Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 43 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SeiU- 2 Judenfrage und Friedenskongreß Die Berner Friedenskonferenz (und die Judjenfrage. Am 12. November findet in Bern eine Friedenskonferenz statt. Sie wird von der „Zentralen 'Organisation für einen dauerhaften Frieden“ einberufen. Hervorragende Politiker aus allen Länr dem, wie der Generalsekretär der interparlamentarischen Union Christian Lange aus Norwegen, der Leiter der schwedischen Liberalen Baron Adels ward, die holländischen ehemaligen Minister Heemskerk und van Gyn, die deutschen Reichstagsabgeordneten Scheide, in'ann, Bernstein, Gothein, Erzberger und Exminister Dernburg, der bekannte österreichische Völkerrechtslehrer L ä m m a sc h der ungariscche Parteiführer Graf Karolyi 'die italieniscchen Professoren Ghisleri und Michels, der Cambridger Gelehrte DiCkijns o n und natürlich ' eine Anzahl Schweizer aus lallen drei Teilen der Schweiz werden an der, Konferenz teilnehmen, welcher die OeffentUchkeit aller Länder ihre Aufmerksamkeit in hohem' Grade zuwendet. Der Präsident der Organisation, der holländische Abgeordnete und ehemalige Staatssekretär im Justizministerium, Dr. H. C. Dresselhuys, äußerte sich in einer Unter-, redung mit einem Redakteur des Jüdischen Korrespondenzbüros im Haag über die Bedeutung der Berner Konferenz für das jüdische Problem. „Die Berner Konferenz“, so erklärte Dr. Dresselhuys, „hat die Aufgabe, das Minimalprogramm, weiches im April 1915 auf einer Konferenz von Vertretern verschiedener Länder im' Haag ausgearbeitet wurde und die Grundprinzipien eines dauerhaften Friedens in wenigen programmatischen Sätzen ausspricht, durch konkrete Formeln zu ergänzen, die dem Friedenskongreß als Basis seiner Verhandlungen dienen können. Das Minimal - Programm, das in allen Ländern diskutiert wurde, und allgemeine Billigung fand, sagt in seinem zweiten Punkt: „Die Staaten werden den auf ihrem' Territorium' lebenden Nationalitäten, bürgerliche Glekfhberedhti - gung, religiöse Freiheit und den freien Gebrauch' ihrer Sprache gewährleisten.“ Selbstverständlich' gelten diese Grundsätze auch für. die Juden.' Allerdings werden sie nicht allgemein zur Anwendung kommen können. Nur in jenen Ländern, wo die Juden in Massen siedeln und ihre Sonderiart deutlich zu Tage tritt, wird ihnen kulturelle Autonomonie ebenso gewährt werden müssen, wie jeder anderen Nationalität des Landes. Das jüdische Minimalprogramm wurde vom Zionistenführer Max N o r d a u wie folgt formuliert: 1. In allen Ländern, wo die Juden in geringer Anzahl leben, volle RechtgleiChheit. 2. Ueberlall. wo sie ein ansehnliches, gegliedertes Bevölkerungselement bilden, Anerkennung ihrer Ni tionalität, sofern sie dies wünscht, und Ausdehnung aller politischen und kulturellen Zugeständnisse auf sie, die in. dem betreffenden Staat jeder anderen bewußten, differenzierten und organisierten Nationalität gemacht wird. 3. Für die Juden, die unter sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina, das heißt das Recht der ungehinderten und unbeschränkten ■ Einwanderung. Bodenerwerbung und Ansiedlung mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird. Dieses Programm1 läßt sich darum' ganz in das Kader unseres Programms einfügen .Wenn die jüdische Bewegung, die heute in verschiedenen Ländern im Gange ist, als ihre Forderung die Anerkennung der jüdischen Nationalität in den Ländern jüdischer Massensiedlung feld schreibt über die historische Bedeutung des Kongresses. Z.F. Fink eis tein schildert in eleganter, feuilletonistischer, stimmungsvoller Weise drei Zionistische 'Persönlichkeiten: Warburg, Lewin und Sokolow. In leichter, angenehmer Form, die mehr den Plauderer, als den Essayisten verrät, schildert Finkeistein die drei Typen, die wir lebend und wirkend vor jm'sJ sehen. Nicht nur diese zwei Nummern, denen' wir unsere besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben, sondern auch die restlichen 'stehen, ziemlich auf der Höhe. Martin Bub er- Ignatz! Schipper, N. M. Gelber, Abraham Schwadron, Mathias Mieses,. Sigmund Bernfeld, Appolinar Hartglas, Josef Tennenbaum. Heinrich Glanz — um hur die Wichtigsten Namen zu nennen,- 'beruhten "da mit Talent und Sachkenntnis alle wichtigen aktuellen" Probleme des modernen Judentums. Die ,',Moriäh“ Wird auch nicht nur in Galizien und im Königreich Polen, sondern außerhalb dieser Länder stark gelesen und genießt eine weite Verbreitung und hohes Ansehen. In erster Linip verdankt' me es ihrem tüchtigen Herausgeber Dr. Wilhelm Berkelhammer. Am Eintritt ins 13. Jahr begrüßen wir sie aufs herzlichste und Wünschen ihr einen' guten Erfolg und einen weiten. Leserkreis. Wien, 13. Tischri 5678.. i AdölfStand. Saxa loquuntur Von Prof. Dr. A. Fürst Szekesfehdrvär (Stuhlweißenburg). (Schluß.) ■ Inmitten dieser, im' allgemeinen doch trokkenen Materie verliert Wachstein niemals die jonisri-i p 7 "i Ti rNO *—--—i- ■ ■- ■— Nr. 43 Die einzige Möglichkeit für den Zionismus heute in größerem Stile zu werben, bietet die Verbreitung der zionistischen Preslse. Sie allein bereitet jetzt den Boden für eine später einzusetzende Propaganda vor.'Darum'; Gesinnungsgenossen, abonniert selbst die „Jüdische Zeitung“, damit sie ihre Aufgabe erfüllen kann, und verlangt sie regelmäßig in jedem1 Gast- oder Kaffeehaus, wo ihr häufiger verkehrt Der Bezug durch' Lokale würde nicht nur unsere Einnahmen wesentlich1 erhöhen, dessen' wir, Wie wiederholt mitgeteilt, dringend bedürfen, dadurch bestünde auch die Möglichkeit, daß Nichtzionisten durch1 Lektüre unseres Blattes unser Programm, die Ziele unserer Bewegung, die Arbeit, die Wir leisten, 'die Mittel, deren wir uns bedienen, keii!- nen lernen. Darum, leset, abonniert und verit breitet die Jüdische Zeitung! erheben wird, dann steht nichts im Wege, unsere Grundsätze jäuf die Juden zu erstrecken. Wenn das naturgemäß in Holland nicht der .Fall sein wird, so kann ich' mir wohl vorstellen, daß für die Juden, dort, wo sie einen eigenen Organismus bilden, wie in Palästina, Polen oder Galizien, unser Programmpunkt von -Bedeutung werden wird. ■ . In unserer Organisation ist die jüdische Frage noch1 nicht besprochen worden, da bisher keine Anregung von irgend welcher Seite in diesem Sinne erfolgte. Doch' bestehen.keine Bedenken,' daß sie in unserer Organisation angeschnitten und auch in Bern aufgerollt wird, wenn ein derartiger Wunsch geäußert werden sollte. Die verschiedenen Punkte unseres Programms werden in Bern zunächst in Kommissionen beraten und die Beschlüsse der einzelnen Komitees dann in einer Generalversammlung neuerlich überprüft werden. Für die Beschlüsse unserer Konferenz wird in allen Ländern planvolle und zielbewußte Propaganda eingeleitet werden. Schon heute sind 40 Länder in unserem Verbände vertreten und wichen überall einflußreiche Persönlichkeiten für die . Popularisierung unserer Bestrebungen. Jüdische oder zionistische Organisationenhaben bisher keine Fühlung mit uns genommen und es sind zur Berner Konferenz keine Vertreter jüdischer Organisationen geladen. Doch'befinden sich'unter . den Teilnehmern eine Reihe' voh Juden, die wegen ihrer bedeutsamen Stellung in dem öffentlichen Leben ihrer Länder zur Mitarbeit von uns herangezogen wurden. So besteht trotzdem die Möglichkeit, daß die jüdische Frage aufs Tapet kömmt. Der Interviewer: „Wie, verhalten Sie sich zur gesicherten Heimstätte der Juden in Palästina?“ Dr. Dresselhuys: „Sicherlich liegt auch die Erfüllung dieser Forderung ganz in der Linie unserer Bestrebungen. Für die Juden, die ans wirtschaftlichen oder nationalen Motiven nach' Palästina gehen..wollen, eine Heimstätte in diesem Lande zu schaffen, ist eine Sache, der kein Kulturmensch seine Sympathie versagen kann. Daß die bestehenden rechtlichen Einschränkungen der •Juden, das Verbot ihrer Einwanderung und des Gesichtspunkte _ des echten Historikers. — Um seine Gestalten lebensvoll zu erschauen; trachtet er sie auch <äus anderen Quellen kennten' zju1 lernen, die an die ispedes jaetema weniger denken1,* als idie. allenfalls monumentalen, unpersönlichen Gedenksteine. — In seiner reichhaltigen Bib-* liothek standen hiezu Idie Fülle des gleichzeitigen Schrifttums (Memöiren, Respönsen; Reisebesdireibuilgen eit) Zur Verfügung; aus den Archiven des k. k. Landesgerichtes in Zivilsachen, dem' die Akten des seinerzeitigen Obersthofmarsehäll- ,ahi'tes als 'Judengerichtes überwiesen wurden, ebenso aus den Gemeinde- und Vereinsbüchern Preßburgs und iEisenstadts zieht ■ er außerdem1 eine Menge 'Von Urkunden ans Tageslicht, die teils aus nicht jüdischen, amtlichen Händen' sfamL Imend, die Ergänzung zu seinen Inskriptionen bilden. Eine glückliche Idee War es;, 'daß dieselbe historische Kommission durch Rabb. Dr. J; Taglicht, diese Nachlässe, Testamente, Eheakten, Inventarien usw. bearbeiten' und gleichzeitig veröffentlichen ließ. Dies Buch , bietet uns die günstige' Gelegenheit, dieselben Juden, die wir dort nur in ihrem inneren Ethos kennen lernten;- nunmehr auch1 Sozusagen ethnographisch' zu beobachten, in ihrem' äußeren Tun und Lassen1, in Kleidung iund Wohnung, bei ihrem. Erwerbs-1 leben und ihren Erbschaftssorgen. Wie das Stereoskop den Gegenstand, den es "von zwei Linsen aus betrachtet, in seiner Vollen Gestalt, plastisch abgerundet, in drei Dimensionen; erscheinen last, So runden sich auch die Gestalten; Wachsteins, die er imter seine zweifache Lupe nimmt, zu lebenswahrer, beweglicher Fülle. Wer sie einmal gelesen hat die Charakteristik eines Simon Michl, des Urgroßvaters Von "Heine, wer die „geschlossene Persönlichkeit“ eines David Wertheimer erfaßt hat, wer sich in die kleinbürgerlichen Kämpfe eines' Nikölsburger. Arztes, Dr. Stella, hineingelebt oder Üen Werdegang'des Bodenerwerbes, aufgehoben werden mOsSettj läS eine lins selbstverständliche Forderung. Wir vef» j[angen die freie Einwanderung für jedermann in jedes Land. Desgleichen scheint es mir nur billig, daß die Juden in der Freiheit ihrer Entfaltung . in ihrem Lande nicht gehemmt sein wollen und darum für die Selbstverwaltungsrechte, die sie beanspruchen, internationale Garantien verlangen» Die Kalvinisten und der Zionismus. . Der holländische Staatsminister, Freiherr Alexander Friedrich de Savomin - Lohtnann, der Führer der kalvinistischen „antirevolutionären“ Partei Hollands, als deren Repräsentant er auch im Ausland, namentlich' in Deutschland, großes Ansehen genießt, hat sich neulich -einem; Mita iarbeiter der J. K. im Haag, über den Zionismus geäußert: r. „Meine eigenen jüdischen Reminiszenzen waren nur geeignet, mich in meinen Sympathien für das Judentum zu bestärken. Unter, den Juden, die ich in unserem Parlament traf, habe ich , vortreffliche Männer kennen gelernt, die .viel Sind für Recht und Gerechtigkeit hatten, ‘auch Wenn Sie naturgemäß die Dinge von einem (ganz anderen. Standpunkt als ich betrachten. Sie waren zumeist Liberale, während ich1 der antirevolutionären (christlich-historischen) Partei angehöre. So denke ich' an Godefroy, der eine Zeit lang daS Justizportefeuille inne hatte, an deHartog und Drucker, die von uns allen sehr geachtet wurden. In keiner Weise Kat ihre jüdische Anderst ärt unsere Wertschätzung beeinflußt oder sich! in unserem Veikehr störend fühlbar gemadit.«ig Ich schließe mich ganz den Ausführungen des Ministers T r e u b an, die er in der Unterredung mit Ihnen über den Gedanken des Judenstaates getän hat. Wenn seine - Durchführung möglich ist, kann ich es nur von ganzem' Herzen begrüßen. Ich hege warme und aufrichtige Sympa» thie für die Idee der Rückkehr des jüdischen Volkes nach seinem alten Heimatland. Die Vers folgungen der Juden haben in mir immer die Empfindung heftigsten Widerwillens und Abscheus ausgelöst. Selbst wenn man annehmett würde, daß die Juden durch ihre Handlungen Anlaß zu Feindseligkeiten gegeben haben, so .sind die Verfolgungen, ihre Formen und ihre ‘Grausamkeit nicht zu entschuldigen. Ich’ wünsche von Herzen, daß die Juden In ihrem' eigenen! Lände das Werk ihrer Wiedergeburt durchfuhren, in Ruhe leben und der Kulhir und 'dem' Fortschritt dienen. Wir Holländer sind immer für; die Freiheit der Individuen und der Nationen eingetreten. Darum wünsche ich; daß auch die Juden ihre Freiheit erlangen. Ich kann es nur begrüßen wenn die Judenfrage auf der Frieden^» Konferenz behandelt und zu einer gerechten Lösung durch die Verwirklichung der nationalen Hoffnungen äuLPalästina.gebracht .werden,Würde». Der Zionismus scheint mir die natürlichste Lösung der- Judenfrage. Ich hatte immer für ihn aufrichtige Sympathien. Ebensowenig wie heute zögerte ich auch' früher nicht, ihnen Ausdruck1 zu geben. So nahm ich vor Jahren in Scbeveningen än einer Versammlung teil, die Herr Jacobus Kann einberief und wo Prof» MarmoreK aus Paris die Ziele des Zionismus äuseinandersetzte. Meine Sympathien für den Zionismus sind keine Zufälligkeit. Sie wurzeln nicht in Erwägungen ausschließlich politischef Natur. Sie fließen aus tiefinneren Beweggründen; Für die gläubigen Protestanten hat das „alte Volk“ immer eine höhe Mission gehabt und inso-i fern erachten wir uns dem' „gläubigen Juden“ geistesverwandt. Darum sind wir auch' gegen jede Verfolgung der Juden wegen ihrer Religion.“ frischgeadeften Eskeles, Hönigsberg, AmsTeiri, Neuwall etc. verfolgt hat — der wohl m'andimäl in christliche Friedhöfe führt! — der hat ganze Menschen kennen' gelernt, repres'enfativ.e m'ert ihrer Art, hat „gleicherweise einen Einblick) getan!, in das rassenmäßig Vererbte, wie in dais "durch die Zeitverhältnisse Bedingte. —“ Denn — um' zur Schlußkonklusion; Bu körn1men — „zur differenzierenden, individuellen' Er> fassung des Lithographierten reichen die Quellen — wie Wachstem Selbst in einer kritischen Note S. 360 ausführt — selten aus.“ ' ' „Ebensowenig gewähren Verständesleisfungen allein einen Maßstab für die seelische Veranlagung einer Persönlichkeit.“ Auch' in der Rieserfarbeit, die Wachstein geleistet, ist nicht jene unermüdliche Verstandestätigkeit ‘zuhöchsf zu! schätzen, die TogiSdie Uebersichtliehkeit und' wissenschaftliche Gründlichkeit, mit der er denf Stoff* meistert, sondern jene tiefere Inspiration’, ui|i der er in Her Psyche des' Einzelnen1 die Seele' des Alls Sieht, von den konkreten Fällen' ded täglichen Geschehens EwigReitsWahrheiten abstrahieren kann, die inneren 'Kämpfe eines1 Inch'-* viduums uns auf die Fläche des Zeitgeistes projeziert vorzuzeigen vermag. Man Vertiefe sich ,in' die kernig gedrängten paar Zeilen, die Wachstem zum Beispiel über die Frömmigkeit und die Art Ihrer Wirksamkeit im' Leben ’3eS Einzelnen (S. 46.) über die Ehrenreffurig . Oppenheimers (S. 10 und 11), über den Konflikt Zwischen der Welt des Scheins und 'den' Werten1 des Seins (S. 415.) oder, über'die Wirkungen der Aufklärungsperiode (S. 1369 undmehrfa'Si) geschrieben und 'man Wird finden, daß Wachstem in philosophischer 'Art das Wahre Wesen 'der Geschichte, die imPier Gestehichfe des’ Menschen bleiben wird, erkannt und dargestellt hat.