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Jüdische Zeitung · 1917-09-14 · 37 (14.9.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
37 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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:t"' 2 JÜDISCHE ZEITUNG_ __ Nr. 37 sischen Judenheit, sie war der Lohn eines mühseligen aufopferungsvollen Ringens toll den finsteren Mächten des Zarismus. Und kaum' atmeten die Völker Rußlands auf im glücklichen Bewußtsein der Gewißheit ihrer Befreiung, veranstalteten die jüdischen Bürger des neuen "Rußland imposante Kundgebungen und gingen daran, sich als Volk zu organisieren. Die Einberufung des russisch-jüdischen Kongresses nimmt immer greifbarere Form1 an. Gegenwärtig sind programmatische Verhandlungen bezüglich Festsetzung der Tagesordnung für die vorbereitende Konferenz im Zuge, die aller Wahrscheinlichkeit nach ein günstiges Ergebnis zeitigen werden. Die jüdische Freude kann im! Goluth niemals vollkommen sein. Dieses Wort bewahrheitete sich in diesem Jahre von neuem. Tast an demselben Tage, wo die Aufhebung der nach 365 zählenden russischen Judengesetze erfolgte, brach das Unglück über unser nationales Heiligtum, die junge jüdische {Siedlung Sn "Palästina herein. Einige Tage vor dem Pessachfeste wurde von den türkischen Militärbehörden die Räumung der Stadt Jaffa und aller im Kreise Jaffa gelegenen Ortschaften angeördnet. Alles spricht dafür, daß der jüdischen Bevölkerung bedeutend schwerere 'Leiden als den mohammedanischen und christlichen Evakuierten zuteil geworden sind, denn die Räumung untergrub die wirtschaftliche Existenz der meisten 'Betroffenen, erschütterte das Siedlungswelk und zerstörte die allgemeinen Institutionen. Die Leiden der Juden, zu denen noch der Umstand hinzukam, daß Palästina Kriegsoperationsgebiet geworden ist — stehen doch schön die Engländer an der Südgrenze des Landes bei Gaza — fanden in der ganzen Diaspora einen lauten Widerhall. . Die Erfahrungen des Krieges und unmittelbar die Umwälzung in Rußland Und die Vorgänge in Palästina haben ‘Ereignisse gezeitigt, dje von außerordentlicher Bedeutung für die künftige Entwicklung des Judentums s'ein werden. Die Machtvermehrung des Zionismus sprengte den Rahmen der zionistischen Oiganisation und der Schnelle Gang der Ereignisse machte die Zionistische Idee zum Gemeingut breiter Massen unseres Volkes. Auf die Frage der Zeit, was aus der jüdischen Nation werden soll, gibt es nur eine Antwort, das fühlt das Volk ganz genau und man kann mit Genugtuung feststellen, daß die zwanzigjährige Erziehungsarbeit des. Zionismus nicht vergebens war. Es ist unveikennbar, daß die politische Berechnung 'der Staatsmänner den Zionismus in manchen Ländern gegenwärtig zu fördern strebt, doch ist dies nur die Folge der Erstarkung des Zionismus und keineswegs ihre Ursache. . Die Ereignisse zeigen deutlich,' daß in den Entente]ändern der Zionismus nicht nur ernst genommen, sondern von den Regierungen und der großen Presse geradezu umworben wird.' Präsident Wilson ließ feierlich verkünden, daß die . Vereinigten Staaten die Errichtung einer jüdischen Republik in Palästina wünschen jund entsandte, einen dreigliedrigen Ausschuß zur Erstattung von einschlägigen Vorschägen an die Friedenskonferenz. Die Tagung der russischen Zionisten' (die erste im freien Rußland), wurde vom Minister des Aeußem und vom' Soldaten- und Arbeiterrat begrüßt. Die „Times“ öffnete ihre Spalten 'einer Diskussion zwischen Zionisten und Nichtzionjsten una schloß die Diskussion mit einem Leitartikel, der alle Argumente der Antizionisten Verwirft und energisch für den Zionismus eintritt. Eine Reihe von Arbeiterverbänden in England, Frankreich und Amerika sprachen sich für den Zionismus aus. Die englischen Arbeiter Vertreten in ihren Forderungen den Wunsch nach 'Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Nachum Sokolow nahm Gelegenheit beim Papst vorzusprechen und Benedikt XV. erklärte, Ein völliges Mißverständnis freilich wäre es, zu glauben, daß diese soziale Betrachtung der Oie irgend etwas m'it ökonomischer Wer.ung zu tun hätte. Erst in neuester Zeit, wo alles gesellschaftliche Leben unter den Gesichts^ punkt des Geldes gestellt ward, entstand die .Assözia.ion von Heirätsvermitt’ung uiid Mitgift. Dies ist nicht „jüdisch“. Nirgends in all diesen Erzählungen kommt das wirtschaftliche Moment in Frage. Das Mannesideal des jüdischen Weibes ist ein Mann: „schön und von gütigem' Herzen, gelehrt und schriftkundig“ (S. 220). Die Tochter Salomos lernt einen Mann kennen, und liebt ihn, „denn er "kannte sich in der Schrift aus“. In einer Erzählung von Juda Halevi hören' wir, der Dichter habe in einem Augenblick des Zomies geschworen „seine Tochter dem ersten' Mann, der sein Haus betreten würde, anzutrauen, Als dann ein armer Wanderer als erster eintritt, «erschrickt Juda Halevjs Frau bei dem Gedanken, “daß das ihr Tochtermann werden sollte, ihre erste Frage aber lautet: „ob er der Lehre kundig sei“. Der Ankömmling — es ist der berühmte Ihn Esra — stellt sich unwissend; die Frau bricht in Tränen aus. Aber wir hören nicht ein Wort der 'Betrübnis darüber, daß die Tochter des reichen und berühmten Dichters einen armen "Marlin heiraten 'sollt. Es geht immer nur um efne'Unwissenheit. Juda Halevi tröstet die Frau auch wiederum' nur mit den Worten: „Verzage nicht, ich will den uns daß er den Bestrebungen des Zionismus durchaus sympathisch gegenüber stehe. Aus ähnlichem Anlasse eiklärte die italienische und französische Regierung, daß sie die historischen Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina anerkenne und die zionistischen Bestrebungen bestens fördern werde. Aehnlich äußerte sich auch der Oberbefehlshaber der englischen Palästinaarmee, ‘für die (übrigens (die (englische Regierung «ein jüdisches Infanterieregiment mit eigener Fahne äufgestellt hat. Auch in Deutschland und Oesterreich hat glücklicherweise der Zionismus Verständnis gefunden. Führende Zeitschriften haben der Ueberzeugufig Ausdruck gegeben, daß dem Zionismus eine bedeutsame Rolle in der kommenden Entwicklung des Orients zufallen „wird, und, wie natürlich, ihr Interesse in dieser Rolle mit den Interessen in Zusammenhang gebracht, die die Politik der Verbündeten der Türkei an'der Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen' Entwicklung des türkischen Reiches und seiner Teile besitzt. Leider hat sich dieses Interesse mehr in Deutschland als in Oesterreich betätigt Die siegende Kraft des Nationalgedankens, das selbstbewußte Auftreten des russischen Judentums, die Erkenntnis der schwindenden Bedeutung rein philanthropischer Betätigung, führten die ernsteren, "ihrer Verantwortung bewußten Repräsentanten (der älteren Generation: in Amerika zum' Zionismus. In ihm sahen Sie die Idee verwirklicht, die sie selbst verleugnet Und' dennoch wohl geliebt hatten: Die Idee der Einheit des Judentums. jUhd &o‘geschah (etwas, Was (man''noch vor einem1 Jahre für unmöglich gehalten hätte: die Annäherung der jüdischen Geldaristokratie an die jüdische Volksbewegung, an den Zionismus. Die an Geld und Einfluß reichsten Juden Amerikas wie Jakob H. Schiff, der Präsident des American Jewish Committee Louis Marshall, der Multimillionär und „’Kupferkönig“ Levisön und andere bekennen sich zum Zionistischen Ideal. In England scheint eine ähnliche Entwicklung vor sich gegangen zu sein, Vlie, der 'Beitritt Lord Rothschilds zur Zionistischen Organisation zeigt. Neben der Geldaristokratie tritt die jüdische Arbeiterschaft mit Leib, und Seele für die Erreichung des zionistischen Ideals ein: Der in Stockholm tagenden sozialistischen Friedenskonferenz wÄhnt in Vertretung des jüdischen Proletariates die jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei „Poale Zion“ bei. Nach den ersten Tagen des Weltkrieges gab es keine zwischenstaatliche Körperschaft, keine Weltorganisation mehr. Die internationale Sozialdemokratie ging aus den Fugen und die .einsichtigeren Elemente der Arbeiterbewegung bemühen sich jetzt nach drei Kriegsjahren immer noch erfolglos, wenigstens einen Teil wieder der roten Internationale zusammenzuleimen. Künsttervereinigungen. wissenschaftliche Verbände, soziale Körperschaften, die den ganzen Erdball umspannten, sie alle gingen in die Brüche beim Ertönen des ersten Kanonenschusses. Nur ein einziger Weltverban'd hielt stand: die Zionistische Organisation. Eine ganze Welt stand und steht heute noch in Flammen, "aber das in der zionistischen Organisation zusammeristehende jüdische Volk hält felsenfest zusammen, auch nicht ein Stein bröckelt ab von dem' großen Gebäude, das Theodor Herzl geschaffen und die Organisation schreitet rüstig vorwärts auf dem Wege der Entwicklung. Zahlreiche große Tagungen haben stattgefunden, die allesamt von Her wachsenden Kraft der Bewegung Zeugnis ablegen. Den Reigen , eröffnete Russisch-Polen, ihnen folgten die deutschen Zionisten und der niederländische Zionistenbund, welche Tagungen die Golusarbeit und die Verknüpfung des'Einzelnen mit dem Palästinismus zürn Gegenstand hatten. Auch 'die Tagung der englischen und amerikanischen Zionisten zeigt von unermüdlicher Tat- Zugewiesehen in der Schrift unterweisen.“ Die Gelehrsamkeit des Mannes ist das Einzige, was in Frage kommt- Dies war jüdische Auffassung. Rührend innig wird in einer Erzählung die Liebe zum Buche eine echte Gattenliebe: Einsam hat ida ein Mann das Leben lang Talmudabschhitt Hagigah gelem, und als er ünbeweint stirbt, kommt eine weibliche Gestalt, ihn zu beklagen. Es ist Hagigah, die Seele jenes Buches. Ein schöner Zug der jüdischen Eheauffassung ist die zarte Behandlung des Verlöbnisses. Besser ist es, lesen wir, daß das Eheband durch einen Scheidebrief gelöst werde, als daß man einte Verlobung rückgängig mache. Ist einer mit einem Mädchen verlobt, und zerreißt den Bund' sb kommen die Tränen der Beschämten vor Gott. Ueberhaupt ist die Braut Gegenstand besonderer Zärtlichkeit Wir lesen von der todesmutigen Braut, die ihren Bräutigam von den Mächten des Schreckens zu befreien, sich dem Todesengel entschlossen entgegenwirft, nachdem1 Vater und Mutter im Angesicht des schrecklichen Würgers den Mut verloren "hatten, die Braut vollbringt es- und selbst dem' Auge des Todesengels entfällt eine Träne. Die Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe wird immer unter sittlichem und religiösem' Gesichtspunkt betrachtet Der Mann „heiligt“ die Frau, ist der bezeichnende Ausdruck. Diese Heiligung wird als Pflicht aufgefaßt (Siehe die Erkraft und Wachstum der Organisation, Wenn auch die Oiganisation Englands noch lange nicht auf der Höhe steht. Den ersten änd wichtigsten Platz unter all diesen Tagungen nimmt jedoch die Konferenz der russischen Zionisten ein, die am ‘6. Mai und den folgenden Tagen in Petersburg unter dem Vorsitze der bewährten Führer Dr. E. W. Tschlenow und Ing. M. M. UssiSchkin stattfand. Auf dieser Tagung gelangten neben den organisatorischen "Aufgaben die Palästinafrage, die national-politischen Forderungen ‘der russischen Judenheit und die Kulturfrage zur Be-* handlung. Zum Schlüsse der Tagung wurde beschlossen, mit Zuhilfenahme des Organisationsapparates im Kreise der russischen Judenheit eine Volksabstimmung über Palästina zu veranstalten. Den selben Beschluß faßten auch die polnischen Zionisten. Das Plebiszit ist in beiden Ländern jm Zuge. Die sattsam bekannten orthodoxen Hetzer aus Deutschland erließen in Polen eine regelrechte Bannbule gegen 'das Plebiszit, allerdings mit sehr wenig Erfolg. — "Die Organisation -in Ungarn konnte aus Gründen, die zum Teil in der inneren {Struktur der dortigen ‘Judenheit Zu (suchen sind, noch immer nicht erstarken. Die Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds weisen für das erste Halbjahr 1917 den Betrag von Mk. 833.000 auf, eine bisher auch im Frieden unerreichte Summe, die von der wachsenden Volkstümlichkeit unseres Volksschatzes Zeugnis ablegt. Zu den bisherigen Sammelzweigen kamen als neue hinzu: die Jahrzeit- und Nachlaß-Spende, sowie der Friedensscheck. Fast in allen Ländern der Diaspora bemerken wir eine (erhöhte Regsamkeit der jüdischen Öffentlichkeit und ein erwachtes Interesse für jüdische Dinge. In der ersten Zeit waren es lediglich die jüdischen Flüchtlinge und Bewohner der Kriegsgebiete, die die jüdische Öffentlichkeit beschäftigten. So sind in "Österreich dank namhaftem Eintreten der Reichstagsabgeordneten Dr. Straucher und Reizes, die jüdischen Flüchtlingslager aufgehoben worden. Das große amerikanische Hilfswerk für die Juden der nördlichen 'Kriegsgebiete setzte auch in diesem' Jahre seine segensreiche Tätigkeit fort. Die Vertretung 'für Oesterreich wurde an Stelle der „Israelitischen Allianz in Wien'' einem aus den Vertretern aller jüdischen. Parteien bestehenden Vollzugsausschuß übertragen; Aber nicht nur in Kriegsfürsorgetätigkeit ist eine allmähliche Demokratisierung und Nationalisierung zu verzeichnen, sondern auch in allgemein jüdischen Dingen. "Die Erfahrungen des Krieges, der-in die Halme sprießende Judenhaß, Erscheinungen, wie die Judenzählung im1 deutschen Heere, Verbot des Gebrauches der jüdischen Sprache, judenfeindliche Erlässe lassen' die offiziellen Kreise auch -in den Ländern der Mittelmächte über das Schicksal der Juden nachdenken. Einer (Anregung (der Prager Zionistischen Wochenschrift „Selbstwehr“ folgend, befaßt sich jetzt die jüdische Öffentlichkeit in Österreich mit der Einberufung eines jüdischen 'Kongresses in Österreich auf nationaler Grundlage. Am 16. Juni hielt Reichstagsabgeordneter Dr. Straucher eine 'großangelegte Rede im1 Reichsrat, in dem er die Forderungen der österreichischen Juden nach1 nationaler Gleichberechtigung als Volk und nationale Autonomie, sowie nach nationalen Kurien, dort wo die Juden in Massen wohnen, präzisierte. Hand in Hand mit dem Erwachen der jüdischen öffentlichen Meinung geht auch das ungeahnte Aufblühen der jüdischen Publizistik. Die hebräische 'Bewegung nfmm't ebenfalls an Intensität Zu, wozu auch die Preßfreiheit in Rußland in großem Maße beiträgt. In Moskau fand ein großer Hebräertag statt und es erscheint nunmehr eine ganze "Reihe von periodischen Zeitschriften in hebräischer Sprache. Auch* im Westen Zählung: Das Mädchen mit dem Tiergesicht). Auch "die Teufelinnen heiraten ihre Menschenmänner „nach dem Gesetz Moses und Israels“ und dürfen von ihnen nicht ohne Scheidebrief entlassen werden. So ist in der Liebe alles umhegt .und befriedet. Umso schrecklicher sind die Instinkte, wo sie über alle heiligen Zäune brechen. Dann wird die Liebe zum fürchterlichen Dämon; allüberall bereitet der böse Trieb Gefahr und Versuchung, vor der auch'der reinste^ Weise nicht sicher ist. Angstvoll murmelt man: "„Der Herr schütze uns vor dem .Fejnde in unserem Innern“. Die große Zahl — etwa die Hälfte — der Erzählungen, ' deren Motiv die Versuchung zur ’UnkeuSchh'eit Und zunt Ehebruch bildet, bezeugt, mit wefch schweren. Kämpfen gegen seine Instinkte sich hier ein Volk die Reinheit des Familienlebens errang. Es gelang "durch die innige Beziehung, in welche das sexuelle Leben mit dem höchsten, dem Religiösen, gesetzt wurde. - Die Negierung der Jugendliebe und — gleichsam' die Rache des Instinktes hierfür! — die krampfhafte Furcht vor der ewigen Versuchung scheinen die beiden Schattenseiten der jüdischen . Erotik zu sein. Wir gehn wohl nicht fehl, wenn wir diese beiden Entartungen^ auf Rechnung unserer Entfernung von der gesunden, nährendein mütterlichen Erdscholle setzen. Im' Felde. "Hugo Bergmann. Vertagt regelmäßig Hier Blatt in Oen Kalfeebänfem!

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