Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nafional'jüdifches Organ E-scheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Farnsprech'Nummer 45>3>25 Mil der Beilage; Der Jfidifche Nationalfonds -* Wien, Freitag, 14. September 1917 / 27. Elul 5677 Einzelnummer 24 He« er Geschäftsstelle: Wien tl/i, Zirkusg. 3j Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig KMX— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarii Postsparkassen-Konto 133.404 Intmlf* Ludwig Batö, Das Kriegsjahr 5677. — Hugo Bergmann, Erotik d r luden. — Die Forderung des H rrn Malaja. — Zionistisch' s Zenlralkomite llllldll. fgr Westösterreich. — Aus der allgem inen Presse. — Aus der jüd. Welt — Zionisten im Felde. — Berichte u. Komsp. — Sport — Ausweise I Allen Leiern, Mitarbeitern und Förderern entbietet beite Glückwünsche I : ZUM JAHRESWECHSEL : | D:e Jüdische Zeitung | Das Kriegsjahr 5677 Von LUDWIG BATÖ. Die Hoffnungen des jüdischen Chronisten, das verflossene Jahr ein ,^Kriegs- Und Friedensjahr“ nennen zu können, sind zuschanden geworden. Der Weltbrand zog immer weitere Kreise und Mächte, die bislang gleichsam'von einer bequemen Loge aus dem furchtbaren Ringen zu-, sahen, wurden vom Gange 'der Ereignisse mitgerissen und traten nun selbst auf den Plan. Zwei Staaten, die für das jüdische Volk von größter Bedeutung sind, griffen in diesem1 Jahre zu den Waffen: Rumänien und 'die Verei pjgten Staaten von Amerika. Rumänien, das trotz des Berliner Vertrages in Bezug auf die Judenfrage stets mit dem zaristischen Rußland in einem Atemzuge genannt wurde, trat kurz vor Beginn des neuen Jahres in den Krieg ein und rief jetzt auch seine jüdischen Bürger, die es bislang alst Schutzlose „Fremde“ schikanierte, zu den Waffen. Wie in allen von Juden dijehtbewohnten Ländern der kriegführenden Mächte, brach auch im’ Bojarenlande namenloses ‘Elend über die Juden herein; einerseits ereilte ‘ sie an der Front, wo sie ausdrücklich ins Vordertreffen geschickt wurden, ein gausames Schicksal, anderseits reihte der (nach kurzer Herrlichkeit des rumänischen Angriffskrieges erfolgte Zusammenbruch des Landes den Millionen herumirrender jüdischer Flüchtlinge die endlosen Scharen flüchtender rumänischer Juden an. Nach der (vorläufigen Beendigung des irumänischen Krieges wurde die jüdische Oeffentlichkeit *) Gekürzter Vorabdruck aus dem in -unserem Verlage erscheinenden, (überaus reichhaltigen „Jüdischen National kalender 5678“, herausgegeben von Otto Abeies und Ludwig. Batö. Zu beziehen durch den Verlag „Jüdische Zeitung“ (Wien, II., ZirkuSgasse 33), Preis K 4.— durch die Ausrufung eines ‘freien Polens auf die dortigen Vorgänge aufmerksam- Die Gemeindevertretung in Warschau wurde für die Juden allmählich eine Kampfstätte. Durch Schikane. verschiedenster Art wird der systematische Versuch unternommen, die Juden wirtschaftlich und geisitg zu erdrosseln. Die Hetze geht weiter und es ist charakteristisch, daß in Stockholm die Vertreter der jüdischen Sozialdemokraten gegen das Verhalten ihrer polnischen Genossen in der Judenfrage öffentlich Einspruch erheben mußten. Nach inneren Streitigkeiten zwischen den Zionisten und der Volkspartei, die inzwischen zum Teile beigelegt wurden, mußte und muß jetzt noch gegen die Assimilation angekämpft werden. Nach der einen Seite wird der Kampf gegen die jüdisch-polnischen Assimilanten geführt, die sich erdreisten,- den Behörden gegenüber, ja sogar im1 polnischen Staatsrate, die judenschaft zu vertreten, anderseits gegen eine ganz sonderbare Erscheinung: eipe aus Deutschland von orthodoxen Rabbinern geaichte Frankfurter Richtung, die in höheren Kreisen wjllfährige Unterstützung findet. Die Von ihnen gegründete „Agudat ha-ortodoxim“ ging so weit, ihre Grundsätze in einer unterwürfigen Eingabe an den polnischen Staatsrat unter ausdrücklichem Verzicht auf alle nationalen Belange, selbst auf die ‘Sprache, bekanntzugeben. Kurz, nach 'der Ausrufung des Königreiches erließ das Generalgouvernement Warschau eine Verordnung, betreffend die Organisation der „jüdischen Religionsgesellschaft“, wodurch der gesunde jüdische. Volksorganismusgewaltsam: vor den Rahmen einer Konfession eingeengt'werden sollte. Indes (scheint (die Regierung Selbst (die Erfolglosigkeit dieses Schrittes eingesehen zu haben. Es ist noch nicht die 2eit gekommen, über die Vorgänge nr dem von Oesterreich-Ungarn besetzten Teile Polens zu berichten: die Zensur würde es keineswegs zulassen und sio müß der jüdische Chronist, der nicht willens ist, sich in geheimnisvollen Andeutungen zu ergehen, auf die Schilderung der dortigen Zustände vorderhand verzichten. Inzwischen nahm .'die mächtig .emporstrebende jüdische Volksbewegung in Amerika weiter ihren Lauf. Das zum Selbstbewußtsein erwachte Dreimillionenvolk hat^sich eine mächtige Organisation zur Abhaltung mnes jüdischen Kongresses geschaffen. Nach erbitterten Kämpfen zwischen der demokratischen nationalen Gruppe,, die einen Kongreß auf breiter Grundlage forderte und den assimilatorisch gefärbten offiziellen Führern, die mit Erotik der Juden „Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre und deuchten ihn als wären es einzelne Tage, So lieb 'hatte er sie — “ Dieser eine Vers aus 'dem Jakobroman im ersten Buch Mosis würde uns, auch wenn wir nicht das hohe Lied hätten, genugsam lehren, daß die Poesie der reinen'Liebe von Jüngling und Jungfrau im alten Israel verstanden wurde und 'daß das bäuerische jüdische Volk mit' seinen Instinkten im glücklichen Frieden lebte. Haf sich hierin im Laute der Jahrhunderte etwas geändert? Wir wissen wenig vom' sexuellen Leben der Juden "in den Jahrhunderten der Diaspora. Nunmehr aber hat Micha Josef bin Gorion fM. J. Berdyczewski) den ersten Band seines Legenden- und Märchenbuches „Der Born Judas“ *) ganz der Liebe gewidmet und mit unendlicher Gründlichkeit und Kenntnis des Gegenstandes alle Geschichten der Ttachtalmudischen Zeit gesammelt, in denen von der Liebe und ihren Wundern erzählt wird. Und da seine Sammlung bis in die chassidiSche Zeit, also fast bis zur Gegenwart reicht, so haben "wir Gelegenheit genug., das Volk zu belauschen, zu erfahren, wie es die Liebe empfunden hat und wie dieses Empfinden in seinem Erzählen Ausdruck fand. *Der Born Judas. Legenden, Märchen und Erzählungen. Gesammelt von M. J. bin Gorion. 6 Bände. I. Band :Von Liebe und Treue. Insel-Verlag. Die Erkenntnisse, die uns das Büch' vermittelt, sind nicht durchaus erfreulich — für uns kein Grund zu schweigen. Das Auffallende nämlich' an dieser Sammlung von etwa 70 Erzählungen "ist, daß von der Liebe in ihrem echtesten S;nne fast gar nicht gesprochen ■wirti. Die Ljebe des Jünglings zum1 Mädchen suchen wir in alt den Erzählungen — mit der einzigen Ausnahme des Akfbaromans — vergeblich. Wo ist Jakob, der «eben Jahre ihn Rahel warb? Wo 'ist die holde Unschuld d-r Sinne,, die Unmittelbarkeit des Verhältnisses der Geschlechter? Gab es bei uns nicht Romeo und Julie? In all den Erzählungen ist eine einzige — samaritanischen Ursprungs — wo ein hebräisches Mädchen sich einer aufgezwungenen Verlobung widersetzt, und der Herausgeber kann nicht umhin, dies 'als seltenen Fall besonders hervorzuheben. Dann haben wir eine Wormser Geschichte aus dem Jahre 1595, wo eine Braut ihrem Verlobten die Treue hält, auch als die Eltern den Verlobungsakt rückgängig maCh’en wollen, und sich zur Aeußerung Versteigt, daß sie sich dem Bräutigam hingeben werde. wenn man ihr dje Ehe n;cht gestattet. Aber hier ist es weniger'die Liebe ab die Treue Zum gegebenen Wort, die der Erzähler im Auge hat. In allen übrigen Geschichten sucht! der Leser das L.iebestnojiv vergebens. Wenn man dem Zeugnis dieser aus allen Jahrhunderten stam'- menden Geschichten Glauben schenken kann, so e einer engeren Konferenz fürlieb nehmen woIKetv kam es zu einer Einigung. Das Vereinigte Kongreßkomitee, das aus je 70 Mitgliedern beider Richtungen besteht, hielt in Newyork ant 25. Dezember seine erste konstituierende Sitzung ab, deren Ergebnis einen wichtigen Sieg der ur-. sprünglichen Kongreßpartei bedeutet. In den drei Kriegsjahren "hat die zum Selbstbewußtsein erwachte amerikanische Judenheit die Führung an sich gerissen .Die drei Millionen amerikanischer Juden hatten die Führung desi jüdischen Volkes inne. Urplötzlich trat eine Aenderung ein: das geknechtete Rußland brach sein Joch entzwei und die mit den übrigen Völkern des Riesenreiches befreite russische Judenheit trat in den Mittelpunkt der jüdischen Ereignisse. Das größte Ghetto, das die jüdische Geschichte kennt, fiel, und die Juden Rußlands empfingen am "3. April 1917 die Gleichberechtigung, wie feie ihre Brüder im' Westen bereits seit einem Jahrhundert genießen. Doch wie anders stand jetzt die russische Judenheit da! Von außen verlangte niemand die Aufgabe der nationalen Eigenart als Voraussetzung der bürgerlichen Gleichberechtigung \vie einst im Westen, und im Innern gewann das Judentum in dieser Zeitspanne heue Kräfte, die es vor den Gefahren der Emanzipation bewahren. Gerade in diesem Zeitraum, den die russische Judenheit länger als aüe Judenheiten der Wett in Rechtlosigkeit gefesselt war, hat sich das Judentum neue und sichere Waffen (geschaffen, die eine nationale Erhaltung stärker ‘ verbürgen, als es einst da» Ghetto vermochte und gerade die russisiche Judenheit war es, die am erfolgreichsten diese Waffen geschmiedet, umgeschmolzen und vervollkommnet hat. Nicht ein Bollwerk des nationalen Seins war die Einrichtung der Ansiedlungsrayone, sondern eine zentnerschwere Kette an den Händen des Volkes. Und in der Tat, die russischen Juden standen nach Aufhebung der Judengesetze nicht betäubt da, im: Gegenteil: die jahrzehntelange nationale Erziehungsarbeit gab ihnen die politische Reife und als die Freiheit an ihren Türen pochte, dachten 'sie nicht im entferntesten daran, ihre nationale Eigenart und Hoffnung der bürgerlichen Freiheit zu opfern, sondern waren Test entschlossen, diese neu errungene ‘Freiheit zur Entfaltung ihrer nationalen Hoffnungen z” verwerten. ZUm erstenmale in der neuen jüdischen Geschichte, ergreifen Juden die Emanzipation in solcher nationalen Gesinnung. Neu errungene Freiheit! Denn die Freiheit fiel nicht als reife Frucht in den Schoß der rushätte ’daS jüdische -Volk im Exil die Liebe nicht gekannt, oider nicht anerkannt. Die Unverheirateten "hatten in Dingen der Erotik nur eine Tugend zu haben* Gehorsam Der güte Sohn erwidert (in ‘der Erzählung „Eine großmütige Tat“) dem Vater, der ihm eine Braut bestimmt: „Feh bin unter deinem Schulze; tue, was dir wohlgefällt“; und als der Vater am Hochzeitstage entdeckt, daß das Mädchen in ihrer Kindheit bereits: einem andern verlobt war und darauf dem Sohn eine andere Frau verspricht, wenn er auf dje Braut verzichten vvoUe, antwortet dieser wiederum-^.Wie ich zuvor dein Geheiß befolgt habe s!o. wih ich es auch jetzt befolgen“ — .und das Merkwürdige ist: nicht dem Bräutigam. der zugunsten eines andern verzichtet, zollt der Erzähler das Lob einer großmütigen Tat, sondern — dem Vater. Diese Art, wie hier Jüngling und Mädchen zu ganz passiven Objekten des Liebesaktcs gemadht werden scheint tief im Volksbewußtsein zu wurzeln. Die Heiratsvermitthmg Unter den Juden hat hier ihre Wurzeln. Die soziale Seite der Ehe ist in der Volksauffassung das wichtiger das Liebesglück des einzelnen kommt sicht n Frage. Man kann nicht einmal sagen, daß es der Gesellschaft aufgeopfert wurde. Man hat vielmehr den Eindruck, daß es gar nicht gekannt war: die Ljebe ist von vornherein Gattenliebe. Elternliebe. Nächster Tage erscheint der Jüdische Nationalhalenüeri