausweise nach Nationalität nicht vor. Sie setzen sich aus Ruthenen, Juden, Deutschen und Polen zusammen. Von den in den w estlichen Kronländern vorhandenen '430.866 mittellosen Flü—iilingen waren: Deutsche Polen Ruthenen Rumänen Italiener Slovenen Kroaten . Juden Zigeuner Sonstige 6.62» 25.251 61.308 I.S86 85.491 i 8.334 8.694 173.265 b 2.498 Interessant ist. daß in der amtlichen Statistik die Juden, die am meisten unter den feindlichen Invasionen zu leiden hatten — wegen ihres Patriotismus —, was in der höchsten Zahl der mittellosen Kriegsiliichtlinge schon zum Ausdrucke kommt, nicht nach der Größe des Unglücks, das diese bedauernswerten Menschen heimgesucht hat,

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