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Jüdische Zeitung · 1917-11-09 · 44-45 (9.11.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
44-45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IX. Jahrgang. — Nr. 44/45 ■n National-jüdifches Organ > Erscheint wöchentlich .einmal Redaktion: Wien II/i, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne. Rückporto n i ch t zurUckgesandi Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45*3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag 9. November 1917/24. Cheschwan 5678 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/,. Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparfcassen-Konto133.404 1«fl alt* Internationale jüdische Beziehungen. — Dr. A. Weldler-Steinberg. Heinrich Graetz. — Die zionistische Bewegung. — Zionist. Zentralkomitee Hindll. filr Oesterreich. — Versammlung des Jiid. Nationalvereines. — Statistik des Elends. — Aus der jlUl. Welt. — Eröffnung der jüdisch-pitdagog. Kurse. — Aufruf. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen, Berichte und Korrespondenzen. — Ausweis. Internationale jüdische Beziehungen Unter diesem Titel veröffentlichte Dr. Wolfgang Hcinze in den deutsch-konservativen „Preußischen Jahrbüchern“ (September- und Oktoberheft) einen sehr langen Artikel. Der Autor ist anscheinend vorzüglich informiert und steht wie die Kreise, für die er schreibt, auf dem Standpunkt, daß man die Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland ver- Itindern soll. Wenn er dies auch in einer Form tut, die nicht gehässig erscheinen will, und er sich auch sonst befleißigt, kühl-objektiv zu referieren, so geht doch aus seinen Ausführungen hervor, daß er von lebhaftester Antipathie gegen die Juden beseelt ist. Der Artikel ist so gründlich, daß auch ein Nationaljude aus ihm manches erfahren kann, wenn auch viele Urteile Heinzes schief und berichtigenswert sind. Er beginnt sich wegen des von ihm gewählten Themas damit zu rechtfertigen, daß „die internationalen jüdischen Beziehungen, besonders die der Zionisten und der Jargonjuden, auch bei den Friedensverhandlungen eine beJ-eutsame Rolle spielenwerd e n“, weshalb eine Orientierung nottue. Nach einem Ueberblick über die Verteilung der Juden in der Welt und der Konstatierung des Bestehens eines nationalen Judentums sagt er über die politische Haltung der Juden, daß die „Jargonjuden“ 'die ärgsten Feinde des Zarismus sind, die assimilierten Westjuden für die Politik ihres Staates eintreten und die Haltung der Zionisten zur Außenpolitik „im allgemeinen nicht nur oder wenigstens nicht in erster Linie“ durch ihre Staatsangehörigkeit, sondern durch ihr Volkstum bestimmt ist. „Im allgemeinen“, „nicht nur“, „oder wenigstens nicht in erster Linie“ — schon diese ungenaue Ausdrucksweise zeigt, daß der Autor sich in seiner Behauptung nicht sehr sicher fühlt. Wir wollen zu seinen Gunsten annehmen, daß er, der die helle Vaterlandsbegeisterung der deutschen Zionisten, die vielfach durch den Krieg auch eine innere Annäherung an das Deutschtum empiunden iiaben, miterlebt hat, mit jenem Satz nicht etwa nach berühmten Mustern die unbedingte Staatsgesinnung der Zionisten in Zweiiel ziehen will. Dann behauptet er, daß die assimilierten Juden Rußlands die ärgsten Deutschenfeinde waren. Obzwar uns davon nichts bekannt ist, können wir es als möglich annehmen, da ja auch hierzulande die assimilierten Juden die ultranationalen sind. Dann schildert er die Judenverfolgungen im Kriege. „Das oft erwähnte Manifest des Zaren „An meine lieben Juden“ ist nie geschrieben worden, dafür wurde aber eine Kommission unter dem russischen Generalstabschef Januschkewitsch eingesetzt, welche die Umtriebe der Juden gegen die Heeresverwaltung feststellen sollte.“ Als die Russen in Galizien einrückten, verfolgten sie die Juden aufs grausamste, bei Nadworna trieben sie Tausende zur eigenen Deckung gegen die österreichischen Linien. Nicht nur in Rußland, sondern auch in Galizien wurden Zehntausende evakuiert, unermüdlich arbeitete das Standrecht. Dr. Heinze sagt dann, daß die Juden einen großen Anteil an der russischen Revolution gehabt haben. Die internationalen Beziehungen der russischen Juden haben der neuen Regierung jüdische Sympathien als besonders wertvoll erscheinen lassen. Gegen die Gefahren der Revolution seien aber die Juden nicht blind geblieben und verhielten sich mancherorts vorsichtig zurückhaltend, was die englische Presse zu Verdächtigungen der russischen Juden veranlaßte. Ueber Amerika sagt Heinze, daß von 1881 bis 1912 2'A Millionen Juden dorthin eingewandert Der Zionismus muss das ganze österreichische Judentum erfassen, wünscht zwar jeder Gesinnungsgenosse, aber die wenigsten von ihnen sind sich darüber klar, dass dazu eine stärke Presse gehört. Verhelft der Jüdischen Zeitung zu einem ausschlaggebenden Einfluss auf die öffentliche jüdische Meinung.'Das dürfen wir getrost aussprechen, weilunsere Absichten ■ durchaus lauter sind. Man kann sie nur durch die Lektüre unseres Blattes kennen lernen, denn die Bewegung verfügt zur Zeit über kein anderes Propagandamaterial. Drum auf, jeder Zionist, jede Zionistin bringe uns im Monat November einen neuen Abonitenten! seien. In New York machen die Juden 27 Prozent der Bevölkerung, aber 48 Prozent der Zahl der Mittel- und Hochschüler aus. ..Der Handel in Konfektion. Wäsche. Handschuhen, Pelzwerk und Tabak liegt größtenteils in den Händen der Juden, die auch im. Baufach hervorragen.“ - Die jüdisch-amerikanische Presse hat eine Tagesauilage von 1,625.000 Exemplaren. Politischen Einfluß hätten die amerikanischen Juden auf dem Gebiet der Einwanderungspolitik, der Friedensvermittlung, der Ententeanleilien und der Präsidentenwahlen. Er erwähnt einen Zusatz zur Einwandcrungsbill, wonach Juden, denen im Heimatland der Besuch von Schulen verboten war, keine Lese- und Schreibprobe ablegcn müssen, wodurch russisch-jüdischen Analphabeten die. Einwanderung erleichtert wurde. So sehr auch der Sturz des Zarismus und die Kriegserklärung Amerikas die Sympathien der amerikanischen Juden für Deutschland zum Schweigen gebracht haben, so sind doch an- Heinrich Graetz * Von Dr. Augusta Weldler-Steinberg. Die Zeiten wiedererwachenden Volkstums bedürfen des lebendigen Zusammenhanges mit den früheren Geschlechtern, das nationale Gefühl sucht Nahrung in der Geschichte. Heinrich Graetzens elfbändige „Geschichte der Juden“, in den Jahren 1853—73 entstanden, ist die erste, die diesen Namen mit Recht trägt. Die Bahn hat ihr das Geschichtswerk Josts gebrochen, in ihm war zum erstenmal ein reiches Ouellenmaterial kritisch verarbeitet worden: doch allzu kühl und von einer gegen die Juden selbst manchmal fast ungerechten Objektivität, war und blieb es ein •nur für den Gelehrten wertvolles Werk. Ganz im Gegensatz dazu ist die Graetzsche Geschichte zum lebendigen Volksbesitz geworden. Graetz hat sein Werk ganz als Jude geschrieben: aus tiefstem und heißestem Miterleben hat er die Geschichte seines Volkes gestaltet. Von dem Grundgedanken der ewigen Dauer des Judentums erfüllt, baut er die jüdische Welt vor uns auf, von den idyllischen Urzeiten der Bibel bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Welt ungeheuerer Taten und Erleidens, mit Wellenbergen und -tälern geschichtlichen Geschehens und plastisch heraustretenden Gestalten der großen Einzelnen. Graetz hat als erster den Gedanken einer fortlaufenden Entwicklung in der jüdischen Geschichte aufgezeigt. Er hat, ein Künstler, der jeder. Historiker sein soll. Zusammenhang und Gestaltung in die unübersehbare Fülle des Stoffes gebracht und hat die jüdische Geschichte auf den tiefen Hintergrund der Weltgeschichte aufgesetzt. Im Jahre 1817 als Sohn einfacher, frommer Eltern in Xions iin Posenschen geboren, bildete sich der junge, begabte Mensch ganz auf eigene Faust aus. Eine Schrift. „Neunzehn Briefe über das Judentum“ von Samson Rafael Hirsch, zog ihn in den Bann des orthodoxen Judentums. Er lebte einige Jahre als Famulus bei Hirsch in Oldenburg und bezog dann die Universität Breslau. Hier lieferte er seine erste schriftstellerische Arbeit. Sie war ein Angriff auf den von aller geschichtlichen Entwicklung losgelösten Radikalismus Abraham Geigers, ein Bekenntnis zum traditionellen Judentum. Freilich nicht mehr im Sinne S. R. Hirsch*. Sein Standpunkt, den er als „historisches Judentum“ präzisierte, mochte sich wohl am besten mit dem Zach. Frankels decken, in dessen „Orient" seine Kampfschrift erschien. Zeitlebens ist Graetz in dieser zwischen den beiden Extremen schwankenden Stellung verblieben: er bestritt die Göttlichkeit der mündlichen Lehre, huldigte dem Entwicklungsgedanken in der Geschichte. hielt aber persönlich an den Formen des traditionellen Judentums fest. Dafür wurde er denn reichlich von beiden Seiten befehdet. Die Absicht. Rabbiner zu werden, gab er bald auf (das Predigen wollte ihm nicht glücken), wirkte kurze Zeit als Religionslehrer in Lundenburg und folgte schließlich (1853) dem Rufe an das neugegründete theologische Seminar in Breslau. % Er brachte das druckfertige Manuskript des vierten Bandes seiner Geschichte nach Breslau mit. Es war kein Leichtes, was der in der ersten Hälfte der Dreißiger stehende Mann unternahm. Nicht wie den Geschichtsschreibern anderer Nationen standen ihm die Resultate gelehrter Einzelforschung. Urkirndensammlungeu. archivalische Materialien zur Verfügung: er mußte sich mit Vorarbeiten aus zweiter und dritter Hand begnügen. Das verhältnismäßig geringe Ouellenmaterial aber mußte erst von überwuchernden Zusätzen befreit werden: die reiche Responsenliteratur war noch nicht genügend vorbereitet. Graetz hat auch große, wichtige Stoffgebiete, wie die der polnischen und besonders der russischen Juden kaum einbezogen. Im wesentlichen eine politische Geschichte, hat sein Werk das Kulturgeschichtliche nur aus der Literatur geschildert, die wirtschaftsgeschichtlichen Momente berücksichtigt er nicht. Daher ist seine Geschichte in Wirklichkeit nur eine Leidens¬ und Geistesgeschichte des jüdischen Volkes geworden. Nicht nur die zeitgenössischen Gegner Graetz*. die Geiger und Hirsch, konnten in ihrer persönlich gefärbten Kritik Blößen und Mängel an seinem Werke entdecken: auch der moderne Kritiker wird die Mängel in System und Methode der Arbeit empfinden: er wird vor allem die Ungleichheit gewahr, mit der die verschiedenen Bände gearbeitet sind. Neben meisterhaften Seiten, wie etwa die über den Makkabäerkampf. die Geschichte Jakob Franks, steht die Zeichnung Spinozas in sehr groben Strichen oder etwa die Schilderung der jüdischen Renegaten des 18. Jahrhunderts mit einem starken Manko an psychologischer Einfühlung da. Einigermaßen mag diese Verständnislosigkeit gewollt sein: für den Nationalisten Graetz gab es keinerlei Gründe zum Abtall. Diese begeisterte und unerschütterliche Liebe zu seinem Volke durchdringt das ganze Werk mit Macht die Jüdische Zeitung zum verbreitetsten Jüdischen Blatt Österreichs!

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