Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438623-2438659--5435-2445412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
beitt 2 JÜDISCHt ZEITUNG Nr. 36 Zionisten! Ein jeder stehe fest auf seinem Posten! Säet ungeachtet des Sturmes, schützt, was emporwächst, sammelt, was reif geworden. Wir hoffen, nicht lange mehr wird der Weltsturm herrschen, die Zeit der friedlichen Arbeit wird kommen. Dann wird unser Ruf an-Euch alle erschallen, und wir werden uns wiederum um die blau-weisse Fahne scharen. Wie dann die Ergebnisse dieser grossen Zeit sich gestalten werden, wissen wir nicht. Eines aber wissen wir, mit neuer vergrösserter Kraft, mit nie erlöschender Liebe und mit festem Glauben werden wir alle die Arbeit des Aufbaues unseres neuen Lebens auf der alten Heimatscholle wieder aufnehmen. li. Eiui 5677 Das Engere Aktionskomitee 29. August 1917 der zionistischen Organisation Kopenhagen, Immer — nur die Juden In der Sitzung des Wiener Gemeinderates vom 31. August wendete sich der Gemeinderat Dr. Stein gegen die Preispolitik gegenüber Ungarn und führte bezüglich der Kartoffelversorgung aus, daß Galizien heute wohl noch zu Oesterreich gehöre und die Reziprozität verlange, Galizien müsse auch zu unserer Versorgung beitragen, da wir seine Flüchtlinge ernährten und noch ernähren. Es ist nun bezeichnend, daß Gemeinderat Stein als Antwort auf die Kartoffelsperre forderte, die galizischen Flüchtlinge schleunigst nach Hause zu schicken. Man muß sich wirklich an den Kopf greifen; ob der Weisheit unserer Stadtväter. Wien will den Flüchtlingen die Marschroute geben — aus Revanche, Budapest evakuiert die Juden, die im Kriege dorthin geflüchtet sind. Die Approvisionierung wird dadurch hier - und dort nicht besser werden. Wenn Oester- ' reich und Ungarn kein einheitliches Wirtschaftsgebiet .sind und sich die „historisch-politischen Individualitäten' auf den engherzigen Standpunkt anachronistischer Kleinstaaterei stellen, müssen -- die^FIüchtlinge herhalten. Diese Logik ist ebenso lächerlich wie traurig. ♦ Die „Zeit" schreibt in ihrem Leitartikel vom ö. September: „ .... Ganz anders steht es mit den Armen, den mittellosen Fremden, die von den ungarischen Behörden mit Ausweisungen bedroht werden. Es handelt sich dabei um eine große Zahl galizischer Flüchtlinge, durch deren Entfernung man eine wesentliche Erleichterung der Budapester Emährungs- und Wohnungsverhältnisse zu erreichen hofft. Da ist es aber doch notwendig, daran zu erinnern, daß diese Fremden nicht zu dem Zwecke nach Budapest gekommen sind, um hier den Einheimischen die Quartiere wegzumieten und die Lebensmittel wegzuessen, sondern daß sie durch die feindliche Invasion äüs ihrer Heimat vertrieben wurden und als schwerst getroffene Opfer des Krieges doch irgendwo in der Monarchie Aufnahme und Zuflucht finden müßten. Es ist freilich unleugbar; daß die galizischen Flüchtlinge äurch’ lhre Lebens¬ und Geschäftsgewohnheiten, hauptsächlich durch die Unkultur ihrer Körperpflege, sich (von der Einwohnerschaft fortgeschrittenerer Länder unvorteilhaft unterscheiden. Aber der Vorwurf halbasiatischer Rückständigkeit trjfft doch gerechterweise nicht sie, sondern die Verwaltung des Landes, aus dem sie stammen. Und wenn man sie jetzt aus dem Gebiet wohlgeordneter, hygienisch überwachter Stadtverwalfungen hinauswirft, werden sie dann mit ihrem Elend und ihrer Verwahrlosung nicht erst recht zu einer Gefahr, zu einer nicht kontrollierten und daher um' so größeren Gefahr für weite Reichsgebiete werden? So lange in der galizischen Heimat nicht alle Voraus'^ Setzungen für die Repatriierung der Flüchtlinge gegeben sind, muß man ihnen billigerweise die Zufluchtsstätte lassen, an der sie sich befinden. Es hieße sich an diesen Unglücklichen schwer und doppelt versündigen, wenn nach der Gewalt, die sie vom Feinde gelitten, nun auch das eigene Vaterland an " ihnen Gewalt üben wollte. Die belgischen Flüchtlinge haben in England und Holland, also in fremden Staaten, gastliche Aufnahme gefunden, Und solche Aufnahme sollte, in unserer Monarchie den eigenen Reich sange hörigen versagt werden? Man darf nicht, weil man einen schmutzigen. Kaftan unästhetisch findet, darum dessen Träger als rechtlos und ge- . ächtet behandeln. Zu viel Menschen- und Bürgerrechte sind in dieser harten Kriegszeit, bei dieser Militarisierung 'unseres ganzen öffentlichen Lebens, bereits v erloren gegangen oder-in Vergessenheit geraten. Es ist Zeit daß wir unser matt und stumpf gewordenes Rechtsgefühl wieder auffrischen und schärfen. Was jetzt in Budapest geschieht, ist rechts- und sittenwidrig, auch wenn der Uebergriff mit allerlei ‘höflichen und schonungsvollen Redensarten maskiert wird. Die ungarische Gastlichkeit und der ungarische Liberalismus waren einmal in der Welt weit berühmt. Von diesem Ruhm wird bald {nicht mehr viel übrig bleiben." , * ln der Sitzung des Wiener Gemeinderats vom 4. September stellte der Gemeinderat Sp a 1 o w sk y eine von den üblichen' Besthuldigungen gegen die jüdischen Flüchtlinge wimmelnde Interpellation. Auch er will dem -gälizischen' Ausfuhr -Verbot von Lebensmitteln mit der Repatriierung der jüdischen Flüchtlinge begegnen. Er stellt die Anfrage, ob ‘der Bürgermeister geneigt ist, an maßgebender Stelle das dringende Verlangen zu stellen, daß die Entfernung der jüdischen Flüchtlinge aus Wien unverzüglich angeordnet Weffle. Hierauf erwiderte der Bürgermeister Dr.Wei s sk i rchn er: „Als im September 1914 die Völkerwelle aus den östlichen Gebieten unserer Monarchie nach' Westen eine zionistische Presse, die reichhaltig ist, Beiträge guter Autoren bringt, einen schnellen Meldedienst hat und das Feuilleton pflegt? Werden Sie selbst Abonnent, werben Sie Abonnenten, dann können wir die Jüdische Zeitung ©0© entsprechend ausbauen ©0© flutete, da hat sich die Stadt Wien ihrer Pflicht als Reichshaupt- und Residenzstadt nicht entschlagen, und wir haben die Flüchtlinge, .denen wir gewiß {unser tiefstes Mitleid lentgegenbrachten, aufgenommen. Ich habe aber gefordert, daß, sobald wieder normale Verhältnisse eingetreten seien, die Repatriierung der Flüchtlinge durchgeführt werden muß. Ministerpräsident Graf Stürgkh hat mir auch dieses Versprethen gegeben. Als dann.unsere siegreiche Armee weiter nach Osten Vordrang, habe ich' auch an den Minister des Innern Grafen Toggenburg das gleiche Ersuchen gerichtet, und ich habe die Versicherung erhalten, (daß bereits ein Drittel der Flüchtlinge zur Repatriierung verhalten wurde. (Zwischenrufe: Die größere Hälfte ist aber noch immer da!) Weil die Bukowina noch nicht freigegeben. ist, lunSd Weil jeine .ganze Reihe Von (Bezirks^ hauptmannschaften noch-nicht frei ist. Ich werde selbstverständlich der Anregung des Kollegen Spalowsky meine Aufmerksamkeit zuwenden. Was nun die Versammlung in Lemberg betrifft, so hoffe ich, daß die Zentralregierungso viel Einfluß aufbringen wird, damit die der Gemeinde Wien von den Grundbesitzern zugesicherten 3000 Waggons Kartoffeln auch den Weg nach Wien finden. (Zwischenruf: Da gibt es nur Gegenmaßregeln!)" Der Flüchtlingsausschuß trat heute unter dem Vorsitz des Obmannes Dr. Ritter v. H a 1 b a n und in Anwesenheit des Ministers des Jnnern Grafen Toggenburg, des Sektionschefs Dr. S e h r e y e r, des Ministerialrates Dr. Haber: ler, des Hofsekretärs-Dr. Montel des Ministeriums des Innern und des Sektionsrats Dr. v. Bärenklau des Finanzministeriums zu einer Sitzung zusammen. Den Gegenstand der Beratung bildete die Frage der ‘Repatriierung uer Flüchtlinge, insbesondere auch im Zusammenhang mit neuerlichen Evakuationen. Es wurden mehrere Resolutionenbezüglich' der Repatriierung der bäuerlichen Bevölkerung, deren Versorgung und der Normierung der Rückkehrfristen und Uhterstützungsfristen usw.- ‘ beschlossen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der der Flüchtlingsausschuß den Wunsch nach‘schleuniger Einberufung der Delegationen aüsspricht, damit an dieser kompetenten Stelle Vorkommnisse bei Evakuierungen und Requisitionen zur Sprache gebracht werden können. Ein Antrag betreffend die Untersuchung Von Vorkommnissen ijn Flüchtlingsheim in Wien, Quellengasse, wurde einem dreigliedrigen Subkomitee zugewjeseri. Das österreichische Beispiel macht. Schule. Der alldeutsche Antisemit Dr. W e rn e r-Giessen stellte vor kurzem im deutschen Reichstag an den Reichskanzler folgende kleine Anfrage: „Die lästige Zuwan‘deru g von Personen jüdischen Stammes aus Polen, "Galizien und Rumänien nimmt "allmählich, wie in Deutsch- Oesterreich, so auch bei uns, einen bedenklichen-Umfang an/ Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß diese, wie die Polizeilisten ausweisen, gewerbSmäßigenHehler,Taschendiebe und Lebensmittelwucherer sind, daß sie sich alle durch starke Abneigung gegen Reinlichkeit und körperliche Arbeit auszeichnen, und daß sie durch ihre geschäftliche Veranlagung und eigenartige Gesittung für den unter der Not der Zeit schwer leidenden Mittelstand eine besondere Plaste und vom' völkischen Standpunkt gesehen; für das" Deutsche Reich einen höchst unerwünschten Zuwachs bilden? Was gedenkt der Herr Reichskanzler hier izu tun? Mir genügt eine‘"Schriftliche Antwort/' Den Herren Austerlitz und Dianiand ins Stammbuch In der Revue „Nationale Bewegung“ schreibt Ludwig Qu es sei im letzten Hefte der Sozialistischen Monatshefte , urifer dem Titel „Zio--. nismus“ das Folgende:’ „Wie hier in der ‘ Rundschau .Sozialistische Bewegung' bereits kurz mitgeteilt wurde, ist das Verbandsbureau der jüdischen sozialistischen, Arbeiterpartei Poale Zion zur Teilnahme an der' Stockholmer Konferenz, aufgefordert worden. Es klingt seltsam, ist aber* nichtsdestoweniger wahr, daß die sozialistische Internationale die Letten, Finnländer und aridere kleine, nur wenige Millionen zählende 'Volksstämme bereitwillig als Nationen anerkannte, die 10 . Millionen Ostjuden immer nur als Anhängsel ariderer Völker gelten lassen wollte, obwohl gerade sie die stärkste Eigenart aurweisen. Erklärlich wird diese Haltung der Internationale freilich durch die Stellungnahme der Sozialisten jüdischer Nationalität, dje, in Natiorialitätsfragen noch ganz unter dem1 Einfluß der (allerdings von hohen humanitären Idealen erfüllten Aufklärung stehend, in der Anerkennung ihrer Nationalität *so etwas wie einen Rückfall in überwundenen Aberglauben sahen. Unter der Einwirkung "der russischen Revolution, an der die jüdische Jugend kühn und selbstsicher, ihres Wertes sich bewußt,-als Nation teilnahm, und aus der sie die Anerkennung als gleichberechtigte Nation heimtrug, war die alte Fiktion der Aufklärung, daß der Jude ein Allerweltsbürger ohne eigene nationale Physiognomie sei, freilich nicht mehr aufrechtzuerhalten. Sie mußte auch aus dem Grunde fallen, weil Amerika und die Enterte, allerdings zu selbstsüchtigen Zwecken, den Zionismus offiziell als den Ausdruck der nationalen Bestrebungen des Judentums anerkannt haben. Es ging daher wirklich nicht mehr an, daß die Internationale ein von fast allen Regierungen als Nation anerkanntes Volk, dessen Geschichte und Kultur auf Jahrtausende zurückblicken, einfach als national nicht existierend ansah. In diesem Zusammenhang sei übrigens auch auf die sehr verständigen Aeußerungen des französischen sozialistischen Munitionsministers Albert Thomas Verwiesen, der einem Korrespondenten der Newyorker Wahrheit gegenüber erklärte, daß er ,die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina für das jüdische Volk als eine zwingende Notwendigkeit ansehe, obwohl er nicht glaube, daß ,die "Gründung eines Judenstaates in Palästina in sich die gesamte Lösung der Judenfrage trägt'. Es mag bemerkt werden, daß natürlich auch die Zionisten in der Errichtung eines nationalen Zentrums der Judenheit in Pa’ästina nifr die Lösung eines Teils der vielgestaltigen Judenfrage sehen; allerdings-gerade desjenigen, der für sie die größte ideelle Bedeutung“ und Tragweite hat." . ' ‘ ‘ Dr. Quessel billigt also den Herren Auster'itz und Konsorten einen besonderen Idealismus zu, aus dem sie ihre Nation verleugnen und den Zionismus — auch den sozialistischen — heftig bekämpfen. Es sei ihnen dies gegönnt, denn jetzt, nach der Anerkennung der jüdischen Nation durch die Leitung der-Internationale, kommen für sie böse Zeiten. Es ist aus mit dem Versteckenspiel, auch das Optieren für die eine oder andere Nation werden die deutschen und polnisthen Genossen den Herren nicht leicht machen.‘Und sollte es doch noch gelingen, sich als „deutscher“ oder „polnischer“ konfessionsloser Sozia-' list 2u behaupten, so wird diese Position eine sehr unangenehme werden. Wir unsererseits können uns über den Beschluß der Internationale nur herzlich freuen. Abgesehen von seiner eminenten prinzipiel’en Bedeutung, wird er es in Zukunft unmöglich machen, daß die begabtesten jüdischen Köpfe in der Sozialdemokratie sich in den Dienst fremder -Nationen stellen und dazu noch ihre eigene ' bekämpfen. Recht und Vormundschaft Von einem Beobachter. (Warschau.) Die Schließ,ung des „Warschauer Tagblättes“ und die Gründung des „Jüdischen. Wortes“ hat einem in Wien erscheinendem jüdischen Blattt vor einiger Zeit Anlaß gegeben, sich in einer Korrespondenz aus Warschau über, die Politik der hiesigen ' deutschen Venvaltung der Judenfrage gegenüber zu äußern. Der Gedankengang des Verfassers ist etwa folgender: Bisher war das. „Warsch. Tagbl." offiziöses Organ der Presseverwaltung, jetzt Wurde es „Das Jüd. Wort“, woraus.zu schließen ist, daß die Verwaltung' ihre Ansicht geändert hätte und beabsichtige, sich nicht mehr auf das Nationaljudentum, sondern auf. die Orthodoxie zu stützen, was aer Autor eben für wünschenswert hält.“ Die Aeußerung des Verfassers bewegt auch mich, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Zunächst muß eine Frage gestellt werden: Ist e? für die pojnischen Juden überhaupt notwendig, von der deutschen Verwaltung speziell in irgend einer Weise bevormundet zu werden und liegt des im Interesse der Verwaltung, 'sich' auf eine einzelne jüdische Partei, zu stützeri? Auf diese beiden Fragen muß mit einem' entschiedenen „Nein!“ geantwortet Werden. Am wenigsten war es notwendig, daß überhaupt die Presseverwaltung für die Juden eine Zeitung herausgab. Vom auswärtig - politischen Standpunkt aus War es ganz überflüssig, weil bei den Juden keine „russophiie“ oder ,‘,deutsch- _ . .