Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JÜDISCHE ZEITUNQ Seite 3 nimmt das Studium des Hebräischen immer mehr 'zu. * Audi im dritten Kriegsjahre hat das jüdische; Volk schwere Verluste erlitten. Tausende und abertausende jüdische Krieger müßten ihr Leben lassen auf blutiger Walstatt. Auch die Seuchen in Palästina forderten im ersten Halbjahre ihre Opfer. Wehmütig beklagen wir das Dahinscheiden all unserer Brüder! Ein großer Dichter des jüdischen Volkes schloß die Augen zum ewigen Schlafe: Simon Frug. Seine Gedichte: «Der Becher“ und „Die. Sterne“ leben im Munde des ganzen Volkes. Ihm folgte im Tode der bedeutende hebräische Literat Dr. J. L. Kazenelson, der sich unvergängliche Verdienste um die Verjüngung der hebräischen Sprache erwarb und unter dem Namen „Büki ben Jogli“ auch als Dichter bekannt war. Gewaltige Friedenssehnsucht übermannt die Seele der ganzen Menschheit. Auch das jüdische Volk dürstet nach den Segnungen des Friedens. Große Nationen, mächtig an Ehr und Wehr, wetteifern m der Beschützung der Interessen kleiner Völker, die an Zahl und Bedeutung, Bildung und Kultur dem jüdischen "Volke nachstehen. Und da fragen wir uns oft — nicht selten mit Bitterkeit im Herzen — wann wird . unsere Stunde schlagen? Wann werdenunsere Opfer an Gut und Blut, unsere hohen Verdienste um die Menschheit, unsere Kämpfe um die Erneuerung der jüdischen Nation und der jüdischen Erde endlich ihren Lohn finden? Wann wird der Erlöser Zions erscheinen? Wir wollen hoffen, daß uns das neue Jahr eine Antwort erteilen wird. Die Forderung des Herrn Mataja Der Stadtrat Dr. M a t a j a hat an den Prinzen Lichtenstein, den Obmann der <ihristlichsozialen Partei, „bewegt"von schweren Besorgnissen um die Zukunft der Partei in Wien“, ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Von dem Gedanken ausgehend, daß eine politische Partei in den Von ihr verfochtenen und durchgeführten Grundsätzen wurzelt, die ja "auch die Existenzberechtigung verleihen, beklagen ""die Unterzeichneten vor allem, daß die Parteileitung seit Jahren einer« entschlossenen Bekenntnis zu den Parteigrundsätzen aus dem Wege geht. Namentlich gilt dies vomi "Antisemitismus, Die chris/tlichsoziale Partei ist nur als antisemitische Partei' denkbar und in der Tat haben die Parteigenossen geradefür diesen Programmpurikt die größten Opfer gebracht. Seitens der Partei fehlt jede.derartige Sfcel-- lungsnahme. Bei diesem negativen Verhalten hat es sein Bewenden nicht gehabt. Die Wiener "Bevölkerung hatisich in der Zeit unseres unvergeßlichen Führers Dr. Lueger daran gewöhnt, in allen Dingen des öffentlichen Lebens ihre Augen auf das Rathaus zu wenden und die christlichsoziale Partei nach dem Wirken des Rathauses zu beurteilen. Gerade im Rathause genießen jüdische Organisationen und Personen "den größten Einfluß, während die Partei vollkommen ln den Hintergrund -getreten ist. infolgedessen sind gerade die überzeugten und verläßlichen Parteigenossen in ihrem- Glauben an die Partei erschüttert und eine allgemeine "tiefgehende Unzufriedenheit ein Mißmut ohnegleichen hat sich ihrer bemächtigt, der die schlimmsten Konsequenzen für das Schicksal der Partei zeitigen muß.“ — Dem Herrn Stadtrat Mataja fehlt es an " Antisemitismus. Vielleicht, weiTkürzlich — ein Ereignis — leinige liberale Stadträte in die geschlossene Aus der allgemeinen Presse Aus den Sozialistischen Monatsheften. Die letzte Nummer der „Sozialistischen Monatshefte“ enthält einen Aufsatz Von Leo Rosenberg über Emanzipation und Zukunft des Ostjudentums, in welchem der Autor darlegt, daß die Tendenz des Ostjudentums au'f Konzentration und nicht auf Zerstreuung geht. Daher sei nicht zu erwarten, daß sich die durch die russische Revolution befreiten Juden allzu sehr im' Lande zerstreuen würden. (Im (übrigen, s’o Schließt Rosenberg seine Ausführungen, wird das russische Judentum seine höchste Aufgabe in der "Schaffung der Vorbedingungen "für eine gesicherte nationale Zukunft (d. i. eine freie Volksexistenz auf "eigenem Boden) erblicken. Im selben Hefte schreibt Hermann"Kranold über das Selbstbestim’mungsrecht der Nationen, und sagt,- daß Sprache und Territorium nicht die Kriterien der nationalen Zusammengehörigkeit sind, sondern „Biese wird durch den immanenten Willen und das eigene Bewußtsein der Gemeinschaft geschaffen. Dieser Wille läßt sich durchaus nicht leichthin durch äußere Mittel erkunden; technische Feststellungen sind da schwer zu machen. Auf die Dauer aber bricht er Sich im Lauf der Geschichte Bahn und er zeigt sein Vorhandensein eben 'durch 'die Rolle an, die er in der Geschichte spielt. Er macht die Nation zur Schicksalgemeinschaft.“ Diese wahren und klaren Worte beweisen, 'daß sich die zionistische Auffassung vom Wesen der Nation auch in anderen Kreisen Bahn bricht. Ein neues Vierteljahr beginnt bald. Gesinnungsgenossen! Fordert von uns Diucksachen ein, damit Ihr schon jetzt mit der Propaganda für die Jüdische Zeitung beginnen könnt. Laßt uns nicht vergeblich mahnen! Wir bedürfen mehr denn je" einer starken zionistische Presse. "Der Bezugspreis für das dritte Viertel des Jahres beträgt K 3.—. Er ist p r ä numerando zu entrichten. Gewöhnt Euch ap pünktliche Zahlung, damit wir nichj gezwungen. sind, die Zusendung des Blattes zu unterbrechen. Die Geschäftsstelle. Versammlung des christlichsozialen Gemeinderats Eingang gefunden haben? Oder weil die Flucht-) linge aus dem Osten sich einer ällzufreundlichen Behandlung durch Behörden und Bevölkerung er-, freuen? Hr. Mataja sieht ja denWald vor Bäumen nicht. Er gewahrt nicht, wie die Zensur jedes freiheitliche Wort in der Presse zu einem weißen Fleck erblassen, die pöbelhaften rdhen Anwürfe der antisemitischen Zeitungen aber mit nachsichtiger Milde passieren läßt* Djes alles ist noch zu wenig* Herr Mataja sehnt 'Sich wohl nach einem jener kleinen Pogrome, wie sie vor kurzem in Schlesien gegen die Juden in Szene gesetzt wurden. „Die christJichsoziafe Partei ist nur als antisemitische Partei denkbar.“ Ein Mensch, sine ira et Studio könnte sich das christlichsoziale Pro-* gramm als ein von Antisemitismus befreites! und ganz auf positive Arbeit gerichtetes denken. „Christlich“ und „sozial“ sind recht sanfte und friedfertige Bezeichnungen, und involvieren — immer der unbefangene Mensch gemeint — nicht notwendig die Ungerechtigkeit gegen Nichtchri’- sten in sich. Nur positive, schöpferische Arbeit' vermag das Dasein einer Partei zu rechtfertigen und ihr Dauer zu verleihen. Wehe jener, die das1 Negative in ihren Kern versetzen will; sie ist ein Koloss auf tönernen Füssen. Zionistisches Zentralkomitee für West-Österreich Unters Vorsitz seines Vizepräsidenten, k. k. Reichsratsrevisor T a u s s i g, versammelte sich das Zentralkomitee am 5. Sept. d. J. zu einer Sitzung. Revisor Taussig teilte den Einlauf mit, aus welchem die Mitteilung hervorzüheben ist, daß das *"M äh risch-schlesische Distriktskomitee für den 8. u. 9. Sept. 1. J. nach Bielitz einen Distri ktstag einberufen hat. Dr. Wilhelm Stein wird mit der Vertretung des Zentralkomitees auf dieser Tagung betraut. Die telegraphische Meldung, daß Rabbiner Dr. Moritz Levi zum Oberrabbiner von Bosnien und der Herzegowina gewählt worden sei, und hiedurch im1 bosnischen Landtag Sitz und Stimme erhalten habe, wird mit freudiger 'Genugtuung entgegengenommen. Dr. Wilhelm Stein referierte sodann über das Resultat seiner im Aufträge des Z. K. und des J. N. F. nach Böhmen und Mähren unternommenen Reise. .Sein Bericht wird genehmigend zur Kenntnis genommen In Nummer 15 der „Neuen Zürcher Zeitung“, beschreibt Major du Bois Jaffa und Umgebung. Er (erwähnt, (daß deutsche und jüdische- Ansiedlungen dem Lande großen Nutzen brachten, Sodann schildert er die deutsche Kolonie Sarona und spricht daran anschließend begeistert von, den Orangengärten und den Weinkellern, wobei er der ,Weinbaugenossenschaft“ .rühmend gedenkp Der unjnformierte Leser muß nach dieser Schilderung den Eindruck haben, daß all die 11’andwirtschaftlichen. Fortschritte, die der Autor erwähnt, ausschließlich den Deutschen zu verdanken seien. Obzwar wir es also mit keiner der jüdischen Arbeit gerecht werdenden Schilderung zu tun haben, 'finden wir doch darin Tel Awjw aufs rühmendste erwähnt. Es heißt in dem Bericht: „Besonders das Judenviertel sticht durch seine Reinlichkeit und den sorgfältigen Bau seiner Häuser hervor, von denen jedes für eine einzige Familie bestimmt ist und so den Eindruck der Ordnung und Wohlhabenheit macht. 'Es sind Kolonien von Zionisten, die aus Europa stammen und sjch in Palästina niedergelassen '•haben — Sie haben durch ihre Arbeit Viel zum Gedeihen beigefragen.“ Aus dieser Schilderung geht wieder hervor, welch wichtiger Gedanke die Schaffung von Teil Awiw schon aus rein repräsentativen Gründen war, so sehr auch zu beklagen ist, daß bei dieser ersten Schöpfung das bodenreformerische Prinzip des NF. nicht angewendet .wurde. und dem Referenten über Antrag des Vorsitzende» der Dank ausgedrückt. Es folgt die Erledigung einer Reihe geschäftlicher Agenden. Ober Anregung des Herrn Adolf Böhm wird beschlossen, die Sitzungen des Z.K. fortab allwöchentlich präzise »4 S Uhr .abzuhalten. Der Referent über das jüdische Erziehungswesen, Dr. S. Bernfeld, erstattet sodann Bericht über die geplanten, Anfang November beginnenden jüdisch-pädagogischen Kurse, _die als VorLüufer eines künftigen jüdschen Pädagogiums gedacht sind. Auch dieser Bericht wird genehmigend zur Kenntnis genommen und dem ■ ‘Referenten über Antrag des Reichratsrevisors Taussig der Dank und die Anerkennung des Z. K. ausgesprochen. Die Diskussion über Anträge, betreffend die Abhaltung eines Distriktstages oder V ertrauensmännertages in Wien4 sowie die Ausgestaltung des Parteisekretariats wird auf die nächste Sitzung verschoben. Aus der jüdischen Welt Judenpogrome in Rußland. Dem „Utro Rossij“ vom 27. Juli zufolge hat ein Pogrom in einem Vorstadtviertel von Moskau Stattgefunden. Demagogische Reden hetzten die Menge au?. "Die Besitzer einer großen Lederfabrik wurden mißhandelt Zur Aufrechterhaltung der Ruhe wurden Truppen in 'die Kiewer Provinz entsendet, wo ebenfalls Pogrome stattfanden. Ferner meldet der „Temps“ aus Moskau, "die Kadetten und Hie Sozialisten beriefen Protestmeetings "gegen die gefährlich anschwellende Verfolgung der Juden ein. Auch hi Petersburg habe ein Pogrom slattgefunden. Die nationalen Minoritäten für die Auio~ nomfie der Ukraina. Stockholm, den 6. Sept. (P. B. der Ukr. Pari. Vertr.) Der Vertreter der nationalen Minoritäten in der Ukraina. Vorstano’ des Kiewer Postunö Telegraphenkreises, A- Z a r u b i n bekam in Petersburg folgendes- Telegramm aus Kiew: „Das Zentralkomitee 'der vereinigten jüdischen sozialistischen Parteien, welche auch in der Ukrainischen Zentral IRada und in dem Generalsekretariat Vertreten ist, macht die Petersburger Regierung, darauf aufmerksam, o'aß die Lage in der Ukraina ernst ist, Und verlangt 'eine rasche Verständigung mit der Demokratie Q*er Ukraina bezüglich der autonomen Verwaltung des Lanoes- Die Lage der jüdischen Geiseln in S,birien. Das „Echo polskie“ vom 6. Juni veröffentlicht einen Bericht aus Tomsk, demzufolge die mit Verordnung der russischen provischen Regierung in Aussicht gesteifte Befreiung der nach Sibirien verschleppten GeiseEn aus Galizien, in der Tat nicht durchgeführt werden wird. Mehrere dieser Unglücklichen begaben sich noch anfangs Mai nach Tomsk und hofften von dort weiter nach Galizien —das zu jener Zeit noch von den Russen besetzt war — befördert zu werden, bekamen aber die Auskunft, daß „Spione nicht nach Rußland geschickt werden können!“ Nur in vereinzelten Fällen gestattete man eine Reise bis nach Kiew. Das Hilfskomitee in Moskau bekam' aus Irkutsk folgendes Telegramm: „Das Ministerium des Innern hat mit Depesche vom 6. April (a. St.) den Polen und allen anderen slawischen Untertanen der mit uns kriegführenden Reiche die "freie Bewegung in Sibirien erlaubt, damit jeder entsprechende Beschäftigung finde. Die Juden sind von dieser Begünstigungausgeschlossen. Wir betrachten es als ungerecht und unverständlich und erbitten daher Ihre Mithilfe. daß auch den Juden diese Bewilligung zuteil werde.“ Nach einer Mitteilung des jüdischen „Petrograder Tagblatt“ vom Jum begab sich der Vorstand der Zentralen Hiffs;- komitees Sliosberg und K rein in zum dänischen Botschafter und stellten ihm dieses Anliegen vor, indem sie zugleich eine genaue Schilderung der Lage gaben, in der sich die beinahe 10 0CÖ Zivilgefangenen äus Galizien befindet Man erwartet. daß nun Schritte unternommen werden, um den verschleppten Geiseln eine Rückkehr über Schweden zu erwirken-,. Sterbekleider aas Papier. In Warschau haben die Rabbiner nacli langen Disputationen sich dahin geeinigt., daß wegen des großen Mangels an Leinwand, Panier zur Anfertigung von Sterbekleidem verwendet werde. Er stellte sich aber bald heraus ‘daß nur graues Papier aufzubringen war. Sterbekleider sollten aber eigentlich weiß sein. Aber auch in dieser Richtung gaben die Rabbinen nach. Nun kamen aber die Provjnz- Rabbinen mit sehr richtigen Einwänden. Zunächst behaupteten sie. durften die Warschauer Rabbinen eine derartige wichtige Frage nicht unter .Sich autoritativ; ausmachen; es hätte eine Rundfrage unter den meisten Rabbinen vern'nstaltrt mul alfe Ansichten eingeholt werden, müssen, ehr man auf solche Weise erst f*in Subsrat für eine eventuelle Entscheidung haben könnte- Wichtiger ist aber der soziale Unterschied, der infolge dieses Beschlusses noch krasser zum Vorschein kommen wird, als es bis jetzt der Fall war. Die Reichen, ja selbst die Bemittelten werden kaum darauf eingehen. daß ihre Verstorbenen in Panierkleidern begraben werden. Folglich werden nur die Gemeindeverwaltungen diesen Umstand ausnützen, um die Aermsten auf Ohne Verbreitung Oer Presse Kein WadMum der Partei!