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Jüdische Zeitung · 1917-11-09 · 44-45 (9.11.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
44-45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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öeite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44/45 nexionsfeindliche jüdische Stimmen nicht verstummt Die starke proletarisch-jüdische Einwanderung hat auch Antisemitismus hervorgerufen. Dies namentlich im Heer, wo 6 Prozent der Gesamtzahl Juden waren, trotzdem diese nur 3 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Der Autor schildert dann kurz die Verhältnisse in OesterreichrUngarn und konstatiert mit sichtlicher Mißachtung, daß die Juden -daselbst sich stets der mächtigen Nation anschließen. So sehr wir nationale Juden gegen diese Assimilantenpolitik auftreten, so müssen wir doch den versteckten Hohn des Autors zurückweisen. Wenn die „arischen“ Nationen durch Jahrhunderte die Juden zu Kammerknechten machten und sie schließlich bloß individuell, nicht national rezipierten (noch heute sind Jüdisch und Hebräisch auf Urkunden, 'Feldpostbriefen etc. verboten), so dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie — schutzlos, wie sie sich fühlten — sich an die jeweils machthabende Nation angeschlossen haben. Eingehender beschäftigt sich der Autor mit den Juden in Polen. „1913 lebten im Königreich Polen 1,957.000 Juden 15 Prozent der gesamten Bevölkerung (2,7 Prozent der Land- und 37,7 Prozent der Stadtbewohner). In 288 Gemeinden sind über 25 Prozent, in 195 über 50 Prozent, in 39 über 75 Prozent und in 9 über 90 Prozent Juden. Juli 1915 wurden in Polen 825.000 45 Prozent der Juden öffentlich unterstützt. Nach Guttry hatten ein Drittel der Juden Kongreßpolens Jahreseinkommen unter 250 Rubel, kaum 1,5 Prozent mehr als 300 Rubel. Dem Handel gehörten 39,04 Prozent, dem Ge-' werbe 34,89 Prozent, Dienstboten und Taglöhner „aber nur“ 8,31 Prozent, dem Transportgeschäft 3,50 Prozent, den freien Berufen 4.38 Prozent, der Landwirtschaft 2,33, dem Heere 0,99, den Berufslosen 6,56 Prozent an. Ueber die traurigen Zustände der Chedarimi sagt Heinze, daß bei einer Inspektion von 125 derselben gefunden wurde, daß nur 20 davon eigene Schullokale hätten, die restlichen dienten gleichzeitig als Wohnung für Lehrer und Familie. In Lublin waren 164 Schüler in einer Stube untergebracht. An der Warschauer Universität sind 46 Prozent der Hörer Juden, zwei Drittel von ihnen studierten Medizin. Ueber das Jüdische sagt Heinze, daß es kein deutscher Dialekt sei, sich aber in der Richtung des Hochdeutschen entwickle. Die Warschauer Presse ist sehr verbreitet, der zionistische „Hajnt“ hat 100.000 Exemplare, „Moment“ 70.000 tägliche Auflage. Heinze zeigt sich etwas ungehalten darüber, daß über das Martyrium der Ostjuden — von jüdischer Seite — mehr Klage erhoben wurde, als über jenes der baltischen Deutschen (als ob dies ziffermäßig auch nur im entferntesten zu vergleichen wäre). Von den Ostjuden sei kein unparteiisches Bild gezeichnet worden, da die Literatur über sie nur von Juden geschrieben werde, die sie der deutschen Oeffentlichkeit als durchaus sympathisch zeichneten. Er ist für seine Glut und Glanz: die urältesten Ereignisse kommen uns lebendig nahe und werden als eigenste Angelegenheiten empiunden. Mächtige Wirkung ging von dem Werke aus: weite Kreise der_ Gleichgültigen wurden aufgerüttelt, die Maskilim des Ostens erfüllten sich mit seinem Geiste und sicher hat es den Humus bereitet für das nationale Wiedererwachen. In unserer Generation mag der Wunsch nach einem neuen Historiker des jüdischen Volkes rege werden, der modernen wissenschaftlichen Ansprüchen besser genügt. An schöner Wärme und •stärkerer Wirkung wird keiner den Altmeister Graetz überbieten. In einer sehr gründlich gearbeiteten und gut geschriebenen Monographie hat. Josef Meisl*) die Bedeutung Graetz* behandelt. Er weiß sehr lebendig die Entwicklung des jungen Autodidakten zum Historiker zu zeichnen und die Gestalt in das jüdische Geistesleben einzustellen. Ein Anhang von Noten und Beilagen ist dem Werke beigegeben. Sehr zu bedauern ist daß so viele Druckfehler und andere technische Nachlässigkeiten das Buch verunzieren. Hoffen wir. daß das Publikum sich durch den sehr hoch angesetzten Preis nicht abschrecken lassen wird und dem interessanten Büchlein die Verbreitung werde, die es in hohem Maße verdient. *) Dr. Josef Meisl: Heinrich Graetz. Eine Würdigung des Historikers und Juden zu seinem 100. Geburtstage. Berlin 1917. Verlag Louis Lamm. 183 S. Preis Mk. 4.50. geb. Mk. 6.50. Person für eine „völlige Eindämmung“, der ostjüdischen Einwanderung hach Deutschland. Da eine „rassenpolitisch ausgesprochene Ostjudensperre“ nicht zu erreichen sei, so empfiehlt Heinze nach amerikanischem Muster durch eine Art „Alien Bill“ dieses Ziel zu erreichen, wobei u. a. auch von den Einwanderern die Kenntnis des lateinischen Alphabets und -— der „Staatsbürgerkunde“ verlangt werden soll, eines Gegenstands, der bis heute selbst in den Lehrplänen der deutschen Schulen fehlt. Dafür will er die Auswanderung ablenken und zwar nach Uebersee — Frankreich und Rußland! . In dem „naefi Geburtenrückgang und Blutverlust besonders menschenhungrigen Frankreich könnten die sich rasen vermehrenden Jargonjuden den Schrei nach Bevölkerungszunahme erhören“.. Es ist recht bezeichnend für den Charakter des Herrn Heinze, daß er ein Volk, das ihm für die Einwanderung nach Deutschland zu schlecht ist, der heute feindlichen Nation vom Herzen gönnt. Besonders aber redet er den Juden Polens zu, sich nach Rußland zu wenden, dessen größtenteils noch ungehobene Bodenschätze, der hohe Zinsfuß, die geschäftliche Ungewandtheit der russischen Landbevölkerung, der Leichtsinn der höheren Schichten für die Juden lockend erscheinen mögen! Hier kommt der Zynismus des Autors und seine wahre Ansicht über die Jude-: hinter seiner Maske kühler Objektivität hervor. Er zeigt den Juden, wie sie so schön ein anderes Volk ausbeuten könnten, wenn sie nur Deutschland verschonen möchten. Die „nachteiligen Eigenschaften“ der ostjüdischen Einwanderung liegen für Heinze so „klar zutage“, daß mqn Schaden stiften könnte, wenn man erst genaue Nachweise darüber sammeln wollte, bevor man sie verhindere. Er zitiert den „Israelit“, wonach sich die Ostjuden in der Schweiz rasch eine zufriedenstellende Situation zu schaffen wußten und fügt ganz naiv hinzu: „d. h. auf Kosten der Einheimischen“. Damit hat sich Herr Heinze das verlogenste und dümmste Argument der Radauantisemiten zu eigen gemacht: Daß der Eine nur dann gedeihen könne, wenn er dem Anderen was wegnehme! Man begreift nicht, wie ein gebildeter Mensch sich eines solchen albernen Argumentes zu bedienen nicht schämt. Daß die Juden in Polen selbst in bisheriger Zahl bleiben könnten, glaubt Heinze nicht, ihre Lage ist dort „unhaltbar“. Nach einigen bissigen Bemerkungen darüber, daß die jüdischen Kaufleute untröstlich sind, daß bei deutschem Regime Bestechungen nichts nützen — als ob es den Juden und nicht dem Zarismus zur Last fiele, daß ersteren der Lebensspielraum genommen wurde und die korrupte Bureaukratie daraus Erpressungsmöglichkeiten erlangte, und sie daher die Russen zurückwünscheh, führt er aus, daß selbst bei Annahme der hochdeutschen Sprache die Juden nicht zu Deutschen werden würden. Viel näher liege die Assimilation an die Polen. Er schildert dann die jüdischen Parteien in Polen. Die Assimilatoren machen nach ihm nur 3—5 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus, Nationalisten und Zionisten 40 Prozent. Er rühmt die soziale Tätigkeit der Zionisten. Ein Drittel der Warschauer und die Hälfte aller polnischen Juden haben beim Plebiszit die Palästinapostulate unterschrieben. Heinze bespricht die Boykottbewegung und ereifert sich darüber, daß in Deutschland wohl von jener der Polen gegen die Juden, aber nicht der Juden gegen die Polen (??) gesprochen werde. Der polnische Städter fühlt sich vom Juden abgestoßen, wobei u. a. auch die Tierquälerei (!!), welche die Juden betrieben, als einer der Gründe von ihm angegeben wird. Der polnische Antisemitismus, dessen Schärfe in Deutschland nicht erreicht wird, kann nicht schwinden, weil das typisch-jüdische Streben nach finanziellem und sozialem Emporsteigen (welch ein Verbrechen!) nicht schwinden werde. Wir werden über den Schluß des Artikels, der im Oktoberhefte der. „Preußischen Jahr- . bücher“ erschienen ist, berichten. Aus dem vorliegenden geht aber deutlich hervor, daß selbst sogenannte „objektive“ konservative deutsche Publizisten den ärgsten Radauantisemiten nicht nachstehen, ja noch mehr Haß säen als diese, weil sie sich unvoreingenommen und wissenschaftlich gebärden. Dies mag uns eine Lehre sein, daß der Krieg den deutschen Antisemitismus nicht nur nicht getilgt hat, sondern daß er — wegen der früher nicht so stark vorhandenen Angst der Deutschen vor der ostjüdischen Einwanderung — sich nur noch verschärft hat. Die zionistische Bewegung*) „Wir halten es für wichtig, die maßgebenden Stellen unserer auswärtigen Politik im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Entente aüf die zionistischen Pläne aufmerksam zu machen, und veröffentlichen deshalb die nachfolgende Darstellung, die der Feder eines zionistischen Führers entstammt, der die Türkei und besonders Palästina genau kennt." In den Ententestaaten steht zurzeit die Idee im Vordergründe, unter englischem oder internationalem Protektorat (wobei immerhin England wahrscheinlich der Haupteinfluß zugestanden werden dürfte) die Bildung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens in Palästina zu fördern. Die öffentliche Meinung ist namentlich in England und Amerika diesem Plane äußerst günstig. Besonders die englische Presse unterstützt das Projekt lebhaft, und die Rückwirkung dieser Agitation zeigt sich auch in den neutralen Staaten, wo sowohl die Juden selbst wie auch die Oeffentlichkeit * sich in wachsendem Maße den jüdischen Palästinabestrebungen zuweuden. Sicherlich wäre es verfehlt, wollte man in Deutschland an der zionistischen Bewegung achtlos vorübergehen. Ein noch größerer Fehler wäre es, wollte man aus der Tatsache, daß die Entente sich des Zionismus annimmt, ohne weiteres schließen, daß die Zionisten auf seiten der Entente stehen oder daß der Zionismus den deutschen und türkischen Interessen widerspreche. Eine kurze Ueberlegung muß klarmachen, daß sich hier offenbar die Entente mit großem Geschick einer Sache zu bemächtigen sucht, die ihrem Wesen nach keineswegs mit ihren Irtc essen identisch ist. Der Zionismus datiert in nicht erst vorfi Ausbruch des Krieges. Seit 40 Jahren bemühen sich die Zionisten, in Palästina zu kolonisieren, und die Politik des Zionismus war stets darauf gerichtet, das Einverständnis und die Förderung der türkischen Regierung zu erlangen. Theodor iierzl, der Begründer der zionistischen Organisation, war Oesterreicher. Der Sitz der obersten zionistischen Leitung befand sich nacheinander in Wien, Köln und Berlin, wo auch heute noch die Zentrale, das sogenannte engere Aktionskomitee sich befindet. Juden sämtlicher Länder gehörten und gehören aer zionistischen Organisation an. Schon diese Tatsachen zeigen, daß es sich zweifellos um eine Bewegung handelt,, die ihrem Wesen nach in dem jetzigen Völkerstreit nicht Partei ergreifen kann, daß die Absichten des Zionismus einzig und allein von jüdischen Interessen diktiert sind und nicht von den Interessen der im Kriege befindlichen Mächtegruppen. Wenn es sich nun herausstellt, daß die .Entente sich des Zionismus annehmen und ihn im Rahmen ihres Kriegsziel- und Eroberungsprogramms verwirklichen will, so sollte man auf seiten der Zentralmächte in eine Prüfung der Frage eintreten, ob es zweckmäßig ist, die Förderung dieser Bewegung und die zweifellos bedeutenden propagandistischen Vorteile, welche sich .aus dieser Förderung ergeben, der Entente zu überlassen. Man sollte sich fragen, welches denn •der wirkliche Sinn des Zionismus ist, und ob diese Bewegung nicht vielleicht in nutzbringender Weise dem System der deutsch-türkischen Politik •eingegliedert werden könnte. Die Frage liegt um :so näher, als Palästina doch türkisches Gebiet ist und voraussichtlich bleiben wird, während die Ententepläne die Eroberung Palästinas voraussetzen. Aus diesem Grunde muß es auch den Juden sehr wünschenswert erscheinen, die Unterstützung der Zentralmächte zu gewinnen, die schon heute in der Lage wären, ihr Wohlwollen für den Zionismus durch Taten zu bekunden, während die Leiter der Ententestaaten nichts als Zu- ■kunftsversprechungen bieten können, die sich auf der zweifelhaften Voraussetzung der Eroberung Palästinas aufbauen. Folgende Fragen wären zu prüfen: 1. Ist der Zionismus eine so starke Bewegung, daß er als realer Faktor in die Orientpolitik eingestellt werden kann? Diese Frage ist unbedingt zu bejahen. Es so!! hier gänzlich von theoretischen Erörterungen über das Wesen des Zionismus abgesehen werden. Tatsache ist, daß die Bewegung gerade während des Krieges außerordentlich erstarkt ist, daß Hunderttausende von Juden, namentlich in Rußland und Amerika, sich ihr angeschlossen haben, daß die Bewegung während des Krieges ihren Apparat aufrecht erhalten, viele Millionen zur Förderung und Erhaltung des Kolonisationswerkes in Palä- * stina aufbringen konnte, daß sehr starke Finanzgruppen bereit sind, nach dem Kriege die Mittel für ein weit großzügigeres Kolonisationswerk, als es das bisherige war, zur Verfügung zu stellen. Die bisherigen Resultate der zionistischen Arbeit in Palästina liefern den- Beweis, daß die Juden gewillt und imstande sind, eine moderne landwirtschaftliche und städtische Kolonisation in ihrem alten Stammlande zu betreiben. Gerade über diesen Punkt sind sich alle vorurteilslosen Kenner Palästinas klar, und die einschlägigen Berichte der deutschen Konsuln müssen jeden Zweifel beseitigen. 2. Vorausgesetzt also, daß die Bewegung bedeutend genug ist, um als politischer Faktor betrachtet zu werden: ist sie nützlich oder schädlich für die Türkei? Die türkischen Staatsmänner haben sich bisher nicht entschließen können, die Bewegung zu fördern, weil sie offen- ■*) Die „Vossische Zeitung“ veröffentlichte am 18. Oktober den obenstehenden Artikel.

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