Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNQ feindliche1*' Orientierung Vorhanden ist’ oder war, die die halbamtliche Zeitung zu bekämpfen hätte, ganz zu schweigen* davon, daß eine derartige künstliche Beeinflußung durchaus verfehlt wäre. Was die innerjüdischen Verhältnisse anbelangt, so wird ja niemand daran glauben, daß die deutscheVervvaitung aus igermanisatorischen Rücksichten und noch dazu auf Anregung des ,Komitees für den Osten“ die jüdisch-nationale Bewegung speziell gefördert Hätte. Die Nationaljuden hatten vor dem Kriege, in Warschau allein, drei Tageszeitungen (Haint, Moment, Leben) zur Verfügung, abgesehen von den Zeitungen in der Provinz und von Zeitschriften in jüdischer und in anderen 'Sprachen. Die Gründung einer „halbamtlichen“ Zeitung war deshalb nicht nur keine Unterstützung, sondern vielmehr eine Schädigung der jüdisch-nationalen Bewegung, indem dadurch einer ganz normalen und populären Richtung unwillkürlich eine ihr garnicht innewohnende Tendenz verliehen wurde. Die Leiter des „Warsch. Tagbl.“ haben es allerdings in der Regel verstanden, ihre Unabhängigkeit an den Tag zu legen, aber das Prinzip selbst, das in der jüdischen journalistischen Vergangenheit kein Beispiel hat, hat eben im jüdisch-nationalen Lager eine Erbitterung hervorgerüfen, und gab den ersten Anlaß zu einer Spaltung, die später zwar in einer anderen-Form zum Ausdruck kam, die aber ihren Ursprung und ihre. Hauptursache dieser Tatsache verdankt. Es erübrigt sich zu sagen, daß auch den Interessen der Verwaltung damit schlecht gedient war. Eine aufrichtige jüdische Zeitung sollte die jüdischen Interessen verteidigen, jedoch als ■ „offiziöse“ Stimme machte diese Verteidigung bei den Polen böses Blut, was keineswegs in den Absichten der leitenden Kreise lag. Die Nationaijuden hinwiederum wurden dadurch doppelt geschlagen. Bei den Polen galten sie als „Kammerknechte“ und „Germanisatoren“, die direkten Unterhandlungen mit den polnischen Politikern wurden dadurch noch erschwert. In Wirklichkeit waren sie nicht geschützt, sondern in ihrer Tätigkeit wesentlich gehenVmt. Kurzum, es war ein Fehltritt, der sicherlich in den besten Absichten gemacht wurde, den aber, nachdem man * sich vom Irrtum überzeugt hat, nun gutzumachen geziemt. Indessen stellt der Korrespondent die Verhältnisse so dar, als sollte der begangene Fehler fortgesetzt und lediglich1 in einer anderen Form verkörpert werden. Anstatt auf das Nationaljudentum '(das der Verfasser als „jüdischen Radikalismus“ hinstellt) solle die Verwaltung sich jetzt auf die Orthodoxie stützen, die er als eine „mächtige Richtung“ schildert. Wie gesagt, -halte ich überhaupt jede künstliche Bevormundung irgend einer Richtung sowohl für die Juden wie für die Verwaltung für schädlich. Der spezielle Schutz der Orthodoxie ist aber noch besonders gefährlich. Denn was bedeutet in Polen die „Orthodoxie“? Es gibt eine große Menge „gottesffürchtiger Jüaen“, die sich, infolge der bis - herigen Bedrückung, und mangels Schulen, auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe befinden. Die jüdischen Zeitungen sind weit davon entfernt, antireligiöse Tendenzen zu pflegen, sie haben für die jüdische Religion die größte Achtung sowohl, aus Ueberzeugung, wie auch aus da Rücksicht heraus, daß die jüdische Religion eine wichtige Stütze für die jüdische Nationalität darslellt. Weder zum Kampf gegen Freidenkerei noch zur Stärkung der Religiosität ist deshalb hier eine spezielle Zeitung nötig. Es .kann sich deshalb nur um Stärkung des ohnehin bestehenden und durch die Unwissenheit genährten Fanatismus handeln, um die Schaffung eines — glücklicherweise noch nicht vorhandenen — agressiven jüdischen Klerikalismus. Es versteht sich von selbst, daß dies die Religiosität nicht stärken wird, sondern es wird lediglich einen religiösen Kampf heraufbeschwören und letzten Endes die Rechtgläubigkeit gefährden. Uebrigens habe ich nichts dagegen, wenn diese „heilige Aufgabe“ durch private Leute durchgeführt werden sollte. Auf -eigene Rechnung und ■ Gefahr mag jeder tun, was er will. Es muß aber festgestellt werden, daß es vor dem Kriege den „Orthodoxen“ nicht gelungen ist, eine eigene Zeitung zu ^erhalten, obwohl doch die russische Regierung nicht so freigesinnt war, um ihnen eine Konzession zu versagen. Es genügte damals, ein Gesuch einzureichen, um eine Zeitung herausgeben., zu dürfen. Unter normalen Bedingungen hatten die Orthodoxen keine Zeitung einfadn deshalb, weif sie entweder nicht fähig waren, eine solche zu führen, oder aber weif sie keine Aussicht ,auf Erfolg hatten. Uebrigens haben sie schon einmal einen Versuch gemacht, vor einigen Jahren, zusammen' mit den Assimilanten. eine Zeitung zu gründen, aber das Ergebnis war traurig. Das „Neues“ (so hieß die Zeitung) endete hach etwa dreimonatlicher Existenz mit einem Krach , und einem Defizit von zirka 50.000 Rubeln. Und das war zu einer Zeit, da die jüdischen Zeitungen zu 100.000 Exemplaren druckten und enorme Gewinne äufwiesen. Allein diese. Zeitungen waren eben im nationalen Geist geleitet. . Inhalt ■ des : Jüdischen Nationalhalenöers 2 Herausgeg. von Olto Bleies u. Gllältfig Batö. ■ Umschlagzeichnung von Hermann Struck Jj Jüdischer Kalender-für das Jahr 5678. ■ BATÖ: Das Kriegsjahr 5677. — HELLMANN: Das ist die Stunde! (Zum österr.-jüd. Kongreß.) \ — GOLDMÄNN: Ghettoromantik. — STAND: m Der erste Zionistenkongreß. — BERNFELD: ■ Die Jugend und die Parteien. — THON: Die 2 Kunst der Bejahung. — JÜRIS: Die nationale ■ Bedeutung der jüdischen Arbeiterschaft. — KASSNER: Jüdische Bauern in der Bukowina. 5 — LOEWE: Der Nationaljude H. Graetz. BROD: Elegie an die abgefallenen Juden• ■ (Gedicht.) — BUBER-. Sieben Geschichten von 2 Baalschem. — ABELES: Krakauer Chanukah- ■ Bild (Gedicht). —vAHÄDI: Asarja wartet (Er- ■ 'Zählung). — TAG: Zwei Lieder. — FINKEL- 2 STEIN: N.H.Imber. - ARLOSOROFF: Bar ■ Kochbas Schar (Gedicht). — SCHERLAG: ■ Im Dämmer (Gedicht). — ABELES: Tage- 2 buchblätter aus der Flächtlingszeit. — ■ WELDLER: Von jüdischen Büchern und 2 Lesern, Verlegern und Schriftstellern. ■ KERNWORTE ZUR JÜDISCHEN FRAGE ■ von ■ Achad Haam, Mathias Acher, Max Brod 2 Martin Buber, Theodor Herzl, Julius Hirsch, m Max Nordan, J. L: Perez und Adolf Stand, 2 ILLUSTRATIONEN: BERAN: Die Przemysler. — kRESTIN: Tal- 2 mudstudium und Thoraschreiber aus Jemen. 2 — STRUCK:Jüdischer Fischhändler aus Kowno. ■ — WACHTEL: Jüdisches Mädchen. — POR- 2 TRÄTS von H. Graetz und N. H. Imber- Preis K 3.80 2 Zu bestellen nur gegen Nachnahme oder Vor- ■ auszahlung an das Postsparkassenkonto 2 157£42 des Verlages (nicht der Administration): ■ JÜDISCHE ZEITUNG, Wien ///, Zirkusg. 33. 2 Preis Mk. 2£0 ■ ALLEINVERI RIEB FÜR DEUTSCHLAND: ■ JÜDISCHER VERLAG, BERLIN. PREIS Mk. 2.90. Womit das neue Unternehmen endigen wird, will ich nicht prophezeien. Ich glaube aber kaum, daß es die Aufgabe einer fortschrittlichen europäischen Verwaltung ist, das künstlich zu erhalten, was in den finstersten Zeiten der Rechtlosigkeit und Bedrückung normal nicht existieren konnte. Aber der religiöse Fanatismus ist noch nicht das schlimmste, was bei uns die sogen. jjOrthodoxie“ predigt. Viel gefährlicher ist ihre politisch reaktionäre Gesinnung; bei uns, wo die Juden — trotz der Gleichberechtigung auf ‘dem Papier seit 1862 — tatsächlich noch keine Rechte besitzen „ist es .die Aufgabe jeder ehrlich jüdischen Partei, um 'die' Rechte für die Juden zu kämpfen. Die hiesige „Orthodoxie“ hat sich immer mit den extremsten Assimilanten verbunden, um die jüdischen Interessen preiszugeben und die Zurücksetzung der Juden gutzuheißen. Sie kümmerte sich gamicht darum, daß dadurch auch die religiösen Interessen der jüdischen Bevölkerung gefährdet waren. 'Zu unserem Bedauern; muß festgestellt werden, daß dieselbe Tendenz in der neuen Zeitung bereits offensichtlich zu Tage tritt. Sie besteht darin, die jüdischen Rechte mit Stillschweigen zu*übersehen, "die jüdische Wachsamkeit einzuschläfern, die Unterdrückungen zu vertuschen, heuchlerische Worte der ausgeprägten Antisemiten (als 'günstige Erscheinungen hinzustellen und dabei die wirklichen Verteidiger der Juden als „Ruhestörer“ und „Aufwiegler“ anzugeben. Die künstliche Förderung einer solchen „Orthodoxie“ bedeutet daher die Unterstützung der jüdischen Rechtlosigkeit. Es ist kein Zufair, daß das österreichische jüdische Blatt damit sehr zufrieden ist. Es wittert darin den weltbekannten galizischen Kurs, der künstlich die Macht in die Hände der chassidischen Wundertäter gibt welche die j,Tora- Treue“ darin erblicken, jüdische Stimmen für polnische Antisemiten zu gewinnen. Es wäre auch ein Fehler zu glauben, daß die Orthodoxie in ihrer neuen Gestalt eine .Verständigung Imit »den -Polen eher herbeiführen (kann, ohne Verzicht auf die jüdischen Rechte. Der Verdacht, daß der jüdische Nationalismus Eie verkappte Absicht hak die Juden zu germanisieren, wurde von den Antisemiten gerne geäußert, bald mit der Sprachverwandtschaft des Jidischen mit dem Deutschen begründet; bald durch das Bestehen einer offiziösen jüdischen Zeitung gestärkt. Diese Tatsachen bleiben auch jetzt fortbestehen. Die Zurücksetzung Tfer Juden in Polen ist sowohl eine religiöse wie eine nationale, und deshalb haben die Antisemiten — lind diese sind ja die Rädelsführer — keinen Grund, ihre Meinung zu ändern, weil anstatt der Nationaljuden die Religionsjuden auf die Szene getreten sind. Die beiden anderen Faktoren haben sich ebenfalls nicht geändert. Es ist vielmehr noch ein vierter Faktor hervorgetreten: die Leiter der Orthodoxie sind deutsche Juden, die ihre Vorträge in deutscher Sprache abhalten, 'unter der jüdischen Masse Werke von deutsch-jüdischen Gelehrten verbreiten usw. Wenn es als > richtig wäre, daß die Polen die Unterstützung d s Nationaljudentums als Förderung der Germanisierung verstehen, so können sie jetzt ihren Verdacht nur kräftigen und glauben, daß, da das „Komitee für den Osten“ seiner germanisierenden Mission“ jnicht genügt hat, es sich nötig erwiesen hätte, die Frankfurter „Agudath Isroel“ zur Hilfe zu rufen ....*) Es liegt deshalb aul der Hand, daß die Bevormundung der Juden für keine Partei gut ist. Was die Zeitungen anbelangt, so besteht das ßk-bei nicht darin, daß man der Orthodoxie ein : Konzession erteilt hat, sondern daß man den Leitern des „Warsch. Tagbl.“ ihre Konzession entzogen '"hat, obwohl die Zeitung ohne jegliche Unterstützung lebensfähig war. Die Rücksicht auf Papiermangel kann hier nicht in Betracht kommen, denn die Polen haben einige Dutzend Zeitungen, es wurden viele neue Konzessionen auf Tageszeitungen und Wochenschriften neulich ■ erteilt. In diesem Zusammenhang muß bemerkt werden, daß den Juden überhaupt mehr Recht und weniger Bevormundung zuteil werden sollte. So mußten, um sich mit den Polen zu verständigen,'die Nationaijuden eine Wochenschrift in polnischer Sprache haben; eine solche wird ihnen nicht konzessioniert. Unter diesen Umständen klingen die Worte des Staatssekretärs Zimmermann, die Juden müssen sich in Bezug auf ihre nationalen Rechte mit den Polen verständigen, unwillkürlich wie ein Hohn. Idi bin fast überzeugt, daß wir es nicht mit einem System, sondern bloß mit einer Zufälligkeit zu" tun haben, die vielleicht darauf zurückzuführen ist, daß es unter den deutschen Juden, die in Warschau eine verantwortliche Stellung bekleiden, wohl ein Assimilant und zwei Orthodoxe gibt, aber keinen einzigen Nationaljuden. So sieht in Wirklichkeit der „Vorzug“ aus, den die Nationaijuden angeblich genießen. Auch auf den anderen Gebieten des sozialen Lebens wäre es erwünscht, die Losung „mehi Recht und weniger Vormundschaft“ durchzuführen. Zum weiteren Beispiel nehmen wir die Reformierung der jüdischen Gemeinde. Die neue Verfassung ist insofern eine Besserung der bis herigen Zustände, daß sie eine Demokratisierung des Wahlrechts vorsieht und dergestalt nicht nur der vom Judentum entfremdeten Oberschicht, sondern auch den breiten Massen Uer jüdischen Bevölkerung die Anteilnahme an den Wahlen ermöglicht. Das bedeutet erweitertes Recht, wofür die größte Anerkennung geziemt. Aber da kommt gleich die Vormundschaft und verdirbt das, was das Recht gebessert hat. Für den „Obersten Rat der Juden“ sind im vornhinein sieben Rabbiner vorgeschrieben, wie auch sieben bestimmte Mitglieder. Im Prinzin kam niemand was dagegen haben, daß auch Rabbiner als Vertreter gewählt werden, aber dies hän"t von verschiedenen Bedingungen ab (von der Bildungsstufe und der sozialen Entwicklung der vorhandenen Rabbiner, davon, ob religiöse oTr soziale Interessen in der gegebenen Z*‘it in den Vordergrund treten usw.), worüber die Bevölkerung am besten selbst urteilen könnte. Noch schlimmer steht es mit den amtlichernannten "Mitgliedern, die ein Drittel des Rates betragen sollen. Man müßte unsere Verhältnisse kennen, um zu begreifen, was für eine neinliche Rolk* die bestimmten Mitglieder erwartet, die sie schon grundsätzlich entweder zur Machtlosigkeit oder zum Mißtrauen verurteilt. In der Praxis könnt es den 'zukünftigen polnischen Behörden die Möglichkeit geben, den Juden Paradevertreter aufzüzwingen, die die Zurücksetzung der Juden gutheißen würden. Die aktuelle Wirklichkeit bat uns bereits einen Vorgeschmack davon gcliefct. Ich zweifle nicht im mindesten, daß die Absichten die besten waren. . Man "ist gewöhnt, die Ostjuden als Wilde hinzustellen, denen nicht die Freiheit, sondern die Bevormundung 'am besten dienen kann. In Wirklichkeit ist aber die polnische Judenschaft — trotz ihres rückständigen Aussehens — genug entwickelt, um Kern von- Stroh zu unterscheiden. Gerade der Sache der Verwaltung dient der am wenigsten, wer ihr empfiehlt, eine Partei der Bevölkerung zu ungunsfen der anderen zu bevormunden. Nur durch unparteiische gerechte Behandlung 311 e r Schichten und Kreise der Gemeinschaft kann man das Zutrauen der Gesamtheit gewinnen. *) Es Wird in den polnischen Kreisen eben ein angeblich authentischer Brief verbreitet, worin ein neu-orthödoxer Führer prahlt,, die „Aguda“ werde rasch dazu beitragen, den „abscheulichen Jargon'' durch das „reine Deutsch" zu ersetzen. Werbedrucksachen stehen zur Verfügung!